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Geschichte vom 02.09.2007:

Eleonore Raffzahn

Die Mutter gab ihrer Tochter ein paar Münzen in die Hand. Mit dem Geld lief das Kind zu dem Eisverkäufer und bestellte sich eine extra große Portion Erdbeereis. Anschließend überreichte es dem Mann die Münzen. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte das Mädchen damit eine geschäftliche Handlung getätigt. Stolz nahm es die mit fünf Bällchen gefüllte Waffel entgegen. Dies war ein ernst zu nehmender Schritt in die Welt der Erwachsenen, für die Kleine. Als sie das Eiscafe wieder verliess, schien es ihr, als würde ein neues Leben beginnen.

Das Kind war noch keine zwei Schritte gelaufen, als es von einem Unbekannten angerempelt wurde. Ehe sich das Mädchen versah, hatte ihr der Fremde das Eis aus den Händen gerissen und rannte davon. Mit Wut und Verzweiflung im Blick, sah die Kleine wie der Dieb in der Ferne verschwand. Auch die Mutter war ungehalten.

Mutter: Wie kannst du einfach zulassen, dass dir jemand das Eis klaut? Wenn du derart unfähig bist, auf dein Hab und Gut aufzupassen, wird niemals etwas aus dir werden. Niemals hätte ich dir mein schwer verdientes Geld überlassen dürfen. Geh mir aus den Augen. Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben! Nie mehr!

Tochter: Aber Mama ...

Mutter: Nenn mich nie wieder Mama, du Versagerin!

Einige Straßen weiter genoss derweil der Eisdieb die leicht erworbene Beute. So konnte das jetzt ruhig den Rest des Tages, der Woche - ach was -, den Rest seines Lebens weitergehen. Er hatte nichts unrechtes getan, seinem Verständnis nach. Ganz im Gegenteil sogar. Das kleine Mädchen würde in Zukunft wesentlich achtsamer mit ihrem Eigentum umgehen. Das war allein auf ihn zurück zu führen. Diese Lehre würde sie nie vergessen.

Und das tat sie tatsächlich nicht.

Nachdem das Kind von der Mutter verstossen worden war, versteinerte sein Herz. Das Mädchen schwor sich in Zukunft nur noch das eigene Wohlergehen im Auge zu behalten - und keinem anderen Menschen jemals wieder etwas zu gönnen. So blickte das Kind lange Zeit voller Neid zu den Menschen auf, die mehr Besitztümer aufweisen konnten als es selbst. Im Laufe der Jahre aber wurde es erwachsen und sein Blickwinkel veränderte sich. Der Blickwinkel veränderte sich allerdings nicht so sehr dadurch, dass das Mädchen an Körpergrösse gewann, wie man vielleicht annehmen könnte, sondern vielmehr dadurch, dass es ein Vermögen erwirtschaftete. Mit Rücksichtslosigkeit, Menschenverachtung und absoluter Ich-Bezogenheit hatte es schon als junge Frau schier unermessliche Reichtümer zusammen gerafft. Nichts und niemand war dieser unersättlichen Gier gewachsen. Sah die junge Frau eine andere junge Dame in einem wunderschönen Kleid, hielt sie nicht eher inne, als sie selbst jenes wunderschöne Kleid am eigenen Leib tragen konnte - und die Vorbesitzerin bis auf den letzten Cent ruiniert worden war. Bald kannte man sie überall nur noch als Eleonore Raffzahn. Wobei der Vorname ihrem tatsächlichen entsprach und der Nachname sich aus dem Spott der Menschen herleitete. Niemand wagte allerdings diesen Namen in Eleonores Gegenwart auszusprechen. Die Strafe wäre furchtbar gewesen.

Von ihren Wissenschaftlern liess sie sich eine schwebende Glaskugel bauen, die groß genug war, so dass Eleonore darin Platz nehmen konnte. Sie flog darin durch die Länder und Städte der Welt, um herauszufinden, welche Besitztümer andere Menschen aufzuweisen hatten, die ihr bislang noch fehlten. Während dieser Reisen gelangte sie natürlich auch an sehr gefährliche Orte. Doch die Aussenhülle der Glaskugel war stark genug, um selbst atomaren Anschlägen zu trotzen. Wenn sich Eleonore auf den Weg machte, nahm sie für gewöhnlich Nahrung und Getränke für zwei Tage mit. Länger hielt sie es in der Glaskugel sowieso nicht aus. Für den Toilettengang konnte die Aussenhülle das Flugobjekts abgedunkelt werden. Die Kugel stellte eine hermetisch abgeriegelte, eigene Welt dar. Eleonore liebte es aus dieser eigenen kleinen Welt die Menschen der fremden großen Welt an nahezu allen Orten beobachten zu können, ohne ihnen dabei jemals körperlich tatsächlich nahe kommen zu müssen.
Aber das war selbstverständlich nicht der einzige Grund für diese Ausflüge, ein weiterer - ungleich schwerwiegender - war der Wunsch die Mutter wieder zu finden, die Eleonore einst verstossen hatte. Eleonore wollte sich an ihr rächen.

Die Glaskugel schwebte knapp oberhalb der Rolltreppe. Obwohl ihr Rolltreppen eigentlich verhasst waren, übten sie gleichzeitig eine große Anziehungskraft auf Eleonore aus. Rolltreppen konnten einen Menschen nach oben bringen oder nach unten - und Eleonore verabscheute es in diesen Kategorien zu denken. Für sie zählte nur der Weg nach oben.
Auf ihrem Beobachtungsposten weidete sie sich an dem Anblick der Menschen, deren Weg nach unten führte. Mit diesen Menschen ging es offenkundig bergab, ihr Weg führte in die Gewöhnlichkeit, zur Masse, zu den Verlierern, Versagern, in die Katakomben, die Hölle. Sie waren Schwächlinge, denen man immer wieder das Eis würde stehlen können. Dieser Typ Mensch lernte niemals dazu.
Der Mann dort zum Beispiel. Sein Gesicht zeigte, dass er die fünfzig bereits weit überschritten hatte. Die Haare gelb gefärbt. Man sah ihm seinen verzweifelten Kampf mit den Pfunden an. Was der Körper nicht mehr hergab, wurde versucht durch einen jugendlichen Kleidungsstil zu kaschieren. Jemand der sich in diesem Alter nach außen hin so geben musste, hatte nach Eleonores Ansicht das Leben vertan.
Da lief ein junges Mädchen. Alles an ihr sah billig aus - und würde auch in Zukunft immer billig aussehen. Kein Stil, kein Geschmack, kein eigener Wille, kein Charakter. Ein zum ewigen Mitläufertum vorverurteiltes Wesen. Da halfen auch die Piercings und Tattoos nichts. In einigen Jahren würde sie dem Staat auf der Tasche liegen - und sie würde nicht einmal verstehen, was schief gelaufen war.
Auch dem schnieken Anzugträger mit der violett farbenen Krawatte wird es kaum anders ergehen. Sein Talent die schenkelklöpferischen Sprüche anderer hirnlos nachplappern zu können, wird ihn nicht weit bringen. Die Vorgesetzten werden sich ein paar Jahre von ihm die Schuhe putzen lassen und wenn sie seiner überdrüssig sind, werden sie ihn durch einen anderen einfach auszubeutenden Leichtgläubigen ersetzen. Er wird dann an irgendeiner aufgetakelten, übergewichtigen Nutte hängen bleiben, die ihm solange er noch ein paar Groschen in der Tasche hat, vorspielen wird, dass er der Größte sei.
Allesamt jämmerliche Gestalten. Ohne jede Chance in ihrem Leben. Dort unten gehörten sie hin.
Dann schwenkte Eleonores Blick auf die Menschen, die nach oben kamen. Diese Emporkömmlinge musste man sich ganz genau ansehen, damit sie frühzeitig in ihre Schranken verwiesen werden konnten, bevor sie zu einer ernsthaften Gefahr mutierten.
Sie erspähte einen Mann in mittleren Jahren mit einem herausfordernden Gang und selbstsicherem Lächeln. Das Personenidentifizierungsprogramm im Bordcomputer verriet Eleonore mehr. Sie drückte einige Tasten, wodurch gewährleistet wurde, dass der Mann bei seiner in acht Tagen anstehenden ärztlichen Routineuntersuchung eine Diagnose erhielt, die sein Leben komplett aus den Fugen bringen würde. Problem gelöst, sagte sich Eleonore.
Direkt hinter ihrem ersten heutigen Opfer erschien ein junges Paar. Die beiden hielten Händchen und sahen sich verträumt an. Anblicke wie dieser waren Eleonore fast ebenso verhasst wie Rolltreppen. Sie konnte sich nicht vorstellen ihr aussergewöhnliches Leben mit einem anderen Menschen zu teilen. Warum sollte ein Anderer von ihren Talenten profitieren. Der Junge sah recht gut aus. Den würde sie sich selbst vorknöpfen. Für eine Nacht konnte so ein Typ ganz unterhaltsam sein. Eine willkommene Ablenkung bieten. Eine Kamera würde das Zusammensein dokumentieren. Eleonore lachte laut, als sie sich die Reaktion der jungen Frau nach Sichtung des Filmmaterials ausmalte. Die musste ebenfalls aufgezeichnet werden.
Plötzlich blieb ihr das Lachen im Halse stecken.
Hinter dem jungen Paar kam ein älteres Paar zum Vorschein. Die Gesichter der beiden waren Eleonore wohl vertraut. Obwohl sie sie seit über zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte, gab es dennoch keinen Zweifel. Ihre Mutter kam mit dem Mann die Rolltreppe hinauf, der der kleinen Eleonore dereinst das Eis geklaut hatte.

Aus der Glaskugel schossen zwei metallene Greifarme, ergriffen das ältere Paar. Danach erhob sich die Kugel und hinterliess eine Giftgaswolke, in der alle Menschen auf und im Umfeld der Rolltreppe umkamen. Eleonore hatte ihre Pläne kurzfristig geändert. Ihre Hauptaufmerksamkeit galt nun dem Paar, welches dicht unterhalb der Glaskugel an den Greifarmen zappelte. Die Sache mit dem Mann in mittleren Jahren und dessen Arztbesuch, sowie die Nacht mit dem jungen Mann, um ihn und seine Partnerin auseinander zu bringen, waren Geschichte. Die diesbezüglich bereits in die Wege geleiteten Schritte, wurden augenblicklich rückgängig gemacht.
Per Knopfdruck wies Eleonore ihre Anwälte an, das Vorkommnis mit der Giftgaswolke aus der Welt zu schaffen.

Nach der Landung in ihrem Urlaubsdomizil liess Eleonore das ältere Paar in die Küche bringen. Dort sollte ihre Mutter einen Kartoffelsalat zubereiten, so wie sie es früher immer getan hatte - im Beisein des gesamten Küchenpersonals, damit diese in Zukunft den Kartoffelsalat ebenso gut anrichten konnten. Als der Kartoffelsalat fertig war, veranlasste Eleonore, dass der ältere Herr fünf Kugeln Erdbeereis eines ganz speziellen Eisherstellers in einer ganz speziellen Waffeltüte erhielt. Der Mann erkannte das Eis und die Waffeltüte sofort. Ihm und der Frau an seiner Seite standen die Schweißperlen auf der Stirn. Beide zitterten vor Furcht wie Espenlaub. Beide hatten natürlich Eleonores Lebensweg in den Medien verfolgt. Sie waren sogar die Drahtzieher mehrerer Attentate auf Eleonore gewesen. Und jetzt standen sie hier. Irgend etwas musste Eleonore im Schilde führen, in diesem Punkt herrschte stilles Einvernehmen zwischen dem Paar.
Das Küchenpersonal verliess den Raum.

Eleonore: Geht es dir gut, Mutter?

Mutter: Ähh ... Ja schon, man wird halt älter.

Eleonore: Und ihnen mein Herr, entschuldigen sie bitte, wenn ich mir nicht schlüssig darüber bin, wie ich sie anzusprechen habe, aber wenn ich den Ring am Finger meiner Mutter und an ihrer Hand richtig deute, darf ich sie wohl als meinen Stiefvater ansehen?

Mann: Ähem ... Das dürfen sie Frau Äh ... Raffzahn ... Ich meine, das darfst du, Tochter ...

In dem Moment, als er den Spottnamen ausgesprochen hatte, biss sich der Mann auch schon auf die Zunge. Der Name war ihm einfach so rausgerutscht. Er hatte ihn eigentlich gar nicht sagen wollen. Das ältere Paar wurde kreidebleich.

Eleonore: Tochter nennst du mich?

Ihr Rachen öffnete sich so weit, als ob sie den Alten mit einem Biss zu verspeisen beabsichtigte. Eine Tür in die Hölle tat sich damit auf. Das Paar sah in einen lodernden Abgrund, aus dem sich ihnen züngelnde Schlangenköpfe entgegen reckten. Der faulige Atem der Verdammnis raubte ihnen schier die Sinne. Dieses Wesen war ihre Schöpfung. Durch ihre Taten hatten sie diese Entwicklung verursacht. Jetzt würden sie für diesen Frevel bezahlen müssen.
Der Alte fing an mit Tränen in den Augen um Gnade zu winseln und übertrug alle Schuld auf seine Partnerin. Sie habe damals für den Tot von Eleonores leiblichem Vater gesorgt und anschließend nach einer Möglichkeit gesucht um die eigene Tochter los zu werden. Eigentlich hatte auch Eleonore sterben soll, doch ihm sei es gelungen die Mutter davon abzubringen. Ihm hatte es Eleonore zu verdanken, dass sie nur weggejagt worden war.

Mann: Leider musste ich erfahren, dass deine Mutter unfähig ist, einen anderen Menschen als sich selbst zu lieben. Ich bin da anders. Gib mir eine Chance ... Ich kann dir vieles von dem geben, was du bisher vermisst hast. Wir beide haben durch deine Mutter viel unrecht erleiden müssen.

Die Mutter hingegen wies alle schuld von sich und rief den Mann als den Unheilstifter aus. Dieser erbärmliche Schlappschwanz sei die wahre Ursache für all das Übel. Aus purer Nächstenliebe habe sie sich ihm hingegeben und er habe dafür ihr Leben zerstört. Er hatte von ihr verlangt die Tochter des früheren Ehemannes zu verstossen, weil er keine fremden Kinder hatte aufziehen wollen. Bedingungslos hörig sei sie diesem Mann gewesen, dies wäre die einzige Schuld, für die man sie anklagen könne.

Mutter: Aus Gram darüber, weil ich dich verloren habe, bin ich nie wieder schwanger geworden. Lass uns beide wieder eine Familie sein, so wie früher.

Nachdem ihre Plädoyers keine Reaktion in Eleonores Gesicht hervorrief, begannen die beiden in ihrer Todesangst blindlings aufeinander einzuschlagen. Sie nutzten die Hände wie Klauen, rissen sich gegenseitig Fleischfetzen aus dem Leib. Beide hatten die Hoffnung Oberhand zu gewinnen. Der Gegner sollte so übel zugerichtet werden, dass er sich nicht mehr rechtfertigen konnte. Einem mundtoten Kontrahenten konnte man problemlos die alleinige Täterschaft anhängen. Das Gesetz der Stärke würde Eleonore akzeptieren. Dem Sieger würde sie nichts antun, glaubten die Zwei.

Eleonore genoss das Spektakel. Jetzt endlich erkannte sie den wahren Ursprung ihrer Boshaftigkeit. Nicht an jenem Tag als man ihr das Eis gestohlen hatte, war diese böse Kraft in ihr geweckt worden. Nein. Sie war mit dieser Gabe bereits geboren worden. Die beiden erbarmungswürdigen Kreaturen direkt vor ihr, wären niemals dazu im Stande gewesen, dieses Talent in Eleonore zu wecken. Die beiden hatten lediglich auf unbedachte Weise Eleonores Begabung gefördert, ohne dass sie sich dessen je bewusst gewesen wären. Eigentlich müsste sie ihnen dafür wohl sogar noch dankbar sein. Denn ohne die Zwei hätte es womöglich wesentlich länger gedauert, bevor Eleonore ihrer wahren Bestimmung zugeführt worden wäre. In tiefer Dankbarkeit also griff sie deshalb jetzt auch nach dem großen Fleischermesser, dass an der Wand hing. Mit freudigem Lächeln hackte Eleonore auf die nur noch müde zuckenden blutenden Fleischklumpen zu ihren Füßen ein, bis diesen endlich auch noch der letzte Lebensfunke entwichen war.

Hernach setzte sie sich an den Küchentisch und verspeiste den von ihrer Mutter angesetzten Kartoffelsalat. Sie fühlte sich dabei so wohl, wie schon lange nicht mehr. Eine jahrelange Last schien ihr von den Schultern genommen worden zu sein. Endlich konnte sie ohne jede Spur von moralischen Zwängen ihre Neigungen ausleben. Wie schön es doch war von Grund auf böse zu sein. Sollten die andere Menschen doch über sie spotten. Was wussten die schon von wahrer Größe und Freiheit. Eleonore war den Denkmustern dieser Dumpfbacken seit heute endgültig entwachsen. Nichts und Niemand mehr vermochte sich ihr jetzt noch in den Weg zu stellen, ihr Vorschriften zu machen, oder ihr in sonstiger Art und Weise Einhalt zu gebieten. Sie hatte die höchste Stufe der Menschwerdung erreicht. Mehr ging nicht. Aber sie war doch noch so jung an Jahren. Was sollte sie mit dem Rest ihres Lebens anfangen. Welche Herausforderungen konnte es für jemanden wie sie noch geben. Eleonore war über diese Gedanken verblüfft. Wie konnten solche Themen in ihrem Daseinszustand noch eine Rolle spielen. Das war doch absurd. Dennoch gingen sie ihr durch den Kopf.

Sie musste weg von hier, musste auf andere Gedanken kommen. Hatte sie am Ende der Tod des älteren Paares doch mehr mitgenommen, als sie sich einzugestehen bereit war. Eine kleine Shopping-Tour könnte helfen zu vergessen. Eleonore stieg in ihre Glaskugel und flog zur nächstgelegenen Großstadt. Dort angekommen, landete sie in unmittelbarer Nähe eines Kaufhauses. Die Kugel öffnete sich und Eleonore stieg aus. Nie davor hatte sie das in der Öffentlichkeit getan. Sie verliess ihren Kokon und lief auf das Kaufhaus zu, als wäre dies die natürlichste Sache auf der Welt. Um Eleonore bildeten die Menschen eine Gasse. Man mied direkten Augenkontakt mit dem unerwarteten Gast, denn dieser Gast galt als die Inkarnation des Bösen. Niemand traute ihm. Seine Anwesenheit konnte nichts Gutes bedeuten.

Eleonore betrat die Damenabteilung, sah sich bei den Röcken um. Obwohl niemand es ihr anmerkte, war auch Eleonore auf das gespannt, was sich aus dieser Situation ergeben würde. Erstmals seit Ewigkeiten unternahm sie etwas, ohne im Vorfeld einen exakt ausgearbeiteten Plan erstellt zu haben. Normalerweise war jeder ihrer Schritte darauf ausgerichtet ihr Vermögen, ihr Ansehen und ihren Einflussbereich zu mehren. Dieser heutige Schritt war das nicht. In diesem Moment regierte die absolute Ungewissheit. Eleonores Nerven waren bis zum zerreissen angespannt. Eine Verkäuferin kam näher.

Verkäuferin: Ich fühle mich geehrt, sie in unserem Haus begrüßen zu dürfen. Suchen sie nach etwas bestimmten?

Eleonore: Nach Ablenkung.

Verkäuferin: In welcher Form?

Eleonore: Was können sie bieten?

Verkäuferin: Massenhinrichtungen stehen nicht auf unserem Programm.

Eleonore: Mutig gesprochen, kleine Schlampe ...

Verkäuferin: Wenn man gefesselt vor dem Scharfrichter kniet, wägt man seine Worte nicht mehr ab ...

Eleonore: Schmerzen fürchten sie keine?

Verkäuferin: Geht es hier um mich oder um sie?

Eleonore: Prioritäten können sich ändern ...

Verkäuferin: Richtig. Es gibt hier durchaus auch Kunden, die tatsächlich beraten werden möchten. Ich sollte mich wohl besser denen widmen.

Eleonore: Ich bin auf der Suche nach einem Rock für den Sommer. Er kann ruhig ziemlich kurz sein. Meine Beine sind immerhin sehr ansehnlich.

Verkäuferin: Folgen sie mir bitte ...

Eleonore: Wenn ich es recht bedenke, gefällt mir der Rock den sie tragen schon sehr gut. Ich bin mir auch sicher, dass er mir besser steht als ihnen. Dürfte ich den wohl mal anprobieren?

Eleonore zückte blitzschnell ihr Messer, welches sie immer an einer geheimen Stelle mit sich trug. Mit einem Schnitt war die Kehle der Verkäuferin durchtrennt.

Der Rock passte wie angegossen.

Jetzt war Eleonore auch klar, wie es mit ihrem Leben weiter gehen würde. Die kleine Identitätskrise war überwunden. Sie würde für den Rest ihrer Tage weiter böse sein. Es machte ihr einfach einen Heiden-Spaß. Sie liebte es nun mal mit Menschen zu spielen, diese zu irritieren, ihnen weh zu tun, sie zu übervorteilen oder sie einfach abzumurksen.

02.09.2007 11.15 Uhr