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Geschichte vom 15.06.2008:

Knappe und König

König: Vor der Ameise ragte ein gigantischer Steinhaufen aus dem Erdreich. Gestern hatte es den hier noch nicht gegeben. Wieso war er heute da? Die anderen Ameisen liefen links und rechts an dem Steinhaufen vorbei. Einige machten sich daran ihn zu besteigen. Nur unsere Ameise tat nichts dergleichen. Sie blieb vor dem Hindernis wie angewurzelt stehen. Wusste nicht, was zu tun war. Ein Vogel tauchte schliesslich hinter ihr auf und frass sie.

Er legte eine kurze Pause ein.

König: Manchmal fühle ich mich wie diese Ameise sich gefühlt haben muss, bevor der Vogel sie verspeist hat. Alle um mich herum versuchen mit den Widrigkeiten des Alltags klar zu kommen. Wenn sie ein Problem erkennen, schlagen sie die entsprechende Richtung ein, um es zu lösen. Ich tue das nicht. Ich versinke in Grübelei und Untätigkeit. Vielleicht ist dieses Bild aber zu abstrakt. Immerhin wird hier die Gefühlswelt eines Menschen auf eine Ameise übertragen. Möglicherweise wäre eine Ameise mit so etwas ganz und gar nicht einverstanden. Im nach hinein betrachtet, erscheint mir folgende Darstellung zweckdienlicher.
Man stelle sich eine Warteschlange an einer Bäckereitheke vor. Mit sich selbst als einem der Wartenden darin. Alle Menschen vor einem werden der Reihe nach bedient. Dann kommt man selbst dran. Doch statt als Nächster bedient zu werden, blickt die Verkäuferin fragend in die Runde und spricht davon die Übersicht verloren zu haben - der Nächste solle sich doch nun einfach zu Wort melden. Ist man selbst derjenige, der in diesem Augenblick den Mund aufmacht - oder ist man derjenige, der erst schweigt und sich später über den Typen ärgert, der den Mund aufgemacht hat.
Der Typ der sich gemeldet hat, hat selbstverständlich auch gerade noch das letzte Stücklein Bienenstich erhalten. Und war es nicht so, dass man selbst die Bäckerei ausschliesslich deshalb betreten hatte, weil man ein Stück Bienenstich hatte kaufen wollen? Dumm gelaufen, würden einige nun sagen. In meinem Leben geschehen solche Dinge andauernd.

Knappe: Aber mein König, ihr seid doch der König.

König: Ich weiss das und du weisst das. Aber mein Volk weiss es nicht. Die Leute kennen mich einfach nicht. Wenn ich mit Mantel, Krone und Zepter durch die Straßen laufe, verspotten sie mich. Darum gehe ich nur noch in ziviler Kleidung aus dem Haus. Ach hätte ich doch nur einen herrschaftlichen Landsitz und einen getreuen Hofstaat.

Knappe: Ihr habt mich. König: Das stimmt. Doch ich habe NUR dich. Niemand nimmt einen König ernst, der nur EINEN Knappen hat.

Knappe: Ich würde mein Leben für euch geben, mein König.

König: Ich weiss mein Getreuer - und ich bete dafür, dass dies nie geschehen möge. Denn wenn dieser Fall eintritt, stehe ich völlig alleine da.

Knappe: Entschuldigt diese Frage, aber warum eigentlich ist das so? Warum habt ihr keinen herrschaftlichen Landsitz und warum besteht euer Hofstaat allein aus mir?

König: Einer meiner Vorfahren, König Otmar der Sechzehnte verfügte das so im Jahre 1137. Er hielt das damals einfach für wahnsinnig "cool". Das war schon ein komischer Typ. Auf König Otmar ist übrigens auch die Einführung des Wortes "cool" zurück zu führen. Von ihm stammt diese Wortschöpfung.

Knappe: Ich dachte immer das Wörtchen "cool" wäre aus Amerika zu uns rüber geschwappt - und es sei noch sehr jung.

König: Das denken viele. Dennoch sieht die Wahrheit anders aus. Habe ich dir davon wirklich noch nie etwas erzählt?

Knappe: Nicht das ich wüsste. Aber mit meinen 96 Jahren kann ich mich auf mein Gedächtnis auch nicht mehr allzu gut verlassen.

König: 96 bist du schon. Herrje.

Knappe: Wie alt seid ihr eigentlich, mein König?

König: Ich glaube so Mitte 30. Ungefähr zumindest. Denkst du manchmal über den Tod nach?

Knappe: Ich mache mir grössere Sorgen um euch.

König: Das ist brav so. Doch soweit ich weiss, hast du noch keine leiblichen Nachkommen.

Knappe: Das stimmt.

König: In deinem Fall ist das meiner Ansicht nach jedoch wesentlich gravierender. Denn, wie du weisst, darf ich nur über einen Knappen gebieten, der aus deiner Blutlinie stammt.

Knappe: Ist das ebenfalls auf König Otmar zurück zu führen?

König: Das hat er in der Tat so verfügt. Und nach einer alten Prophezeiung steigt er aus seinem Grab empor, wenn die Gebote nicht eingehalten werden. Dem amtierenden König soll er dann gehörig die Leviten lesen.

Knappe: Klingt ja furchtbar.

König: In der Tat. Ich wäre nur äusserst ungern derjenige, den dieses Schicksal trifft.

Knappe: Davor müsst ihr unbedingt bewahrt werden. Ich werde alles in meinen Kräften stehende unternehmen, um das zu verhindern.

König: Dann sind wir uns einig. Du musst jetzt also möglichst bald Vater werden.

Knappe: Oh!

König: Zier dich nicht so. Soll ich etwa ganz ohne Knappe weiter leben, wenn es dich eines Tages dahin rafft?

Knappe: Natürlich nicht.

König: Das wird aber geschehen, wenn du nicht bald ein Kind zeugst - oder aber ich lasse mir von einem seit mehreren Jahrhunderten Toten Monarchen die Leviten lesen.

Knappe: Sie glauben wirklich der alte Otmar würde zurück kommen?

König: Ich möchte es nicht darauf ankommen lassen. Immerhin war er schon zu seinen Lebzeiten ein völlig durch geknallter Typ. Ich möchte mir lieber gar nicht erst vorstellen, wozu so einer fähig wäre, wenn er heute noch mal die Chance erhielte unter uns Menschen zu wandeln.

Knappe: Verständlich.

König: Schön. Dann suchen wir jetzt eine Frau für dich.

Knappe: Darf ich Wünsche äussern?

König: Hast du nicht gerade eben noch davon gesprochen dein Leben für mich geben zu wollen, wenn es von Nöten ist.

Knappe: Demnach darf ich keine Wünsche äussern?

König: Ich glaube wir sollten dem Herrn danken, wenn dich überhaupt noch eine nimmt.

Knappe: Harte Worte.

König: Den Tatsachen entsprechend.

König und Knappe verliessen alsbald die zwei Zimmer, Küche, Bad Wohnung. Sie machten sich auf den Weg in das Stadtzentrum. Unterwegs sahen die beiden ein junges Mädchen beim Wäsche waschen in einem Waschsalon.

König: Das ging ja flott. Los, Knappe, sprich sie an.

Knappe: Ihr meint ich solle sie direkt darauf ansprechen, ob sie ein Kind mit mir haben möchte?

König: Vielleicht wäre das eine Spur zu direkt. Beginne stattdessen doch lieber mit einem unverbindlichen Gespräch. Frage zum Beispiel nach dem Namen des Waschmittels, welches sie gerade benutzt.

Knappe: Ihr seid wahrhaft gerissen, mein König. Auf eine solche List wäre ich nie und nimmer gekommen.

Der Knappe sprach die Wäscherin an, während der König das Geschehen aus dem Verborgenen beobachtete.

Wäscherin: Das geht euch nix an. Ich werde euch doch nicht so mir nichts dir nichts verraten, womit ich die Schmutzwäsche reinige. Meine Oma hat mir den Tipp gegeben - und ihr wollt mir nun diese Information auf eine derart plumpe Art entlocken? Ich glaub´s ja nicht. Nein, guter Mann. So läuft das nicht. Am Ende kauft ihr mir dann alle Pakete mit dem Waschpulver weg, macht eine Wäscherei auf und verdient damit eine goldene Nase, während ich mir ein neues Waschmittel suchen muss, dass vermutlich nicht einmal halb so gut wie jenes sein wird, welches ich jetzt nutze. Nein, nein und nochmals nein. Verschwindet von hier, bevor ich die Polizei herbei rufe.

Knappe: Aber ich wollte doch unser Gespräch nur mit einem möglichst unverbindlichen Thema beginnen ...

Wäscherin: Natürlich. Wie sollte es auch anders sein. Für wie doof hältst du mich eigentlich? Am Ende erzählst du mir gar noch, du wärest der Knappe eines edlen Königs und möchtest mit mir Kinder haben, um deinen Herren aus einer Notlage zu befreien.

Knappe: Genau. Woher wisst ihr das?

Wäscherin: Willst du mich jetzt völlig für dumm verkaufen?

König: Seid bedacht mit eueren Worten, holde Frau. Ich bin in der Tat ein König und dies ist mein Knappe - und ihr könntet mich in der Tat aus einer Notlage befreien. Mein Knappe ist nämlich schon sehr alt und hat noch keine Nachkommen. Ich darf mir aber nur einen Knappen aus seiner Blutlinie wählen. Weil die Blutlinie meines Knappen jedoch mit seinem Tod endet, stehe ich womöglich schon sehr bald ganz alleine da. Was für einen König eine extrem unangenehme Situation wäre.

Wäscherin: Und woher soll ich wissen, dass ihr ein echter König seid?

König: Hier bitte, lest selbst. In meinem Ausweis steht es.

Wäscherin: Na gut. Das scheint also zu stimmen. Ich habe da aber ein Problem. Ich würde nämlich lieber das Kind eines Königs in mir tragen, als das eines Knappen.

König: Das kann ich schon verstehen. Allerdings bietet mir euer Gedankengang keinen Lösungsvorschlag für MEIN akutes Problem. Darum bitte ich euch folgenden Vorschlag zu überdenken. Wenn ihr das Kind des Knappen ausgetragen habt, kann ich euch ja direkt im Anschluss schwängern. Da spricht laut königlichem Recht absolut nichts dagegen. Im Gegenteil. Ich könnte mir in diesem Fall die ganze zeitraubende Brautschau sparen, die normalerweise für solche Sachen üblich ist. Als König darf ich nämlich nur meine Ehefrau schwängern. So zumindest hat das Otmar der Sechzehnte verfügt. Wir müssten demnach heiraten bevor ich sie schwängere. Wäre diese Vorgehensweise für sie akzeptabel?

Wäscherin: Das Kind des Knappen dürfte ich aber empfangen, auch ohne mit ihm verheiratet zu sein?

König: So ist es. Immerhin gehört er ja zum gemeinen Volk.

Wäscherin: Einverstanden.

Knappe: Dann darf ich euch jetzt ein Kind machen?

Wäscherin: Ja, dann mach mal.

Neun Monate später gebar die junge Frau einen stattlichen Jungen. Der wurde Julius getauft.

Schwere Zeiten kamen danach auf den König zu. Denn direkt nach der Geburt, noch im Kreissaal, forderte die Wäscherin ihre Vermählung mit ihm ein. Zwar hatte die junge Frau inzwischen längst spitz gekriegt, wie es um den König und seine finanziellen Mittel stand, doch hielt sie sich für clever genug, um aus seinem Titel jede Menge Profit für sich selbst herausschlagen zu können. Der einfachste Weg dorthin führte über die Kontrolle sämtlicher geschäftlicher Angelegenheiten. Alles was in Zukunft mit Geld zu tun haben würde, sollte über ihren Schreibtisch laufen. Sollte dem König dies nicht gefallen, würde sie ihn nach der Hochzeit eben vergiften. Neutral betrachtet, wäre das für ihn ein vorzeitiges Ableben ohnehin das beste, befand die ehemalige Wäscherin.

Kaum waren die beiden verheiratet, erdrosselte die junge Frau eines schönen Morgens den alten Knappen, als er vom Markt mit den Brötchen für das Frühstück zurück kam. Ein paar Tage später erkundigte sich der König beiläufig nach dem Verbleib des Knappen. Seine Frau fuhr ihn daraufhin garstig an und nannte den Alten einen Faulenzer und Nichtsnutz, der sich nun wohl endgültig zum Teufel geschert habe. Eine Träne müsse man so einem ganz sicher nicht nachweinen. Des lieben Friedens willen schnitt der König dieses Thema niemals wieder an.

Innerhalb weniger Jahre schaffte die Königin ein ihr würdig erscheinendes Reich. Sie residierte in einem gewaltigen Schloss, welches sie nach eigenen Plänen auf der Spitze des Matterhorns errichten liess. Ihre drei Kinder sassen in den Vorständen der sieben grössten Weltkonzerne. Der König, ihr Gatte, war während einer Radtour im Hunsrück in eine tiefe Schlucht gefallen und tödlich verunglückt. Zwei Tage nachdem er in seinem Testament alle königlichen Rechte vollständig auf seine Ehefrau übertragen hatte. Der Ehrgeiz, die Rücksichtslosigkeit und Boshaftigkeit der Monarchin kannte von da an keine Grenzen mehr. Niemand wagte es mehr sich ihr in den Weg zu stellen. Einzig der junge Julius hatte damit keine Probleme, er bot ihr immer wieder die Stirn - weshalb die Herrscherin ihn bodenlos hasste. Doch wie sehr sie sich auch mühte, sie wurde den Jungen einfach nicht los. Dank glücklicher Fügungen überstand er stets unbehelligt alle von der Mutter eingefädelten Anschläge auf sein Leben. Es schien als wachte eine unsichtbare Macht über ihn.

Julius war das vollständige Gegenstück seiner Mutter. Er lag den ganzen Tag nur auf einer Decke vor dem warmen Ofen in der Küche und stopfte sich alles in den Mund was ihm die Köche zu essen gaben. Er liebte den Müssiggang, konnte den ganzen Tag mit Träumen verbringen. Selten erhob er sich von seinem Lager. Wenn er das aber tat, staunte jeder über ihn - und das nicht schlecht. Julius war ein Riese, wohlbeleibt, stattlich, kräftig; trotz seiner enormen Grösse flink und wendig wie ein Eichhörnchen. Ein ausgesprochen hübscher Kerl dazu.

Einmal hatte die Königin auf dem kleinen Regal über der Lagerstätte des ungeliebten Sohnes unzählige Säcke von Weizenmehl ablegen lassen. Weil die Vorratskammer bis zum bersten voll gewesen war und sie keinen besseren Platz gewusst habe, hatte es geheissen. Stören liess Julius sich dadurch nicht. Etwa 200 Tonnen Weizenmehl lagerten da auf dem dünnen Holzbrettchen über ihm. In der Nacht brach das Regal und alles krachte auf Julius. Regelrecht begraben wurde er darunter. Kurz bevor dies geschah, war die Königin mit einer Säge in der Hand beobachtet worden, wie sie sich heimlich aus einer Seitentür der Küche geschlichen hatte. Als am Morgen die ersten Köche den Raum betraten, läuteten sie sofort die Alarmglocken. Überall in der Küche lag Mehl. Nur dort wo Julius schlief befand sich kein einziges Körnchen. Der Junge hatte von dem Unfall nicht einmal das geringste bemerkt. Wenn der Julius schlief, da schnarchte er so laut und fest, dass ihm solche Dinge nicht auffielen. Durch eben dieses Schnarchen erklärte sich auch, wie er das schlimme Unglück hatte unbeschadet überstehen können. Nachdem der Mehlberg nämlich über ihm zusammengebrochen war, verteilte sein heftiges Ausatmen beim Schnarchen die eine Hälfte des Weizenmehls in der grossen Küche, die andere Hälfte sog er beim Einatmen in seine riesigen Lungen auf. Beim aufwachen hustete er zweimal kurz, ein paar kleine Wölkchen bildeten sich vor seinem Mund und damit war die Sache für ihn auch schon erledigt. Die Anderen säuberten noch die Küche, da döste Julius bereits wieder gedankenverloren vor sich hin.

Offiziell nahm Julius den Rang des obersten und einzigen Knappen der Königin ein. Doch weder er noch die Königin legten wert auf die pflichtgemässe Ausübung des Dienstes. Ihm war die Arbeit zuwider und die Herrscherin wollte ihn nicht in ihrem direkten Umfeld wissen. Sie empfand diesen Kerl als zu absonderlich, zu unkontrollierbar, am Ende würde er gar noch Ansprüche auf ihren Thron geltend machen - immerhin war er ihr erstgeborener Sohn, der erstgeborene Sohn der Königin also. Als solchem wäre ihm ein Anrecht auf den Thron nicht abzusprechen gewesen, wenn er es hätte einfordern wollen - aber ihm dieses Anrecht tatsächlich einzuräumen, das war so ziemlich das letzte auf der Welt, was ihm die Königin hätte einräumen wollen.

Seit frühester Jugend gab es einen Traum den Julius immer wieder durchlebte - in Form einer Fortsetzungsgeschichte. Darin leckte er an einer Kugel Vanilleeis, deren Durchmesser dem eines dreistöckigen Hauses entsprach. Jedes Mal wenn Julius davon träumte hatte er von der Eiskugel etwas mehr weggeleckt. Im Zentrum gab es einen Kern der Aussah wie der eines überdimensionalen Pfirsichs. Manchmal dauerte es recht lange, bis es in der Traumgeschichte weiter ging, denn nicht in jeder Nacht gab es eine Fortsetzung. Es konnte durchaus sein, dass er ein bis zwei Jahre von ganz anderen Dingen träumte. Er hoffte dann, der Traum wäre endlich zu einem Ende gekommen. Eine Hoffnung, die sich stets in beruhigender Weise auf seinen Gemütszustand auswirkte, wann immer sie in ihm aufflammte. Wurde der Traum hingegen von Nacht zu Nacht wieder aufgenommen, weckte das ihn Julius die Befürchtung, dass ihm dadurch etwas mitgeteilt werden sollte. Etwas worauf ihn sein Unterbewusstsein schonend aufmerksam zu machen versuchte. Etwas schlimmes also aller Wahrscheinlichkeit nach. Und dieses schlimme Etwas trieb ihm stets einen heftigen Schauer über den Rücken. Da war es ihm schon lieber, wenn der Traum einfach nicht mehr fortgesetzt wurde, weil dies wiederum ein Hinweis darauf sein konnte, dass der Traum doch keine tiefere Bedeutung hatte. Wenn der Traum so also über einen längeren Zeitraum keine Fortsetzung fand, wie dies in den vergangenen beiden Jahren der Fall gewesen war, sprach Julius ihm jegliche Bedeutung ab. Er hielt den Fortsetzungstraum nun also wieder für ein reines Hirngespinst - und solch einem Hirngespinst beabsichtigte er keine Brücke in die Realität zu bauen. Denn wenn eine Geschichte einfach mitten drin beendet wurde, ohne mit einer erkennbaren Botschaft verbunden zu sein, den Beobachter also in jeder Hinsicht in völliger Ungewissheit zurück liess, dann verdiente es diese Geschichte nach Ansicht von Julius nicht, dass man ihr eine allzu grosse Bedeutung für das eigene Leben einräumte. Das durchforsten des Unterbewusstseins nach möglichen Hinweisen welche die Geschichte in irgendeinen Bezug zur eigenen Persönlichkeit zu stellen vermochten, konnte eingestellt werden. Hatte Julius das Stadium dieser Einsicht erreicht, fühlte er sich glücklich und zufrieden. Allerdings war genau dann auch der Zeitpunkt erreicht, an dem der Traum in der Regel eine Fortsetzung fand.

Im Laufe der Jahre kam immer mehr von dem Kern in der grossen Vanilleeiskugel zum Vorschein. In der Nacht als die Mehlsäcke auf Julius heruntergestürzt waren, hatte er den Kern erstmals in voller Grösse gesehen. Riesig wie Julius selbst war er gewesen. Der junge Mann hatte die unbändige Lust verspürt dieses Ding zu zertrümmern. Nie zuvor in seinem Leben war er von einem derart heftigen Verlangen überkommen worden. Mit den blossen Fäusten hieb Julius auf den Kern ein.

Kern: Los du Anfänger. Zeig was du kannst. Mal sehen wer von uns beiden aus dem härterem Material gemacht ist.

Dann war Julius aufgewacht.

Ein Wachhabender betrat das Gemach der Königin. Er hatte letzte Nacht beobachtet, wie die Monarchin aus der Küche mit einer Säge gekommen war. Mit diesem Wissen beabsichtigte der Mann seine Herrin nun zu erpressen. In einem Gespräch unter vier Augen brachte er sein Anliegen vor. Danach ward er nie mehr gesehen. Aufgebracht liess die Königin Julius holen.

Königin: Wie du weisst, mein Sohn, betrachte ich dich als das Licht meiner Augen. Um so schmerzhafter ist es für mich dir die nächsten Worte kund zu tun.

Julius: Ach komm Mutter, wir beide wissen, dass du keinen Pfifferling auf mich gibst. Spar dir also dieses schöne Gerede. Allen Anwesenden ist unser Verhältnis ja ebenso bekannt.

Königin: Es tut mir weh diese Worte von dir zu hören, wo doch gerade du es besser wissen solltest. Bist nicht gerade du es, den ich hier in meiner Nähe behalten habe, während deine Brüder in der Ferne weilen? Glaube mir, du tust deiner dich liebenden Mutter schweres Unrecht. Ich war wohl viel zu lange viel zu gnädig mit dir. Jedem meiner Untertanen der mich berauben würde, liesse ich den Kopf abschlagen. Dir aber erspare ich dieses Schicksal und spreche eine mildere Strafe aus.

Julius: Wofür willst du mich bestrafen?

Königin: Bist du derart nichts ahnend? Hast du soviel Blut deines Vaters in den Adern, dass du die Wirklichkeit nicht mehr erkennst?

Julius: Ich habe keine Ahnung wovon du sprichst.

Königin: Du hast mich eines grossen Anteils meines Mehlvorrats beraubt. Das niedere Volk macht sich bereits Gedanken darüber, wem ich deiner statt die Schuld anlasten möge. Vor wenigen Minuten erst wurde ich von einer Wache darüber informiert. Davon gejagt habe ich den Mann, als er mir von den Gerüchten erzählte. Verbannt wurde der brave Mann, obwohl ihn doch nur die Ergebenheit zu seiner Königin jene Worte sagen liess. Recht hat er gehandelt - und recht werde nun auch ich handeln. Geh. Verlasse mein Reich.

Julius: So also legst du dir das ganze zurecht. Ich verstehe. Nun denn. Es sei wie es ist. Ich werde gehen.

Königin: Sofort! Julius: Sofort!

Äusserlich rannen der Herrscherin Tränen über das Antlitz. Innerlich vollführte sie einen Freudentanz. Endlich war es ihr gelungen den Dorn aus ihrem Fleisch zu entfernen.

Die kommende Nacht verbrachte Julius im Wald. Er legte sich im dichten Moos unter einer stämmigen Eiche zur Ruhe. Manchmal ging das Leben schon seltsame Wege, dachte der junge Mann. Sein gesamtes früheres Leben erschien ihm nun nur noch wie ein Traum. Wie hatte das geschehen können? Er hatte doch im Grunde genommen gar nichts getan. War das der Fehler gewesen? Hätte er sich gegenüber seiner Mutter offensiver verhalten sollen? Vielleicht gar für seinen eigenen Machtanspruch streiten sollen? Doch weshalb? Der Thron bedeutete ihm nichts. Er hatte andere Pläne. Wirklich? Welche Pläne denn? War es nicht eher so, dass er seine Zeit sinnlos verplemperte? Was tat er denn schon? Vom Leben war er mit wunderbaren Talenten gesegnet worden. Genutzt hatte er die bisher kaum. Fehlte es ihm an Ehrgeiz? Sicherlich. Wenn er daran dachte, wozu seine Mutter durch ihren Ehrgeiz getrieben wurde, war er darüber auch recht froh. Wie sie wollte er nicht sein. Aber mussten alle Herrscher so wie seine Mutter sein? Hätte er an ihrer Stelle nicht viel Gutes bewirken können? Ja, das hätte er. Wären ihm auf dem Weg zur Macht aber nicht alle Ideale ausgetrieben worden? Nicht wenn er sich dagegen gewehrt hätte. Nicht wenn er für die Wahrung seiner Ideale gekämpft hätte. Über all diesen Gedanken bemerkte Julius nicht, wie sein Geist langsam ins Reich des Schlafes hinüber glitt.

Julius: Verdammt. Ich hätte etwas tun sollen. Früher. Jetzt ist alles zu spät. Meine Chancen sind verspielt. Was mache ich nun?

Kern: Schlag zu! Komm schon. Mach. Oder gibst du auch hier klein bei? Bist schon ein ziemlicher Feigling, mein Junge.

Julius: Kannst du nicht die Klappe halten. Ich versuche mir gerade Gedanken darüber zu machen, wie es in meinem Leben weiter gehen soll. Da wird es doch wohl nicht zu viel verlangt sein, wenn ich einige ruhige Minuten haben möchte.

Kern: Jammerlappen! Du hast schon oft genug darüber nachgedacht - und wir beide wissen, was es dir gebracht hat. Tu jetzt endlich mal etwas. Hau mich kaputt. Dann geht es dir anschliessend besser. Glaub mir.

Julius: Wenn du es unbedingt so haben willst!

Mit aller Kraft schlug Julius auf den Kern. Ein Mal. Dann noch ein Mal. Und wieder. Immer wieder. Es schien ihm, als würde er bei jedem Schlag stärker werden. Die neu gewonnene Kraft legte er gleich in den nächsten Fausthieb hinein. Der Kern spaltete sich. Vor Julius stand ein Mann, der ihm in Statur und Anmut nicht unähnlich war.

Otmar: Cool. Endlich hast du es gebracht. Mein Name ist übrigens Otmar der Sechzehnte, ich bin gewissermassen der Typ auf den diese ganze König und Knappe-Sache zurück zu führen ist in der du aufgewachsen bist. Das ganze ist inzwischen ziemlich aus dem Ruder gelaufen, habe ich den Eindruck. Weil ich das Elend vorher gesehen habe, habe ich mich durch dich ins Leben zurück bringen lassen. Wir beide werden jetzt ein Weilchen gemeinsam in deinem Körper verbringen. Nimm es locker.

Julius: Wie das denn? Hey, hättest du mich vorher nicht wenigstens Fragen können?

Otmar: Um deine Entscheidungsfreudigkeit ist es ja nicht besonders gut bestellt. Da habe ich die Sache lieber gleich selbst in die Hand genommen. Lehn dich zurück und lass mich nur machen.

Julius: Machen? Was denn machen?

Otmar: Wir gehen zu deiner Mutter und schlagen ihr den Kopf ab. Das gleiche machen wir dann auch noch mit deinen Brüdern. Am Ende wirst du König. Na, ist das kein toller Plan?

Julius: Und warum machen wir das?

Otmar: Deine Mutter hat gegen meine Regeln verstossen. Ihr einziger Knappe muss aus der Blutlinie stammen, aus der du stammst. Sie hat dich gefeuert und einen anderen Knappen in deine Position nachrücken lassen. Dieser andere Knappe entsprang aber nicht deiner Blutlinie.

Julius: Deshalb müssen vier Menschen sterben?

Otmar: Ja.

Julius: Ist das nicht ein wenig unangemessen?

Otmar: Nein. Regeln sind da um eingehalten zu werden. Wir stellen nur wieder die Ordnung her.

Julius: Ordnung durch Tod?

Otmar: Sieh das doch alles nicht so tragisch. Bleib cool. Bald bist du König. Freu dich darauf.

Julius: So will ich aber nicht König werden.

Otmar: Mit dieser Haltung kommen wir echt nicht weiter. Entweder gehorchst du jetzt, oder ich verdamme dich zum schweigen bis alles geregelt ist.

Julius: Heisst das etwa, du kannst meinen Geist ausknipsen und hast dann die vollständige Kontrolle über meinen Körper?

Otmar: Ich bin ein Geist aus dem Jenseits, Junge. Ich kann so etwas.

Julius: Dann muss ich mich ja wohl fügen. Ich tue das aber unter striktem Protest.

Otmar: Cool.

Mit roher Gewalt verschafften die beiden im Körper des einen sich zutritt in das Schlafgemach der Königin.

Königin: Julius du hier? Ich lasse dich in Ketten legen.

Otmar: Also irgendwie imponiert mir dieses kleine durchtriebene Aas ja schon. Von allen Thronfolgern ist diese Frau die boshafteste und gewissenloseste - und dabei stammt sie nicht einmal von mir ab.

Königin: Wie bitte?

Julius: Das ist jetzt alles echt nicht so, wie es gerade scheint, Mutter.

Otmar: Hallo Königin. Ich bin der Geist von König Otmar dem Sechzehnten. Weil ihr gegen eines meiner Gebote verstossen habt, enthaupte ich euch jetzt.

Königin: Wegen der Sache mit der Blutlinie des Knappen?

Otmar: Genau.

Königin: Verdammt.

Julius: Jeder macht Fehler.

Königin: Stimmt. Ich stell dich wieder als meinen obersten und einzigen Knappen ein und kündige dem derzeitigen Amtsinhaber augenblicklich.

Otmar: So läuft das aber nicht. Ihr beide glaubt wohl, ich lass mich von euch verschaukeln. Aber nicht mit mir.

Otmar ergreift ein Schwert. Dann schlägt er der Königin den Kopf ab.

Otmar: Und nun zu ihren Söhnen.

Julius: Ich glaub das nicht. Du hast das echt getan. Oh mein Gott, mir wird übel.

Otmar: Du wirst dich doch wohl nicht in das Blut deiner Mutter übergeben wollen? So etwas gehört sich nicht.

Julius: So etwas gehört sich nicht? Aber Menschen den Kopf abschlagen ist in Ordnung? Wie kannst du nur ...

Otmar: Es reicht. Ich verdamme dich jetzt zum schweigen. Dieses Geplärre ist ja nicht auszuhalten.

Schweigend musste Julius daraufhin verfolgen, wie König Otmar der Sechzehnte innerhalb der nächsten Tage die drei Söhne der getöteten Königin ebenfalls ins Jenseits beförderte. Sehr diskret. Sehr zielstrebig. Ohne Umwege. Ohne Spuren. Nicht der geringste Hinweis der auf einen möglichen Verdächtigen hätte schliessen lassen können, wurde an den Tatorten entdeckt. Die Polizei tappte völlig im dunkeln. Weil es sich bei den Morden um Verbrechen an hoch gestellten Persönlichkeiten handelte, musste man der Öffentlichkeit um jeden Preis möglichst schnell einen Täter präsentieren. Allein schon um den guten Ruf der Polizei zu wahren, auch wenn dieser so genannte gute Ruf ohnehin nur noch in den Köpfen der Polizeioberen existent war - die Meinung des Volkes verwies in eine andere Richtung. Der Gesanglehrer der Königin wurde an den Taten für schuldig erklärt. Jener konnte es zwar unmöglich gewesen sein, denn der war Mann blind, taub und an einen Rollstuhl gebunden, doch da ihn niemand leiden konnte erklärte sich ein jeder, abgesehen von dem Betroffenen selbst, mit der Wahl einverstanden. Am Tag der Ernennung von Julius zum neuen König, hieb man deshalb den Leib des Gesanglehrers in vier Stücke.

Otmar war mit der geleisteten Arbeit ausserordentlich zufrieden. Es schien ihm an der Zeit sich wieder aus dem Reich der Lebenden zu verabschieden. Er hob den Schweigebann von Julius auf. Immerhin musste Julius ja bei der Vereidigung zum König auch das eine oder andere Wort von sich geben.

Otmar: Na mein Junge, was sagst du jetzt?

Julius: Gut heissen kann ich die Geschehnisse nicht. Ebenso halte ich es nicht für richtig als neuer König aus der Sache hervor zu gehen. Das ist nicht fair gegenüber den Anderen, die um dieses Amt gekämpft haben.

Otmar: Pappalapapp. Wer hat gesagt das Leben sei fair? Betrachte es doch einmal so: Du bist jetzt in der Position das Leben von vielen Menschen, inklusive deines eigenen, nach eigenen Wünschen zu gestalten. Ist das nicht wahnsinnig cool?

Julius: Wie ist das nun mit meinem Knappen? Wen darf ich dazu bestimmen?

Otmar: Niemanden. Du bist der aus dessen Knappenblut Königsblut wurde. Du kannst nur noch Könige zeugen. Die Blutlinie der Knappen ist durch deine Wandlung versiegt. Lass dir etwas neues einfallen. Du bis der König. Solltest du dir aber dennoch einen knappen wählen, brichst du eine meiner Regeln, dann kehre ich abermals aus meinem Grab zurück und schlage auch dir den Kopf ab.

Julius: Mir gefällt das alles nicht. Ich will so ein Leben nicht führen.

Otmar: Aber das Volk braucht einen König. Die können nicht ohne.

Julius: Ich werde dieser König nicht sein. Nie und nimmer. Mach du es doch. Du bist doch ohnehin gerade wieder da. Bleib doch einfach da.

Otmar: Das war doch gewissermassen nur ein vorübergehendes Gastspiel meinerseits. Nur solange bis der neue König vereidigt ist und alles wieder seinen normalen Gang geht.

Julius: Es geht aber nichts seinen gewohnten Gang. Es gibt keinen neuen König.

Otmar: Du bist der neue König. Ausser dir gibt es keinen Anwärter.

Julius: Dann musst eben doch du den Job übernehmen.

Otmar: Ich bin Tod.

Julius: Nicht so ganz.

Otmar: Worauf willst du hinaus?

Julius: Ich passe nicht in die Rolle eines Königs. Ich habe auch den Eindruck nicht in diese Zeit und in diesen Körper zu passen. Nimm du meinen Leib. Die letzten Tage in denen ich zum schweigen verurteilt war, waren die besten meines Lebens.

Otmar: Empfindest du keine Freude an deinem Körper und deinem Leben?

Julius: Nicht unter den Bedingungen, die mir ständig auferlegt werden. Ich ziehe mich lieber vollständig zurück, als auf diese Art zu leben.

Otmar: Wenn das so ist, kehre ich gerne in deinem Körper zu den Lebenden zurück. Auf diese Weise ist das sogar richtig cool.

So wurde König Otmar der Sechzehnte zum zweiten Mal König. Diesmal unter dem Namen Julius der Erste. Seine Kontakte ins Jenseits liessen ihn zu einem extrem machtvollen Monarchen werden.

25 Jahre nach der Krönung schwang er sich eines Morgens auf sein weisses Pferd. Er ritt durch die Strassen seines Reiches, appellierte an die Menschen ihm zu folgen. Sie taten es. Niemand hat den König oder sein Volk jemals wieder gesehen.

15.6.2008 19.00 Uhr