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Geschichte vom 03.01.2013:

Die außergewöhnliche Lotte

Lotte lag in ihrem Bett, wie sie das schon sehr lange tat. Denn Lotte war sehr krank. Manchmal fühlte sie sich derart verwachsen mit dem Bett, dass sie das Metallgestell, die Decken und die Kissen schon regelrecht als Teile ihres Körpers empfand. Lotte stellte sich in diesen Momenten vor, wie sie gemeinsam mit dem Bett das Krankenzimmer verließ. Durch die Tür. Die Ärzte, Schwestern, Pfleger und die anderen Patienten würden ihr dann mit großen Augen hinterher schauen, würden sich Fragen, wie dies nur möglich sein konnte. Lotte und ihr Bett wären DIE Sensation. In dem Krankenhaus und weit darüber hinaus. Soviel war sicher. Lotte würde sich darüber sehr freuen. Sie wäre gerne eine Sensation. Vielleicht würde sie sich darüber sogar so sehr freuen, dass sie endlich wieder einmal lachen konnte – und sich nicht nur immer an ihr Lachen von früher erinnern musste. Gerne würde Lotte wieder lachen. So gerne. Das musste verdammt noch mal doch möglich sein. Wenn schon nicht das mit dem Lachen, dann doch zumindest das mit dem laufenden Bett. Autos bewegten die Menschen doch auch fort. Warum also sollten Krankenhausbetten das nicht ebenso tun können. Der Mensch hatte es durch bloße Willenskraft geschafft, ein bisschen Metall auf Rädern zum fahren zu bringen. Das musste doch mit diesem verdammten Krankenhausbett ebenfalls möglich sein. Räder hatte das ja auch.

Man hatte Lotte schon sehr oft gesagt, was für ein außergewöhnlicher Mensch sie sei und welche außergewöhnlichen Dinge sie in ihrem Leben würde erreichen können, wenn sie nur wollte. Erwartete sie zuviel, wenn sie daran glaubte, dieses Bett in Bewegung setzen zu können? Sicher nicht!

Lotte schloss die Augen und stellte den Atem ein, um sich voll und ganz auf ihr großes Ziel konzentrieren zu können. All die Kraft, die sich noch in ihrem geschundenen Körper befand, musste gebündelt werden. Von nichts durfte Lotte sich ablenken lassen. Von gar nichts! So nahm Lotte dann auch nicht wahr, wie die Ärzte und Schwestern in das Zimmer hinein stürzten. Alarmiert von dem Signalton. Lotte fühlte, sah und hörte nicht, was diese Menschen mit ihrem Körper taten, denn in diesem Augenblick gab es wichtigeres für Lotte.

"Konzentrier Dich! Bring dieses leblose Gestell endlich dazu das zu tun, was Du von ihm möchtest" ging es Lotte unermüdlich durch den Kopf. "Tu es! Los! Nutze alle Kraft, die Du noch hast. All die Kraft, die noch übrig geblieben ist von der großen Kraft, die man Dir einst geschenkt hat. Bring dieses Bett dazu sich zu bewegen! Aufbäumen soll es sich! Tu es endlich, du verdammtes Miststück! Tu was ich dir befehle! Tu etwas außergewöhnliches! Lebe!"

Das Krankenzimmer schien vor Energie zu bersten. Die Kabel der elektrischen Geräte schmorten durch. Eine Maschine nach der Anderen fiel aus. Die Menschen um Lotte bekamen große Augen. Das Bett mit Lotte darauf begann tatsächlich zu leben. Die Metallstäbe mit den Rädern daran, fingen an sich wie die Beine eines Pferdes zu bewegen, dass unruhig auf der Stelle trabte.

Dann erhob sich Lottes Oberkörper und ihre Augen öffneten sich. Sie betrachtete die überraschten Gesichter. Hörte, wie die Menschen sich fragten, wie das, was hier gerade geschah, nur möglich sein konnte. Lotte war überglücklich. So glücklich, dass sie vor Freude lachte. Ein glockenlautes Lachen, das durch alle Flure des Krankenhauses und in sämtliche Zimmer drang. Diesen Moment würde Lotte niemand mehr nehmen können. Dieses Gefühl würde sie von nun an, auf ewig in sich tragen.

Zusammen mit dem Bett setzte sie zu einen Sprung durch das geschlossene Fenster an. Die Scheibe zerbrach in tausend Stücke – und Lotte und ihr Bett flogen fort in die Wolken, wo sie auf immer verschwanden.

Die Ärzte und Schwestern in dem Krankenzimmer, hatten die Geschehnisse der letzten Minuten anders erlebt. Einer der Ärzte schloss Lotte jetzt die Augen.

03.01.2013

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