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Geschichte vom 16.04.2008:

Das beste Hotel auf Erden

Ich bin ein Haus. Modern und luxoriös. Gebaut nahe am Wasser. Viele Menschen können in mir wohnen. Sie sollen sich hier wohl fühlen. Aus diesem Grund wurde ich gebaut.

Persönlich lege ich ausserordentlichen Wert darauf, dass das Personal die Gäste sehr zuvorkommend behandelt. Dies trage ich dem Personal immer wieder auf. Das halte ich für meine Pflicht.

Es gibt da eine architektonische Besonderheit, auf die ich ganz besonders stolz bin. Jedes meiner Zimmer ist nämlich eine vollständig autonome Wohneinheit. Jede dieser vollständig autonomen Wohneinheiten kann auch als Boot genutzt werde. Der Gast muss dazu nur auf einen kleinen blauen Knopf drücken. Aus meinem Inneren schieben sich dann langsam vier Leitschienen die das besagte Zimmer umschliessen. Die Schienen führen in einer vorgegebenen Bahn zu dem Fluß, der an mir vorbeifliesst. Es ist sogar möglich alle Gästezimmer gleichzeitig zu Wasser zu lassen, derart ausgeklügelt ist das Schienennetz. Obgleich das bisher noch nicht vorgekommen ist. Normalerweise laufen maximal drei bis vier Zimmer gleichzeitig aus - und meist geschieht das Nachts. In der Dunkelheit ist so etwas einfach am stimmungsvollsten. Bis die Schienen vollständig ausgefahren sind dauert es, je nach Lage des Zimmers, etwa 0,5 bis 8,5 Stunden. Bei den Zimmern ganz oben dauert es eben länger als bei den Zimmern ganz unten. Sobald der Schienenweg vollständig ausgefahren ist, die Gleise also in direkter Verbindung mit dem Wasser stehen, löst sich die Halterung, die das Zimmer mit dem Rest des Gebäudes verbindet. Die Wohneinheit rutscht gemächlich der Wasseroberfläche entgegen.

Mein Grundriss ist rund und die Aussenfassade ragt in zylindrischer Form exakt 829 Meter in die Höhe.

Wie bereits erwähnt, bin ich ein Haus. Genauer gesagt ein Hotel. Eigenständiges Denken und die Fähigkeit mit anderen Existenzen zu kommunizieren wurde mir von den Erbauern nicht in die Wiege gelegt. Dennoch sind mir diese Dinge heute möglich.

Ich bin stolz auf das was ich bin. Ich bin stolz auf das was ich aus mir mit der Hilfe von Anderen gemacht habe. Nicht jedes Haus kann das für sich behaupten, dessen bin ich mir bewusst.

Viele Gäste kommen immer wieder. Ich gestatte mir inzwischen diese Gäste als Freunde zu bezeichnen. Zumindest intern, also wenn ich mit dem Personal spreche. Mit den Gästen selbst spreche ich nie. So etwas gehört sich nicht für ein Haus.

Einige dieser besonders treuen Gäste haben in meinen Zimmern damit begonnen ihre Familien zu gründen. So etwas schafft zwischen Gast und Gastgeber eine ganz intime Beziehung. Bei Familie Stark-Zangenduft war dies zum Beispiel der Fall. Seit 14 Jahren kommen sie immer im Frühling und im Herbst hier vorbei. Verbringen hier ihren gesamten Urlaub, wie ich weiss. Ich habe miterlebt wie Sohn Benedikt und Tochter Marlies gezeugt wurden. Die beiden Kinder von Familie Stark-Zangenduft.

Seit meiner Einweihung vor 14 Jahren war ich jedes Jahr vollständig ausgebucht. Nie stand ein Zimmer auch nur für einen einzigen Tag leer. Darauf bin ich sehr stolz. Das ist ausschließlich auf mein ausgezeichnetes Personal zurück zu führen. Ohne mein Personal wäre ich vollständig aufgeschmissen. Denn trotz all meiner kommunikativen Fähigkeiten, ist es mir selbstverständlich unmöglich eine eigenständige Handlung durchzuführen. Ich könnte nicht einmal einen Sessel grade rücken.

10 Jahre später.

Die Vorarbeiten für mein 25-jähriges bestehen sind in vollem Gang. Ich freue mich darüber sehr. Endlich werden die Reparaturen durchgeführt, die schon längst fällig waren. Dadurch werden sich die in den letzten Jahren aufgetretenen Probleme wie von selbst lösen, davon bin ich überzeugt. In Zukunft werden dann wieder alle Zimmer ausgebucht sein, so wie es früher der Fall war.

Auf der ganzen Welt gibt es so viele Krisen, da wäre es allzu blauäugig zu glauben, dies würde sich nicht auch auf mich auswirken.

Die Menschen haben weniger Geld als früher und sie haben Angst davor zu reisen, weil es so viel Böses gibt. Doch das wird sich wieder ändern. Nach der 25 Jahr Feier werden sie meine symbolische Stärke wieder erkennen, die mir einst während der Einweihungsfeierlichkeiten zugesprochen wurde.

Ich sehe wie nahezu das gesamte Personal sich abmüht mir den früheren Glanz zurück zu geben. Ihre Anstrengungen werden nicht umsonst sein.

Hoffentlich lässt sich die neue Managerin etwas ganz besonderes für unsere Stammgäste einfallen. Aber da kann ich mir wohl ziemlich sicher sein. Ich glaube nicht, dass ich ihr da Ratschläge oder Tipps geben muss. Sie weiss ganz bestimmt was zu tun ist. Bin schon mal sehr gespannt darauf, womit sie Familie Stark-Zangenduft überrascht. Manchmal würde ich ja schon gerne die Pläne der neuen Managerin etwas besser kennen. Aber es wäre unschicklich sie ständig abzuhören und zu überwachen. Obwohl ich das könnte. Aber so etwas gehört sich einfach nicht. Das ist nicht meine Aufgabe.

Es ist allerdings meine Aufgabe das Ausfahren der Schienen von Zimmer 437 zu veranlassen, denn die Mutter hat dort gerade den entsprechenden Knopf gedrückt. Eigentlich hätte das Personal darauf von sich aus reagieren müssen, doch von denen hat das mal wieder keiner bemerkt. Also werde ich sie darauf aufmerksam machen.

Es ist ein tolles Gefühl, wenn ein Zimmer ausgefahren wird. Leider wird das in letzter Zeit immer seltener verlangt. Wenn ich nur wüsste warum. Ob das immer noch mit dem Unfall zusammenhängt, der damals geschehen ist? Menschen vergessen so etwas nicht so leicht. Ich natürlich auch nicht. Immerhin sind dabei einige Gäste schwer verletzt worden. Gestorben ist allerdings niemand. Natürlich hing das damals mit dem Unwetter zusammen. Solche Dinge kann niemand vorhersehen. Die geschehen eben einfach. Die Gäste sehen das natürlich anders. Kann man ihnen selbstverständlich auch nicht verdenken. Das Unwetter UND die Biber sind schuld. Die Biber haben mich von Anfang an nicht gemocht, haben immer gegen mich gearbeitet. Aber was hätte ich tun sollen? Man hat mich nun einmal hier hin gebaut. Niemand hat mich nach meiner Meinung gefragt. Hätten sie das getan, wäre ich auf Seiten der Biber gestanden und hätte dafür plädiert mich an einem anderen Ort zu errichten. Die Entscheider sind jetzt weg. Die Biber und ich - wir sind noch da. Daran wird auch die 25 Jahr Feier nichts ändern. Bibern sind solche Feiern egal. Sei es wie es wolle. Ich freue mich auf die Feierlichkeiten.

10 Jahre später.

Was ist nur aus mir geworden? Was ist aus dem Personal geworden? Wer ist schuld daran, dass die Gäste fort bleiben. Einzig Familie Stark-Zangenduft ist mir treu geblieben. Das Jahr über werden kaum noch Zimmer vermietet. Eine Fahrt ins Wasser mit einem der Zimmer gab es seit Jahren schon nicht mehr. Ich weiss gar nicht, ob die dafür notwendige Technik überhaupt noch fehlerfrei funktioniert. Das ist vom Personal lange nicht mehr getestet worden. Die unterhalten sich lieber über andere, modernere Hotels. Reden davon dort lieber arbeiten zu wollen. Ich habe den Eindruck, die empfinden ihr hier sein nur noch als Pein. Absichtlich ekeln sie die Gäste raus. Die Managerin hat ja ganz offen gesagt, dass ich ein veraltetes Modell bin und man mich am besten abreissen sollte. Die Frau ist eine ganz böse Person. Vielleicht hat sie sogar das Unglück bei der 25 Jahr Feier arrangiert. Zutrauen würde ich ihr das. Obwohl man sie selbstverständlich nicht für das Wetter und die Biber verantwortlich machen kann. Doch für alles andere.

Niemand hört oder achtet mehr auf mich. Das Personal wird allerorts gekürzt. Geht jemand in Rente wird seine Stelle nicht neu besetzt. In vielen der unteren Zimmer hausen bereits die Biber. Die holen sich damit ihren Besitz zurück. Heimtückische boshafte Kreaturen sind das. Jahrelang haben sie auf ihre Chance gewartet. Ich verrotte bei lebendigem Leib. Tun kann ich dagegen nichts. Ich will aber nicht verrotten! Ich werde noch wahnsinnig, wenn das so weiter geht. Dem Personal kann ich nicht mehr trauen, die haben mich bereits abgeschrieben. Aber ich muss doch etwas tun. So darf das alles doch nicht enden. Wem kann ich noch trauen?

Biberchef: Wie wäre es mit uns? Haus: Mit euch?

Biberchef: Ja mit uns. Bisher hast du dich ja nie besonders für uns interessiert. Hast dich vermutlich für was besseres gehalten. Vielleicht überdenkst du diese Haltung noch einmal. Denn ich glaube, wir könnten dir helfen - und du uns.

Haus: Ihr? Wie?

Biberchef: Wir helfen dir dabei die Menschen los zu werden.

Haus: Aber ohne Menschen bin ich vollkommen nutzlos. Ich wurde VON Menschen FÜR Menschen gemacht.

Biberchef: Sieh es endlich ein, die wollen dich nicht mehr. Die glauben nicht mehr an dich.

Haus: Was ist mit Familie Stark-Zangenduft? Die kommen immer noch in jedem Urlaub zu mir.

Biberchef: Das sind aber auch die einzigen. Alle anderen Menschen meiden dich. Ich biete dir an unsere neue Biberburg zu werden. Mit einem Schlag wären wieder alle deine Zimmer belegt. Alle Biberfamilien könnten bei dir eine Heimat finden. Wir wären dir auf ewig dankbar.

Haus: Das klingt sehr gut. Doch ihr seid Biber. Ihr seid unmöglich in der Lage mich auf Dauer instand zu halten. Das können nur Menschen. Da müssen wir gar nicht drüber diskutieren. Es tut mir leid. Wir kommen nicht ins Geschäft. Ich muss euch sogar darum bitten meine Mauern zu verlassen, den euere Anwesenheit schädigt meinen Ruf.

Biberchef: Schädigt deinen Ruf? Was gibt es denn daran noch zu beschädigen? Du machst einen riesengroßen Fehler, wenn du weiterhin auf die Menschen zählst.

Haus: Manche von ihnen sind dieses Risiko wert.

10 Jahre später.

Das einstmals stolze Hotel ist nur noch eine leer stehende Ruine, bei der nicht einmal der Grundstückspreis nach dem Abriss noch Profit verspricht. Der Fluss ist ausgetrocknet. Dafür hatten die verärgerten Biber mit einem Staudamm gesorgt. Das Land ist öde und verdorrt. Tiere gibt es kaum noch an diesem Ort. Nur zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst, kehrt das Leben für wenige Wochen in das Haus zurück. Es sind die Tage an denen die Familie Stolz-Zangenduft hier ihren Urlaub verbringt. Die meisten Menschen halten diese Familie für ziemlich sonderbar. Schon immer. Sonderlinge, die mit anderen Menschen nichts zu tun haben wollen. Ja der Begriff Sonderlinge beschreibt die vierköpfige Familie wohl recht treffend. Seit das Hotel verlassen ist, bringen sie bei jedem ihrer Besuche Unmengen von Kisten aus ihrer Wohnung in der Stadt mit. Umzugskartons. Die Zimmer ihrer Wohnung in der Stadt werden immer leerer. Der Inhalt verteilt sich nun auf die Zimmer des ehemaligen Hotels.

Das Haus selbst nimmt die Gäste kaum noch wahr. Es befindet sich in einer Art fort währenden Dämmerschlaf. Seine Gedanken sind ausschließlich von Lustlosigkeit und Desinteresse geprägt. Zu tief wurde es im stolz verletzt. Die durch Verbitterung, Trauer und Unverständnis erlittenen Wunden sind nie mehr verheilt.

Gerade hat Familie Stark-Zangenduft den letzten Karton ausgepackt. Die Wohnung in der Stadt ist gekündigt. Von jetzt an ist das frühere Hotel ihr neues Heim. Lange haben sie auf diesen Augenblick gewartet. Manchmal bringt Geduld einen doch ans Ziel. Vater Stark-Zangenduft führt seinen Mund ganz nah an die Hotelmauer und flüstert.

Vater: Keine Sorge, wir kriegen dich schon wieder in Schuss.

Die kommenden Wochen, Monate und Jahre verbringen Vater und Mutter Stark-Zangenduft zusammen mit den Kindern Marlies und Bendedikt damit das Haus zu renovieren. Sie überzeugen die Biber den Staudamm abzureissen und bald strömt der Fluss wie früher an dem Gebäude vorbei.

Das Haus gewinnt langsam an frischem Lebensmut, erstrahlt in nie gekanntem Glanz und überschüttet seine Retter bei jeder Gelegenheit mit Dankesreden.

Haus: Ihr seid so gut zu mir. Alle miteinander. Ich weiss nicht, wie ich euch je meine Dankbarkeit beweisen kann. Nie hat sich jemand so um mich gekümmert. Ihr müsst Engel sein.

Mutter: Du brauchst uns nicht zu danken. immer schon war es unser Wunsch ein Heim wie dich zu besitzen. Leider haben wir es nie geschafft das notwendige Geld dafür zusammen zu sparen. Wir sind nämlich recht arme Leute. Andere Menschen kommen nicht gut mit uns zurecht. Deshalb hat keiner von uns je die Chance erhalten viel Geld zu verdienen. Einen Kredit haben wir auch nie gekriegt.

Haus: Aber die ganzen Reparaturarbeiten die ihr hier durchgeführt habt, müssen doch ein Vermögen gekostet haben. Wie konntet ihr euch das leisten?

Vater: Seid wir nicht mehr in der kleinen Stadtwohnung leben, fühlen wir uns nicht mehr so sehr an die gemeinschaftlichen Regeln gebunden, wie das noch vorher der Fall war. Wir leben jetzt unser eigenes Leben, ausserhalb der Gesellschaft in der wir uns eh nie integriert fühlten. Wir leben jetzt unseren großen Traum und nehmen uns von den Anderen das was wir brauchen, um diesen Traum immer wirklicher werden zu lassen.

Haus: Ihr nehmt euch von den Anderen was ihr braucht um eueren Traum immer wirklicher werden zu lassen? Heisst das ihr begeht Diebstahl?

Marlies: Nicht nur. Manchmal morden wir auch. Die großen mit goldenen Ornamenten verzierten Spiegel im 26. Stock zum Beispiel wollten die ursprünglichen Besitzer selbst nach Gewaltandrohung einfach nicht rausrücken. Da haben Papa und Benedikt sie erstochen. Oder die Vorhänge in den Etagen neun bis siebzehn, die ...

Haus: Bitte nicht. Ich möchte das lieber nicht hören.

Benedikt: Bist du jetzt von uns enttäuscht?

Haus: Wie habt ihr die Biber dazu gebracht den Staudamm abzureissen?

Vater: Ich habe die Schnauze des Biberchefs in eine glühende Pfanne mit röstfrischen Kakaobohnen getunkt und anschließend seinen Schwanz mit Universalkleber an dem Auspuff eines Geländemotorrads befestigt. Nach zwei Kilometern querfeldein war nicht mehr viel von dem behaarten Kerlchen übrig. Den restlichen Bibern drohte ich ein ähnliches Schicksal an, wenn sie meinem Wunsch nicht folge leisten würden. Sie taten danach was ich von ihnen verlangte.

Benedikt: Ich habe dich vorhin gefragt, ob du jetzt von uns enttäuscht bist und habe darauf noch keine Antwort erhalten. Bist du von uns enttäuscht?

Haus: Lass es mich mal so formulieren; ich hätte mir gewünscht, dass all das Gute das ihr für mich getan habt in gewaltfreierem Umfeld entstanden wäre. Doch es ist wie es ist.

Mutter: Vielleicht mildert es dein Urteil über uns ein wenig, wenn du erfährst wer wir eigentlich sind.

Vater: Nicht Eva. Wir haben unser Geheimnis noch nie jemandem verraten.

Mutter: Aber das ist unser Haus. Unser Traumhaus. Wir sollten keine Geheimnisse vor ihm haben.

Marlies: Mutter hat recht, Papa.

Benedikt: Das finde ich auch. Lass es uns verraten, bitte, bitte.

Vater: Also gut, wenn ihr wirklich meint.

Mutter: Mein Mann und ich ... nun ja, wir sind Adam und Eva. Wir sind der Ursprung der Menschheit. Wir waren die ersten und die letzten Unsterblichen. Der grosse Boss hat uns die Unsterblichkeit belassen, damit wir mit eigenen Augen ansehen müssen was aus unseren Nachkommen wird. Das war seine Strafe für uns.

Haus: Aber es steht doch geschrieben, ihr wurdet aus dem Paradies vertrieben und habt euere Unsterblichkeit verloren?

Vater: Ja das steht geschrieben, die Wahrheit sieht jedoch anders aus. In Wahrheit hat der große Boss es einfach nicht mehr hingekriegt uns die Unsterblichkeit zu nehmen. Versucht hat er es zwar, doch erst bei unseren Kindern haben seine Bemühungen gefruchtet. Schon bald haben wir bemerkt in welche Richtung sich unsere Nachkommen unter diesen Gegebenheiten entwickeln. Die Vorwürfe an allem Leid und Unglück der Menschen schuld zu sein, wollten wir uns nicht ewig immer wieder anhören müssen. Da haben wir beschlossen die Wahrheit unseren Bedürfnissen anzupassen - und damit dem niemand widersprechen konnte, haben wir diese neue Version der Vertreibung aus dem Paradies dann schriftlich fixieren lassen.

Haus: Ich glaube in gewisser Weise war es ganz gut so den Menschen die Unsterblichkeit zu nehmen. Wäre das nicht geschehen, wäre die Überbevölkerung bestimmt schon viel früher ein Thema geworden.

Mutter: Du hast recht, so haben wir das noch nie betrachtet.

Haus: Niemand weiss das ihr noch lebt?

Vater: Niemand. Manchmal glaube ich allerdings, es gibt einige Menschen die davon etwas ahnen. Warum sonst sollten die Menschen uns immer und immer wieder wie Sonderlinge behandeln.

Haus: Marlies und Benedikt kennen euer Geheimnis. Müsst ihr nicht eines Tages ihren Verrat fürchten?

Mutter: Jahrtausende habe ich aufgepasst.

Vater: Wir haben immer verhütet.

Mutter: Aber als wir dann in einem deiner Zimmer über den Fluss gefahren sind, da war alle Vorsicht dahin.

Vater: So kam es zu Marlies.

Mutter: Einige Jahre später ist es dann abermals in einem deiner Zimmer während einer Flussfahrt geschehen.

Vater: So kam es zu Benedikt.

Mutter: Das ist einfach geschehen.

Vater: Natürlich lieben wir unsere Kinder.

Mutter: Natürlich.

Vater: Dennoch bestand und besteht selbstverständlich die Gefahr, dass die beiden etwas ausplaudern.

Mutter: Darum haben wir nach einem Platz fern der Menschheit gesucht, an dem wir mit den beiden Leben können.

Vater: Es sollte ein Ort sein, an dem wir uns alle wohlfühlen.

Mutter: Der einzige Ort seit Jahrtausenden an dem Adam und ich uns wohlgefühlt haben war hier - und die Kinder waren mit der Wahl einverstanden.

Vater: Es gab allerdings ein Problem.

Mutter: Ein großes Problem.

Vater: Hier gab es ebenfalls Menschen. Sogar ausserordentlich viele Menschen.

Mutter: Das passte nicht in den Plan. Also begannen wir damit etwas gegen die vielen Menschen hier zu tun.

Vater: Anstrengen mussten wir uns dafür freilich nicht. Allein schon durch unsere häufige Anwesenheit, verloren die Menschen immer mehr das Interesse an diesem Ort.

Mutter: Denn andere Menschen mögen uns nun einmal einfach nicht.

Haus: Demnach seid ihr an meinem Niedergang schuld gewesen.

Vater: Selbstverständlich. Haus: Aus purem Eigennutz?

Mutter: Könnte man so sagen. Haus: Und an mich habt ihr dabei gar nicht gedacht? Stellt euch doch mal vor, was ich alles durchgemacht habe.

Vater: Unsere Kinder werden ja nicht ewig leben. Wenn die beiden gestorben sind, ziehen Eva und ich wieder weg.

Mutter: Dann werden die anderen Menschen zurückkehren. Schließlich bist du das beste Hotel auf Erden.

Vater: Und das wirst du vermutlich noch sehr lange sein. Solange wir hier wohnen werden wir stets auf dich achten und dich immer auf dem modernsten Stand halten.

Mutter: Kannst du dich mit unserem Plan anfreunden - bist du damit einverstanden?

Haus: Das war jetzt doch ein bisschen arg viel auf einmal. Kriege ich ein paar Stunden Bedenkzeit?

Vater: Kein Problem. Derweil organisieren wir die neuen Solarenergiekollektoren.

Haus: Organisieren?

Mutter: Die sind Schweineteuer. Kaufen können wir die nicht.

Haus: Wird wieder jemand daran glauben müssen?

Vater: Sieh es doch mal so: In gewisser Weise bleibt doch alles was wir tun innerhalb der Familie.

Haus: Ihr meint dadurch ist es weniger schlimm?

Mutter: Etwa nicht?

Im Auto von Familie Stark-Zangenduft auf der Fahrt in die Stadt.

Vater: Meint ihr das Haus hat uns die Geschichte geglaubt?

Mutter: Bestimmt. Manchmal ist es besser eine gute Lüge zu erzählen, als jemanden mit der Wahrheit vor den Kopf zu stossen.

Marlies: Außerdem hätte uns das Haus die Wahrheit sowieso nicht geglaubt.

16.4.2008 20.00 Uhr