.
Mehr zur Schneckenseite Zum Profil von Rainer Lieser bei www.facebook.com Zum Profil von Rainer Lieser bei www.linkedin.com Rainer Lieser bei www.leselupe.de Zum Kanal der Webschnecke bei www.youtube.com Zum Profil von Rainer Lieser bei www.xing.com Zu den Tweets der Webschnecke bei www.twitter.com Zur Website www.rainer-lieser.de

Klicken Sei eine der Seitenzahlen an, um zu einer weiteren Geschichte zu gelangen.

 

Geschichte vom 16.12.2013:

Die weiße Stadt

Auf einer kleinen Anhöhe, in einer von Hitze, Sand und bizarren Felsformationen gekennzeichneten Landschaft, ragte eine strahlend weiße Mauer in den Himmel empor. Sie umschloss eine Stadt, in die man nur durch ein winzig kleines Türchen gelangte, welches ebenfalls komplett in weiß gehalten war – und deshalb nur schwer gefunden werden konnte. Doch die Erzählungen, die mir den bisherigen Weg gewiesen hatten, halfen mir auch dabei, den versteckten Eingang zu entdecken. Ich öffnete das Türchen und ging hindurch. Von der Stadt dahinter sahen meine Augen zunächst nicht allzu viel. Um mich her war alles weiß. Erst durch den Blick nach oben, in den Mittagshimmel, ließen sich die Formen von Dächern erkennen, deren Weiß sich deutlich vom Blau des Himmels abhob. Als ich den Kopf wieder senkte, fielen mir feine Farbabstufungen innerhalb des weißen Schleiers auf, der mich umgab. Gebäudekanten und Straßen wurden schemenhaft sichtbar. Sie stimmten mit den Beschreibungen überein, die ich mir aus unterschiedlichen Quellen zusammengetragen hatte. Ich wusste also, wo ich mich befand, und machte mich nun auf die Suche nach dem eigentlichen Ziel meiner Reise: dem Baumeister der Stadt.
Kaum war ich ein paar Schritte gegangen, schrie jemand »Aua! Haben Sie denn keine Augen im Kopf? Sie haben mir gerade auf den Fuß getreten!«
»Äh … Tut mir leid. Wer spricht da? Ich sehe hier niemanden«, entgegnete ich.
»Oh, verdammt. Da haben Sie natürlich recht.«
Plötzlich erschienen direkt vor mir zwei Hände aus dem Nichts und schoben eine weiße Kapuze über einen Kopf mit langem weißem Bart und schlohweißen Haaren zurück. Mir gegenüber stand ein uralter Mann, der völlig in Weiß gekleidet war. Teile von ihm verschwanden selbst jetzt noch, nachdem er sich mir zu erkennen gegeben hatte, in dem allgegenwärtigen Weiß der Stadt. »Ist es nun besser?« erkundigte er sich in freundlichem Ton.
»Besser« gab ich zurück.
»Es ist lange her, dass ich einem Menschen begegnet bin. Deshalb wollte ich Sie erst ein wenig aus dem Verborgenen beobachten. Die Zeit, in der sich das Auge noch nicht vollständig an diese Umgebung gewöhnt hat, ist dafür bestens geeignet. Nach einer Weile wollte ich dann entscheiden, ob es womöglich besser wäre, mich Ihnen nicht zu zeigen. Verzeihen Sie einem alten Einsiedler diese Gedanken. Ich nehme meinen schmerzenden Fuß als Beweis dafür, dass sie dumm waren. Man erkennt halt leider meist nicht gleich, ob ein Gedanke klug oder dumm ist.« Sein Gesicht wurde ernst und der Alte schien sich den letzten Satz nochmals durch den Kopf gehen zu lassen. Dann lächelte er wieder. »Was führt Sie hierher?«
»Ich suche den Baumeister dieser Stadt, um von ihm zu lernen, wie man solch eine Stadt baut.«
Das Gesicht des alten Mannes wurde erneut ernst. Der Alte seufzte. »Ich bin der Baumeister. Ich weiß aber noch nicht, ob ich Sie wirklich lehren soll, wie man solch eine Stadt baut. Es erscheint mir wichtiger, Ihnen zuerst zu erzählen, dass die Stadt ursprünglich ganz anders aussah. Einst erstrahlte hier alles in den schönsten Farben und kühnsten Formen. Jeder, der in der Welt der Kunst von Rang und Namen war, lebte hier und gestaltete sein Umfeld nach eigenen Vorstellungen. Einst gab es hier nirgendwo mehr ein Stück, dessen Form und Farbe nicht von eines Künstlers Hand mit Bedacht geschaffen worden war. Einst war dies ein Paradies für die Augen und die Seele. Einst sollte dies die erste Stadt von vielen dieser Art sein.«
»Was geschah?«
»Mit der Zeit wuchsen Neid und Argwohn in den Seelen der Künstler. Sie bekamen Angst davor, einer ihrer Nachbarn könne ein noch größeres Werk erschaffen als sie selbst. Aus Neid und Argwohn wuchsen Wut und Zorn. Die Künstler begannen damit, sich des Nachts gegenseitig die Farben auf den Wänden mit Weiß zu übermalen. Und es kam noch schlimmer. Einmal rannte ein Mädchen einem Ball hinterher, der auf ein angrenzendes Grundstück gesprungen war. Beim Versuch den Ball zu fangen, stieß es mit einem Nachbarn zusammen, der gerade an dem Wandbild an der Außenfassade seines Hauses arbeitete. Der Mann wurde wütend und erschlug das Kind. Das löste eine Kettenreaktion aus. Es kam zu weiteren Morden. Bald flohen flohen alle Künstler in Scharen zurück zur Erde. Seither lebe ich allein an diesem entlegenen Ort. Sorge dafür, dass mir dieses Mahnmal erhalten bleibt.« Der Alte breitete seine Arme weit aus und verwies auf die Mauern, die uns umgaben.
Ich dachte nach. »Weshalb veränderten sich die Künstler so sehr?«
Die Arme des Baumeisters bewegten sich zurück zu seinem Körper. Zuletzt hingen sie schlaff an den Schultern herunter. »Die Gründe dafür sind in den Fehlern zu finden, welche mir bei der Planung der Stadt und danach unterlaufen sind. Es gab weder Gemeinschaftsräume in denen man sich hätte treffen und austauschen können, noch Sportplätze auf denen das möglich gewesen wäre. Die Nahrungsmittel- und Getränkeversorgung erfolgte über zwei separate Rohrleitungssysteme, die in jeder Wohneinheit ebenso integriert waren, wie ein Fitnessstudio und ein medizinischer Roboter. Ich hatte eine technisch einwandfrei funktionale Stadt erbaut, in der es keine Notwendigkeit mehr für soziale Kontakte gab. Eine Stadt, die für mich das Paradies, für alle Anderen aber die Hölle war.« Nach einer kurzen Pause sah er mir direkt in die Augen. »Ich allein trage die Verantwortung für das, was hier geschehen ist. Ich hätte wissen müssen, welche Früchte meine Fehlentscheidungen tragen würden. Wenn nicht sofort, dann doch spätestens zu dem Zeitpunkt, als die Bewohner sich zu verändern anfingen. Nein, junger Mann, ich könnte Sie zwar lehren, wie man solch eine Stadt baut, aber das wäre falsch. Sie müssen lernen, wie man eine bessere Stadt baut. Eine Stadt, die in den Menschen, die darin leben, nicht das Schlechte nach außen kehrt. Die Chancen, dass Ihnen das gelingt, sind weitaus größer, wenn Sie das ohne meine Hilfe versuchen, glauben Sie mir.«
Ich verstand. Bedankte mich. Dann verließ ich den alten Mann und die weiße Stadt.
Am Rand der Sauerstoffzone zog ich den Raumanzug an. Das Shuttle brachte mich zum Raumschiff. Das Raumschiff brachte mich zurück zur Erde. Ich hatte gehofft, von dem alten Baumeister Antworten auf meine noch offenen technischen Fragen zu erhalten. Doch als ich ihn endlich auf dem fernen Planeten gefunden hatte, erinnerte er mich mit seiner Geschichte daran, dass manche Problemstellungen zu komplex sind, als dass man sie auf einer rein technischen Basis lösen könnte. Dennoch wollte ich meinen Traum nicht aufgeben. Ich wollte eines Tages außerhalb unseres Sonnensystems eine Stadt erbauen. Eine Stadt, in der die Menschen für immer glücklich und zufrieden leben würden. Ich wollte das schaffen, was dem Baumeister nicht gelungen war.

16.12.2013

Link zu dieser Kurzgeschichte auf www.leselupe.de.
Mitglieder der Leselupe können dort die Geschichte bewerten und Verbesserungsvorschläge machen.