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Geschichte vom 13.02.2011:

Das Schloss aus Metall

Zum ersten Mal in seinem Leben machte Traugott Wilhelmonicus V. Urlaub. Allein durchquerte er eine Schneelandschaft hoch oben in den Bergen. Auf einer schwer zugänglichen Anhöhe legte Traugott eine Rast ein. Einen Moment lang war der Stress der letzten Monate vergessen und Traugott von allen Sorgen und Ängsten befreit. Er war überrascht wie sehr ihm das gefiel.
Nach der Rückkehr in die Zivilisation beauftragte Traugott umgehend eine der weltweit renommiertesten Architektinnen ihm Pläne für ein Schloss anzufertigen, dass an jenem magischen Ort gebaut werden sollte. Die Architektin musste sich verpflichten, keiner Menschenseele etwas von Traugotts Vorhaben zu erzählen. Auch die anschließenden Bauarbeiten wurden ganz im geheimen durchgeführt; jede an dem Projekt beteiligte Person musste ein Dokument unterzeichnen, in welchem sie sich dazu verpflichtete keine Informationen über das Schloss an Dritte weiter zu geben.
Schließlich kam der Tag an dem Traugott sein neues Heim bezog. Von nun an konnte er sich endlich vollkommen ungestört dem widmen, was ihm in seinem Leben am wichtigsten war – der Arbeit. Alles was bisher seine Arbeitsleistung negativ beeinflusst hatte, all die vielen kleinen alltäglichen Dinge, würden zukünftig von autonomen elektronischen Dienstboten ausgeführt werden.
Traugott stand vor der Tür zum neuen Arbeitszimmer. Er war sehr gespannt. Gleich würde er es zum ersten Mal betreten, den Computer starten, die erste Frage lesen, kurz nachdenken und dann die Antwort schreiben. Genau das war seine Aufgabe: Fragen von Menschen beantworten. Täglich erhielt er Millionen von Schreiben über das Internet. Täglich wurde seine Webseite milliardenfach aufgerufen. Täglich zahlten Firmen unglaubliche Summen, um ihre Werbeanzeigen auf seiner Webseite zu zeigen.
Traugott liebte seine Arbeit. Die in den Fragen enthaltenen Informationen über jene Menschen, die sich ihm anvertrauten, öffneten Traugott die Augen für eine Welt, der er sich nicht zugehörig empfand. Sie erweiterten seine Sicht auf ihm unbekannte Dinge des Lebens. Er spürte eine tiefe innere Verbindung zu diesen Menschen und nahm jede seiner Antworten sehr ernst, auch wenn er immer die gleichen Worte zurück schrieb:
Vielen Dank für Ihre Anfrage.
Leider sehe ich mich völlig ausser Stande Ihnen in gebührender Form Hilfe oder Beistand zu geben, aber Ihr Schreiben hat mich tief berührt. Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass in Ihnen die Kraft ruht, Ihr Schicksal auch ohne mein zutun zu meistern.
In tiefer Zuversicht,
Ihr Traugott Wilhelmonicus V.
Auf der Webseite von Traugott wurden alle Namen der Menschen aufgeführt, die ihm schrieben – und seine immer gleichen Antworten. Hildegard Wolkendübel war die Fragestellerin, die sich am häufigsten an ihn gewandt hatte. Seit einigen Monaten moderierte sie aufgrund ihrer Popularität, sogar eine erfolgreiche Talkshow. Traugott war einer der Stammzuschauer. Gleich würde er auf einem seiner beiden Monitore die Anfragen beantworten, während auf dem anderen Hildegards Talkshow lief. Er beneidete Hildegard darum, wie Einfühlsam sie mit Menschen umzugehen wusste.
Wie von Zauberhand öffnete sich vor Traugott die Tür. Er betrat den unerwartet hellen Raum.

Nur langsam gewöhnte sich Traugott an das grelle Licht. Es dauerte eine Weile bevor er bemerkte, dass um ihn her etwas seltsames geschehen war: Der Raum in dem er sich befand sah nicht so aus, wie er hätte aussehen sollen. Von den beiden Monitoren und dem Computer keine Spur. Das Arbeitszimmer war vollkommen leer! Aber was noch viel schlimmer war – Traugott konnte sich nicht mehr bewegen. Er fühlte sich wie in Metall eingegossen. Unvermittelt tauchte vor ihm eine Hand und ein Gesicht auf. Hildegard Wolkendübel sprach ihn an, »Hallo Du, ich hoffe bei Dir ist alles in Ordnung? Heute ist Dein großer Tag! Wir müssen uns beeilen!«
Traugott war verwirrt. »Wo bin ich?« wollte er wissen.
»Kurz davor berühmt zu werden« antwortete Hildegard knapp und trat hinter ihn. Diese Antwort stellte Traugott nicht zufrieden. Er wollte Hildegard gerade eine weitere Frage stellen, als er einen kräftigen Ruck verspürte. Dann bewegte Traugott sich wie auf Rädern auf die Tür zu. Alles was hier geschah, kam ihm doch gerade sehr absonderlich vor. Er versuchte sich zu konzentrieren und eine vernünftige Erklärung für die Vorkommnisse zu finden – und nahm für den Augenblick Abstand davon, Hildegard erneut anzusprechen, denn bei genauer Betrachtung, war ihre Anwesenheit, ja nichts anderes als ein weiteres Rätsel. Nichtsdestotrotz öffnete Hildegard gerade die Tür. Dahinter lag ein schier endloser Korridor. Auf wundersame Weise konnte Traugott sich auch in dem ohne eigenes zutun fortbewegen. In gleichmässigem Abstand hinter sich hörte er Schritte. Nach den Gesetzen der Logik, mussten es die von Hildegard sein. Aber was an diesem Ort basierte schon auf Logik. Immerhin hätte es diesen Korridor hier gar nicht geben dürfen.
Links und rechts an den Wänden hingen Fotografien von Computern. Vom ersten programmgesteuerten Rechner, bis hin zu den heutigen Hochleistungsrechnern wurde deren Entwicklungsgeschichte lückenlos abgebildet. Unter den Bildern waren Schilder befestigt. Darauf standen ausnahmslos Namen von Arbeitern, die Traugotts Schloss erbaut hatten.
Immer mehr Rätsel taten sich auf. Traugotts Gehirn erreichte langsam die obere Belastungsgrenze.
Am Ende des Korridors befand sich eine geschlossene Tür, daneben erwartete ihn händeringend eine Frau, »Endlich!« rief sie erleichtert. Als Traugott ihr Gesicht beim näher kommen erkannte, glaubte er endgültig den Verstand zu verlieren. Es sah aus wie das der Architektin, die sein Schloss entworfen hatte. Hildegard trat verlegen lächelnd an die Seite der Frau. »Mein Fehler!« gab Hildegard zurück »Die Aufregung …«.
Zusammen brachten die beiden Frauen Traugott auf eine Bühne, die von vielen Lichtern angestrahlt wurde. Er liess es stumm geschehen.
Die Frau mit dem Aussehen der Architektin stellte sich hinter ein Pult und sprach in ein Mikrofon. Sie erzählte von uralten Menschheitsträumen und den einzigartigen technischen Errungenschaften der Neuzeit. Dann zeigte sie auf Traugott. Im selben Moment umhüllten ihn Dutzende Lichtkegel. Tosender Applaus brandete auf. Traugott wurde schwarz vor Augen.
Hildegard trat an ihn heran und beugte sich zu ihm hinunter, »Wie wäre es, wenn Du den Menschen hier sagst, wer Du bist?« flüsterte sie ihm zu. Traugott schwieg. Minuten verstrichen. Hildegard sprach ihn noch mehrfach an. Aber er konnte Ihre Worte nicht mehr wahrnehmen. Mit den Gedanken befand er sich längst an einem anderen Ort.
Die Frau mit dem Aussehen der Architektin warf Hildegard einen mahnenden Blick zu. Dann zog sie mit zitternder Hand eine Fernbedienung aus ihrer Tasche und rannte zu Traugott. Ihre Finger tippten etwas in das Gerät.

Traugott stand in der Mitte des Arbeitsraumes seines Schlosses. Auf den beiden Monitoren erschienen einzelne Buchstaben. Plötzlich verspürte Traugott ein leichtes vibrieren. Es verstärkte sich. Die Wände des Arbeitszimmers begannen regelrecht zu erzittern. Die Buchstaben fielen aus den Bildschirmen. Umgehend tauchten einige der elektronischen Dienstboten auf und fügten sie zu Worten zusammen. Entsetzt musste Traugott feststellen, dass ihm nun auch diese Wirklichkeit entglitt. Unbewusst fing er an zu sprechen, »Guten Abend, meine Damen und Herren. Ich möchte mich Ihnen gerne vorstellen …«.
Gleichzeitig flogen die Finger der Frau immer schneller über die Tastatur.
»… Mein Name ist Traugott Wilhelmonicus V. …«
Immer mehr Buchstaben fielen aus den Monitoren und wurden von den elektronischen Dienstboten zu Sätzen zusammen gefügt. Bald überlagerten die Sätze große Teile des Schlosses – und alles was überlagert wurde, löste sich binnen kürzester Zeit in Nichts auf. In den Leerräumen zwischen den einzelnen Buchstaben, zeichnete sich eine neue Wirklichkeit ab. Traugott sah Hildegard und die Frau mit dem Äußeren der Architektin dicht vor sich stehen. Er erkannte nun, dass es für all die Rätsel EINE Lösung gab. Endlich erinnerte er sich wieder, wo er sich tatsächlich befand: Im führenden Forschungszentrum für Computertechnologie.
»… Ich bin der erste Computer, dem es möglich ist eigenständig zu denken, zu lernen und zu fühlen. Noch steht diese Technologie am Anfang – und sowohl meine Erbauerin, meine psychologische Betreuerin, wie auch ich, müssen uns mit vielen grundlegenden Fragen und Problemen auseinandersetzen, aber …«
Seine Erbauerin steckte die Fernbedienung wieder ein und trat einige Schritte zurück. Traugott war nicht mehr auf ihre Hilfe angewiesen. Sie wusste, sein künstliches Gehirn konnte nun wieder zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden. Was aber weder sie, noch Hildegard wusste –, Traugott hätte lieber weiter geträumt.

13.02.2011 22.00 Uhr

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