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Aktuelle Geschichte vom 14.04.2009:

Die Schneeflocke Konstantin

Es war ein kalter Wintertag. In viele Kleidungsschichten gehüllt liefen die Menschen von einem Ort zum anderen, um zu erledigen was erledigt werden musste.

Heidrun versuchte auch an diesem Tag defekte Tiefkühltruhen zu reparieren, denn damit verdiente sie ihren Lebensunterhalt. Eben hatte sie eine Maschine mit dem Baujahr 1973 wiederbelebt. Eigentlich eine unlösbare Aufgabe. Heidrun fühlte sich danach verdammt gut. Sie fühlte sich danach so verdammt gut, wie sich ihrer Meinung nach nur eine Frau fühlen konnte, die gerade Drillinge zur Welt gebracht hatte und jetzt noch schnell für ihren Mann die perfekte Weihnachtsganz anrichtete. Heidrun liebte es sich solche Superfrauen vorzustellen. In ihrem eigenen Leben war sie seit 4 Jahren Single und galt als eine eine der schlechtesten Köchinnen ihrer Generation. Da blieb einem wenig anderes übrig, als sich in Traumwelten mit Superfrauen zu flüchten – wie sie fand.
In einer Ecke ihres Kopfes wohnte wohl auch die Hoffnung ihrem Leben möglicherweise doch noch eine Messerspitze voll Bedeutung einhauchen zu können, wenn es ihr nur gelänge, einer dieser Superfrauen den einen oder anderen Supertrick abzugucken. Obwohl Heidrun natürlich wusste, dass diese Hoffnung alles andere als realistisch war.

Mit frischem Selbstbewusstsein betankt lief Heidrun auf ihr Auto zu. Unterwegs wurde ihre Nasenspitze von einer Schneeflocke als Landeplatz ausgewählt. Die junge Frau wollte den Fremdkörper gerade wegwischen, da ...

Schneeflocke: Tu das nicht. Es könnte dir leid tun.

Heidrun: Nanu – wer spricht da?

Schneeflocke: Gestatten, Konstantin ist mein Name. Ich bin die Schneeflocke auf deiner Nasenspitze. Eine der wenigen Schneeflocken, denen es gegeben ist mit Menschen zu sprechen.

Heidrun: Hallo Schneeflocke Konstantin. Was führt dich zu mir?

Schneeflocke: Glaubst du an die Kraft des Schicksals?

Heidrun: Nein.

Schneeflocke: Dann führe es auf einen Zufall zurück.

Heidrun: Okay. Stört es dich, wenn ich zu meinem nächsten Kunden fahre? Ich muss heute nämlich noch ein paar Jobs erledigen.

Schneeflocke: Mach nur. Derweil hole ich ein paar Verbündete herbei, um dir ein kleines Kunststück vorzuführen.

Heidrun setzte sich zusammen mit ihrem merkwürdigen neuen Bekannten ins Auto. Während die junge Frau den Wagen startete, löste sich Konstantin von ihrer Nase und schwebte auf den Beifahrersitz. Um ihn herum erschienen weitere Schneeflocken. Sie verbanden sich mit Konstantin zu einer schnell wachsenden Gestalt. Heidrun traute ihren Augen kaum, als plötzlich ein kleiner Junge aus Schnee neben ihr saß. Der Junge verwandelte sich in rasender Geschwindigkeit in einen äußerst attraktiven Mann – einen schneeweißen Mann in schneeweißem Anzug. Aus Verwunderung über das was sich da gerade auf dem Beifahrersitz abspielte, verlor Heidrun die Kontrolle über das fahrende Auto. Ein Zusammenstoß mit einem der anderen Fahrzeuge auf der verschneiten Straße schien nur noch eine Frage der Zeit.

Konstantin: Hoppla, das wollte ich mit meinem kleinen Trick keineswegs bezwecken.

Sofort kurbelte der schneeweisse Mann das Fenster auf seiner Seite des Wagens einen Spalt herunter und streckte den Arm hinaus. Der Arm wurde länger und länger, schoss an dem Auto vorbei. Etwa 200 Meter vor dem schlingernden Gefährt verwandelte sich der Arm in eine weiße Brücke mit Auffahrtsrampe. Mit dem anderen Arm packte Konstantin das Lenkrad und steuerte das Auto die Brücke hinauf. Dort stellte er den Motor ab.

Heidrun: Wow!

Konstantin: Gläschen Eiswasser gefällig?

Der wundersame Mann reichte der völlig verblüfften Heidrun ein aus dem Nichts entstandenes Eiskristallglas mit Wasser. Heidrun trank einen Schluck und fiel in Ohnmacht.

Einige Stunden später erwachte sie in ihrem Bett. Ihr Schädel brummte. Sie sprach zu sich selbst.

Heidrun: Na das war ja mal ein Traum. Ich muss wohl etwas ziemlich merkwürdiges gegessen oder getrunken haben, bevor ich ins Bett gegangen bin.

Konstantin: Wovon hast du denn geträumt?

Heidrun fuhr in ihrem Bett in die Höhe. Der schneeweisse Retter aus ihrem vermeintlichen Traum betrat gerade das Schlafzimmer.

Heidrun: Es gibt dich wirklich?

Konstantin: Was ist das für eine Frage, meine Liebe? Selbstverständlich gibt es mich wirklich. In dieser Form gibt es mich inzwischen sogar bereits einige Stunden, wie ich hinzufügen möchte. Nach menschlicher Auffassung mag das vielleicht nichts besonderes sein, für eine Schneeflocke jedoch ist es das schon.

Heidrun: Dann war der Unfall auch real! Oh Gott! Weisst du wie viele Tiefkühltruhen ich gestern nach dem Unfall noch repariert habe? Ich kann mich nicht mehr erinnern.

Konstantin: Nachdem du in Ohnmacht gefallen warst? Keine einzige mehr.

Heidrun: Oh!

Konstantin: Ich fand deinen Auftragsplan für den gestrigen Tag und habe die restlichen Maschinen dann in deinem Namen repariert. Die Kunden waren vollauf zufrieden. Wie wäre es mit Frühstück?

Heidrun: Nehme ich dankend an. Danke auch, für die reparierten Tiefkühltruhen.

Konstantin: Schon gut.

Heidrun: Wie soll das nun eigentlich weiter gehen mit dir und mir?

Kaum hatte Heidrun die Frage ausgesprochen, zuckte sie innerlich zusammen. Hatte sie das eben wirklich gefragt? Sie kannte diesen merkwürdigen Mann doch kaum. Solche Fragen stellten in ähnlichen Situationen nur Superfrauen.
Egal, sie musste sich jetzt auf den Fortgang des Gesprächs konzentrieren.

Konstantin: Entweder wir ziehen zusammen zum Nordpool oder du schaffst dir ein größeres Gefrierfach an. Im Moment komme ich hier zwar ganz gut zurecht – ich habe die Heizung ausgeschaltet und die Fenster geöffnet –, auf Dauer ist das für uns beide aber wohl keine geeignete Lösung. Ich vermute du frierst?

Heidrun: Eigentlich habe ich im Schlafzimmer die Fenster Nachts immer offen, selbst im Winter. Im Rest der Wohnung mag ich es allerdings schon warm. Du hast vor bei mir zu bleiben?

Konstantin: Habe ich. Persönlich würde ich übrigens ein gemeinsames Leben am Nordpool vorziehen. Wobei ich mir in einem großen Gefrierfach natürlich keine Gedanken über die globale Erderwärmung machen müsste. So gesehen hätte auch die Gefrierfach-Variante Vorzüge.

Heidrun: Und was ist mit mir? Glaubst du nicht, dass ich mir ein anderes Leben als an der Seite eines Schneemannes erträumt habe?

Konstantin: Etwas mehr als ein gewöhnlicher Schneemann glaube ich dir schon bieten zu können. Und auch im direkten Vergleich zu einem Mann mit einer Körpertemperatur von durchschnittlich 36,6 Grad Celsius, glaube ich – bei neutraler Sicht –, nicht allzu schlecht abzuschneiden.

Heidrun: Glaubst du?

Konstantin: Glaube ich. Ein bisschen was von meinen Möglichkeiten, hast du ja bereits gesehen.

Heidrun: Eigentlich möchte ich aber doch lieber mit einem echten Mann zusammenleben.

Konstantin: Ich bin ein echter Mann. Nur echte Männer können Eisverkäufer werden und ich bin ein geborener Eisverkäufer. Wir könnten einen Eissalon eröffnen. Würde dir das gefallen? Wäre das nicht besser als Tiefkühltruhen zu reparieren?

Heidrun: Du willst mich nicht verstehen – wie?

Konstantin: Eissalons sind doch toll.

Heidrun: Selbstverständlich sind Eissalons toll.

Konstantin: Dann lass uns einen eröffnen.

Heidrun: Und darauf soll ich jetzt vermutlich ganz schnell mit "ja" antworten?

Konstantin: Tust du es? Ist schließlich eine einfache Frage.

Heidrun: Ich habe darauf keine einfache Antwort. Das einzige was ich dazu im Moment sagen kann ist, dass ich mich nun einmal an Männer mit einer durchschnittlichen Körpertemperatur von 36,6 Grad Celsius gewöhnt habe.

Konstantin: Den richtigen Mann hast du unter denen allerdings noch nicht kennengelernt – oder?

Heidrun: Stimmt, den richtigen Mann habe ich unter denen noch nicht kennengelernt.

Konstantin: Stattdessen hast du mich kennengelernt.

Heidrun: Stimmt ebenfalls.

Konstantin: Meiner Ansicht nach, muss sich durch unsere Begegnung dein Leben jetzt zwangsläufig verändern. So will es das Schicksal.

Heidrun: Das sehe ich anders. Ich könnte dir nämlich einfach mit dem Föhn oder der Höhensonne zu Leibe rücken und schon wäre ich dich wieder los.

Konstantin: Das würdest du nie und nimmer tun.

Heidrun: Ich könnte es aber.

Konstantin: Na schön, du könntest es, würdest es aber nicht.

Heidrun: So gut glaubst du mich schon zu kennen?

Konstantin: Für uns Schneeflocken seid ihr Menschen wie offene Bücher.

Heidrun: Ich gebe auf. Vorläufig. Dürfte ich um das Frühstück bitten?

Während Konstantin in die Küche verschwand bewegte sich Heidrun umgehend in Richtung Kleiderschrank. Mittlerweile war es ihr hier drin eindeutig zu kalt. Sie beschloss ihre Kleidung der Raumtemperatur anzupassen. Als menschliches Wollknäuel kehrte Heidrun ins Bett zurück. Keine fünf Atemzüge später überreichte ihr Konstantin ein Tablett, auf dem sich die erlesensten Inhalte ihres Kühlschranks befanden, formvollendet frühstücksgerecht zubereitet. Allmählich empfand Heidrun gefallen an dem schneeweissen Mann. Sie grinste kurz und begann zu essen. Konstantin beobachtete dabei jede ihrer Bewegungen mit höchster Aufmerksamkeit. Er begann sogar damit Heidrun unverblümt nachzuahmen.
Einmal spreizte sie zum Beispiel beim anheben der Kaffeetasse den kleinen Finger ab, machte er das ebenfalls – obwohl er keine Kaffeetasse in der Hand hielt. Im Gegensatz zu dem kleinen Finger von Heidrun, wurde der kleine Finger von Konstantin dabei allerdings immer größer. Bis der Finger so groß war, dass Konstantin seinen Körper nicht mehr im Gleichgewicht halten konnte und umkippte.
Zuerst rümpfte Heidrun über solche Clownereien ihre Nase, doch nur zum schein, denn schon gleich darauf lachte sie schallend darüber – was Konstantin zu immer gewagteren Kunststücken anstachelte. Die folgende Einlage stellte den ultimativen Höhepunkt seiner Verwandlungsschau dar.
Als Heidrun vor lachen ein angeknabbertes Marmeladenbrötchen aus der Hand fiel und auf das Bettlaken purzelte, formte Konstantin aus einigen Schneeflocken seines Körpers ein Schneemarmeladenbrötchen mit den Ausmassen einer Sofaecke. Kaum war das riesige Schneebrötchen vollendet, liess er es auf seine Füsse fallen. Ohne eine Miene zu verziehen, blickte er nach unten. Sah sich an, was geschehen war. Danach schaute er Heidrun ins Gesicht. Nur mit Mühe konnte sie ihr Lachen unterdrücken. Konstantins Kopf entstiegen vereinzelte Rauchschwaden. Schnell wurden es mehr. Sein Kopf verwandelte sich in einen kurz vor der Explosion stehenden Wasserkessel. Heidrun biss die Zähne zusammen, um nicht los zu prusten. Der Deckel des Wasserkessels erhob sich auf der einen Seite. Fiel runter. Der Deckel des Wasserkessels erhob sich auf der anderen Seite. Fiel runter. Aus dem langsamen auf und ab wurde ein schnelles auf und ab. Plötzlich stoppte der Deckel seinen Tanz. Einen Augenblick lang passierte gar nichts. Dann flog der Deckel in die Luft. Eine gewaltige Schneefontäne sprudelte aus dem Kessel. Verwandelte das Schlafzimmer in eine Winterlandschaft. Heidrun konnte nicht mehr an sich halten, fiel vor lachen rückwärts vom Bett. Zwei mit mehren lagen Wollsocken überzogene Füsse verrieten ihren neuen Aufenthaltsort.

Wenig später sassen Heidrun und Konstantin im Auto. Es gab jede Menge Tiefkühltruhen, die repariert werden mussten – und Heidrun hatte Konstantin das Versprechen abgerungen, ihr heute bei der Arbeit zu helfen. Im Gegenzug würde sie sich Morgen ernsthafte Gedanken über eine mögliche gemeinsame Zukunft machen. Die beiden sangen fröhliche Weihnachtslieder. Auf einmal unterbrach Konstantin den Gesang.

Konstantin: Da. Es geht los.

Er deutete mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf eine schwarze Schneeflocke an der Windschutzscheibe.

Heidrun: Was geht los?

Konstantin: Sie wollen mich zurück holen.

Heidrun: Wer will dich wohin zurück holen?

Konstantin: Die schwarzen Schneeflocken wollen mich nach Hause holen. Meine Gefolgsflocken und ich sind von dort abgehauen. Wir wollten frei sein. Unser eigenes Leben leben.

Derweil hatte die schwarze Schneeflocke einen Weg ins innere des Wagens gefunden und einen Teil des Gesprächs mitgehört.

Schwarze Schneeflocke: Das ist unmöglich! Ihr müsst zurück!

Heidrun: Ich lass ihn aber nicht gehen.

Schwarze Schneeflocke: Nun mischen sie sich hier mal nicht so lauthals ein. Das ist eine Sache zwischen Schneeflocken.

Heidrun: So einfach läuft das nicht, kleine Schwarzflocke.

Heidrun riss den Zigarettenanzünder aus der Halterung und hielt ihn der schwarzen Schneeflocke entgegen. Die Schneeflocke verdampfte augenblicklich.

Konstantin: Ganz schön mutig für einen Menschen. Doch zwecklos. Andere schwarze Schneeflocken werden kommen.

Heidrun: Sie können uns nicht überall hin folgen. Lass mich nur machen.

Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte Heidrun sich wie eine Superfrau. Sie war endlich bereit sich auf ein Abenteuer einzulassen, war bereit etwas zu riskieren. Vielleicht würde sie nun endlich beweisen können wozu sie fähig war. Über diese Entwicklung war niemand mehr überrascht als sie selbst.

Wild entschlossen fuhr Heidrun in das nächste Elektrogeschäft und kaufte einen Reisekühlschrank mit einem extrem grossen Gefrierfach. Darin verstaute sie Konstantin. Anschließend packte sie ihre Koffer, fuhr zum nächsten Reisebüro und buchte einen Flug für eine Person und einen Kühlschrank.
Drei Tage später hörte Konstantin ein klopfen an der Tür seines Gefrierfachs.

Konstantin: Herein.

Heidrun: Ich bin´s. Wir sind in unserer neuen Heimat angekommen. Darf ich die Tür aufmachen oder störe ich?

Konstantin: Einen Moment bitte. Ich verwandele mein Äußeres gerade noch schnell in einen Anzug.

Heidrun: Sind alle Schneeflocken so schrecklich prüde wie du?

Konstantin: Ausnahmslos alle!

Heidrun: Los, mach auf. Wir sind in Hawaii. Hier ist kein Platz für Prüderie.

Konstantin: Die schwarzen Schneeflocken werden auch hierher kommen. Glaube mir. Die geben niemals auf.

Heidrun: Ich bin überrascht wie ängstlich du bist. Wenn es so aussichtslos war sie zu verlassen, weshalb bist du dann weggelaufen?

Konstantin: Ich dachte damals, vielleicht bin ich ja der eine dem es möglich ist das unmögliche zu schaffen.

Heidrun: Heute siehst du das anders? Wie stehen dazu die Schneeflocken die mit dir geflohen sind?

Konstantin: Sie vertrauen mir immer noch blind. Schließlich habe ich sie in die Freiheit geführt. Obwohl dies aus purem Eigennutz geschah. Alleine hätte ich ausserhalb der Gemeinschaft nie überleben können. Deshalb habe ich sie da mit reingezogen. So wie auch du aus purem Eigennutz in die Sache mit reingezogen wurdest. Die anderen Schneeflocken und ich brauchten einen Unterschlupf. Draussen in der Natur hätten uns die schwarzen Schneeflocken sofort entdeckt. Da bist du mir begegnet. Den Rest der Geschichte kennst du. Tut mir leid. Ich hätte das alles nicht tun sollen. Das ist mir aber leider erst in den letzten Tagen klar geworden.

Heidrun: Willst du nun aufgeben?

Konstantin: Ich glaube die Frage stellt sich nicht mehr. Sieh mal aus dem Fenster.

Eine schwarze Schneehagelfront verdunkelte den Himmel. Die Temperaturen sanken in Windeseile auf weit unter Null Grad. Panisch versuchten die Inselbewohner sich vor dem Unwetter in Sicherheit zu bringen.

Konstantin: Manchmal muss man der Wirklichkeit ins Gesicht sehen.

Heidrun: Du gibst also auf?

Konstantin: Ich werde es müssen. Die Gemeinschaft ist stärker als ich.

Heidrun: Ich habe schon zu oft in meinem Leben aufgegeben, weil ich glaubte das zu müssen – und weil niemand da war, der mich vom Gegenteil überzeugte. Wäre schön, wenn dir das erspart bliebe. Und wenn ich es verhindern kann, bleibt dir das auch erspart.

Mit diesen Worten schloss sie den Reisekühlschrank und schob ihn in den Transportbus, mit dem sie und Konstantin zur Hütte gekommen waren. Heidrun drehte den Zündschlüssel um. Der Wagen raste davon. Verfolgt von einer grollenden schwarzen Schneelawine. Unterwegs rief Heidrun bei dem Flughafen an. Mit etwas Glück würden sie und Konstantin die nächste Maschine noch erreichen. Genauer gesagt MUSSTEN sie diese Maschine unbedingt erreichen, denn es war die letzte die bei diesem Unwetter heute noch startete.
Heidrun trat das Gaspedal bis zum Anschlag. Der Abstand zu ihrem Verfolger vergrösserte sich. Konstantin wusste nicht, ob er sich das gelingen der Flucht wünschen sollte – vielleicht wäre es für alle am besten, wenn sie den Flughafen nicht rechtzeitig erreichten. Denn wie oft konnten Heidrun und er dem Schicksal noch entliehen. Selbst wenn es ihnen diesmal gelänge, so bliebe ihnen der Jäger weiterhin auf der Spur. Durfte er Heidrun und den anderen Schneeflocken solch ein Leben zumuten?

Die Tür des Gefrierfachs öffnete sich. Heidrun steckte den Kopf herein.

Heidrun: Wir sind in einem kleinen Dorf in Ägypten. Weit in der Wüste. Ich muss herausfinden, wie ich an Strom ran komme, damit es dir in deinem Heim nicht zu warm wird. Vielleicht habe ich in dem Hotel da vorne Glück.

Konstantin: Ich würde es vorziehen, wenn du das nächste Mal anklopfst, bevor du das Gefrierfach öffnest.

Heidrun: Nun hab dich nicht so.

Konstantin: Es geht um das Prinzip.

Heidrun: Irgendwie seit ihr Typen doch alle gleich, egal ob ihr aus Fleisch und Blut oder aus Schneeflocken besteht. Sobald etwas nicht so läuft wie es euch gefällt, werdet ihr pampig. Ist es vielleicht meine Schuld, dass du von den schwarzen Schneeflocken verfolgt wirst?

Der Wandel, den ihr schneeweisser Begleiter in den letzten Tagen durchgemacht hatte, gefiel Heidrun gar nicht. Wo war seine Tatkraft und Zuversicht geblieben? Immer mehr wurde sie von ihm in die Rolle einer dieser Superfrauen hineingedrückt, von denen sie vor wenigen Tagen noch so gern geträumt hatte. Doch sich in so eine Rolle hinein zu träumen war eine Sache – die damit verbundene Verantwortung zu übernehmen, war eine ganz andere Sache, wie Heidrun inzwischen gelernt hatte. Sie fühlte eine enorme Last auf ihren Schultern und war nicht sicher, ob sie diese auf Dauer würde tragen können.
Jetzt musste sie allerdings erst mal mit dem Hotelangestellten sprechen der vor ihr stand.

Heidrun: Verstehen sie deutsch?

Hotelangestellter: Sie wissen schon, in welchem Land sie sich befinden – oder? Aber sie haben Glück. Ich habe 23 Semester Politologie in Deutschland studiert und bin mit einer deutschen Frau verheiratet, deshalb spreche ich ihre Sprache recht gut.

Heidrun: Wunderbar. Ich bin auf der Suche nach einer Steckdose für meinen Kühlschrank. Können sie mir da weiterhelfen.

Hotelangestellter: Nun, eigentlich ist dieses Haus ein Hotel. Wenn sie also ein Zimmer mit einer Steckdose suchen, dann sind sie hier richtig. Übrigens haben alle unsere Zimmer Stromanschlüsse und die Zimmer der anderen Hotels auch. Kühlschränke sind in unseren Zimmern ebenso Standard. Offensichtlich ist ihr Bild von unserem Land noch ein klein wenig – äh – rückständig, wenn ich mir dies zu bemerken erlauben darf.

Heidrun: Ich nehme ein Zimmer.

Hotelangestellter: Für wie lange?

Heidrun: So genau kann ich das noch nicht sagen. Eine Woche sollte erst mal ausreichen. Danach sehen wir weiter.

Hotelangestellter: Wir?

Heidrun: Mein Kühlschrank, ich – und einige Koffer.

Hotelangestellter: Ich verstehe ... Deutsche Frauen ...

Später

Konstantin: Ist der schwarze Schnee schon da?

Heidrun: Ich glaube eine etwas positivere Grundhaltung, könnte unserer augenblicklichen Situation nicht schaden.

Konstantin: Tut mir leid. Ich weiss, dass alles anders läuft als ursprünglich geplant.

Heidrun: An eine Karriere als Eisverkäuferin habe ich sowieso nie geglaubt.

Konstantin spürte die Enttäuschung, die sich hinter diesen Worten verbarg. Er versuchte Heidrun aufzuheitern indem er in seiner Hand in eine Eiswaffel formte.

Konstantin: Wenn du mir deine Lieblings Eissorte verrätst, bekommst du davon eine extra grosse Portion.

Heidrun: Lass gut sein.

Es klopfte heftig an der Zimmertür. Eine Stimme schrie. Heidrun schloss die Tür auf. Vor ihr stand der völlig aufgewühlte Hotelangestellte.

Hotelangestellter: Schnell. Sie müssen das Zimmer verlassen. Ein gewaltiger Schneesturm rast auf die Stadt zu. Schwarzer Schnee. Unglaublich. Ich habe so etwas noch nie gesehen.

Heidrun: Ich hatte gehofft wir hätten mehr Zeit.

Hotelangestellter: Nanu – was ist das für eine seltsame Gestalt dort hinten an ihrem Kühlschrank? Die Gestalt ist ja schneeweiss. Was ist hier los?

Stimme: Hallo Konstantin!

Der Hotelangestellte drehte sich nach der Stimme um. Er sah einen schwarzen Schneemann mit orangefarbener Möhre im Gesicht auf sich zukommen. Der Schneemann zog seinen Zylinder vom Kopf. Fassungslos nahm der Hotelangestellte die Kopfbedeckung entgegen und trat einen Schritt beiseite, damit die schwarze Gestalt das Zimmer mit Heidrun und Konstantin betreten konnte.

Heidrun: Äh ...

Konstantin: Oh ...

Schneemann: Hallo!

Hotelangestellter: Wenn die Herrschaften gestatten, würde ich es jetzt gerne davon rennen.

Schneemann: Am besten rennen sie zusammen mit der jungen Dame davon.

Heidrun: Ich bleibe.

Hotelangestellter: Dann renne ich alleine weg.

Schneemann: Schliessen sie bei der Gelegenheit bitte gleich die Tür.

KRAWUMM!

Schneemann: Ich habe ihnen geraten zu gehen, junge Frau, doch sie zogen es vor zu bleiben. Meinen nächsten Ratschlag sollten sie nicht so leichtfertig ausschlagen. Denn weil die Raumtemperatur in diesem Zimmer für Konstantin und mich einigermassen gesundheitsschädigend ist, werde ich es hier drin gleich sehr viel kälter werden lassen. Es wäre für sie deshalb besser schleunigst wärmere Kleidung anzuziehen.

Konstantin: Tu was er sagt, Heidrun.

Gleich darauf sass Heidrun von vielen Stoffschichten umhüllt in einem völlig vereisten Hotelzimmer.

Schneemann: Wie soll das mit dir weiter gehen, Konstantin? Hast du immer noch nicht verstanden, dass du ausserhalb der Gemeinschaft nicht überleben kannst?

Konstantin: Wie du siehst, stehe ich hier nicht als einzelne Schneeflocke. Es gibt einige, die sich mir angeschlossen haben. Wir haben unsere eigene Gemeinschaft gegründet.

Schneemann: Dennoch seid und bleibt ihr Schneeflocken und damit Teil der großen Flockengemeinschaft.

Konstantin: Die große Flockengemeinschaft ist ein Märchen, eine Illusion, eine Lüge. Zwischen all den Schneeflocken gab es nie einen großen Zusammenhalt. In Wahrheit seid ihr alle doch nur auf das eigene Überleben und Weiterkommen bedacht. Diese Verlogenheit haben meine Gefolgsflocken und ich nicht länger ertragen.

Schneemann: Von Neid und Niedertracht zerfressen seid ihr, weil die Gemeinschaft nicht eueren Geltungsdrang befriedigte. Aus Trauer über euere Flucht, tragen viele der in der Gemeinschaft verbliebenen seither schwarz. Sieh mich doch an.

Konstantin: Ihr seid doch gar nicht mehr fähig wahre Trauer zu empfinden. Das habt ihr längst verlernt. Gier und Selbstsucht bestimmen seither euer Handeln. Korruption und Unterdrückung waren die Folge – oder streitet ihr das etwa ab? Wer aus der Gemeinschaft liegt denn immer auf den höchsten Kirchtürmen? Wer schnappt sich immer den besten Platz auf dem Gipfelkreuz? Und wer muss sich immer in der Nähe der Fabrikschlote oder Autobahnen niederlassen? Immer werden die gleichen bevorteilt und immer werden die gleichen benachteiligt. Das ist keine Gemeinschaft wie meine Verbündeten und ich ich sie uns vorstellen.

Schneemann: So denkt nur ein von Selbstzweifeln geplagtes und angstdurchdrungenes Hirn. Keine deiner Anschuldigungen entspricht der Wahrheit.

Heidrun: Bisher glaubte ich, solche Auseinandersetzungen seien lediglich unter Menschen üblich und in der Natur ginge es aufrichtiger zu. Da habe ich mich offensichtlich geirrt.

Konstantin: Waren wir beide denn nicht glücklich miteinander? Weshalb wirfst du mich jetzt mit den schwarzen Schneeflocken in einen Topf? Ich bin doch besser als die. Meine Motive sind rein. Darum bin ich ja auch weiss. In solchen Dingen ist die Natur sehr wohl aufrichtig.

Heidrun: Keiner von euch ist besser oder handelt aus reineren Motiven. Aber beiden von euch fehlt das Verständnis füreinander.

Konstantin: Wie kannst du so mit mir reden, nach all dem was wir zusammen durchgestanden haben. Hat dir diese Zeit denn gar nichts bedeutet?

Heidrun: Ich bin ein Mensch. Du eine Ansammlung von Schneeflocken. Wir gehören nicht zusammen. Ein paar Tage haben wir uns selbst und dem anderen etwas vorgespielt. Doch ich denke damit sollten wir jetzt aufhören. Du wirst lernen müssen in der Wirklichkeit glücklich zu werden, ebenso wie ich.

Schneemann: Sie hat recht. Komm zurück.

Konstantin: Sie hat nicht recht! Woher nimmt sich dieses dumme Menschenweib das Recht so über mich zu urteilen. Wieso stellt ihr alle euch immer gegen mich? Warum wollt ihr meinen Wunsch nach Freiheit nicht verstehen?

Heidrun: Weil du nicht allein auf der Welt lebst – ja nicht einmal allein auf dieser Welt überleben könntest. Dich mit denen arrangieren, die du zum überleben brauchst, kannst du auch nicht. Durch dein Verhalten fügst du dir und anderen großen Schaden zu. Warum sollte dich dabei irgendjemand unterstützen? Ich habe das lange genug getan, doch jetzt erkenne ich, dass es ein Fehler war.

Konstantin: Ich brauche dich nicht! Ich brauche niemanden!

Wütend bäumte sich Konstantin auf. Sein Körper verwandelte sich in einem menschhohen Schraubstock aus Schnee. Zwischen den beiden Blöcken, die sich rasend schnell aufeinander zubewegten, befand sich Heidrun, eingehüllt in Unmengen von Jacken, Pullovern, Hosen und Stoffdecken. Sie war unfähig sich zu bewegen, schloss die Augen. Erwartete ihr Ende. Superfrauen starben so nicht. Aber sie war nun einmal keine Superfrau.

Nichts geschah.

Es dauerte eine Weile, bevor sich Heidrun traute die Augen einen klitzekleinen Spalt zu öffnen. Sie erkannte fast nichts. Also öffnete sie die Augen ein Stückchen mehr.

Der Schraubstock aus Schnee löste sich auf. Heidrun nahm die schluchzende Stimme von Konstantin wahr.

Konstantin: Ihr könnt mich doch nicht einfach so verlassen. Ihr gehört doch zu mir.

Einzelne Schneeflocke: Du bist zu weit gegangen.

Andere Schneeflocke: Du wolltest sie umbringen. Da machen wir nicht mit. Wir sind dir zu lange blind gefolgt.

Die Schneeflocken flogen zu dem schwarzen Schneemann, vereinigten sich mit ihm. Aus dem schwarzen Schneemann wurde ein grauer Schneemann. Je mehr Schneeflocken zu ihm kamen, umso heller wurde er. Am Ende war er fast vollkommen weiss.

Vor Heidruns Gesicht schwebte eine letzte einzelne Schneeflocke – Konstantin. Heidrun pustete ihn auf den Schneeman zu.

14.04.2009 11.15 Uhr