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Geschichte vom 30.11.2008:

Erdbeerzeit

Die Zeit der edlen Ritter und keuschen Burgfräulein war wohl unwiderruflich vorbei, dachte sich Charlotte Lebenslust angesichts des Verhaltens der Menschen auf der grünen Wiese. War wirklich allein die Sommerhitze daran schuld, daß die Menschen ihre Kleidung ebenso abgelegt hatten, wie jede Form des Anstands. Kaum anzunehmen.

Angeekelt von den Dingen die sie vor sich sah, öffnete Charlotte ihren Sonnenschirm und schloß nun demonstrativ den obersten Knopf der Bluse. Es war an der Zeit dem allgegenwärtigen Sittenverfall die Stirn zu bieten. Noch heute würde sie ihr lange gehegtes Vorhaben umsetzen und den "Orden zur Rückbesinnung auf Sittlichkeit, Anstand und Rechtschaffenheit" - kurz OzRaSAuR - gründen. Charlotte stand auf, zupfte ihren Rock zurecht, klappte den Liegestuhl zusammen und machte sich auf den Weg zu dem Programmierer Abdul-Rüdiger Wedeknecht. Noch heute Abend würde der Ehrenkodex von OzRaSAuR im Internet veröffentlicht werden. Alle die wie Charlotte Lebenslust dachten, sollten endlich erfahren, daß sie nicht allein standen.

Klopf, klopf.

Abdul-Rüdiger: Mh * ...
* Was in diesem Tonfall bei Abdul-Rüdiger soviel bedeutete wie: Herzlich Willkommen, Charlotte. Wir haben uns ja schon lange nicht mehr gesehen. Tritt doch bitte ein und nimm Platz. Ich freue mich sehr über deinen Besuch. Wie geht es dir? Kann ich etwas für dich tun?

Charlotte: Es ist soweit!

Abdul-Rüdiger: Mhh * ...
* Was in diesem Tonfall bei Abdul-Rüdiger soviel bedeutete wie: Gut. Dann leg dich schon mal auf den OP-Tisch. Ich öffne dir gleich die Schädeldecke und hole dein Hirn heraus. Keine Sorge. Da bin ich Profi. Dir kann dabei absolut nichts geschehen. Das läuft alles so fix ab, daß dein Hirn das überhaupt nicht mitkriegt. Sofort nachdem der 3D-Scan gemacht ist, packe ich es wieder in deinen Schädel zurück.

Charlotte: Ich weiß, ich habe das schon sehr oft gefragt – aber bisher war das ja immer nur rein theoretisch – heute jedoch wird es ernst. Also frage ich dich ein weiteres Mal. Ist das mit dem Entnehmen des Hirns wirklich notwendig? Versteh das bitte nicht falsch, du weißt, wie sehr ich von deinen Fähigkeiten als Programmierer überzeugt bin ...

Abdul-Rüdiger: Mh mh * ...
* Was in diesem Tonfall bei Abdul-Rüdiger soviel bedeutete wie: Mittels 3D-Scan kann ich eine virtuelle Figur mit einer künstlichen Intelligenz programmieren, deren Verhaltens-, Denk- und Sprachmuster exakt den deinen entsprechen. Diese Kopie deines Geistes kann an jedem Computer dieser Erde aufgerufen werden und sich dank meiner Universalübersetzungssoftware in allen bekannten Sprachen verständigen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Da sollte es doch nun wirklich keine große Sache sein, wenn ich dir für ein paar Sekunden das Gehirn aus dem Kopf hole. Das haben wir doch schon tausend Mal besprochen - und ich dachte du hättest dich jetzt endlich dazu durchgerungen es zu tun? Warum bist du denn sonst hier?

Charlotte: Du hast ja recht. Also gut. Ich tue es.

Abdul-Rüdiger: Mm * ...
* Was in diesem Tonfall bei Abdul-Rüdiger soviel bedeutete wie: Herrgott Sackra, was sollen nur immer diese ewig langen Diskussionen.

Entgegen der gemachten Aussage, gelang es Abdul-Rüdiger Wedeknecht nicht das Gehirn von Charlotte Lebenslust wieder mit deren Körper zu vereinigen. Eine Fliege hatte ihn in der Konzentration gestört. Charlotte verstarb.
Allerdings gelang Abdul-Rüdiger ein wunderschöner 3D-Scan. Auf dessen Basis er eine virtuelle Figur mit der digitalisierten Hirnstruktur von Charlotte erstellen konnte.
Um durch das unvorhergesehene Ableben von Charlotte nicht in Schwierigkeiten mit der Polizei zu geraten, beseitigte Abdul-Rüdiger die sterblichen Überreste seiner Bekannten in einem Säurebad.
Während er sich ansah wie der Körper von Charlotte sich langsam auflöste, brummelte er ein leises "Mh". Was in diesem Tonfall bei Abdul-Rüdiger soviel bedeutete wie: So richtig rund lief das heute nicht.

572 Jahre und 3 Nuklearkriege später.

Jeremias Klüngel war gerade zum Oberhaupt des OzRaSAuR gewählt worden. Der Mann der bisher seinen Lebensunterhalt als Verkäufer von Erdbeerforellen verdiente, war damit jetzt einer der mächtigsten Männer des gesamten Erdballs. Das hatte die Lotteriekugel so entschieden. So wie die Lotteriekugel sämtliche wichtigen Entscheidungen traf – denn alle noch auf dem Planeten lebenden Menschen stimmten darin überein, dass eine nach dem Lotterieprinzip getroffene Entscheidung, im Vergleich zu allen Regierungs- und Ordnungssystemen, welche man aus der Menschheitsgeschichte kannte, die effektivste Form der Entscheidungsfindung darstellte. Allerdings musste die Wahl des neuen Ordensoberhaupts noch von dem Abbild der Ordensgründerin bestätigt werden.

Der OzRaSAuR verkörperte das alleinige religiöse, politische und finanzielle Glaubenszentrum der aktuellen Zeitepoche. Andere Religionen, Staatsformen oder Wirtschaftssysteme gab es nicht mehr. Der Mensch hatte ihr Unruhepotential endlich erkannt und sie allesamt abgeschafft. Einzig der OzRaSAuR war für das Gemeinschaftswohl als ungefährlich eingestuft worden.

Nach seiner ordnungsgemäßen Wahl war es Jeremias als einzigem Menschen erlaubt, in direkten Kontakt mit dem Abbild der Ordensgründerin zu treten. So stand er nun in einer großen Halle in deren Mittelpunkt sich ein Datenverarbeitungsgerät mit Touchscreen befand. Voller Ehrfurcht lief er auf das Gerät zu. Hier und jetzt entschied sich seine berufliche Zukunft. Entweder verliess er diesen Raum als Oberhaupt des OzRaSAuR oder er war bald wieder ein ganz gewöhnlicher Verkäufer von Erdbeerforellen.

Gerät: Hallo Jeremias Klüngel. Sei doch bitte so nett und berühre den Monitor an der Stelle, auf der die Worte "Kontakt herstellen" stehen.

Jeremias: Mh * ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Ja.

Gerät: Vielen Dank. Ihre Ansprechpartnerin wird in wenigen Augenblicken erscheinen. Möchten sie während der Wartezeit vielleicht ein Getränk zu sich nehmen?

Jeremias: Mhh * ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Eine Tasse heißen Erdbeersaft aufgeschäumt mit etwas Vanillesahne würde ich nicht ablehnen.

Gerät: Ich bedauere. Heißer mit Vanillesahne aufgeschäumter Erdbeersaft ist im Moment bedauerlicher Weise aus. Kann ich sie vielleicht mit einer anderen Köstlichkeit erfreuen – möglicherweise mit einem kleinen Snack?

Jeremias: Mm * ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Gibt es noch gedünstete Erdbeerforellen?

Gerät: Leider nein.

Jeremias: Mm Mh * ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Erdbeerbrezeln?

Gerät: Bedauere.

Jeremias: Mhh hm * ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Erdbeergurken?

Gerät: Gestern ging die letzte raus. Sie müssen dazu wissen, dass ich meine Speisen und Getränke aus den Beständen der hauseigenen Kantine beziehe – und wenn dort etwas ausverkauft ist, kann ich es ihnen hier natürlich nicht auftischen.

Jeremias: Hm * ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Vielleicht wäre es dann einfacher, wenn sie mir sagen würden, was noch im Angebot ist.

Gerät: Das widerspricht meiner Programmierung.

Jeremias: Mm mmh * ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Dann verzichte ich auf ein Getränk oder einen Snack.

Gerät: Wenn sie meinen ... Aber sagen sie später nicht, ich hätte ihnen nichts angeboten.

Jeremias: Mh hmh * ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Ist recht. Muss ich eigentlich noch lange warten?

Gerät: Das Abbild der Ordensgründerin sollte gleich erscheinen. Haben sie bitte noch einen kurzen Moment Geduld.

Eine Erdbeerfliege umkreiste den Kopf von Jeremias und liess sich auf dem Monitor des Datenverarbeitungsgeräts nieder. Nach der Landung reinigte das Tier seine Flügel. Jeremias hasste diese Viecher. Daran änderte auch der Umstand nichts, dass die Fliegen nach Erdbeeren dufteten. Mit dem Geruch und dem Geschmack von Erdbeeren, konnte man nun einmal nicht alles erträglich machen, auch wenn die Wissenschaftler da anderer Meinung waren. Wissenschaftler. Seltsame Typen. Nach dem letzten Krieg lag nahezu alles komplett in Schutt und Asche. Über allem hing der Geruch einer verbrannten Welt. Die Wissenschaftler begannen nach einem Mittel zu suchen, durch welches sie den Überlebenden der Katastrophe das Leben erträglicher machen konnten. Sie fanden eine Lösung. Kreuzten alle erdenklichen Objekte und Lebewesen mit Erdbeeren. Warum Erdbeeren? Alle Überlebenden mochten Erdbeeren. Ausnahmslos. Außerdem hatte der letzte Krieg den Erdbeerpflanzen kein bisschen geschadet, sondern ihre Verbreitung sogar erhöht. Erdbeeren wuchsen überall. Sie wuchsen während des gesamten Jahres – und sie wuchsen in rauen Mengen. Ohne Erdbeeren war das Leben heutzutage gar nicht mehr möglich. Erdbeeren bildeten den Rohstoff für alles was die Menschen benötigten.
Doch Erdbeerfliegen konnte Jeremias absolut nichts abgewinnen. Voller Abscheu betrachtete er das kleine Wesen vor sich. Langsam hob Jeremias den Arm. Die Fliege sollte nicht erschreckt werden und davon fliegen. Deshalb musste Jeremias sehr behutsam vorgehen. Er beabsichtigte das Tier mit dem ersten Schlag zu töten.

Abbild der Ordensgründerin: Ihr werdet doch wohl nicht etwa diese kleine Fliege erschlagen wollen, Jeremias Klüngel?

Jeremias war sehr konzentriert. Er hatte nicht bemerkt, wie vor ihm das Abbild der Gründerin des OzRaSAuR erschienen war.

Jeremias: Hm hm * ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Eigentlich schon. Doch durch euere Anwesenheit ändert sich die Situation für mich jetzt grundlegend. Ich nehme Abstand von meinem ursprünglichen Vorhaben und widme euch meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Verfügt über mich.

Abbild der Ordensgründerin: Das möchte ich euch auch geraten haben, Jeremias Klüngel. Aber allein schon, dass ihr den Gedanken in euch getragen habt diese Erdbeerfliege zu töten, lässt mich darin wanken, euch tatsächlich zum obersten Diener meines Ordens zu machen. Kleine Tierchen tot zu schlagen schickt sich nämlich nicht. So etwas kann schlimme Folgen haben, wie ich vor langer Zeit selbst erfahren musste.

Jeremias: Mhm * ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Könnten sie vielleicht ein klein wenig präziser in ihren Formulierungen werden. Von welchen schlimmen Folgen sprechen sie? Wenn mir ihre Worte eine Lehre vermitteln sollen, müssten sie mir das schon noch ein bisschen genauer erklären.

Abbild der Ordensgründerin: Genauer erklären?

Jeremias: Hmmm * ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Ja, ich denke das sollten sie schon. Es sei denn, sie haben bereits entschieden, mich doch nicht zum Ordensleiter zu ernennen. In dem Fall würde ich dann jetzt wieder gehen.

Abbild der Ordensgründerin: Vielleicht sollte ich das wirklich genauer erklären. Ich habe mich damit schon lange nicht mehr sonderlich intensiv auseinandergesetzt. Vielleicht war das ein Fehler. Ja, ich werde ihnen genauer erklären, welche schlimmen Folgen es für mich hatte, als ich ein kleines Tierchen totschlug. Danach sind meine Gedanken sicherlich wieder besser geordnet und ich werde mich DANN entscheiden, ob ich ihnen die Ordensleitung übertrage, oder ob es eine weitere Lotterieziehung geben wird.

Jeremias: Mh Mh hhhmmm hmmm Hmmmh hhhhmhm * ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Mh.

Abbild der Ordensgründerin: Vor langer Zeit, ich war noch ein Mensch aus Fleisch und Blut, da holte ich mir ein Stück Käse aus dem Kühlschrank.

Jeremias: Hh hmm * ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Äh ... Was bitte schön ist ein Kühlschrank?

Abbild der Ordensgründerin: Unwichtig. Vergiss den Kühlschrank. Außerdem halte ich es für Verachtenswert, wenn man mich in der Rede unterbricht, Jeremias Klüngel. Wichtig ist, dass ich beabsichtigte ein Stück Käse zum Frühstück zu essen.

Jeremias: Hm m * ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Sie meinen sicher, sie wollten ein Stück Erdbeerkäse zum Frühstück essen.

Abbild der Ordensgründerin: Erdbeerkäse gab es damals noch nicht, Jeremias Klüngel. Und ungehöriger Weise wurde ich nun bereits zum zweiten Mal unterbrochen. Das wiegt schwer.

Jeremias: Mmmh * ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Vergebt mir, ehrwürdiges Abbild der Ordensgründerin, doch ich bin nur ein einfacher Erdbeerforellenverkäufer, der versucht die Tiefe euerer weisen Worte zu ergründen. Da komme ich nicht umhin euch vielleicht unbedeutend erscheinende Kleinigkeiten zu hinterfragen.

Abbild der Ordensgründerin: Wohl gesprochen Jeremias Klüngel. Aber haltet ihr die Annahme, die hinter eueren Worten steckt nicht für arg vermessen. Die Annahme nämlich, ich könnte nicht beurteilen welche intellektuellen Fähigkeiten ich bei meinen Ordensleuten voraussetzen darf und welche nicht.

Jeremias: Mhhmm * ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Niemals würde ich euch so etwas unterstellen wollen, erhabenes Abbild der Ordensgründerin. Gewiss ist nichts von dem was ich zu denken oder sprechen vermag in der Lage sich mit eueren Erkenntnissen auf eine Stufe zu stellen. Deshalb bitte ich einfach nur untertänigst darum, weiter meine simplen Fragen vorbringen zu dürfen. Stellt es meiner Geschwätzigkeit zu lasten. In euerer Großmut könnt ihr mir diese Schwäche sicher verzeihen.

Abbild der Ordensgründerin: Ich finde gefallen daran, Jeremias Klüngel, wie euere Worte mich umschmeicheln. Weitere Unterbrechungen sind euch gestattet.

Jeremias: Hmm * ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Ergebensten Dank, Abbild der Ordensgründerin. Ich bitte euch, führt euere Rede fort. Doch zuvor erlaubt mir noch eine Frage. Ihr spracht davon, dass es zur Zeit der Geschichte noch keinen Erdbeerkäse gab. So lange liegt das Geschehene schon zurück?

Abbild der Ordensgründerin: Jawohl, Jeremias, so lange liegt das schon zurück. Und Erdbeerfliegen gab es damals auch noch nicht. Es gab damals noch Fliegen ohne Erdbeerduft.

Jeremias: Mm hmm * ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Die gab es?

Abbild der Ordensgründerin: Die gab es. Und genau so eine Fliege unterbrach mich in dem Vorhaben ein Stück Käse zu essen.

Jeremias: Hm hmmm * ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Diese Fliegen ohne Erdbeerduft – waren die genauso lästig wie die Fliegen mit Erdbeerduft von heute?

Abbild der Ordensgründerin: Genauso. Sie flog mir ständig um den Kopf. Liess sich nicht verscheuchen. Ich wurde sehr wütend.

Jeremias: Hh hmm * ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Das kann ich sehr gut verstehen. Erdbeerfliegen machen mich auch immer wütend.

Abbild der Ordensgründerin: Als sich mir endlich eine Gelegenheit bot, schlug ich die Fliege tot.

Jeremias: Mhm * ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Bravo! Das hätte ich ebenso getan. Warum dann aber wurden sie so böse, als ich eine Erdbeerfliege töten wollte. Ich WOLLTE die Erdbeerfliege ja nur töten, sie aber HABEN eine Fliege getötet.

Abbild der Ordensgründerin: Gehe nicht zu weit in deinen Worten, Jeremias Klüngel. Erzürne mich nicht, sondern gedenke, das alles geschah vor langer Zeit. Es war die erste und einzige Fliege, die durch mich gestorben ist. Diese Erdbeerfliege die ihr vorhin habt töten wollen, Jeremias Klüngel – das war doch sicherlich nicht die erste Erdbeerfliege die euch unter gekommen ist. Ich kann doch wohl davon ausgehen, dass ihr vorher schon mal eine oder vielleicht auch mehrere getötet habt?

Jeremias: Hm hm * ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Das könnt ihr.

Abbild der Ordensgründerin: Na also. Ich bereue meine Tat von einst außerordentlich. Denke heute, das es ein sehr schlimmer Fehler war das Tierchen getötet zu haben. Denn sofort danach, klingelte es an meiner Tür. Ich bin mir sicher, dass es nicht an der Tür geklingelt hätte, wenn die Fliege nicht von mir ermordet worden wäre. Sehr sicher. Ich habe dazu mehrere Wahrscheinlichkeitsberechnungen durchgeführt, die meine Theorie allesamt unterstützten.

Jeremias: Mmmh hm* ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Was war so schlimm an dem Klingeln?

Abbild der Ordensgründerin: An dem Klingelton selbst war ganz und gar nichts schlimmes, Jeremias Klüngel. Schlimm war, was sich nach dem klingeln ereignete.
Als ich die Tür aufmachte, stand da nämlich ein Postbote. Meiner Ansicht nach etwas zu füllig für seine Dienstuniform und recht unfreundlich im Auftreten. Er brachte mir ein freudlos gebrummeltes "Morgen" entgegen. Drückte mir einen Briefumschlag in die Hand. Nicht einmal in die Augen sah er mir dabei. Selten zuvor war mir so früh am Morgen größere Dreistigkeit entgegengebracht worden. Ohne jede auch nur ansatzweise für den ungehörigen Postboten erkennbare Gefühlsregung nahm ich den Brief an. Anschließend schlug ich ihm die Tür vor der Nase zu.
Der Briefumschlag enthielt eine Einladung. Ich machte mich sofort auf den Weg. Folgte der Einladung. Weshalb ich das tat, vermag ich heute nicht mehr zu sagen. Vielleicht hing es einfach mit der Gelegenheit zusammen, eine Reise unternehmen zu können. Dem hier und jetzt zu entfliehen. Die Wochen davor musste ich viel arbeiten, verbrachte viel Zeit mit schlimmen Menschen.
Mit der Bahn fuhr ich zum Hafen. Von dort ging es mit dem Schiff weiter. Die erste Schiffsreise meines Lebens. Es gab viel Zeit nachzudenken. Ich erinnerte mich an Träume und Hoffnungen aus jüngeren Jahren. Verliess die Kabine nicht ein einziges Mal. Nachdem das Schiff am Ziel meiner Reise vor Anker gegangen war, ging ich von Bord. Wie in der Einladung angekündigt, wurde ich von einer Kutsche mit Pferdegespann erwartet. Der schmutzige Kutscher lud mein Gepäck, viel war es nicht, auf. Etwa eine Stunde dauerte die äußerst ungemütliche Fahrt.
Die Kutsche hielt an und ich stieg aus.
Dort gab es eine große Zahl weiterer Gäste, was mich sehr überraschte, weil es darauf in der Einladung keinen Hinweis gegeben hatte. Keiner der Menschen kam mir bekannt vor. Ich begann mich zu Fragen, ob es nicht besser gewesen wäre daheim zu bleiben.
Es war dunkel und feucht. Der Boden eine einzige Schlammgrube. Kälte zog mir in die Glieder. Fackeln brachten ein wenig Licht in die Nacht. Ordnungsleute führten uns zu einem alten Holzschuppen, der von außen an einen großen Pferdestall erinnerte. Unterwegs versuchte ich von den anderen Gästen zu erfahren, ob sie mehr über den Grund ihrer Einladung wussten. Doch sie wussten ebenso wenig wie ich. Sie seien der Einladung eben einfach gefolgt, entgegneten sie mir.
Wir wurden in das Innere des Schuppens geführt. Dort gab es unzählige Bettgestelle auf denen gefüllte Strohsäcke lagen. Eine unschöne Vorahnung stieg in mir auf. An der Wand hing hinter jedem Bett ein Schild mit einem Namen darauf. Vor- und Nachname. Wie sich zeigte, stimmten die Namen auf den Schildern mit den Namen der Menschen die mich umgaben überein. Einer der Ordnungsleute führte mich in freundlich bestimmte Ton zu meinem Bett. Auf die Frage, ob er mir wohl mehr darüber erzählen könne, welchen Zweck dies alles habe, schüttelte er den Kopf. Ob er nichts wusste, nichts sagen durfte oder nichts sagen wollte, blieb mir verborgen. Mir wurde unwohl. Wohin war ich hier nur geraten.
Trotz enormer Abscheu vor der zugewiesenen Schlafstätte ging ich zu Bett. Wollte die Gedanken in meinem Kopf ordnen, etwas Ruhe finden. Die anderen Gäste schienen mit ihrer Situation kein Problem zu haben. Es waren wohl sehr einfache Menschen mit schlichten Gemütern.
Plötzlich erschien der Geist der Fliege, die ich unlängst getötet hatte und sprach mich an.

Fliege: So, das hast du nun davon. Hättest du mich nicht erschlagen, müsstest du jetzt nicht hier unter all diesen Menschen auf dem unbequemen Bett liegen.

Charlotte: Erzähl mir doch so etwas nicht. Nie und nimmer steht das mit deinem Tod zusammen.

Fliege: Mord war es. Und einen Zusammenhang gibt es doch. All die vielen kleinen Dinge des Lebens stehen in größerem Zusammenhang, als dir bewusst ist. Lerne das zu verstehen, sonst wird es ein böses Ende mit dir nehmen.

Charlotte: Ich werde mir doch nicht von dem Geist einer toten Fliege erzählen lassen, wie ich mein Leben zu leben habe. Du bist doch nur ein dummer kleiner Alptraum.

Fliege: Ein Alptraum bin ich wohl. Doch einer, der dir einen besseren Weg aufzeigen möchte. Na ja, vielleicht ist Alptraum das falsche Wort, wenn ich es recht bedenke. Könnten wir uns darauf einigen, dass ich dein schlechtes Gewissen bin?

Charlotte: Nein! Ich lebe in Reinheit mit mir. Mein Dasein ist von Sittlichkeit, Anstand und Rechtschaffenheit geprägt. Ich habe mir absolut nichts vorzuwerfen.

Fliege: Sehen das die anderen ebenso?

Charlotte: Welche anderen? Ich lebe allein!

Fliege: Mich zum Beispiel hast du immerhin erschlagen. Das war nicht gerade sonderlich anständig.

Charlotte: Es war auch nicht sonderlich anständig von dir, mich zu stören als ich ein Stück Käse essen wollte.

Fliege: Rechtfertigt das etwa einen Mord?

Charlotte: Nun aber halblang, immerhin bist du nur eine Fliege. Obwohl ... jetzt bist du ja sogar nur noch eine tote Fliege. Nein, nicht einmal das bist du.

Fliege: Dennoch unterhalten wir uns.

Charlotte: Das ist das dumme an Alpträumen. Man entkommt ihnen nicht so leicht.

Fliege: Ebenso wenig wie der eigenen Selbstgerechtigkeit und Selbstgefälligkeit.

Charlotte: Aha, das wirfst du mir also vor. Da befindest du dich in großer Gesellschaft.

Fliege: Ich weiß.
Ich öffnete meine Augen.

Nach einer Weile stand ich auf und schlich im dunkeln zu dem Tor, durch welches ich in diesen Schuppen hineingeführt worden war. Das Tor liess sich öffnen und ich lief an die frische Luft. Eine angenehm kühle Nachtluft empfing mich. Es regnete leicht. Keine Menschenseele war in der Dunkelheit zu sehen. Ich spazierte an einem Zaun entlang, der mich auf eine Anhöhe mit einer Hütte führte. Vor der Hütte brannte eine Öllampe. Ein Mann saß an einem Tisch und bearbeitete mit einem Messer ein Holzstück. Als er mich näher kommen sah, legte er Holz und Messer auf dem Tisch ab und erhob sich. Etwas an ihm erinnerte mich an jemanden, den ich früher gekannt hatte.

Mann: Guten Abend, sie müssen Charlotte Lebenslust sein.

Charlotte: Die bin ich. In der Tat. Woher wissen sie das?

Mann: Ich habe sie hierher eingeladen.

Charlotte: Dann können sie mir sicher auch erklären, weshalb sie das getan haben.

Mann: Es war der letzte Wunsch meines verstorbenen Bruders.

Charlotte: Den kann ich dann ja wohl nicht mehr nach seinen Beweggründen fragen. Können sie mir weiteres sagen?

Mann: Er hat sie mir genau so beschrieben, wie ich sie gerade erlebe.

Charlotte: Dann kannte er mich also?

Mann: Und sie ihn.

Charlotte: Wenn sie mir seinen Namen nennen, erinnere ich mich bestimmt.

Mann: Max.

Charlotte: Max? Ich kenne keinen Max.

Mann: Max Grundtaler.

Charlotte: Oh!

Mann: Na also.

Charlotte: Max ist tot?

Mann: Darum sind sie hier.

Charlotte: Verstehen tue ich diesen Zusammenhang noch nicht. Sie müssten mir da schon noch etwas mehr erzählen.

Mann: Sie waren die Liebe seines Lebens.

Charlotte: Das liegt doch schon so lange zurück.

Mann: Er hatte nur dieses eine Leben.

Charlotte: Dieses Schicksal teilen wir alle mit ihm.

Mann: Warum so aggressiv?

Charlotte: Ich habe gerade mit dem Geist einer Fliege gesprochen, die ich vor wenigen Tagen erschlagen hatte – kurz bevor ich ihre Einladung erhielt.

Mann: Seltsam. War eine Fliege nicht auch dafür verantwortlich, dass sie und Max sich kennenlernten?

Charlotte: Stimmt. Ist doch ziemlich merkwürdig – oder? Sind das wirklich nur Zufälle?

Mann: Sie kamen gerade aus einer Vorlesung und hatten beide Arme voller Bücher.

Charlotte: Er hat ihnen das erzählt?

Mann: Dann setzte sich eine Fliege auf ihre Nase.

Charlotte: Und ich habe furchtbare Grimassen geschnitten, um das Tier zu vertreiben.

Mann: Durch die Grimassen ist Max auf sie aufmerksam geworden.

Charlotte: Eigentlich besuchten wir schon lange die gleichen Kurse, aber zuvor hatte keiner von dem anderen je Notiz genommen.

Mann: Er kam näher und verscheuchte die Fliege.

Charlotte: Danach waren wir bis zum Ende des Studiums ein Paar.

Mann: War nicht sogar eine Hochzeit geplant?

Charlotte: Zeitweise. Hat er ihnen auch erzählt, weshalb wir uns trennten?

Mann: Er sagte, er wüsste es nicht. Sie hätten ihn ohne ein Wort zurück gelassen.

Charlotte: Wir hätten nie zusammen kommen dürfen. Wir waren zu verschieden. Max war zu unbeständig. Nie pünktlich. Hielt nie was er versprach. Ging auf jede Party. Saugte das Leben auf. Ich war das Gegenteil davon.

Mann: Er wollte sich für sie ändern.

Charlotte: Zwanzig Mal am Tag. Anfangs glaubte ich ihm das noch. Doch er änderte sich nicht. Also machte ich Schluss.

Mann: Danach hat er sich verändert. Vollkommen.

Charlotte: Davon wusste ich nichts.

Mann: Wenige Tage bevor er von seiner Krankheit erfuhr, wollte er ihnen den neuen Max vorstellen. Er hatte gehofft sie könnten dann endlich eine Familie werden.

Charlotte: Ich dachte er hätte mich vergessen.

Mann: Er hat ihren Werdegang aus der Ferne Tag für Tag beobachtet. Wollte erst dann wieder Kontakt zu ihnen aufnehmen, wenn er sicher sein konnte, dass sie ihm seinen geänderten Lebenswandel einfach glauben mussten. Er arbeitete wie besessen daran, unumstössliche Beweise zu schaffen.

Charlotte: Wie hätte ich das ahnen können?

Mann: Die Reise zu ihnen war schon gebucht. Dann erhielt er von seinem Arzt die Nachricht, dass er nicht mehr lange zu Leben hatte. Er sagte die Reise ab.

Abbild der Ordensgründerin: Nach der Beerdigung fuhr ich zurück nach Hause. In meiner Wohnung hielt ich es nicht lange aus. Es war ein heißer Sommer. Ich ging oft in den Park. Sah dort Menschen die ihr Glück gefunden hatten. Mir wurde bewusst, dass ich mein Glück in dieser Welt nicht mehr finden würde. Ich begann die Menschen um mich her immer mehr zu verachten. Ersann eine Welt, die nach meinen Regeln funktionierte. Eine perfekte Welt. Ersann den OzRaSAuR. Doch das was davon heute übrig ist, hat nur wenig mit dem zu tun wonach ich strebte. Das Leben lässt sich eben nicht so formen, wie man das gerne hätte. Schade eigentlich.

Jeremias: Hmmmh * ...
* Was in diesem Tonfall soviel bedeutete wie: Und was bedeutet das für mich?

Abbild der Ordensgründerin: Ich ernenne dich hiermit zum Oberhaupt des OzRaSAuR. Aber versprich mir bitte in Zukunft keine Erdbeerfliegen mehr zu töten.

Jeremias: Ich werde mir Mühe geben!

Abbild der Ordensgründerin: Das ist gut. Mehr kann ich nicht verlangen.

30.11.2008 20.00 Uhr