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Geschichte vom 14.10.2007:

Die Karawane der Allesmanager

In manchen Kaufhäusern gibt es magische automatische Drehtüren. Es ist unmöglich sie von gewöhnlichen automatischen Drehtüren zu unterscheiden. Die meisten Menschen bemerken nicht einmal, dass sie eine magische automatische Drehtür durchschritten haben, selbst wenn dies gerade der Fall war. Die anschliessenden Veränderungen in ihrem Leben, führen sie einfach nicht auf das Durchschreiten einer magischen automatischen Drehtür zurück. Statistisch gesehen gibt es nur einen verschwindend geringen Prozentsatz von Menschen, die eine einschneidende Veränderung in ihrem Leben an dem Durchschreiten einer magischen automatischen Drehtür dingfest machen. Was allerdings wohl hauptsächlich darauf zurück zu führen ist, dass Menschen die behaupten ihr Leben habe sich einschneidend verändert, weil sie eine magische automatische Drehtür durchschritten haben, in der Regel sehr schnell in eine geschlossene Nervenheilanstalt eingewiesen werden - und von da an nur noch äußerst selten in irgendwelchen Statistiken in Erscheinung treten, zumindest nicht in solchen, die sich mit dem Durchschreiten von magischen automatischen Drehtüren beschäftigen. Das mag zwar widersprüchlich klingen, ändert aber nichts an dem Wahrheitsgehalt dieser Feststellung.

Frau Fiedelbumm waren magische automatische Drehtüren absolut gleichgültig. Als sie mit ihrem fünfjährigen Sohn eine solche betrat und sich das Kind nach dem Verlassen der magisch automatischen Drehtür nicht mehr an ihrer Seite befand, machte das Frau Fiedelbumm zwar gehörig stutzig, aber es wäre ihr niemals in den Sinn gekommen das Verschwinden ihres Sohnes in Zusammenhang mit einer magischen automatischen Drehtür zu bringen. Da so gut wie kein rational denkender Mensch ausserhalb geschlossener Nervenheilanstalten an magische automatische Drehtüren in Kaufhäusern glaubt, weiss natürlich auch niemand, wo diese Drehtüren herkommen, lässt man einmal den kleinen Jungen von Frau Fiedelbumm aussen vor, denn dieser ist der Ansicht, dass die magische automatische Drehtür durch welche er seiner Mutter entrissen wurde aus Finnland stammt. Woher er das zu wissen glaubt ist nicht überliefert und für den Fortgang dieser Geschichte auch völlig irrelevant, weil im Fortgang dieser Geschichte keine magischen automatischen Drehtüren mehr in Erscheinung treten werden. Stattdessen richtet sich das Augenmerk nun auf den kleinen Fiedelbumm mit dem Vornamen Friedrich.

16 Monate nachdem er von der Seite seiner Mutter verschwunden war, tauchte Friedrich mit einem Vollbart im Gesicht und einem grossen Stapel von Zetteln in der Hand in der Stadt der Allesmanager auf. Jeder Mensch der Friedrich begegnete, erhielt von dem Kind mit dem Vollbart einen Zettel in die Hand gedrückt. Auf dem Zettel stand folgender Anzeigentext zu lesen:
"Hallo du toller Allesmanager, dieser Zettel ist ein Gutschein. Du erhältst damit die Möglichkeit kostenlos an einem Seminar zur Selbsterfahrung teilzunehmen. Komm am nächsten Samstag doch einfach mal vorbei. Wir treffen uns auf der grossen Wiese vor dem gelben zwei Meter hohen Gartenzwerg."
Unterzeichnet war der Text mit:
"Friedrich Fiedelbumm, Seminarleiter".

In der Stadt der Allesmanager lebten zwei Arten von Menschen. Männer und Frauen. Vereint wurden sie durch das Streben nach Gewinn- und Zeitoptimierung. Das oberste Ziel bestand darin, in beiden Disziplinen besser als alle anderen zu sein.

Jan-Hubert Gossendorff hatte sich vor kurzem einen Schnurrbart auf die Nasenspitze implantieren lassen, als Zeichen für seine Individualität. Um heutzutage noch aufzufallen, genügte es schon lange nicht mehr Ohrringe, Tattoos und/oder Piercings zu tragen. Auch die Möglichkeiten durch eine ungewöhnliche Haarfarbe, Frisur, Krawatte, Kleidung oder Barttracht den eigenen Markencharakter zu unterstreichen, schienen nahezu aufgebraucht. Wer auffallen wollte - und das wollte hier jeder und jede - musste sich schon etwas ganz besonderes einfallen lassen. Jan-Huberts Frau erkannte das Potential der Idee ihres Mannes sofort und um gar nicht erst Zweifel darüber aufkommen zu lassen, dass sie ihrem Gatten in allen Belangen haushoch überlegen war, liess sie sich tags darauf vom Schönheitschirurgen ein zweites paar Augenbrauen unter ihre Augen implantieren. Der Schnurrbart ihres Mannes bestand aus etwa 100 Einzelhaaren, die zusätzlichen Augenbrauen, sie hatte sich für besonders dichte und buschige entschieden, brachten es auf je 120 Einzelhaare. Innerlich tobte Jan-Hubert vor Wut, wollte sich aber nichts anmerken lassen, weil er wusste, dies würde seiner Frau den Triumph nur noch versüssen. Natürlich bemerkte sie seine Reaktion dennoch und freute sich diebisch darüber. Die nächste Idee würde er sich nicht so leicht stehlen lassen, nahm sich Jan-Hubert vor. Mit der nächsten Idee würde er seine Frau zurück in ihre Schranken verweisen. Denn Jan-Hubert Gossendorff wusste natürlich inzwischen, dass seine Frau ihm nicht ebenbürtig war. Vermutet hatte er das zwar schon lange - sogar schon vor ihrer Heirat, absolut sicher war er damals jedoch nicht. Die beiden hatten sich in der Firma kennen gelernt. Sie machte dort schneller Karriere als er, deshalb waren die meisten seiner Bekannten zu der Zeit der Ansicht gewesen, sie würde nur mit Jan-Hubert spielen und ihn bei nächstbester Gelegenheit wieder abservieren. Doch diesen Typen hatte er es gezeigt. Seit der Hochzeit waren ihre Stimmen verstummt.

Wie in der Firma, so sah Jan-Hubert auch in der Ehe seine Frau als Konkurrentin an, die es zu bezwingen galt. Will man einen fremden Menschen unter Kontrolle halten, so gibt es dafür kein besseres Instrument als die Ehe. Und dass seine Frau immer noch eine gefährliche Konkurrentin war, hatte sie ja gerade wieder einmal in aller Deutlichkeit bewiesen. In der Firma hielt man nämlich ihr zweites paar Augenbrauen für wesentlich innovativer als seinen Schnurrbart auf der Nasenspitze. Schon meldeten sich die alten Lästerstimmen von früher zurück. Nannten ihn einen Trittbrettfahrer, der ohne seine Frau nie hätte Karriere machen können. In Zukunft würde er wieder ein wachsameres Auge auf sein Eheweib haben. Offensichtlich war er sich ihrer Unterwürfigkeit zu sicher gewesen. Jetzt hatte sie die Gelegenheit genutzt und ihm, bildlich gesprochen, einen Dolch in den Rücken gerammt. Zu vertrauensseelig war er gewesen. Hatte sich von einer drittklassigen Schauspielerin, für die er seine Frau hielt, täuschen lassen. Alle Frauen wissen in Gesprächen immer alles besser hatte er sich gesagt - und natürlich prahlen sie immer und ewig damit, wie emanzipiert und selbständig sie sind. Das gehört einfach zum Rollenbild. Aber das gesprochene Rauch ist Schall und Rauch hielt sich Jan-Hubert stets vor Augen, wenn er seine Frau vor Bekannten so reden hörte. Die wahre Gesinnung zeigt sich stets im Verhalten. Und da war es nun einmal so, dass seine Frau ihm in allen Dingen stets den Vortritt liess und widerspruchslos all seinen Anweisungen folge leistete - waren sie auch noch so absurd. Er erinnerte sich in diesem Zusammenhang an eine Szene aus dem letzten Urlaub. Für ein paar gelungene Fotos sprang er damals an einem Bungee-Seil in einen Vulkan. Zuvor wies er seine Frau an, sie solle sich im lodernden Innern des Bergs, möglichst nahe am Grund positionieren, um von dort aus die Bilder aufzunehmen. Sie tat was er ihr gesagt hatte und zog sich Verbrennungen dritten Grades zu. Für Jan-Hubert ein deutliches Zeichen dafür, wie hörig ihm seine Frau war. Obwohl dahinter natürlich auch ebenso gut eiskaltes Kalkül gestanden haben mochte, wie er sich aufgrund der aktuellen Entwicklungen eingestehen musste. Doch ganz gleich aus welchen Motiven sie damals gehandelt hatte, seine nächste grandiose Idee würde sie ihm nicht mehr so einfach abknöpfen. Er würde es ihr nicht noch einmal so leicht machen sich mit seinen Federn zu schmücken. Da kam ihm dieser Zettel, den er von dem kleinen bärtigen Männlein in die Hand gedrückt bekommen hatte gerade recht. Er ahnte, dass dies eine ganz grosse Sache werden könnte. Wenn er mehr über sich erfahren würde, als seine Frau bereits über ihn wusste, hatte er ihr gegenüber wieder einmal einen entscheidenden Vorteil.

Am kommenden Wochenende wartete Jan-Hubert auf der Wiese vor dem gelben, zwei Meter großen Gartenzwerg auf das, was da kommen möge. Weil er auf dem Zettel keinen Hinweis auf den Veranstaltungsbeginn gefunden hatte, traf Jan-Hubert schon sehr früh am Samstag Morgen ein, denn er wollte unbedingt der erste Allesmanager vor Ort sein. Die Stunden vergingen und die Wiese wurde voller. Immer mehr Allesmanager fanden sich ein. Die meisten davon kannten sich untereinander. Jan-Hubert verkündete jedem voller stolz, der Erste vor Ort gewesen zu sein, wodurch er rasch an Bedeutsamkeit gewann. Manche nahmen dies sogar zum Anlass, um sich bei ihm nach dem zeitlichen Programmablauf zu erkundigen, damit sie das restliche Wochenende sinnvoll weiter verplanen konnten. Weil er auf diese Frage keine fachkundige Antwort geben konnte, verlor Jan-Hubert seinen Status an Bedeutsamkeit schon bald wieder.
Niemand wusste worum es bei diesem Seminar genau ging. Alle waren gekommen, weil sie erhofften sich hier ein Know-how anzueignen, mit dem sie im Anschluss unliebsame Konkurrenten leichter würden ausschalten können. Bislang aber hatten sie sich nichts weiter angeeignet, als die Erkenntnis, dass sie sich bislang hier nichts weiter angeeignet hatten. Eine Erkenntnis die für grossen Unmut sorgte. Man munkelte, dass sich da jemand wohl einen bösen Scherz mit ihnen erlaubt habe; der Aufenthalt hier sei nichts weiter als pure Zeitverschwendung - und Zeitverschwendung war nach Ansicht aller Allesmanager die grösste Dummheit, die ein Mensch überhaupt begehen konnte, viel schlimmer noch als zum Beispiel zweimal hintereinander auf die Klospülung zu drücken oder mit einem möglichen Konkurrenten ein offenes Gespräch zu führen.
Vereinzelte Allesmanager begannen damit ihre Termine für die kommende Woche aufzusagen. Das übte eine beruhigende Wirkung auf sie aus. Gleichzeitig demonstrierte man damit die eigene Wichtigkeit und provozierte Selbstzweifel bei anderen Allesmanagern mit weniger überladenen Terminkalendern. Allesmanager mit Selbstzweifeln waren keine ernsthaften Konkurrenten mehr. Und da jeder Allesmanager ein potentieller Konkurrent eines anderen Allesmanagers war, wurde jede sich bietende Gelegenheit genutzt, um bei einem anderen Allesmanager Selbstzweifel auszulösen. Weil sich allerdings niemand diese Selbstzweifel anmerken lassen wollte, um sich dadurch keine Blösse zu geben, begannen die Allesmanager mit weniger überladenen Terminkalendern ebenfalls ihre Termine aufzusagen - und fügten zu den tatsächlichen, noch ein paar erfundene hinzu. Bald war die gesamt Wiese von einem undurchdringlichem Gemurmel überzogen. Jan-Hubert wusste, dass er jetzt nur noch durch den Gebrauch eines Handys punkten konnte. Er rief die eigene Mailbox an, erteilte in lautem Ton Anweisungen, so als ob er mit einem Untergebenen sprechen würde. Der Plan ging auf. Sofort verstummte das flächendeckende Gebrummel. War da etwa tatsächlich jemand so wichtig, dass er seine Angestellten auch an Wochenenden arbeiten lassen konnte. Augenblicklich zückten alle Allesmanager ihre Handys und brüllten dort hinein. Jan-Hubert jedoch war der Erste gewesen - und ausserdem war er der erste Allesmanager am heutigen Tag auf dieser Wiese vor dem gelben zwei Meter grossen Gartenzwerg gewesen. An diesen Fakten gab es keinen Zweifel. Die Anderen wussten das. Jan-Hubert ebenso. Er hatte damit eindeutig seinen Führungsanspruch angemeldet. Jan-Hubert fühlte sich wohl in dieser Rolle, strahlte das Lächeln und die Selbstsicherheit des Siegers aus. So liess es sich leben. Er strich sich über den Schnurrbart auf der Nasenspitze. Er wusste, dass er dabei von den Anderen mit verstohlenen Blicken beobachtet wurde. Blicken voller Neid. Er malte sich in Gedanken aus, wie seine Neider gleich am ersten Tag der kommenden Woche ihre Schönheitschirurgen aufsuchten, um sich nach seinem Vorbild Schnurrbärte auf die Nasen setzen zu lassen. Als er in einiger Entfernung seine Ehefrau erspähte, von deren zweitem paar Augenbrauen absolut niemand Notiz nahm, war sein innerlicher Triumph schier grenzenlos. Jan-Hubert breitete die Arme aus und wollte gerade eine Rede anstimmen, als ihn eine kleine Gestalt mit Vollbart zur Seite schubste. Das Kerlchen führte eine Leiter mit sich, die es aufstellte und an der es daraufhin mit flinken Bewegungen hoch kletterte.

Friedrich: Guten Tag. Mein Name ist Friedrich Fiedelbumm. Ich bin ihr Seminarleiter und freue mich, dass sie hier so zahlreich erschienen sind. Die erste Lektion, dass man sich auch mal auf einen Termin ohne feste Zeitvorgaben einlassen sollte, haben sie bereits erfahren. Dies ist ein sehr essentieller Punkt, den sie sich bitte bestens im Gedächtnis verwahren. Sie haben durch diese Übung erfahren, dass sich nicht alles im Leben in ein festes Zeitschema pressen lässt - eigentlich gibt es sogar nur sehr wenige Bereiche in denen das klappt. Als nächstes werden wir einen Spaziergang machen.

Jan-Hubert hielt es für an der Zeit seinen Anspruch auf die Führungsposition unter den Allesmanagern auf der Wiese, den er sich in den letzten Stunden erarbeitet hatte, ein weiteres Mal zu untermauern. Immerhin war nun auch der Seminarleiter anwesend. Deshalb stellte Jan-Hubert als erster eine Frage an Friedrich Fiedelbumm. Eine Frage, von der er wusste, dass sie allen anderen Allesmanagern ebenso auf der Zunge brannte - und wenn er sie nicht stellen würde, fände sich zweifelsohne schon bald ein Anderer, der dies täte. Letzteres wollte Jan-Hubert unter allen Umständen vermeiden, weil dies seinem Anspruch auf die Führungsposition geschadet hätte. So stellte er die Frage ohne Umschweife.

Jan-Hubert: Warum?

Friedrich: Was warum?

Jan-Hubert: Wie? - Was warum?

Friedrich: Haben sie denn nicht zugehört?

Die Allesmanager um Jan-Hubert wichen einige Schritte zurück. Sie hielten es für Angebracht auf Distanz zu gehen. Alle Augen richteten sich auf Jan-Hubert. Die Farbe seines Gesichtes verwandelte sich in kirschrot. Er wusste sofort was geschehen war. Er hatte sich bis auf die Knochen blamiert. Aus dieser Situation half auch kein noch so flapsiger Spruch mehr. Er hatte alles vermasselt. Der Seminarleiter hatte Jan-Hubert voll auflaufen lassen. Jan-Hubert spürte, wie die Anderen ihn belächelten. Die Arbeit der letzten Stunden war mit einem Schlag zunichte gemacht worden. Er war nun der Niederste der Niederen auf diesem Platz. Wie hatte das geschehen können. Offenkundig hatte der Seminarleiter durch die Frage von Jan-Hubert die eigene Autorität gefährdet gesehen. Das lag zwar nicht in Jan-Huberts Absicht, doch er musste sich eingestehen, dass seine Frage durchaus so hatte verstanden werden können. Natürlich durfte der Seminarleiter so ein Verhalten unmöglich tolerieren. Jan-Hubert hätte dies an seiner Stelle ebenso wenig geduldet. Darum war Jan-Hubert bloss gestellt worden. Weiterhin war der Seminarleiter nun durch diesen Schachzug sogar der Pflicht enthoben Jan-Huberts Frage beantworten zu müssen. Ebenso wenig würde ein anderer Allesmanager es nun mehr wagen diese, oder eine ähnliche Frage zu stellen. Möglicherweise sogar, war genau das in Friedrich Fiedelbumms Sinn gestanden, fiel Jan-Hubert plötzlich ein. Dieses bärtige Kerlchen war vielleicht ein gerissenerer Hund, als es auf den ersten Blick schien. Vor solchen Typen musste man auf der Hut sein, wusste Jan-Hubert. Andererseits konnte man sich natürlich einiges von deren Strategien abgucken.

Friedrich: Der Spaziergang führt uns zu einem riesigen Weizenfeld. Dort werden wir uns der zentralen Lerneinheit dieses Seminars widmen.

Nach dieser Bekanntgabe stieg Friedrich Fiedelbumm seine Leiter wieder hinab und verliess die Wiese. Die Leiter blieb zurück.

Jan-Hubert und die anderen Allesmanager sahen sich fragend an. Bislang verlief dieses Seminar nach ihnen völlig fremden Regeln. Bislang hatte es keinem von ihnen auch nur den geringsten Nutzen gebracht. Sollten sie tatsächlich noch mehr ihrer kostbaren Zeit investieren? War es nicht besser hier und jetzt einen Schlussstrich zu ziehen? Jan-Hubert fragte sich, weshalb Friedrich Fiedelbumm seine Frage doch noch beantwortet und allen Allesmanagern damit sogar ein Ziel in Aussicht gestellt hatte. Oder war das nur ein weiterer cleverer Schachzug gewesen? Meinte der kleine bärtige Wicht am Ende etwa doch alles ernst? Gab es da vielleicht überhaupt keine Hintergedanken? Das alles erschien Jan-Hubert höchst sonderbar. Dieser Friedrich Fiedelbumm war unberechenbar. So jemandem war Jan-Hubert schon lange nicht mehr begegnet. War er überhaupt schon einmal einem Menschen wie diesem begegnet? Jan-Hubert wußte diese Frage nicht zu beantworten. Zum ersten Mal seit langer Zeit machte ihn aber jemand von Grund auf neugierig. Er entschied dem Seminarleiter zu folgen.
Die anderen Allesmanager beobachteten aufmerksam welche Richtung Friedrich Fiedelbumm einschlug - und sie stellten mit grossem Interesse fest, dass ihr selbsternannter Wortführer, Jan-Hubert Gossendorff, dem Seminarleiter schnurstracks folgte. Man mutmasste, Jan-Hubert würde für die erlittene Schmach Vergeltung üben wollen. Vielleicht war er dieser Aufgabe aber gar nicht gewachsen. Vielleicht hatte er in dem Seminarleiter seinen Meister gefunden. Kaum etwas motivierte einen Allesmanager mehr, als die Aussicht darauf einen anderen Allesmanager untergehen zu sehen, vor allem, wenn dieser dem Untergang geweihte Allesmanager vorher seine Klappe so weit aufgerissen hatte, wie dies bei Jan-Hubert der Fall gewesen war. Andererseits, würde Jan-Hubert das Gefecht für sich entscheiden können, so war es mit Sicherheit nicht von Nachteil für die eigene Karriere, ihm hernach gleich auf die Schulter klopfen zu können. Und selbst wenn es zu keinem Duell zwischen den beiden kommen sollte, so bestand immer noch die Möglichkeit, dass der Seminarleiter ihnen allen doch noch etwas vorteilhaftes beibringen würde. Genügend Gründe für die anwesenden Allesmanager dem Seminarleiter und Jan-Hubert geschlossen zu folgen.

Der Spaziergang erwies sich als ausgesprochen lang. Mehrere Tage wurde marschiert. Man trank aus Brunnen und Bächen, ernährte sich von Beeren und Fallobst. Viele Allesmanager machten unterwegs schlapp. Dann hielt die Gruppe an und es wurde eine Pause gemacht, bis alle wieder bei Kräften waren. Niemand sprach davon umkehren zu wollen. Allein schon dieser Gedanke kam keinem in den Sinn - obwohl mittlerweile eine neue Woche heran gebrochen war und für jeden einzelnen viele Termine anstanden; die dringlichsten Termine wurden dann eben am Handy abgehandelt. Als die ersten Akkus ausfielen, erhob sich deshalb natürlich ein lautes Geschrei. Dieses Geschrei behinderte die Allesmanager deren Akkus noch intakt waren bei ihren Telefonaten. Man einigte sich schliesslich darauf, die noch funktionsfähigen Handys untereinander auszutauschen. Auf diesem Weg konnten alle anstehenden Aufgaben an in der Stadt verbliebene Mitarbeiter verteilt werden.

Friedrich Fiedelbumm war stolz auf sich. Sein Plan schien auch diesmal aufzugehen. Auch diesmal würde er aus einem Haufen nutzloser Allesmanager sich aufopfernde Seelen für eine gerechte Sache machen. Sie würden ihm dabei behilflich sein eine ertragreiche Ernte einzubringen, mittels derer vielen Not leidenden Menschen geholfen werden konnte. Um das zu erreichen, war ihm jede noch so waghalsige Finte recht.

Am 16. Tag der Reise liess der Seminarleiter den Menschenzug vor einer Vogelscheuche anhalten.

Friedrich: Die anstehende Übung verkörpert, wie bereits erwähnt, das Herzstück unseres Seminars, die zentrale Lektion. Jemand von ihnen wird an dieser Stelle Posten beziehen. Die- oder Derjenige wird einige Anweisungen von mir erhalten und dann hier verbleiben, während der Rest von ihnen mit mir weiter ziehen wird. Soviel möchte ich ihnen bereits jetzt verraten.
Wissen sollten sie ebenfalls noch, dass ich bereits sehr gespannt darauf bin, ob es für jeden Seminarteilnehmer einen Posten geben wird. Falls nicht, werden sich einige von ihnen mit dem Gedanken anfreunden müssen, diese Reise für nichts und wieder nichts mitgemacht zu haben. Bei diesen Personen möchte ich mich dann schon jetzt entschuldigen - aber Zahlen sind eben noch nie meine Stärke gewesen. Deshalb habe ich es auch unterlassen, die Anzahl der Seminarteilnehmer festzustellen, wie ihnen sicher aufgefallen ist. Was allerdings sowieso relativ sinnlos gewesen wäre, da ich mir die Anzahl der zur Verfügung stehenden Posten eh noch nie merken konnte. Den angestrebten Lerneffekt der vorliegenden Übung erläutere ich ihnen, sobald sich eine Freiwillige oder ein Freiwilliger eingefunden hat. Bis es soweit ist, beschäftige ich mich ein Weilchen mit dieser Vogelscheuche. Herzlichen Dank für ihre Aufmerksamkeit.

Unter den Allesmanagern entbrannte eine lautstarke Diskussion. Natürlich wollte jeder von ihnen den ersten Posten belegen und keiner wollte die Reise umsonst gemacht haben. Die Frau von Jan-Hubert Gossendorff entwickelte den grössten Ehrgeiz. Sie war noch immer voller Zorn darüber, dass ihr Mann versucht hatte sich zum Wortführer der übrigen Allesmanager zu erheben. Ihr Mann! Gerade der! Dabei wäre sie für solch eine Position, die wesentlich geeignetere gewesen. Dessen war sie sicher. Ihr wäre so ein Patzer wie ihm nicht unterlaufen. Natürlich nicht. Sie hätte sich von dem Seminarleiter nicht demütigen lassen. Ihr wäre in der Situation schon etwas eingefallen. Sie war in solchen Dingen wesentlich schlauer als ihr Mann. Deshalb hatte sie sich seit diesem Vorfall auch vollkommen im Hintergrund gehalten. Denn natürlich war ihr Mann stinksauer über die Niederlage. Sie hatten zwar seit Anbeginn der Reise kein Wort miteinander gesprochen, doch sie war sich dessen absolut sicher. Sie kannte ihn gut genug, um seine Gedanken zu erahnen. Das war einer der Vorteile der Ehe.
Weiterhin wusste sie, hätte sie nach der peinlichen Vorstellung ihres Gatten die Zügel in die Hand genommen und sich selbst zur Wortführerin der übrigen Allesmanager ernannt, was ihr zweifelsohne möglich gewesen wäre, dann hätte ihr Mann nichts unversucht gelassen, um ihr diese Position wieder abspenstig zu machen - selbst vor der Bekanntgabe pikanter Details aus ihrer Ehe wäre er dabei nicht zurück geschreckt.
In dieser Situation war ihr wieder einmal klar geworden, mit was für einem Waschlappen sie doch verheiratet war. Diese Ehe hatte sie nicht nur auf der bisherigen Reise daran gehindert, vorwärts zu kommen. Nach dem Ende des Seminars würde sie sich von dem Tölpel scheiden lassen. Sie hatte endgültig genug davon, durch die Mittelmässigkeit ihres Mannes ständig in den eigenen Karrieremöglichkeiten beeinträchtigt zu werden. In Grund und Boden würde ihr Mann sich ärgern, wenn sie nun den ersten Posten hier belegen dürfte - und sie erhielt den ersten Posten.
Voller Genugtuung blickte sie daraufhin in das Gesicht von Jan-Hubert. Jetzt endlich würde er begreifen, dass sie die Fähigere von ihnen beiden war. Doch zu ihrem entsetzen, fand sie bei ihrem Gatten nicht den Zorn und Ärger vor, den sie erwartet hatte und an dem sie sich ergötzen wollte. Nein. Jan-Hubert erweckte gar den Eindruck, als freue er sich für seine Frau - und das machte seine Frau wütend und misstrauisch. Hier stimmte etwas nicht. Wusste Jan-Hubert etwas, wovon sie nichts wusste - war sie etwa in eine Falle gegangen. Womöglich in eine Falle des eigenen Mannes?

Friedrich Fiedelbumm löste derweil die Vogelscheuche von deren Halterung. Wie sich jetzt zeigte war diese Vogelscheuche ein lebendiges Wesen. Ein Wesen mit dem der Seminarleiter ein kleines Schwätzchen führte.

Friedrich: Na, wie geht es dir?

Vogelscheuche: Ich bin glücklich. Bin ein ganz anderer Mensch als früher. Das habe ich allein ihnen zu verdanken, Herr Seminarleiter.
Friedrich: Das freut mich zu hören, Herr Dr. Schneider. Darf ich ihnen diese junge Dame dort vorstellen, sie wird ihre Nachfolge auf diesem Posten antreten!

Der Seminarleiter winkte die Frau von Jan-Hubert herbei.

Frau von Jan-Hubert: Guten Tag.

Vogelscheuche: Oh sie glückliche, ich beneide sie um die vor ihnen liegende Zeit.

Friedrich Fiedelbumm kletterte auf den Kopf der Vogelscheuche und hielt eine Rede.

Friedrich: Sehr verehrte Seminarteilnehmer. Ich möchte ihnen einen Teilnehmer des Vorgängerseminars vorstellen, Herrn Dr. Schneider.

Vogelscheuche: Guten Tag.

Friedrich: Herr Dr. Schneider und seine Nachfolgerin werden jetzt die Kleidung tauschen und danach wird eine neue Vogelscheuche die bösen Krähen von diesem Feld fern halten. Herr Dr. Schneider wird sich noch einige Tage an dem Posten aufhalten, um seine Nachfolgerin ordnungsgemäss in ihr Aufgabengebiet einzuweisen. Die Seminarteilnehmerin soll dadurch wieder für die kleinen Dinge des Alltags sensibilisiert werden.

Vogelscheuche: Sie werden jetzt alle sicherlich an das Geld denken, dass sie in der gleichen Zeit an einem anderen Ort würden verdienen können und das sie hier nicht erhalten. Auch mir erging das so. Aber glauben sie mir, dieses Feld wird ohne sie nicht überdauern. Bei dieser Aufgabe geht es nicht um mehr oder weniger Profit. Es geht darum die Ernte zu schützen. Diese Aufgabe ist wichtiger als jede andere Aufgabe, die man ihnen bisher in ihrem Leben gestellt hat. Das müssen sie sich stets vor Augen halten.

Friedrich: So ist es. Wenn sie die Aufgabe nicht meistern, wird es niemanden geben der das macht. Der Teil des Feldes in ihrem Zuständigkeitsbereich wird dann von den bösen Krähen zerstört werden. "Und was hat das mit mir zu tun" werden sich möglicherweise einige unter ihnen fragen. Nun, das verrate ich ihnen jetzt: Absolut nichts. Es geht darum Menschen zu helfen, die sie nicht kennen und vermutlich auch niemals kennen lernen werden. Niemand wird ihnen je für das was sie hier tun danken. Das Einzige was sie hier für sich herausholen können, ist die Gewissheit eine gute Tat vollbracht zu haben. Das ist alles.

Frau von Jan-Hubert: Da mache ich nicht mit. Das verstösst gegen all meine Prinzipien.

Jan-Hubert: Hast du in den letzten Tagen denn gar nichts dazu gelernt?

Frau von Jan-Hubert: Ich ... Äh ...

Friedrich: Wie ich sehe, haben zumindest sie etwas gelernt.

Jan-Hubert: Das habe ich in der Tat. Ich habe gelernt was es heisst in einer Gemeinschaft zu leben. Nie zuvor habe ich freiwillig mit jemandem etwas geteilt, jemandem freiwillig geholfen, oder jemandem Vertrauen und Achtung entgegen gebracht. Das alles war neu für mich. Und durch diese Erfahrungen fühle ich mich jetzt stark genug auch diese letzte Übung meistern zu können.

Frau von Jan-Hubert: Und wozu?

Jan-Hubert: In den letzten Tagen war mein Verhalten an den Menschen in meinem Umfeld ausgerichtet. Jetzt möchte ich sehen, ob mein Glauben an die Gemeinschaft bereits gross genug ist, um auch denen helfen zu können, die ausserhalb meines Umfeldes stehen.

Friedrich: Bravo. Genau das ist das Ziel der letzten Lerneinheit..

Nun wurde auch dem letztem der Allesmanager bewusst worauf er sich eingelassen hatte. Zu spät. Man konnte nicht einmal jemanden für diese Situation verantwortlich machen. Denn alle waren dem Seminarleiter ja aus freien Stücken gefolgt. Doch an diesem Ort spielte die Schuldfrage eh keine Rolle. Es blieb nichts anderes, als sich dem Schicksal zu fügen. Dem Schicksal namens Friedrich Fiedelbumm. Selbst die Frau von Jan-Hubert gab den Widerstand auf. Den Ausführungen ihres Mannes wusste sie nichts mehr entgegen zu setzen. Sie tat was ihr gesagt wurde.
Im Anschluss zog die Menschengruppe weiter.
Von Posten zu Posten verringerte sich die Anzahl der Mitglieder. Längst schon fragte niemand mehr danach, ob es für jeden verbliebenen Seminarteilnehmer noch einen Posten gab. Der Neid und Argwohn unter den Allesmanagern war restlos verschwunden.

Das Feld, dass es vor den bösen Krähen zu beschützen galt, schien unendlich. Dennoch kam der Tag, an dem man vor dem letzten Posten stand. Es war nun auch nur noch ein Allesmanager übrig.

Friedrich: Dem zuletzt verbliebenen Teilnehmer eines jeden Seminars, fällt eine ganz besondere Aufgabe zu. Er darf wählen, ob er selbst den letzten Posten übernimmt oder diese Aufgabe seinem Seminarleiter überträgt. Lässt der Seminarteilnehmer den Seminarleiter den Platz der Vogelscheuche einnehmen, so übernimmt der Seminarteilnehmer für zukünftige Seminare die Funktion des Seminarleiters. An ihm ist es dann auch eine neue Stadt zu bestimmen, aus welcher die nächsten Vogelscheuchen für das Feld rekrutiert werden.

Jan-Hubert: Was wird aus den Menschen die mit mir an dem Seminar teil genommen haben?

Friedrich: Wenn ihre Aufgabe beendet ist, steht es ihnen frei zu tun oder zu lassen, was immer ihnen beliebt. Wenn sie den Zweck dieses Seminars für den weiteren Verlauf ihres Lebens verstanden haben, werden sie anschliessend das Richtige tun. Sie werden fähig sein, aus freien Stücken eine Entscheidung zum Wohl von vielen Treffen zu können. Einige deiner Vorgänger zum Beispiel haben meines Wissens nach in Finnland eine Fabrik zur Herstellung von magischen automatischen Drehtüren gegründet.

14.10.2007 11.30 Uhr