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Geschichte vom 28.11.2009:

Die Hand von Felix

»Wie gut kennen sie eigentlich ihre Finger? Ich meine, glauben sie wirklich jedem einzelnen davon trauen zu können – absolut? Wie steht es mit dem Rest ihrer Gliedmassen?« Erkundigte sich Frau Doktor Elisabeth Doppelwand-Einzelzimmer bei Felix Glockenlaub, der freiwillig an der Studie teilnahm.
»Auf meinen Körper lasse ich absolut nichts kommen – und zu meinen Händen habe ich das größte Vertrauen überhaupt.«

Nach etwa 15 weiteren Fragen durfte Felix den Raum verlassen und die Wissenschaftlerin legte den ausgefüllten Fragebogen beiseite. Morgen würde sie die Forschungsarbeit fortführen, die sie auch in den kommenden Jahren und womöglich noch Jahrzehnten beschäftigte. Das Verhältnis des Menschen zu seinem Körper, war nun einmal das zentrale Thema ihrer Forschungsarbeit.
Der letzte Befragte des heutigen Tages ging ihr jedoch aus unerfindlichen Gründen nicht mehr aus dem Sinn. Dabei war nichts außergewöhnliches an seinen Antworten gewesen. Vielmehr war Felix Glockenlaub selbst es gewesen, an dem sie außergewöhnliches wahrgenommen hatte. Der junge Mann ging ihr einfach nicht mehr aus dem Sinn. Sie musste ihn Wiedersehen. Schnurstracks rannte Frau Doktor Elisabeth Doppelwand-Einzelzimmer ihm hinterher.
Er hörte ihre Schritte. Drehte sich um. Wartete auf sie. Dann stand Frau Doktor Elisabeth Doppelwand-Einzelzimmer vor ihm. Beide blickten sich stumm an. Felix griff mit seiner rechten Hand nach ihrer Linken. Kurz bevor sich ihre Finger berührten, zuckte die Hand von Felix zurück. Er konnte nichts dagegen machen. Elisabeth sah ihn verwundert an.
»Schüchtern?« Fragte sie.
Felix lächelte verlegen.

Bei ihrem ersten Rendevous wiederholte sich die Szene. Erneut verhielt sich seine Hand äußerst unnatürlich, wie Felix empfand. Auch bei den darauf folgenden Treffen blieb das so.
Da suchte Felix einen Arzt auf. Natürlich heimlich, weil er fürchtete Elisabeth zu verlieren, wenn sie von dem Problem mit seiner rechten Hand erfuhr. Hatte er ihr doch gerade erst von seinem großen Vertrauen in seine Hände erzählt. Nun sollte ihn eine davon im Stich lassen? Nie würde Elisabeth das glauben. Vielmehr würde sie ihm unterstellen, dass er sie nicht liebte.
Der Arzt fand keinen Hinweis auf ein körperliches Leiden. »Warum versuchen sie es nicht mal mit der linken Hand?« Schlug er vor.
Und siehe da, es klappte. Die Hände der beiden Liebenden berührten sich und es schien, als könnten Elisabeth und Felix nun endlich ihrer Leidenschaft freien Lauf lassen. Allein, es blieb beim Schein. Letztlich waren es wieder die Finger seiner rechten Hand, die Felix den direkten Kontakt zu Frau Doktor Doppelwand-Einzelzimmer verwehrten. Überwältigt von seiner Lust sah er nur noch einen Weg, jenen Makel zu verbergen – er musste die ganze Überzeugungskraft seines restlichen Körpers ausspielen.

Die Monate vergingen. Elisabeth und Felix verbrachten viel Zeit miteinander. Die rechte Hand blieb dabei ein Problem.
Dann rückte der Tag näher, der Felix im Vorfeld viele schlaflose Nächte bereitete – weil er sich vor einem weiteren Alleingang seiner rechten Hand fürchtete. Vor dem Traualtar durfte das einfach nicht geschehen. Felix griff schließlich zu einer List. Er packte seinen rechten Arm in eine Schlinge und gab eine Verletzung vor. Auf diese Weise nahm Felix seiner ungehörigen Hand die Möglichkeit, ihn vor aller Augen bloss zu stellen. Auch wenn dies natürlich auf Dauer keine Lösung darstellte. Wie sich schon bald zeigte, war das allerdings auch gar nicht notwendig.
Auf der Hochzeitsreise nämlich schlug Elisabeth ihrem Mann des Nachts mit einem Beil die rechte Hand ab und warf Felix danach heimlich über Bord des Kreuzfahrtschiffes. Den Rest der Reise verbrachte Elisabeth als vermeintlich trauernde Witwe, die kaum noch ihre Kabine verliess. Liebevoll kümmerte sie sich dort um den letzten Überrest ihres Mannes, dessen Hand. Diese Hand war es, die sie von Anfang an fasziniert hatte, wie Elisabeth heute wusste. Diese Hand war der Grund gewesen, weshalb sie Felix damals nach der Befragung hinterher gelaufen war. Diese Hand war nicht einfach nur Teil eines Körpers, sie war selbst ein eigenständiges Lebewesen, welches die Natur nur aufgrund einer Laune an den Körper eines Menschen zu gebunden haben schien. Elisabeth nun hatte jenes Lebewesen aus seiner Gefangenschaft befreit. Ihr Forscherherz frohlockte vor Begeisterung. Voller stolz würde sie ihren Kollegen die Hand präsentieren. Elisabeth sah sich bereits auf den Titeln sämtlicher wissenschaftlicher Publikationen, dem Nobelpreis nahe.
In Amerika verliess sie das Schiff und wurde gleich darauf von einem Auto überfahren. Bei dem Unfall öffnete sich der Koffer, in welchem die Hand von Felix aufbewahrt worden war.

Kurze Zeit später entdeckte ein Fernsehproduzent die Hand an einer Bushaltestelle und bot ihr sogleich eine Rolle in einer Serie an. Als "eiskaltes Händchen" wurde sie zu einem gefeierten Star im Amerika der 1960er Jahre. Nach dem Ende der Serie lockte Hollywood mit viel Geld und schönen Frauen. Unter anderem bot man ihr die Rolle der Hand Gottes in einer Bibelverfilmung an. Die Hand lehnte ab. Sie sehnte sich nach einem ruhigeren Leben und begann zu schreiben.
Die Welt sollte ihre Geschichte erfahren. Vielleicht würden sich dann auch andere Hände und Körperteile trauen ihre eigenen Wege zu gehen. Vielleicht würde sich dann eines Tages auch endlich wieder der Mensch daran entsinnen, aus welch vielfältigen und fantastischen Einzelteilen er bestand – deren Zusammenspiel ihn erst zu dem befähigte, wodurch er sich gegenüber anderen Lebewesen hervorhob. Dann, so die Hoffnung der Hand, würde der Mensch lernen seinen Körper wieder mehr wert zu schätzen. Und die Körper anderer.
Doch bis dahin ist der Weg wohl noch weit.

Auf ihr Hände, Beine und all ihr übrigen Gliedmassen, Organe und Knochen – tut etwas für euren Fortbestand.

28.11.2009 19.45 Uhr

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