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Geschichte vom 22.07.2007:

Später ...

Sehr viel später als jetzt ... Also irgendwann in der Zukunft.

Die Informationsflut ist mittlerweile derart gigantisch geworden, dass niemand auch nur noch den Hauch einer Ahnung davon hat, was wichtig ist und was nicht. Des Menschen Sinnesorgane werden pausenlos von allen Seiten bombardiert. Anfangs war man der Meinung gewesen, der Körper würde sich dieser Entwicklung einfach anpassen, doch das war ein Irrglaube. Hier Gespräche, Musik, Nachrichten, Signalgeräusche, Maschinenlärm und dort flackernde Bilder, große Poster, schrille Kleidung, wild geschminkte Gesichter und überlebensgroße Hologramme. Alles in unbegrenzter Menge, rund um die Uhr. Diese Faktoren sorgten dafür, dass dem Menschen nach und nach immer mehr die Fähigkeit abhanden kam zu selektieren. Der Mensch der Moderne lebt in einer Welt, in der ihm alles gleichsam wichtig - beziehungsweise gleichsam unwichtig erscheint. In einer Welt in der er sich ständig aufs neue ins Gedächtnis seiner Mitmenschen bringen muss, um nicht gänzlich in Vergessenheit zu geraten.

Das Bedürfnis nach Anerkennung war dem Menschen nicht verloren gegangen.

So betrieb nahezu jeder dieser modernen Menschen ein eigenes kleines Medienunternehmen, durch welches er seine Mitmenschen mit Unmengen von digitalen Informationen über das eigene Tun und Handeln versorgte. Neben diesen Ein-Personen-Medienunternehmen gab es natürlich auch Milliarden-Personen-Medienunternehmen, die es sich ebenfalls zur Aufgabe gestellt hatten die Erdbevölkerung mit Informationen zu versorgen. Das mediale Gebaren von Ein-Personen-Medienunternehmen und Milliarden-Personen-Medienunternehmen liess sich auf den ersten Blick nicht mehr voneinander unterscheiden - und beim zweiten Blick interessierte ein möglicher Unterschied niemanden mehr.

Nehmen wir mal folgendes Beispiel: Heute morgen war es nach Jahrzehnte langer Arbeit endlich gelungen, die sechs Kontinente unseres Planeten wieder zu einem Superkontinent zusammen zu fügen, wie er vor vielen Jahrmillionen bereits einmal bestanden hatte. Eines der größten Milliarden-Personen-Medienunternehmen brachte diese Nachricht in Umlauf.
Parallel dazu brachte Frau Röhrendocht-Wu einen Shop-Schrank auf den Markt, ein Produkt, welches von ihr und ihrem Freund Heinrich Wabernakel entwickelt worden war, als der Mann von Frau Röhrendocht-Wu, Herr Wu-Röhrendocht, gerade im Vorgarten die Begonien umtopfte. Eigentlich hatte Frau Röhrendocht-Wu die Zeit in der ihr Gatte sich um die Blumen kümmerte für ein intimes Liebesspiel mit Herrn Wabernakel auf dem Wohnzimmersofa nutzen wollen - doch sie entschied sich kurzfristig um. Stattdessen entwickelte sie mit Herrn Wabernakel den Shop-Schrank. Aufgrund der wahnsinnig raschen Produktionszeiten in der Zukunft, konnte der Shop-Schrank schon wenige Minuten nachdem er als Idee geboren war, als fertiges Produkt auf dem Weltmarkt vertrieben werden.
Nachdem Herr Wu-Röhrendocht die Umtopfarbeiten abgeschlossen hatte, machte er sich schnell im Badezimmer frisch, weil er gleich noch mit der Frau von Herrn Wabernakel ins Bett steigen wollte. Kurz bevor er die Wohnung verliess, wünschte er seiner Frau und Herrn Wabernakel viel Glück bei der Einführung des Shop-Schranks in den Weltmarkt - im Gegenzug wünschten ihm seine Frau und Herr Wabernakel einige freudige Stunden im Schlafzimmer von Frau Wabernakel, baten ihn allerdings, die "Sache" heute etwas ruhiger als sonst anzugehen, da sich das Schlafzimmer der Wabernakels direkt neben dem Wohnzimmer von Frau Röhrendocht-Wu und Herrn Wu-Röhrendocht befand, und man in Zusammenhang mit dem Shop-Schrank voraussichtlich noch eine vielzahl von Gesprächen mit potentiellen Geschäftspartnern und ersten Kunden würde führen müssen - und bei solchen Gesprächen war es sehr wichtig, dass ALLE Teilnehmer ALLE gesprochenen Worte klar und deutlich verstanden, was bei allzu lautem Lustgestöhn von Frau Wabernakel kaum möglich sein würde. Herr Wu-Röhrendocht hatte für die Bitte durchaus Verständnis. Auf dem Weg in die Wohnung von Herrn und Frau Wabernakel beschloss er deshalb seine Liebesgespielin zu knebeln. Für Frau Wabernakel war diese Lösung akzeptabel.
Die Wohnungen der beiden Familien lagen übrigens nebeneinander und befanden sich im 537. Stock eines aus heutiger Sicht gigantischen Reihenhauskomplexes. Grundsätzlich lebte man in diesen Wohnungen sehr angenehm. Jede verfügte sogar über einen eigenen Balkon, welcher als Vorgarten angelegt worden war - und ein Vorgarten gehörte nun beileibe nicht zum allgemeinen Lebensstandard. Doch die Wände der Wohnungen waren extrem hellhörig. Eine Freude für alle Voyeuristen, für Geschäftsleute aber manchmal eben etwas ärgerlich.

Wenden wir uns nun aber wieder dem Ursprung dieses kleinen Exkurses zu: Die Erde bestand seit heute morgen also aus einem Superkontinent und ein neues Produkt, der Shop-Schrank, war auf dem Weltmarkt neu eingeführt worden. Selbstverständlich gab es noch sehr viel mehr Informationen, die sich ihren Weg durch das Datennetz bahnten, doch die können wir jetzt mal getrost vernachlässigen, denn an den beiden ausgewählten Ereignissen, lässt sich das Unvermögen der zukünftigen Generation, Themen nach ihrer Wichtigkeit zu selektieren, besonders gut verdeutlichen - zumindest für uns, die wir im Hier und Jetzt leben.
Welche dieser Nachrichten ging wohl in der Informationsflut unter - und welche fand den Weg ins öffentliche Bewusstsein?
Ein Blick in das Badezimmer von Frau Potzig wird uns bei der Beantwortung dieser Frage hilfreich sein.

Frau Potzig saß gerade auf der Toilette und warf einen gelangweilten Blick auf die aktuellsten Neuigkeiten, die ihr auf jeder einzelnen Seite ihres digital vernetzten Toilettenpapiers angezeigt wurden. Als Frau Potzig von dem Shop-Schrank las, wich ihr Desinteresse einer freudigen Erregung, wie sie sie für gewöhnlich nur beim betrachten eines selbst erstellten Daumenkinos empfand. Die Sensoren in der Deckenlampe registrierten Frau Potzigs Pupillenerweiterung sofort und übertrugen alle über den Shop-Schrank zur Verfügung stehenden Daten unmittelbar auf sämtliche Anzeigemedien in dem Badezimmer. Voller Begeisterung bestellte Frau Potzig keine fünf Sekunden später den ersten Shop-Schrank.

Warum sie das tat? Was den Shop-Schrank so attraktiv machte? Ganz einfach! Obwohl ... So einfach nun doch wieder nicht. Wie soll man jemandem aus der Vergangenheit eine Erfindung aus der Zukunft erklären, die sich nicht einmal Ansatzweise mit etwas vergleichen lässt, dass es heute schon gibt? Na ja, versuchen kann man es wenigstens.

Der Käufer eines Shop-Schranks erhielt ein Päckchen im Format eines heutigen Schuhkartons, in dem auch Pumps für Schuhgrößen bis 38 eingepackt hätten werden können. Nur befanden sich in dem Päckchen eben keine Pumps, sondern ein vielfarbiger viereckiger Kasten mit einem Knopf auf einer der beiden größten Flächen. Diese Fläche war die Vorderseite. Die beiden kleinsten Seiten waren mit "oben" und "unten" beschriftet. Die mit "unten" beschriftete Seite musste auf den Boden gestellt werden. Um den Shop-Schrank zu nutzen, musste nun nur noch der Knopf gedrückt werden. Tat man dies, so wuchs der kleine Kasten proportional in alle Richtungen an, bis er an die Raumdecke stieß. Falls das Zimmer in dem er aufgestellt worden war, ein nach der Höhe ausgerichtetes anwachsen nicht zuließ, orientierte sich der Wachsmechanismus an Raumbreite oder Raumlänge. Desweiteren gab es eine Variante, die ihre Größe an den körperlichen Gegebenheiten des Nutzers ausrichtete. Hatte sich der Schrank auf das, unter den gegebenen Umständen, maximale Format vergrössert, öffnete sich die Tür nach aussen, wobei ein leises "Pling" erklang. Auf der Innenseite der Tür befand sich ein weiterer Knopf. Betrat man den Schrank, sorgte eine Lichtschranke dafür, dass die Tür selbsttätig verschlossen wurde. Durch das drücken des inneren Knopfs liess sich die Tür wieder öffnen, wobei ein leises "Plong" erklang. Streichelte man den Schrank außen an einer beliebigen Stelle, schrumpfte er auf seine ursprüngliche Größe zusammen, allerdings nur, wenn sich niemand im Innern befand. Nachdem man das Schrankinnere betreten hatte und die rückwärtige Tür verschlossen worden war, herrschte für einen kurzen Moment vollkommene Dunkelheit. Binnen kürzester Frist jedoch offenbarte sich dem Nutzer ein Paradies an Einkaufsmöglichkeiten - er befand sich in einem virtuellen Kaufhaus mit scheinbar überirdischen Ausmassen. Ein in jede Richtung begehbares Laufband zu Füßen des Nutzers, vermittelte ihm den Eindruck er könne sich absolut frei in dem Kaufhaus bewegen. Tatsächlich war es natürlich nicht möglich sich nach vorne, hinten, links, rechts, oben oder unten zu bewegen. Das Laufband passte die Geschwindigkeit automatisch der Geschwindigkeit des Nutzers an.
Es war auch möglich sich in einer Art Rikscha umher fahren zu lassen. Im Wesentlichen bestand dieses Gefährt aus einer auf den ersten Blick verdeckten Sitzgelegenheit, die an der Innenseite der Schranktür angebracht war und auf Wunsch aufgeklappt wurde. Ansonsten war die Rikscha nichts weiter als eine Holographie.
Alle Waren konnten mit der Hand aktiviert und in einem gesonderten Display an der linken Schrankinnenwand abgelegt werden. Da jedem Menschen in der Zukunft ein Chip mit den wichtigsten persönlichen Daten implantiert wurde, konnte der Shop-Schrank jederzeit den Warenwert mit dem aktuellen Kontostand des Nutzers vergleichen. Dem Schranknutzer war es nicht gestattet das Konto zu überziehen. Hatte der Nutzer das verfügbare Geld aufgebraucht, durfte er sich zwar weiterhin in dem Kaufhaus umsehen, aber er konnte nichts mehr in seinem virtuellen Einkaufskorb ablegen - es sei denn, er gab bereits gekaufte Waren zurück.
Natürlich gab es zu allen Einkaufswaren eine Vielzahl von nützlichen Hintergrundinformationen, die bei Bedarf abzufragen waren.
Während des gesamten Einkaufs wurden die Lieblingslieder des Nutzers abgespielt, sofern er diese bei seinen persönlichen Daten mit angegeben hatte, falls dies nicht der Fall war, fragte der Shop-Schrank die musikalischen Vorlieben des Nutzers am Einkaufsbeginn ab.
Wollte man seine Einkäufe nicht alleine tätigen, gab es die Möglichkeit sich einen oder mehrere virtuelle Begleiter auszuwählen, deren Form und Charakter man selbstverständlich den eigenen Wünschen anpassen konnte.
Die Warenlieferung erfolgte innerhalb von 53 Minuten nach verlassen des Shop-Schranks, ganz gleich zu welcher Tages- oder Nachtzeit die Bestellung einging.

Eines Morgens bemerkte Frau Potzig beim Blick in den Badezimmerspiegel einen Pickel an ihrer linken Wange. Einen Pickel! Das heisst, zu diesem Moment konnte sie das seltsame Objekt an ihrer Backe eigentlich noch gar nicht exakt benennen, denn genau genommen gab es schon seit hunderten von Jahren keine Pickel mehr, demzufolge war das Wort Pickel aus dem allgemeinen Sprachgebrauch komplett verschwunden. Erst als Frau Potzig sich bei dem Spiegel danach erkundigte, was das für ein fremdes Objekt in ihrem Gesicht sei, erhielt sie die entsprechende Information. Um ihr diese Auskunft geben zu können, musste der Spiegel allerdings auf das allumfassende Datenarchiv der menschlichen Zivilisation der letzten 10 000 Jahre zurückgreifen, was einige Zehntelsekunden dauerte. Eine schier unendliche Zeitspanne für Frau Potzig, die derart lange Wartezeiten einfach nicht gewohnt war. Als sie in Erfahrung gebracht hatte, was ihr das Gesicht verunstaltete, brach bei Frau Potzig blankes Entsetzen aus. Wie konnte das sein? Warum traf gerade sie dieses Unheil? Was hatte sie getan, um von dem Schicksal so hart bestraft zu werden? Wer konnte ihr aus der Not helfen? Das waren die ersten Gedanken, die ihr durch den Kopf gingen.
Nach einem Weilchen jedoch, änderten sich die Fragestellungen. War dieser Pickel wirklich eine so harte Strafe? War er überhaupt eine Strafe? Konnte der Pickel nicht ebenso gut auch ein Zeichen dafür sein, dass sie eine Auserwählte war - für Größeres bestimmt? Aber natürlich konnte das sein! In ihrem bisherigen Leben lief es doch ohnehin nicht so gut. Irgend etwas hatte schon seit längerem gefehlt. Das war jetzt anders. Jetzt hatte Frau Potzig etwas, dass sonst niemand auf der Welt hatte. Das musste sofort in die Medien gebracht werden!

Entgegen der Ansicht von Frau Potzig, war sie allerdings beileibe nicht der einzige Mensch, dessen Spiegelbild an diesem Morgen einen Pickel zeigte. Eine regelrechte Pickel-Epidemie schien ausgebrochen zu sein. Die Weltmedizin stand vor einem Rätsel. Dies umso mehr, da niemand wusste wie man der Seuche Einhalt gebieten sollte, denn in diesem Punkt schwieg sich das allumfassende Datenarchiv aus.

48 Minuten nachdem sie den Pickel entdeckt hatte, stand Frau Potzig erneut das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Sie war also nicht der einzige Mensch mit einem Pickel an der Backe - und die Medizin stand den Pickeln absolut hilflos gegenüber. Wenn das keine Neuigkeiten waren, die sofort verbreitet werden mussten!

Der Bruder von Frau Potzig arbeitete im statistischen Bundesamt. Er war einer der ersten, der einen direkten Zusammenhang zwischen den Shop-Schränken und der Pickel-Epidemie für möglich hielt. Denn konnte es Zufall sein, dass sich die Anzahl der verkauften Shop-Schränke exakt die Waage hielt mit der Anzahl der Pickelerkrankungen? Für den Bruder von Frau Potzig liess sich aus dieser Übereinstimmung ein Verdachtsmoment ableiten, welches ihm auffällig genug erschien, um weitere Recherchen durchzuführen. Wie sich schon bald herausstellte, war sein Verdacht berechtigt. Ein Molekularbiologe fand den untrüglichen Beweis dafür, dass die Shop-Schränke in der Tat den unangenehmen Nebeneffekt hatten, Pickel zu verursachen. Als Frau Potzig davon erfuhr, startete sie augenblicklich eine ausufernde Medienkampagne gegen den Kauf von Shop-Schränken, woraufhin deren Verkaufszahlen drastisch zurück gingen. Dem Unternehmen von Frau Röhrendocht-Wu und Herrn Wabernakel drohte drei Tage nach dem kometenhaften Aufstieg der Konkurs.

Frau Röhrendocht-Wu erinnerte sich in dieser Situation an ihren Professor für Lumpistik. Seit Jahren hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Ohne diesen Mann, wären Frau Röhrendocht-Wu die Möglichkeiten der Lumpistik auf ewig verborgen geblieben - Möglichkeiten, die ihr nun hilfreich dabei sein konnten, ihr Unternehmen vor dem drohenden Untergang zu retten.
Was man unter Lumpistik versteht? Lumpistik ist ein Wort der Zukunft. Es ist die Lehre von dem großen Hebel, den man nur einmal in seinem Leben umlegen kann. Außerdem hat es auch irgend etwas mit einem uralten Sofa zu tun, welches unbedingt gefunden werden muss, bevor man versuchen sollte den besagten Hebel umzulegen. Wenn Frau Röhrendocht-Wu sich ihr Leben so betrachtete, so konnte sie nicht umhin sich eingestehen zu müssen, bisher nur wenig erreicht zu haben, worauf sie stolz sein konnte. Lediglich die Taufe eines Goldfisches auf den Namen Friedrich hielt sie in diesem Zusammenhang für erwähnenswert. Doch die Taufe lag schon lange zurück. Der Goldfisch hatte längst das zeitliche gesegnet. Ebenso war es der Hoffnung von Frau Röhrendocht-Wu auf ein besseres Leben ergangen - auch die hatte bereits vor langem das zeitliche gesegnet. Erst mit dem Shop-Schrank war wieder ein Fünkchen Hoffnung in ihr Leben zurück gekehrt. Diese Hoffnung sollte nun nicht von ein paar verfluchten Pickeln zerstört werden.

Frau Röhrendocht-Wu machte sich auf die Suche nach dem uralten Sofa, weil sie die Kräfte der Lumpistik für sich nutzbar machen wollte. Die Suche begann mit einem Besuch bei ihrem früheren Professor für Lumpistik.

Professor: Na, wer sind sie denn?

Frau Röhrendocht-Wu: Ein wenig war ich dem Glauben erlegen, sie könnten sich vielleicht noch an mich erinnern.

Professor: Tut mir leid. Ich kenne sie ganz bestimmt nicht.

Frau Röhrendocht-Wu: Schon gut. Ist wohl zu vermessen gewesen. Ich war früher eine Studentin von ihnen.

Professor: Da gab es sehr viele. Geht es um eine Vaterschaftsklage?

Frau Röhrendocht-Wu: Nein, ich bin auf der Suche nach dem uralten Sofa, weil ich die Macht der Lumpistik nutzen möchte ...

Professor: Grundgütiger!

Frau Röhrendocht-Wu: Wenn jemand weiß, wo das Sofa zu finden ist, dann sind sie das.

Professor: Wer sagt denn so etwas?

Frau Röhrendocht-Wu: Es gibt niemanden, der mehr Informationen über die Lumpistik veröffentlicht hat.

Professor: Wirklich?

Frau Röhrendocht-Wu: Ich habe das sehr genau recherchiert.

Professor: Grundgütiger. Mir wäre wohler, wenn es doch um eine Vaterschaftsklage ginge ...

Frau Röhrendocht-Wu: Ich verstehe nicht ganz ... In ihren Vorlesungen haben sie immer versucht uns die Lehre der Lumpistik so nahe wie nur irgend möglich zu bringen. Nun da ich sie um einen direkten Zugang bitte, sind sie extrem zurückhaltend. Warum? Ich befinde mich in einer echten Notlage und bin mir der Tragweite meines Anliegens sehr wohl bewusst. Bezweifeln sie das etwa? Ist das der Grund weshalb sie zaudern?

Professor: Weshalb sollte ich ihre Motive in Zweifel stellen? Glauben sie mir, das tue ich nicht. Vielmehr erwarten sie schlicht weg unmögliches von mir. Ich kenne den Ort nicht, an welchem sich das Sofa befindet. Ich kannte ihn noch nie. Im Vertrauen gesprochen, bezweifele ich sogar nachhaltig, dass es je einen solchen Ort gab. Selbst die Existenz des Sofas stelle ich hochgradig in Zweifel.

Frau Röhrendocht-Wu: Aber wie können sie so etwas behaupten. Damit stellen sie doch die gesamte Lehre in Frage.

Professor: Weil ich erkannt habe, wie ernst es ihnen mit ihrem Vorhaben ist, spreche ich so offen über diese Dinge. Glauben sie mir, ich bin nicht glücklich darüber dies sagen zu müssen. Aber sie sind einem Trugschluss erlegen. Die Lehre selbst will ich damit jedoch in keinster Weise in Zweifel ziehen, vielmehr stelle ich nur einige wenige Textstellen in Frage. Nicht jedes Wort der Lumpistik sollte auf die Goldwaage gelegt werden, will ich damit sagen. Immerhin hat mir die Verbreitung der Lehre ein Leben in finanzieller Unabhängigkeit beschert. Mit einer unglaublichen Menge williger Studentinnen hatte ich Liebesaffären. Wie sollte ich da jetzt schlechtes über die Lumpistik behaupten wollen?

Frau Röhrendocht-Wu: Die Lumpistik diente hauptsächlich dazu IHNEN ein angenehmes und sorgenfreies Leben zu ermöglichen?

Professor: Diese Art der Formulierung halte ich zwar für leicht übertrieben, grundsätzlich jedoch trifft das zu.

Frau Röhrendocht-Wu: Aber dann haben sie sehr viele Menschen über einen sehr langen Zeitraum zum Narren gehalten ...

Professor: Ist es nicht irre lustig, wie leichtgläubig Menschen sind?

Frau Röhrendocht-Wu: Die Lehre fusst doch aber auf uralten Dokumenten aus dem allumfassenden Datenarchiv. Das kann doch nicht alles blosser Humbug sein?

Professor: Habe ich auch nicht behauptet. Die alten Artikel sind durchaus authentisch. In meinen Texten habe ich lediglich das eine und das andere Wörtchen hinzugepackt.

Frau Röhrendocht-Wu: Und ich habe an die Lehre geglaubt ...

Professor: Nun seien sie mal nicht so melodramatisch. Wenn ihnen soviel daran liegt, dann suchen sie doch nach dem uralten Sofa. Vielleicht steckt hinter dem ganzen doch ein Fünkchen Wahrheit. Das kann schon sein. Ich habe mir nur nie die Mühe gemacht danach zu suchen.

Frau Röhrendocht-Wu: Sie sprachen von alten Artikeln. Was sind das für Texte?

Professor: Kurzgeschichten von einem weitgehend unbekannten Autor.

Frau Röhrendocht-Wu: Wie finde ich die?

Professor: www.die-webschnecke.de

Frau Röhrendocht-Wu: Haben sie keine Angst davor, dass ich nach unserem Gespräch die Wahrheit über die Lumpistik an die Öffentlichkeit bringen könnte?

Professor: Denken sie im ernst, die Öffentlichkeit würde ihnen das abkaufen? Die Lumpistik stärkt den Glauben des Menschen an die eigene Kraft und die eigene Wichtigkeit. Das sind Dinge, an die der Mensch gerne glaubt.

Frau Röhrendocht-Wu: Ein Problem tritt allerdings auf, sobald man Tatsachen, Fakten und Ergebnisse abverlangt.

Professor: Dieses Problem stellt sich nur dem Ungläubigen.

Die beiden verabschiedeten sich. Niemand erfuhr je von diesem Gespräch, bis jetzt. Zuhause prüfte Frau Röhrendocht-Wu den Quellenhinweis, den sie vom Professor erhalten hatte. Sie fand einige Kurzgeschichten, über die sie herzhaft lachen konnte. Danach öffnete Frau Röhrendocht-Wu die Tür zu ihrem eigenen Shop-Schrank, setzte sich in die Rikscha. Frau Röhrendocht-Wu wurde niemals wieder gesehen und niemand hat je wieder etwas von ihr gelesen oder gehört.

Der Versuch von Frau Potzig durch die Kampagne gegen die Shop-Schränke selbst mehr an Profil zu gewinnen, schlug letztlich gehörig fehl. Die Menschen fanden nämlich gefallen an den Pickeln. Es entwickelte sich sogar ein neuer Modetrend. Die ersten Pickel zum ankleben kamen auf den Markt und entwickelten sich zu einem riesigen Verkaufsschlager. Tagelang wurde über nichts anderes berichtet, als über die neuesten Farben und Formen echter und künstlicher Pickel. Gleichzeitig brach der Superkontinent wieder auseinander, der nur wenige Tage zuvor zusammengefügt worden war. Im Medienhype um die Pickel, ging diese Information allerdings verloren.

22.07.2007 12.15 Uhr