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Geschichte vom 16.12.2007:

Karin und ihr Nachname

Hubert Weltenzerstörer war ein unbedeutender Angestellter in einem unbedeutenden Unternehmen. Er sass gerade in einer unbedeutenden kleinen Schmuddelkneipe, zusammen mit einigen unbedeutenden Freunden. Es war Freitag Abend. Da tat man eben nichts anderes - und was hätte ein Mensch wie Hubert auch schon anderes tun sollen. Das einzig Besondere in seinem Leben war sein Nachname. Hubert Weltenzerstörer trank ein Bier nach dem anderen. Nebenbei unterhielt er sich über allerlei unbedeutende Dinge. Über Dinge wie das Fussballspiel vom Montag, den Spielfilm vom Mittwoch und die angebrannte Kartoffelsuppe in der Kantine, gestern.

Die Bedienung brachte ein paar weitere bis zum Rand gefüllte Gläser. Die Andrea machte diesen Job bereits seit Jahren. Sie hatte keinen besseren bekommen. Solch einen Job zu haben, war immer noch besser als gar keinen Job zu haben. Zumindest redete sie sich das ein. In ihrem bisherigen Leben hatte sie noch keinen einzigen eigenständigen Gedanken gehabt. Und es gab niemanden, dem dies aufgefallen wäre.

Alles in der unbedeutenden kleinen Scmuddelkneipe war also so, wie es immer war. Alles war vollkommen normal.

Dann geschah folgendes.

Die Andrea: Du Hubert, woher hast du eigentlich diesen Nachnamen?

Hubert: Äh ... Wieso?

Die Andrea: Na ich meine, deine Eltern heissen nicht so, du warst nie verheiratet, wie bist du da zu diesem Namen gekommen. Ist das so eine Art Künstlername?

Hubert: Oh nein, das ist kein Künstlername. Der Name war auf einmal da.

Die Andrea: Wie, der Name war auf einmal da? So ein Nachname fällt doch nicht einfach vom Himmel und man heisst dann so.

Der Dudlmoser Sepp, einer der unbedeutenden Freunde von Hubert die an dem Tisch sassen klinkte sich an dieser Stelle in den Dialog ein.

Dudlmoser Sepp: Da hat sie recht, die Andrea. Du Hubert, so ein Nachname fällt echt nicht einfach vom Himmel, so ein Nachname muss schon irgendwo herkommen.

Hubert: Wirklich? Oje, darüber habe ich mir nie einen Gedanken gemacht.

Die Andrea: Vielleicht ist das ja auch der Grund, weshalb der Name dann bei dir geblieben ist. Denn wenn du dich gefragt hättest, woher er so einfach gekommen ist, dann wäre er vielleicht sofort weiter gezogen.

Dudlmoser Sepp: Da hat die Andrea wahrscheinlich recht.

Hubert: Meinst du?

Dudlmoser Sepp: Könnt doch sein.

Da hatte die Andrea sogar absolut recht - und jetzt, da der Nachname entdeckt worden war, machte er sich augenblicklich aus dem Staub. Von Stund an hatte Hubert keinen Nachnamen mehr. Da aber mit dem verschwinden des Nachnamens nun das einzig bemerkenswerte an Hubert verschwunden war, fiel er tot vom Stuhl.

Der Dudlmoser Sepp bemerkte dies gar nicht. Er war immer noch hin und weg von dem ersten eigenständigen Gedanken, den die Andrea gerade eben gehabt hatte. "Vielleicht ist das ja auch der Grund, weshalb der Name dann bei dir geblieben ist. Denn wenn du dich gefragt hättest, woher er so einfach gekommen ist, dann wäre er vielleicht sofort weiter gezogen." Genau das hatte sie gesagt. Das war der erste eigenständige Gedanke in ihrem ganzen bisherigen Leben gewesen, wie bereits erwähnt, doch dieses Hintergrundwissen fehlte dem Dudlmoser Sepp natürlich. Er war von dem Gedanken den die Andrea gerade eben gehabt hatte sogar dermassen hin und weg, dass er die Andrea am nächstmöglichen Tag heiratete. Denn der Dudlmoser Sepp fuhr echt voll ab auf Frauen mit eigenständigen Gedanken. Ob er die Ehe auch eingegangen wäre, wenn er gewusst hätte, dass die Andrea niemals wieder in ihrem restlichen Leben einen eigenständigen Gedanken haben würde, bleibt zweifelhaft. Doch das stand dem Glück ihrer Ehe nicht im Weg, zumal die Andrea bereits drei Wochen nach der Hochzeit im sechsten Monat schwanger war und die beiden von da an nie wieder ein Wort miteinander sprachen. Denn wenn die Andrea bereits drei Wochen nach der Hochzeit im sechsten Monat schwanger war, dann konnte der Dudlmoser Sepp absolut sicher sein, dass das Kind nicht von ihm war, weil er und die Andrea sich so richtig gerade mal erst fünf Wochen kannten. Ein Kind eines anderen Mannes grossziehen zu müssen, gefiel dem Dudlmoser Sepp aber überhaupt nicht. Das wusste auch die Andrea. Darum beabsichtigten die beiden dieses Thema unter allen Umständen zu meiden und damit man gar nicht erst in Versuchung kam das Thema vielleicht nebenbei doch mal anzusprechen, verzichtete man gleich vollständig darauf miteinander zu reden.

Die Andrea hiess jetzt mit Nachnamen Dudlmoser. Als das Kind zur Welt kam, entschied die Andrea dem Kind allerdings einen anderen Nachnamen zu geben, schliesslich war es ja nicht das Kind vom Dudlmoser Sepp, wie sie und der Dudlmoser Sepp wussten. In der kleinen unbedeutenden Stadt in der die beiden lebten war das auch kein Problem. Aus Dankbarkeit gegenüber dem Mann, der die Andrea und den Dudlmoser Sepp gewissermassen zusammen gebracht hatte, entschied die Andrea dem Kind den Nachnamen Weltenzerstörer zu geben. Als Vornamen wählte sie Karin.

Im Alter von 17 Jahren begann Karin Weltenzerstörer mit dem Studium der Astrophysik. Der Studiengang liess ihr genügend Freiraum, um sich parallel noch für Medizin, Kinetik, slawische Semiotik und einen Töpferkurs an der Volkshochschule einzuschreiben.

Mit 22 hatte sie alle vier Studiengänge als Jahrgangsbeste abgeschlossen. Ihre Arbeiten aus dem Töpferkurs waren allesamt vom Metropolitan Museum of Modern Arts zu horrenden Summen aufgekauft worden. Während der fünf Jahre hatte Karin in ihrer Freizeit ausserdem noch sieben Romane geschrieben die zu Weltbestsellern geworden waren. Für ihren dritten Roman erhielt sie den Nobelpreis für Literatur, für den sechsten den Pulitzerpreis. Alle sieben Bücher wurden in Hollywood verfilmt und erhielten insgesamt 126 Oscars. Die sieben Filme führen die Liste der erfolgreichsten Filme aller Zeiten an - weit vor "Titanic". Mit 18 war Karin zur Miss World, mit 19 zur Miss Universe gekürt worden. Sie führte eine Ehe mit einem der attraktivsten Millionäre der Welt und hatte vier wunderhübsche Kinder. Zwei Töchter und zwei Jungen. Die zwei Musik CDs bei denen Karin für die Texte, die Musik und den Gesang verantwortlich war, standen seit fünf Monaten in sämtlichen Ländern der Welt auf dem ersten und zweiten Platz der Verkaufscharts.

Dennoch fühlte sich Karin Weltenzerstörer nicht wohl in ihrem Leben. Immer wieder stellte sie sich die Frage, ob sie wirklich das beste aus dem machte, was sie an Gaben mitbekommen hatte. Gerade in letzter Zeit stellte sie sich diese Frage immer öfter. Sie ging in die unbedeutende kleine Schmuddelkneipe in der ihre Mutter, die Andrea, als Bedienung arbeitete. Dort setzte sich Karin Weltenzerstörer an einen kleinen unbedeutenden Tisch in einer dunklen Ecke. Niemand nahm sie dort wahr. Ihr jedoch war es möglich von diesem Platz aus die gesamte unbedeutende Kneipe zu überblicken. Hier blieb die junge Frau viele Tage lang sitzen. Niemand kam an dem Tisch vorbei. Die Ecke in welcher der Tisch stand, war schlichtweg derart dunkel, dass es niemanden gab, der den Tisch dort sah. Auch hatte man inzwischen vergessen, dass dort überhaupt je ein Tisch gestanden hatte. Karin Weltenzerstörers körperliche Konstitution ermöglichte es ihr, wochenlang ohne Essen und Trinken auskommen zu können. Dies lag zum einen an ihrem genetischen Erbgut, zum anderen hatten ihr einige tibetische Mönche, in deren abgelegenen Kloster Karin ihre vier Kinder zur Welt gebracht hatte, diesbezüglich ein paar äusserst hilfreiche Tipps gegeben. So konnte die junge Frau wochenlang den Toilettengang vermeiden. Sie benötigte auch nur sehr wenig Schlaf und schnarchte nicht. Eigenschaften, die ihr auf ihrem bisherigen Lebensweg kostbare Dienste geleistet hatten.

Von ihrer Position aus beobachtete Karin den Lauf der Dinge in der unbedeutenden kleinen Schmuddelkneipe. Sah wie ihre Mutter, die Andrea, ihrem Mann schweigend ein frisches Bier hinstellte und der Dudlmoser Sepp dieses Glas nicht minder schweigsam entgegen nahm. Spät in der Nacht verliess das Paar wortlos die unbedeutende kleine Schmuddelkneipe, um sich auf dem Weg nach Hause zu machen und in den eigenen vier Wänden weiter anzuschweigen. Seit Karin das Elternhaus verlassen hatte, war jeglicher Kontakt zwischen ihr und den Eltern abgerissen. Karin hatte zwar immer wieder Briefe geschrieben und auch versucht die beiden telefonisch zu erreichen, unzählige Nachrichten waren von ihr auf dem Anrufbeantworter hinterlassen worden - doch erhielt sie niemals eine Antwort.

Karin Weltenzerstörer sah sich ebenso all die anderen unbedeutenden Menschen ausgiebig an. Warum taten die Menschen das was sie taten? Warum versuchten sie nichts an den Verhältnissen in denen sie lebten, und in denen sie offenkundig unglücklich waren, zu ändern? Aber ging es ihr selbst nicht genauso? Verhielt sie sich etwa anders?

Im Leben eines Menschen gibt es nur eine begrenzte Anzahl von Fragen, die er sich stellen kann, ehe etwas absonderliches geschieht. Die junge Frau hatte diese Anzahl gerade überschritten. Deshalb personifizierte sich jetzt ihr Nachname vor ihr. Neben dem Tisch erschien ein alter Leierkastenmann.

Leierkastenmann: Tag du.

Junge Frau: Nanu, wo kommst du denn her, alter Mann?

Leierkastenmann: Eigentlich begleite ich dich schon seit deiner Menschwerdung, aber erst heute war die Zeit gekommen, um mich dir zu offenbaren.

Junge Frau: Klingt ziemlich mysteriös.

Leierkastenmann: Ist es auch.

Junge Frau: Worum geht es?

Leierkastenmann: Ich möchte dich hier heraus holen und dir neue Möglichkeiten eröffnen.

Junge Frau: Jetzt gleich?

Leierkastenmann: Wenn´s recht ist.

Junge Frau: Aber wenn ich jetzt aufstehe und mit dir hinaus gehe, sehen mich die anderen Gäste. Das wäre mir sehr unangenehm.

Leierkastenmann: Denkst du nicht, dass unser Gespräch schon auffällig genug für die Anderen ist? Immerhin sprechen wir beide doch laut und deutlich.

Junge Frau: Oh mein Gott, du hast recht. Das ist mir noch gar nicht aufgefallen ...

Leierkastenmann: Halb so schlimm, ausser uns ist eh keiner mehr hier. Es ist bereits spät musst du wissen.

Junge Frau: Dann ist es ja gut. Gehen wir jetzt?

Leierkastenmann: Wir müssen diesen Ort nicht verlassen, ich kann dir auch hier alles zeigen.

Junge Frau: Schön. Dann los.

Der alte Leierkastenmann drehte an der Kurbel seines Musikinstruments. Musik erklang. Gleichzeitig klappte langsam die Vorderseite der Drehorgel herunter, wie die Zugbrücke einer mittelalterlichen Burg. Zwei gespannte Ketten aus kleinen Metallringen stellten die notwendige Verbindung zwischen den oberen Ecken des Kastenrahmens und der waagrecht abstehenden Holzplatte her. Aus dem Inneren des Leierkastens liefen weiße Mäuse auf die vorgelagerte Bühne.

Leierkastenmann: Sieh dir diese einfältigen Tierchen an. Ihre Welt besteht einzig aus dieser kleinen Kiste. Mehr kennen sie nicht. Sie leben sorglos in den Tag hinein. Erwarten nichts vom Leben, unternehmen keinen Versuch der Eintönigkeit zu entfliehen. Ja, sie nehmen diese Eintönigkeit mittlerweile vermutlich gar nicht mehr wahr. Vielleicht haben sie sie noch nie wahrgenommen. Viele der Menschen die du kennst, führen ein vergleichbares Dasein, nicht?

Die junge Frau nickte zustimmend mit dem Kopf. Als Reaktion darauf ergriff der Alte eine Maus. Setzte sie auf die Innenseite seiner Handfläche.

Leierkastenmann: Diese hier wurde jetzt von mir auserwählt. Sie erhält einen Blick auf ihre eigene Welt, der den anderen auf ewig verwehrt bleibt. Was wird sie mit dieser neu gewonnen Sicht anfangen. Wird sie versuchen ihr Leben zu ändern? Wohl kaum. Du erhältst durch die Begegnung mit mir ebenfalls die Möglichkeit dein Leben zu ändern. Wirst du versuchen etwas zu ändern?

Vorsichtig setzte der Leierkastenmann die Tanzmaus wieder bei ihren Artgenossen ab.

Junge Frau: Könntest du vielleicht ein klein wenig präziser in deinen Aussagen werden. Was bitte schön soll ich denn tun, um mein Leben zu ändern?

Leierkastenmann: Alle Möglichkeiten dazu hast du seit Kindesbeinen an.

Junge Frau: So richtig präzise ist das immer noch nicht - findest du nicht auch?

Leierkastenmann: Herrgott noch mal. Für jemanden, der sich durch seinen Lebenslauf eigentlich als unglaublich kluge und talentierte Person ausweist, bist du nun wirklich nicht gerade schnell von Begriff. Dein Nachname schrieb dir von Geburt an deinen Lebensweg vor. Folge diesem Pfad.

Junge Frau: Ich soll zum Weltenzerstörer werden?

Leierkastenmann: Genau.

Junge Frau: Ist das nicht ein ziemlich umfangreiches und sehr endgültiges Programm?

Leierkastenmann: Betrachte es doch eher als eine aussergewöhnliche Herausforderung.

Junge Frau: Und wenn ich darauf keine Lust habe?

Leierkastenmann: Wäre schade.

Junge Frau: Warum?

Leierkastenmann: Du würdest dir damit den sicheren Eingang in die Geschichtsbücher verwehren. Deine bisherigen Leistungen werden wohl kaum für die Ewigkeit bestand haben.

Junge Frau: Welche Geschichtsbücher? Wenn ich die Welt zerstöre, gibt es keine Geschichtsbücher mehr.

Leierkastenmann: Ihr Menschen seid eine derartige Plage, dass euch niemand mehr vollständig ausrotten kann. Nicht einmal ihr selbst. Ein paar von euch werden immer überleben. Und ein Paar euerer Spezies reicht ja schon aus, um alles wieder von vorne Anfangen zu lassen. Adam und Eva haben das bewiesen. Wenn die Welt zerstört wird, bleiben zum Beispiel zumindest immer noch die Astronauten in den Raumstationen. Die werden natürlich erst mal nichts besseres mit ihrem Leben anzufangen wissen, als Adam und Eva nach zu eifern. Für ihre Kinder werden sie dann die Geschehnisse aufschreiben, die zur Zerstörung des Planeten geführt haben - und diese Schriftstücke werden die Grundlage zukünftiger Geschichtsbücher sein. Und in diesen Geschichtsbüchern könnte dein Name in ganz grossen fetten Buchstaben stehen.

Junge Frau: Haben sie dieses Angebot schon einigen anderen Leuten vor mir unterbreitet?

Leierkastenmann: Das tut doch nun wirklich nichts zur Sache.

Junge Frau: Für mich schon. Also ich finde es schon extrem merkwürdig, dass ausgerechnet eine Frau den Nachnamen Weltenzerstörer erhalten hat. Eigentlich wäre dieser Name für einen Mann doch wohl eher geeignet. Hätte man von Beginn an eine Frau als Weltenzerstörer im Auge gehabt, dann wäre der Nachname Weltenzerstörerin meiner Ansicht nach doch wesentlich geeigneter gewesen - im Hinblick auf die geschlechtliche Spezifisierung.

Leierkastenmann: Schon recht. Ja gut, ich gebe es zu. Vor dir hatte ich den Job schon einigen Männern angeboten. Aber du bist die allererste Frau, die ich diesbezüglich anspreche.

Junge Frau: Na und?

Leierkastenmann: Warum so feindseelig? Ich biete dir DIE CHANCE deines Lebens. Du solltest froh sein, dass ich nach deinem ganzen Gerede das Angebot noch immer Aufrecht erhalte. Andere Menschen wären unglaublich froh darüber, ein solches Angebot unterbreitet zu bekommen. Die würden nicht so lange zögern.

Junge Frau: Immerhin hat doch wohl bisher noch niemand dein Angebot angenommen.

Leierkastenmann: Der Typ vor Adam und Eva hatte mein Angebot angenommen und seine Sache auch recht anständig gemacht. Doch seither lief es nicht mehr so gut. Es gab zwar schon einige Männer in der Geschichte, die kurz davor standen die Welt zu zerstören. Doch im letzten Augenblick haben sie dann immer Muffensausen bekommen und die Sache vergeigt. Übrigens mit ein Grund dafür, dass ich diesmal eine Frau anspreche.

Junge Frau: Wieso hat der Weltenzerstörer vor Adam und Eva keinen Eingang in die Geschichtsbücher gefunden? Dein Angebot stinkt doch zum Himmel. Nein, ich halte das Ganze für nicht sonderlich berauschend.

Leierkastenmann: Also das ist ja nun wohl wirklich der Gipfel. Bei dem Kerl vor Adam und Eva war ich noch ein Teenager. Damals fehlte mir noch etwas der rechte Überblick. Heute ist das anders. Wenn ich dir sage, du wirst deinen Platz in den Geschichtsbüchern erhalten, sobald du die Welt zerstörst hast, dann kannst du mir das ruhig glauben. Bist du dir im Klaren darüber, was du ablehnst, wenn du den Job nicht übernimmst?

Junge Frau: Durchaus.

Leierkastenmann: Hängt deine ablehnende Haltung vielleicht mit meinem Erscheinungsbild zusammen? An so etwas solltest du dich echt nicht festmachen. Ich kann mich verwandeln in wen oder was immer ich möchte. Gefalle ich dir so womöglich besser?

Vor den Augen von Karin Weltenzerstörer verwandelte sich der Leierkastenmann in einen griechischen Adonis mit den ebenmässigen Gesichtszügen eines Hollywoodstars. In verführerischer Pose steckte er der jungen Frau die rechte Hand entgegen. Doch die winkte mit eindeutiger Bekundung ihres Desinteresses ab.

Leierkastenmann: Soll ich mich vielleicht noch nackt ausziehen und mir eine Pfauenfeder in den Anus stecken? Bei einigen Männern hat das etwas gebracht. Die haben es sich dann doch noch anders überlegt.

Junge Frau: Wie du bereits sagtest, sind die danach allerdings an der Aufgabe gescheitert. Haben versagt.

Leierkastenmann: Du bleibst also bei "Nein"?

Junge Frau: So ist es.

Leierkastenmann: Himmel Herrgott noch mal. Jetzt hab ich aber genug.

Der frühere Leierkastenmann und jetzige griechische Adonis riss sich die Kleider vom Leib und verwandelte sich in einen riesigen Dämon mit Teufelshörnern und glutroter Haut. Seine Hände und Füsse wurden zu messerscharfen Klauen. Das Wesen beugte seinen Schädel zu der jungen Frau am Tisch hinunter. Die Nasenspitzen der beiden berührten sich.

Leierkastenmann: Nimmst du jetzt mein Angebot an?

Junge Frau: Definitiv - Nein!

Leierkastenmann: Oh du Ausgeburt der Hölle. Wie kannst du mir gegenüber nur so grausam sein. Ich will doch nur dein Bestes. Muss ich denn jegliche Selbstachtung aufgeben, um dir ein "Ja" zu entlocken? Bitte bitte. Sag doch einfach "Ja". Komm schon. Soll ich dir vielleicht ein mit Diamanten besticktes Ballkleid schenken. Ist es das, was du willst? Los sag schon. Sprich es aus. Gib mir ein Zeichen. Nur einen klitzekleinen Hinweis. Ich tue alles was du willst. Ich will mich nur nicht noch ein weiteres Mal auf die Suche nach einem für diese Aufgabe geeignetem Menschenkind machen müssen. Das raubt einem echt den letzten Nerv. Wenn ich bedenke, wie viel Zeit ich schon wieder in deine bisherige Ausbildung investiert habe. Mir hast du zu verdanken, was du alles erreicht hast. Glaubst du nicht da wäre es an der Zeit mir etwas Dankbarkeit entgegen zu bringen? Sag "Ja".

Karin stand auf, packte ihre Hände an die Hüfte und stampfte energisch mit dem rechten Fuss auf. Ihre Halsadern schwollen zum bersten an.

Junge Frau: Es reicht!

Schrie sie aus.

Junge Frau: Ich will von diesem Humbug absolut nichts mehr hören. Hast du das verstanden?

Warnend hob sie den Zeigefinger der rechten Hand und schob ihm dem Dämon ins linke Nasenloch. Wie Karin da vor dem Ungetüm stand, machte es den Anschein, als würde sie immer grösser und wütender werden, während die ehemals furcht einflössende Gestalt ihres Gegenübers kleinlaut in sich zusammen sank, immer winziger und demutvoller wurde.

Junge Frau: Dieses ewige Geschwafele kotzt mich unendlich an. Ich halt das echt nicht mehr aus. Hast du nichts besseres zu tun als eine wildfremde Frau voll zu labern, du Knalltüte?

Längst schon passte der Zeigefinger von Karin nicht mehr in das Nasenloch des Dämons. Vielmehr hing der Unhold nun gleich einem hilflos zappelnden Mäuslein zwischen Zeigefinger und Daumen der jungen Frau.

Leierkastenmann: Aber ich wollte doch nur ...

Junge Frau: Noch einen Mucks und ich haue dir derart eine auf die Backe, dass du niemals wieder auch nur daran denkst den Mund aufzumachen. Hau jetzt ab. Ich habe genug von dir.

Karin setzte den geschrumpften Dämon auf dem Kneipenboden ab. Wie es ihm aufgetragen worden war, trollte sich der so arg gescholtene ohne ein weiteres Wort davon.

In der unbedeutenden kleinen Schmuddelkneipe zogen wieder Dunkelheit und Stille ein. Karin hockte sich wieder auf den Stuhl an dem Tisch. Der Leierkasten stand noch da. Die Tanzmäuse turnten darauf herum. Einige machten sich an der Drehkurbel zu schaffen, setzten sie sogar in Bewegung. Musik erklang. Die junge Frau fühlte sich glücklich. Sie hatte endlich etwas geschafft, dass sie ganz und gar stolz und glücklich machte. Sie hatte es geschafft ein teuflisch verlockendes Angebot abzulehnen und dadurch einen Dämon in die Flucht geschlagen, der ihr von Geburt an zur Seite gestanden hatte. Durch diesen Dämon war sie zwar in der Lage gewesen unglaubliches zu leisten, doch der Preis den sie für seine Unterstützung heute hätte zahlen müssen, erschien ihr zu hoch. Der Gedanke, den tieferen Sinn für die eigene Existenz mit dem Untergang von Anderen rechtfertigen zu müssen, gefiel Karin einfach nicht - und das genau war es doch, was hinter dem Angebot des Leierkastenmannes stand, befand sie. Durch die getroffene Entscheidung, erkannte die junge Frau eine Kraft in sich, von der sie bisher nicht einmal etwas geahnt hatte.

Ihr ungewöhnlicher Nachname war zusammen mit dem Dämon verschwunden, stattdessen hatte Karin neuen Lebensmut gefunden. In ihren Augen ein guter Tausch. Karin mochte den Nachnamen ihrer Eltern. Der gefiel ihr. Den wollte sie von nun an tragen. Karin Dudlmoser. Und Karin Dudlmoser beschloss ihre Geschichte hinaus in die Welt zu tragen. Den Menschen wollte sie ein Beispiel dafür geben, dass man das eigene Leben selbst bestimmen konnte - wenn man nur den Mut dazu hatte eigene Entscheidungen zu treffen. Karin nahm den Leierkasten mit den Tanzmäusen und verliess die unbedeutende kleinen Schmuddelkneipe. Sie machte sich auf den Weg zu ihrem Elternhaus. Die Eltern sollten als erste die Geschichte von Karin anhören.

Die Andrea und der Dudlmoser Sepp waren vollkommen sprachlos. Dann geschah etwas, dass in völligem Widerspruch zu einer früher in dieser Geschichte gemachten Aussage stand. Vor einigen Zeilen stand dort nämlich zu lesen, "das die Andrea niemals wieder in ihrem restlichen Leben einen eigenständigen Gedanken haben würde". Die Andrea hatte nun aber gerade wieder einen eigenständigen Gedanken - und nicht nur den einen, sondern sogar gleich sehr viele -, denn durch die Wandlung der Tochter veränderte sich jetzt auch ihr eigenes Leben. Diese Entwicklung war zu dem Zeitpunkt als das aufgeführte Zitat in seiner Urform nieder geschrieben worden war, noch nicht absehbar gewesen. So wie vieles zu manchen Zeiten noch nicht absehbar ist.

Die Andrea: Donnerlüttchen. Das gefällt mir. Das gefällt mir sogar dermassen gut, dass ich dich auf deinem Weg begleiten werde.

Dudlmoser Sepp: Wisst ihr was - ich komme auch mit.

Die drei Dudlmoser fuhren zu dem Mann und den Kindern von Karin. Seither reisen die acht, als die "Familie Dudlmoser mit den weissen Tanzmäusen" durch die Welt. Der Nachname Weltenzerstörer ist ihnen dabei nie wieder begegnet. Ob dieser Nachname allerdings völlig vom Erdboden verschwunden ist, ist schwer zu sagen. Womöglich versucht er heute sein Glück in anderen Sprachen - oder bildet gerade jetzt jemanden für seine Zwecke aus, oder hat gerade die Ausbildung von jemandem abgeschlossen und erklärt dieser Person in diesem Augenblick, was er als Gegenleistung von ihr erwartet.

16.12.2007 00.02 Uhr