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Geschichte vom 04.02.2008:

Der Sandstrampler

Hinter dem Wort Sandstrampler verbirgt sich eine höchst seltene Tierart. Der Sandstrampler gehört zu den wenigen Gattungen, deren Niedergang NICHT durch das Gebaren des Menschen vorangetrieben wird. Der Sandstrampler ist durchaus auch in der Lage sich ohne fremdes Zutun selbst auszurotten. Die Veranlagung dazu ist ihm vermutlich von der Natur genetisch eingeimpft worden. Diese Tierchen schaffen es sogar sich kaputt zu machen, OBWOHL der Mensch das mit allen Mitteln zu verhindern sucht. Ja man kann durchaus behaupten, dass es kein Geschöpf auf unserem Planeten gibt, welches von anderen Spezies mehr gehätschelt und getätschelt wird als der Sandstrampler. Er hat nicht einen einzigen Feind, vielmehr ist es so, dass er eigentlich nur Freunde hat. Unsere Welt scheint den Sandstrampler mit allen nur erdenklichen Massnahmen am Leben erhalten zu wollen. Doch der Sandstrampler lehnt jegliche Art der Hilfe ab. Experten meinen sogar, er hasse jede Art von Unterstützung abgrundtief. Anders sei sein beobachtetes Verhalten nicht erklärbar, sagen sie. Deckt sich das mit ihren Erfahrungen über diese Tierart?

Oh Pardon, ich hatte ganz vergessen. Das Wissen um den Sandstrampler ist nicht sonderlich weit verbreitet. Vielleicht haben sie ja noch nie von ihm gehört. Es ist deshalb wohl sicher kein Fehler ihn kurz zu beschreiben. Nun denn. Der Sandstrampler ist ein äusserst possierliches Geschöpf, um Lichtjahre hübscher anzusehen als zum Beispiel junge Meerschweinchen oder Katzenbabies. Sein Charakter jedoch macht ihn als Haustier nicht sonderlich attraktiv.
Sieht man einen Sandstrampler zufällig in der freien Wildbahn, was bei diesen ungewöhnlich scheuen Tierchen nur selten vorkommt, will man ihn augenblicklich mit nach Hause nehmen und ewiglich knuddeln - ein Effekt, der sich übrigens nicht nur bei kleinen Mädchen, sondern gleichwohl auch bei hartgesottenen Managern, üblen Gewaltverbrechern, wahnsinnigen Diktatoren, egozentrischen Fernsehmoderatoren und tarifbezahlten Kaufhausdetektiven einstellt. Niemand kann der Anziehungskraft eines Sandstramplers widerstehen. Seine Anmut ist allzu überwältigend. Doch beobachtet man ihn länger als 10 Sekunden, schlägt dieses schon fast wollüstige Sympathiegefühl in der Regel in blanke Ablehnung um. Das ist eben so - und dagegen kann man nichts machen. Es sei denn, man beschäftigt sich beruflich mit dem Sandstrampler, dann kann man sich diese kontraproduktive Haltung natürlich nicht leisten.

Einer der herausragendsten Köpfe in Bezug auf den Sandstrampler, ist übrigens der hanseatische Altphilologe Prof. Dr. Dr. Abronsius Wackelzahn. Ihm ist es bisher als einzigem Menschen gelungen, seine Studien am lebenden Objekt durchzuführen. Seit ziemlich genau 42 Jahren ist er nämlich im Besitz eines lebenden Sandstramplers. Das Tierchen lebt bei ihm in einem umgebauten Vogelkäfig mit Zentralheizung und Dampfstrahldüsen. Der Boden des Käfigs ist mit einer zwei Zentimeter dicken Schicht einer spezifischen Sandmischung überzogen. Mehrmals in der Stunde sorgen die Dampfstrahldüsen dafür, dass der Sand etwas hochgepustet und dadurch wieder mit frischem Sauerstoff angereichert wird. Weiterhin wird durch das pusten auch der Sandstrampler in die Luft befördert, was dem Professor dann jeweils Gelegenheit bietet, den aktuellen Gesundheitszustand seines aussergewöhnlichen Gastes zu überprüfen. Im Laufe seiner 42-jährigen Beobachtungen, hat er folgende bahnbrechende Erkenntnisse über den Sandstrampler gewonnen:
1. Das Tier versucht ständig sich mit der linken Vorderpfote in den Sand hinein zu graben.
2. Das Tier versucht ständig sich mit der rechten Vorderpfote aus dem Sand heraus zu graben.
3. Das Tier versucht ständig sich mit der linken Hinterpfote aus dem Sand heraus zu graben.
4. Das Tier versucht ständig sich mit der rechten Hinterpfote in den Sand hinein zu graben.
5. Die unter 1-4 aufgeführten Bewegungsabläufe finden immer gleichzeitig statt.
6. Das Tier kennt keine anderen Bewegungsabläufe als die zuvor geschilderten. Es führt die zuvor geschilderten Bewegungsabläufe unablässig durch - Tag und Nacht, ganz gleich ob es im Sand liegt oder von den Dampfstrahldüsen gerade in die Luft gehoben wird.
7. Das Tier schläft nicht.
8. Das Tier frisst nicht.
9. Das Tier vermehrt sich nicht.
10. Es ist nicht auszumachen, welchen Geschlechts das Tier ist.
11. Ich vermag nicht zu sagen, ob es bei den Sandstramplern überhaupt geschlechtsspezifische Unterscheidungsmerkmale gibt.
12. Das Tier sieht noch possierlicher aus als es ohnehin schon ist, wenn es von den Dampfstrahldüsen in die Luft gehoben wird.
13. Das Tier hat zwischen den beiden Vorder- und Hinterpfoten 7 mittlere Pfoten, deren Sinn und Zweck ich mir nicht erklären kann. An jeder Pfote gibt es 25 Krallen.
14. Es ist nicht auszumachen wozu dem Tier der Schwanz und der Hubbel auf dem Rücken dienen. Ebenso erkenne ich keine zwingende Notwendigkeit für das Fell. Gott sei dank hat es wenigstens keine Nase. Ohren habe ich bislang auch keine entdeckt.
15. Die drei Münder stellen mich ebenfalls vor ein Rätsel. Nach den bisherigen Untersuchungen war erst ein Auge eindeutig zu identifizieren. Dieses befindet sich an der linken Aussenkralle der vierten mittleren Pfote. Diese Kralle habe ich in Anlehnung an meine Frau, Mechthild getauft.
16. Das Tier hat keinen Po, soweit ich dies bis jetzt beurteilen kein.
17. Das Tier hinterlässt keine Ausscheidungen. Scheinbar macht es gar keine.
18. Das Tier gibt keinen Laut von sich, selbst wenn man es mit einem Messer piekst.
19. Flammt man das Fell des Tieres mit einem Bunsenbrenner ab, wächst es innerhalb von zwei Monaten exakt so nach, wie es vorher war. Dies wurde mehrfach überprüft.
20. Ich habe keine Ahnung, wie man die Farbe des Fells bezeichnen könnte. Aber das Fell ist eindeutig einfarbig.
21. Im Laufe der 42 Jahre in denen ich das Tier beobachte, hat es sich nicht im geringsten verändert, wie durch Fotoaufnahmen dokumentiert wird.
22. Im Laufe der 42 Jahre hat sich die Bewegungsgeschwindigkeit des Tieres nicht im geringsten verändert.
23. Es ist nicht auszumachen, ob das Tier atmet oder nicht.

Abronsius: Ich hoffe der Sandstrampler stirbt vor mir, so dass ich ihn eines schönen Tages guten Gewissens obduzieren kann. Vielleicht erfahre ich dann endlich etwas mehr über ihn. Natürlich könnte ich ihn einfach umbringen und schon jetzt obduzieren, aber ausser mir hat ja sonst niemand einen lebenden Sandstrampler. Also lasse ich das mit dem umbringen vorerst lieber mal.

Finanzielle Unterstützung in seinem bemühen mehr über den Sandstrampler zu erfahren, erhält Herr Prof. Dr. Dr. Abronsius Wackelzahn von dem unendlich reichen Scheich Abdullah Nimmersatt. Scheich Abdullah Nimmersatt überweist dem Professor jeden Monat den Betrag von exakt 1,27 Euro. Damit kann Herr Prof. Dr. Dr. Abronsius Wackelzahn zwar keine allzu grossen wissenschaftlichen Luftsprünge machen, doch deckt diese Summe wenigstens die Lebenshaltungskosten für den Sandstrampler, zumindest ungefähr. Der Professor ist seit vielen Jahren mit seiner Jugendliebe Mechthild verheiratet. Die beiden führen ein ruhiges und glückliches Leben - Tag ein Tag aus. Kinder gibt es keine. Freunde nur wenige. Doch das ist für die beiden in Ordnung. Sie haben ja sich.

Wenn sie weiss das es der Terminplan ihres Mannes zulässt, packt Mechthild manchmal den Picknickkorb. Sie klopft leise an die Arbeitstür von Herrn Prof. Dr. Dr. Abronsius Wackelzahn, wartet bis ein "herein" gerufen wird und öffnet die Tür. Hand in Hand macht sich das Paar dann auf den Weg zu einem der nahe gelegenen Wolkenkratzer, steigt in den Fahrstuhl und fährt zu einer der Aussichtsplattformen. Dort oben geniessen die Zwei Mechthilds Speisen aus dem Körbchen und, sofern es die Wetterlage erlaubt, den grandiosen Blick auf ihre Stadt. Bilder wie diese erscheinen auch heute im Geiste des Professors, als er seine Frau mit dem Picknickkorb im Arm auf sich zukommen sieht.

Mechthild: Lust auf ein neues Abenteuer?

Abronsius: Und wie.

Mechthild: Diesmal soll es aber ein ganz besonderer Ausflug werden, immerhin ist heute unser 50. Hochzeitstag.

Abronsius: Dessen bin ich mir wohl bewusst, meine Augenweide. Und genau deshalb habe ich heute morgen bereits mit Scheich Abdullah telefoniert und für dich und mich eine einmalige Sonderzulage erstritten.

Mechthild: Der alte Geizkragen hat sich darauf tatsächlich eingelassen?

Abronsius: Das hat er. Jedoch handelt es sich bei der einmaligen Sonderzulage um keinen Geldbetrag.

Mechthild: Hätte mich auch sehr gewundert. Was ist es dann?

Abronsius: Er stellt uns für den heutigen Tag eines seiner Privatflugzeuge zur Verfügung.

Mechthild: Vollgetankt und mit Pilot?

Abronsius: Hat er gesagt. Wenn wir am Flughafen sind, werden wir sehen ob er Wort gehalten hat.

Mechthild: Wo fliegen wir hin?

Abronsius: Wähle du.

Mechthild: Ich habe da schon eine Idee.

Zwei Stunden später befinden die beiden sich in der Luft. Mechthild hat nur dem Piloten das Reiseziel genannt, für ihren Gatten soll das vorerst noch ein Geheimnis bleiben.

Mechthild: Was ist da eigentlich in dem seltsam geformten Köfferchen drin? Den hast du doch bisher noch nie mitgenommen?

Abronsius: Ich wusste ja, dass unsere Reise an einen ganz besonderen Ort führt, als ich dich das Ziel wählen liess. Da dachte ich mir, warum sollten wir dieses Erlebnis nicht mit unserem Sandstrampler teilen?

Mechthild: Gute Idee. Bisher gibt es ja noch keine Erkenntnisse darüber, wie er sich in einem fremden Klima verhält.

Abronsius: ... Oder in einem Flugzeug ...

Mechthild: Weisst du was?

Abronsius: Ich ahne es.

Mechthild: Wir sollten das Köfferchen öffnen und nachsehen wie es unserem dritten Familienmitglied geht.

Abronsius: Das ich daran nicht schon früher gedacht habe ...

Mechthild: Könnte das vielleicht damit zusammen hängen, dass du dir nicht sicher darüber warst, wie ich auf deinen blinden Passagier reagieren würde?

Abronsius: Das könnte durchaus sein ...

Mechthild: Ach du alter Zausel, jetzt sind wir schon so lange zusammen und du weisst immer noch nicht, wen du an deiner Seite hast.

Abronsius: Ich könnte darauf jetzt etwas entsetzlich schnulziges sagen ...

Mechthild: Ich würde es vorziehen, wenn du stattdessen endlich das Köfferchen öffnen würdest.

Abronsius öffnete das seltsam geformte Köfferchen. Darin befand sich eine Miniaturversion des Vogelkäfigs in dem der Sandstrampler normalerweise untergebracht war. Vor vielen Jahren hatte der Professor den Käfig anfertigen lassen, doch heute war er erstmals genutzt worden. Der Sandstrampler tat was er immer tat - woraufhin Prof. Dr. Dr. Abronsius seine Erkenntnisse über das Tier um folgende erweiterte: 24. Das Tier verändert seine Verhaltensweise während einer Flugreise in keiner Weise.

Nach der Landung auf dem Flughafen fährt das Paar in einem Taxi zu dem Hochhaus, welches Mechthild als Ziel der Reise auserkoren hat. Sie betreten das Gebäude.

Abronsius: Nun sieh dir nur mal diese beeindruckende Empfangshalle an, Mechthild.

Mechthild: Wow. Ich glaube dort drüben sind die Fahrstühle. Komm wir gehen hin.

Abronsius: Weisst du in welche Etage wir müssen?

Mechthild: Nö, aber die haben hier bestimmt so eine Art Liftboy.

Abronsius: Meinst du? Gibt es so etwas heute überhaupt noch?

Mechthild: Du bist der von uns beiden, der immer wieder zu irgendwelchen Kongressen eingeladen wird und dabei in grossen Hotels übernachten darf. Du solltest besser wissen als ich, was es heute in grossen Häusern noch gibt und was nicht.

Abronsius: Da bin ich doch immer allein und achte dann auf diese Dinge nicht.

Mechthild: Wie du weisst, haben einige Hochhäuser bei uns zuhause noch Liftboys.

Abronsius: Manche aber auch nicht mehr. Woher also soll ich wissen, wie das hier gehandhabt wird?

Mechthild: Im Zuge der Emanzipation könnte ich mir vorstellen, dass es inzwischen bestimmt auch Liftgirls gibt.

Abronsius: Ist das mit der Emanzipation nicht ein Weilchen her?

Mechthild: Ja, das begann immerhin schon damals, als ich das mit den Eierstöcken hatte.

Abronsius: So lange ist das mit der Emanzipation schon her? Mein Gott, wie die Zeit vergeht. Was gibt es denn heute so?

Mechthild: Ich glaube die Globalisierung ist noch in vollem Gange.

Abronsius: Ja? Schön. Davon habe ich gehört. Hatte nur gerade nicht mehr daran gedacht. Meinst du die Globalisierung hat Auswirkungen auf die Benennung des Berufszweigs der Liftboys gehabt?

Mechthild: Mit Sicherheit. Ich wage mir gar nicht erst vorzustellen, wie man heute dazu sagt.

Abronsius: Vielleicht wird uns ja irgend so eine Art Computer in Empfang nehmen. Die Dinger machen heutzutage doch alles.

Mechthild: Also ich tippe doch eher auf einen klassischen Liftboy.

Abronsius: In welcher Sprache verständigt man sich hier eigentlich?

Mechthild: Mit Englisch kommen wir sicher weiter.

Abronsius: Ah, da ist der Fahrstuhl ja schon.

Mechthild: Hello, du yu schpiek inglisch?

Liftgirl: Of course I do. Aber wenn ich sie richtig einschätze, wäre ihnen deutsch eine Spur lieber.

Abronsius: Sind wir so leicht zu durchschauen?

Liftgirl: Dieser Job erfordert eine recht gute Menschenkenntnis von denjenigen, die ihn ausüben. Ich glaube mich dieser Eigenschaft, innerhalb vorbestimmter Grenzen, erfreuen zu dürfen.

Mechthild: Es tut gut einen Menschen kennen zu lernen, dessen Fähigkeiten mit seiner Tätigkeit in Einklang stehen. So etwas ist heutzutage immerhin nicht mehr selbstverständlich.

Liftgirl: Danke schön. Wohin darf ich sie geleiten?

Abronsius: Von welchem Stockwerk hat man den besten Ausblick auf die Stadt?

Liftgirl: Ah ich verstehe ... Sie möchten dort ein Picknick machen.

Mechthild: Vermutlich hat sie unser Picknickkorb darauf gebracht - und natürlich haben sie mit ihrer Annahme recht.

Liftgirl: Ich habe da einen ganz ausgezeichneten Platz für sie. Es wird allerdings einige Minuten dauern, bis wir dort ankommen.

Abronsius: Dadurch erhalten wir die Gelegenheit uns noch ein wenig länger miteinander unterhalten zu können. Was ich sehr begrüsse.

Liftgirl: Ich würde ihnen gerne eine Frage stellen, wenn es erlaubt ist.

Mechthild: Selbstverständlich ist ihnen das erlaubt, junge Dame. Es ist sogar regelrecht erwünscht.

Liftgirl: Nun sie müssen entschuldigen, aber ich bin von Natur aus ein sehr neugieriger Mensch und insofern brennt in mir das heisse Verlangen mehr über den Inhalt ihres seltsam geformten Köfferchens zu erfahren. Es scheint mir nicht so, als ob sie darin das übliche Reisegepäck aufbewahren. Ich hoffe sie empfinden meine Frage nicht als zu intim und aufdringlich.

Abronsius: Ihr Wissensdurst geht schon etwas über das Mass hinaus, welches ich im allgemeinen einer Person ihres Standes einzuräumen bereit bin. Da ich ihr Interesse jedoch für aufrichtig halte und sie meiner Frau und mir bisher mit ausgesprochen hoher Freundlichkeit begegnet sind, erlaube ich ihnen einen Blick in den Koffer.

Liftgirl: Oh mein Gott, sie haben darin einen Yapozelnock!

Mechthild: Einen Yapozelnock? Mein Kind, sie irren. Das ist ein Sandstrampler. Ein überaus scheues und seltenes Geschöpf.

Abronsius: Da muss ich meiner Frau beipflichten. Ich glaube kaum, dass sie schon einmal ein vergleichbares Wesen gesehen haben. Das ist nahezu ausgeschlossen.

Liftgirl: Ich habe davon in einem uralten Kinderbuch gelesen. In dem Buch gab es auch einige Zeichnungen. Auf einigen davon waren Tiere abgebildet, die exakt so aussahen, wie das Tier in dem Käfig. Da bin ich absolut sicher.

Abronsius: Dergleichen habe ich nie gehört. Sie müssen sich irren, gutes Kind.

Liftgirl: Ausgeschlossen.

Mit flinken Fingern griff die junge Frau in den Koffer, öffnete die Käfigtür und ergriff den Sandstrampler.

Abronsius: Was tun sie da?

Mechthild: Das geht jetzt entschieden zu weit! Setzen sie das Tier sofort wieder in den Käfig - oder wir werden uns an höchster Stelle über sie beschweren.

Liftgirl: Yapozelnocks darf man nicht einsperren. Hinter Gittern werden sie ganz traurig.

Abronsius: Nun hören sie aber auf. Ich versichere ihnen, diesen Sandstrampler seit 42 Jahren mein Eigen zu nennen. In dieser Zeit wurde er keine einzige Sekunde von Traurigkeit geplagt. Niemals.

Liftgirl: Siehst du das genauso, mein kleiner Yapozelnock?

Die junge Frau streichelt das Tier zärtlich. Das Wesen schüttelt energisch den Kopf und beginnt zu sprechen. Dank der drei Münder kann das Tier in drei verschiedenen Stimmlagen gleichzeitig sprechen, wodurch es die Bedeutsamkeit seiner Worte effektreich zu unterstreichen vermag.

Yapozelnock: Rechne ich alle meine von Traurigkeit geprägten Momente zusammen, so komme ich da schon auf etliche Monate. Gewiss, im grossen und ganzen bin ich recht gut versorgt worden. Mit Liebe, Zärtlichkeit und Herzenswärme hat man mich allerdings beileibe nicht gerade überschüttet. Vorrangig wurde ich als Versuchsobjekt betrachtet. Ich möchte in diesem Zusammenhang nur einmal an die Tage erinnern, an denen mir vorsätzlich das Fell mit einem Bunsenbrenner entflammt wurde. Aber was solls. Hier und jetzt fühl ich mich wohl.

Prof. Dr. Dr. Abronsius Wackelzahn blickt betroffen in das Gesicht seiner Gemahlin. Dann betrachten beide ungläubig den Sandstrampler in den Armen des Liftgirls. Das Tier liegt dort völlig ruhig und entspannt. Die junge Frau drückt ihm einen Lutscher in die linke Vorderpfote.

Yapozelnock: Yeah Baby, du verstehst wirklich was ein Yapozelnock braucht. Lass uns die beiden nach oben bringen und dann machen wir uns aus dem Staub. Es gibt da einen Platz, da passen wir besser hin als in diese Fahrstuhlkabine.

PLING!

Liftgirl: So, da wären wir. Ich wünsche ihnen ein tolles Picknick und eine wunderschöne Aussicht.

Der Yapozelnock lässt seine 7 mittleren Pfoten wie 7 einzelne Rotorblätter von 7 auf dem Kopf fliegenden Hubschraubern kreisen. Sein Körper erhebt sich in die Luft. Gesteuert wird er durch die rhythmischen Bewegungen des Schwanzes. Aus dem Hubbel auf dem Rücken spriessen goldfarbene Pfauenfedern. Das Wesen wächst. Der Professor und seine Frau kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Beide sind unfähig sich zu rühren. Das Liftgirl schiebt das Paar aus der Fahrstuhlkabine hinaus. Die Tür schliesst sich. Es dauert einige Minuten bis Herr Prof. Dr. Dr. Wackelzahn die Sprache wieder findet.

Abronsius: Mechthild, hast du das gesehen? Ich meine, hast du gesehen wozu unser Sandstrampler fähig war?

Mechthild: Ja, ich habe gesehen was die Zuwendung dieser jungen Frau bei ihm bewirkt hat.

Abronsius: Unfassbar!

Mechthild: Ja, unfassbar. Aber nun ist der Sandstrampler weg. Hast du das verstanden? Sie hat ihn uns genommen.

Abronsius: Aber ...

Mechthild: Ich bin noch da - und wer weiss was mit uns beiden noch alles geschehen kann, wenn DU in Zukunft MIR etwas mehr Zuwendung schenkst. Vielleicht bin ich insgeheim ja auch so eine Art Sandstrampler. Ich glaube wir könnten noch viel Freude miteinander haben.

Abronsius: Ich verstehe den Wink mit dem Zaunpfahl. Wie glaubst du allerdings, wird Scheich Nimmersatt auf das verschwinden des Sandstramplers reagieren?

Mechthild: Ehrlich gesagt ist mir vollkommen Wurst wie der alte Erbsenzähler darüber denkt.

Im Innern des Fahrstuhls schwebt derweil vor dem Liftgirl ein Wesen von vollkommener Schönheit. Gross, erhaben und würdevoll. Ein Wesen wie es die junge Frau von den Bildern ihres alten Kinderbuches kannte.

Liftgirl: Ich habe fast schon nicht mehr daran geglaubt, dass es Geschöpfe wie dich tatsächlich gibt.

Yapozelnock: Man soll eben die Hoffnung nie aufgeben. Ich habe das in all den Jahren meiner Gefangenschaft auch nie getan. Komm jetzt, zusammen fliegen wir in eine schönere Welt.

Vorsichtig setzt sich die junge Frau auf den Yapozelnock. Sie entschwinden in einem gleissenden Licht.

Nur wenige Stunden darauf wird das seltsame Paar an einer Bushaltestelle in Gelsenkirchen von einer vorbeilaufenden steinalten Dame gesehen. Weil die steinalte Dame jedoch extrem kurzsichtig ist und das was sie sieht für eine Sinnestäuschung hält, verzichtet sie darauf ihr Erlebnis der Polizei mitzuteilen. Gewissermassen als Insider kann ich ihnen allerdings verraten, dass der Yapozelnock und das Liftgirl dort auf eine ganz bestimmte Person warten - den Illustrator des Kinderbuches, in welchem das Liftgirl erstmals einen Yapozelnock gesehen hatte. Gegen 20 Uhr stoppt ein Bus an der Haltestelle. Die Junge Frau aus dem Fahrstuhl sieht den aussteigenden Männern aufmerksam ins Gesicht. In dem Buch aus ihrer Kindheit gab es ein Foto von dem Künstler. Obwohl zwischen dem Tag an dem die Fotografie aufgenommen worden war und heute eine lange Zeit liegt, erkennt das Liftgirl den Illustrator sogleich. Ausserdem ist er der einzige von den aussteigenden Fahrgästen, der nicht beim Anblick des Yapozelnock in hellste Verzückung gerät.

Liftgirl: Guten Tag. Sie kennen mich nicht, aber IHRE Arbeit hat MEIN Leben stark beeinflusst. Ich wollte ihnen das gerne persönlich sagen.

Illustrator: Das ist sehr nett von ihnen, junge Dame. Da es unmöglich ist die Auswirkungen ihres Begleiters auf die übrigen hier Anwesenden zu übersehen, möchte ich vorschlagen diesen Ort umgehend zu verlassen. Am besten folgen sie mir in mein bescheidenes Heim, sofern ihnen mein Angebot nicht zu aufdringlich erscheint. Es würde mich interessieren mehr über sie beide zu erfahren.

Liftgirl: Ich bin damit hochgradigst einverstanden.

Yapozelnock: Dem schliesse ich mich uneingeschränkt an.

Illustrator: Fein.

Etwas später befinden die 3 sich in der Wohnung des Mannes.

Illustrator: Hoffentlich sind sie nicht all zu sehr von meinen Lebensraum enttäuscht. Meine finanziellen Möglichkeiten sind nun einmal recht bescheiden. Doch genug von mir. Erzählen sie mir bitte von sich. Wie haben sie sich gefunden?

Die junge Frau aus dem Fahrstuhl erzählt die Geschichte ihrer Begegnung mit dem Yapozelnock.

Illustrator: Erstaunlich. Höchst erstaunlich.

Liftgirl: Nun möchte ich aber auch mehr über sie erfahren. Woher kennen sie die Yapozelnock? Alles was sie damals in dem Buch gezeichnet haben stimmt bis ins kleinste Detail. Das kann unmöglich reine Erfindung sein. Ihr Verhalten vorhin an der Bushaltestelle deutet ebenfalls auf anderes hin.

Illustrator: Ich kenne die Yapozelnock in der Tat ziemlich genau. Immerhin haben sie mich gross gezogen. Meine leiblichen Eltern wussten allem Anschein nach nichts mit mir anzufangen und setzten mich als Baby an einem verlassenen Ort aus. Dort fanden mich einige Yapozelnock. Sie nahmen sich meiner an. Aus Dankbarkeit widmete ich ihnen später jenes Buch, welches sie dereinst gelesen haben. Zu der Zeit als das Buch entstand hatte ich schon lange keinen Kontakt mehr zu den Yapozelnock. Als ich eigenständig genug war, verschwanden sie nämlich einfach wieder aus meinem Leben. Manchmal zweifelte ich gar daran ob es sie tatsächlich gegeben hatte. In solchen Momenten nahm ich dann an sie seien nur meiner Phantasie entsprungen. Sie wissen ja, manchmal schafft man sich solche Phantasiewelten, weil man mit der Wirklichkeit nicht zurecht kommt. Doch nach dem heutigen Tag weiss ich natürlich, dass die Yapozelnock keine Einbildung waren. Doch zurück zum Buch. Ein befreundeter Autor half mir dabei die Geschichte der Yapozelnock aufzuschreiben. Diesem Mann ist es auch zu verdanken, dass das Buch überhaupt veröffentlicht wurde. Denn kein Verlag glaubte an einen Erfolg. Und sie hatten recht damit. Das Buch war ein absoluter Ladenhüter. Kaum jemand interessierte sich dafür.

Liftgirl: Mir gefiel es sehr gut.

Illustrator: Danke schön.

Liftgirl: Haben sie noch weitere Bücher gemacht?

Illustrator: Ach du meine Güte. Natürlich nicht. Nach dieser Pleite wollte niemand mehr aus der Branche mit mir zu tun haben. Meinem Freund, dem Autor, erging es nicht besser. Er schulte auf Bäcker um.

Yapozelnock: Und was machen sie heute?

Illustrator: Ich arbeite als Zauberer auf Betriebsfesten, Kindergeburtstagen, Jahrmärkten und ähnlichen Veranstaltungen. Alles in sehr kleinem Rahmen. Dennoch bin ich zufrieden mit meinem Leben.

Yapozelnock: Hätten sie Lust sich uns anzuschliessen - wir sind nämlich auf dem Weg in eine schönere Welt. Wir könnten eigentlich sogar bereits schon längst dort sein, doch meine Begleiterin wollte sie unbedingt kennen lernen. Deshalb haben wir unsere Reise unterbrochen. Darüber bin ich jetzt sehr froh.

Illustrator: So wie sie das sagen, klingt es fast als ob sie tatsächlich wüssten wo sich diese schönere Welt befindet.

Yapozelnock: Natürlich. Alle Yapozelnock wissen das. Sie verbringen dort immerhin viel Zeit. Darum trifft man sie in der Menschen-Welt so selten an.

Liftgirl: Aber wenn du weisst wo diese Welt ist und weisst wie du sie erreichen kannst, warum bist du dann so lange bei dem Professor geblieben?

Yapozelnock: Er hat zu gut aufgepasst. Ich hatte nie eine Gelegenheit zur Flucht.

Liftgirl: Das ist alles?

Yapozelnock: Das ist der einzige Grund.

Liftgirl: Was macht ihr Yapozelnock eigentlich überhaupt noch hier auf dieser Welt? Warum bleibt ihr nicht einfach in euerer schönen Welt?

Yapozelnock: Wir brauchen sie um Luft zu holen. Stell dir einmal das Meer vor. Es gibt Menschen, die sind von der Unterwasserwelt wahnsinnig fasziniert. Am liebsten würden sie immer dort unten bleiben. Tun sie das aber, sterben sie. Sie benötigen die Luft zum atmen. Deshalb kommen sie immer wieder nach oben. So in etwa verhält es sich auch mit uns und unserer schönen Welt.

Liftgirl: Und in eine Welt in der du nicht dauerhaft sein kannst, willst du diesen Mann und mich mitnehmen?

Yapozelnock: So habe ich mir das gedacht. Das ist mein Vorschlag.

Illustrator: Äh ... Wie hoch in etwa wären dort wohl unsere Überlebenschancen - können sie das abschätzen? War dort schon einmal ein Mensch?

Yapozelnock: Diese Fragen habe ich mir bisher nicht gestellt. Die Yapozelnock denken nicht in solch komplexen Zusammenhängen. Wir erfreuen uns einfach unseres Lebens. Ich biete euch die Chance an dieser Art zu Leben teil zu nehmen.

Liftgirl: Allerdings ohne zu wissen, ob ich und dieser Mann dort wo du uns hinbringen willst überhaupt existieren können.

Yapozelnock: Ist das ein Problem?

Illustrator: Wir Menschen lieben unser Leben auch wenn es nicht immer unserem Ideal entspricht. Wir versuchen in der Regel stets das Beste für uns aus den vorgegebenen Umständen heraus zu holen. Das mag für dich Eitel, Einfältig und Egozentrisch klingen. Aber nach allem was du sagst, ziehe ich es vor hier zu bleiben.

Yapozelnock: Ihr wollt nicht einmal einen klitzekleinen Blick in die andere Welt werfen? Immerhin besteht doch auch die Möglichkeit, dass ihr dort ebenso lebensfähig seit wie hier. Menschen sind doch im Gegensatz zu uns Yapozelnock in jeder Hinsicht extrem anpassungsfähig.

Es gibt eine kleine Pause.

Liftgirl: Ich komme mit.

Der Illustrator nickt. Das Liftgirl und der Yapozelnock verlassen die Wohnung.

04.02.2008 21.45 Uhr