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Geschichte vom 20.06.2007:

Agnes und Herr Filby

In einem kleinen Zimmer in dem Städtchen Hintergroßenglocken saßen vier Jugendliche und grübelten über das Leben nach.

1. Jugendlicher: So kann das nicht mehr weiter gehen. Ich will endlich mal irgendwie etwas echt kreatives machen.

2. Jugendlicher: Du hast recht. Laß uns damit anfangen mal irgendwie etwas echt irres zu machen. Das wäre voll cool.

3. Jugendlicher: Aber es muss richtig Kohle bringen. Es sollte irgendwie etwas voll kreatives sein, womit man echt richtig viel Kohle scheffeln kann.

4. Jugendlicher: Das ist voll cool. Am besten fangen wir sofort damit an.

2. Jugendlicher: Aber womit fangen wir an? Ich meine, ich will mich bei der Sache irgendwie mal so richtig kreativ ausleben können - und nicht so zensieren lassen wie sonst.

1. Jugendlicher: Cool. Klingt echt gut. Keine Ahnung. Wir könnten vielleicht irgendwie eine Boygroup gründen.

3. Jugendlicher: Cool. Eine Boygroup, bei der wir alle voll gleichberechtigt sind und jeder sein Ding so durchziehen kann, wie er es für richtig hält.

4. Jugendlicher: Keine Ahnung ... aber irgendwie so. Ja.

2. Jugendlicher: Ja, voll cool irgendwie die Sache mit dem Ding durchziehen und so. Dann sind wir jetzt also eine Boygroup. Nun müssen wir nur noch berühmt werden - und mit dem Ruhm kommt dann automatisch irgendwie auch gleich die Kohle.

1. Jugendlicher: Ich bin aber ein Mädchen. Keine Ahnung, wie ich da in einer Boygroup mitmachen kann. Außerdem hab ich echt keinen Bock auf Lieder schreiben und so. Ich glaub ich kann das gar nicht.

3. Jugendlicher: Ich weiß, dass ich das nicht kann. Die einzige die ich kenne, die Noten lesen kann, ist Tante Hildegard.

2. Jugendlicher: Hat die einen eigenen style? Ich meine, ein eigener style ist heute echt wichtiger als Lieder schreiben können und so.

3. Jugendlicher: Sie riecht immer nach Mottenkugeln.

2. Jugendlicher: Cooler style. Wie alt ist sie?

3. Jugendlicher: Keine Ahnung. 35 oder so irgendwie.

2. Jugendlicher: Das geht dann ja gar nicht. Die ist ja ein voll altes Mädchen.

1. Jugendlicher: Ich bin auch ein Mädchen.

2. Jugendlicher: Du bist aber noch jung. Da fällt es nicht weiter auf, wenn du das einzige Mädchen in einer Boygroup bist. Eigentlich denke ich, ist es aus marketingtechnischen Gründen sogar voll cool, wenn in unserer Boygroup ein Mädchen mitmacht. Damit heben wir uns schon mal gleich von Anfang an gegenüber den anderen Boygroups ab. Das ist dann irgendwie unser style. Dann müssen wir uns schon mal gleich gar keinen Kopf mehr über Lieder schreiben und so machen.

4. Jugendlicher: Das seh ich auch so. Das mit den Liedern ist eh irgendwie Nebensache. Die kriegen wir von unserem Produzenten.

2. Jugendlicher: Von welchem Produzenten?

4. Jugendlicher: Keine Ahnung. Von unserem Produzenten eben.

3. Jugendlicher: Produzenten gibt es heute überall. Das ist echt kein Problem. Hauptsache ist, dass wir irgendwie unseren eigenen style haben.

2. Jugendlicher: Sag ich doch.

1. Jugendlicher: Ja voll cool. Mein style ist es, immer grüne Baseballkappen zu tragen.

4. Jugendlicher: Das reicht nicht.

1. Jugendlicher: Ich finde aber immer grüne Baseballkappen zu tragen ist echt kreativ und das ist nun mal echt mein style. Außerdem bin ich das einzige Mädchen in dieser Boygroup. Ich denke das passt irgendwie voll cool zu meiner grünen Baseballkappe. Du bist ja nur neidisch auf meinen style.

4. Jugendlicher: Ist gut. Ich hab nix gesagt.

1. Jugendlicher: Ich hab doch gehört was du gesagt hast. Du wolltest dich hier gleich als Chef aufspielen. Aber nicht mit mir.

4. Jugendlicher: Keine Ahnung.

1. Jugendlicher: Ich weiß.

3. Jugendlicher: Also ich finde, wir brauchen irgendwie erst mal einen handfesten Skandal, bevor wir mit dem style-Ding anfangen können. So ein Skandal ist doch eigentlich irgendwie noch viel wichtiger für das Marketing, als ein style.

2. Jugendlicher: Keine Ahnung, klingt aber irgendwie voll cool. Ein Skandal ist immer gut. Dadurch kommen wir ganz schnell in die Medien - und dann werden uns die Produzenten die Tür nur so einrennen.

1. Jugendlicher: Cool.

3. Jugendlicher: Wie wäre es, wenn wir alle wie der Typ aus der Rocky Horror Picture Show nur noch in Strapsen rumlaufen würden.

1. Jugendlicher: Eh Mann, ich bin ein Mädchen, ich lauf eh immer in Strapsen rum.

3. Jugendlicher: Bei dir sieht man die aber nie. Ich meine ...

4. Jugendlicher: Der Skandal sollte irgendwie eine größere gesellschaftskritische Relevanz besitzen.

3. Jugendlicher: Hey, bist du jetzt hier der Chef - oder was?

4. Jugendlicher: Keine Ahnung. Ich mein nur so.

3. Jugendlicher: Ich meine aber auch, dass du keine Ahnung hast und so ...

1. Jugendlicher: Wir könnten ein Handy auf ein Skateboard nageln. Damit würden wir ein echtes Zeichen setzen, irgendwie. Das wäre echt mal richtig kreativ und so.

2. Jugendlicher: Und was soll das mit dem Handy und dem Skateboard aussagen?

2., 3. und 4. Jugendlicher im Chor: Und wessen Handy würden wir auf wessen Skateboard nageln?

Derweil in einem Seniorenheim, viele Kilometer entfernt von dem kleinen Zimmer in Hintergroßenglocken, sprach Agnes auf der Feier zu ihren 95. Geburtstag Herrn Filby erstmals an. Die beiden wohnten zwar bereits seit vielen Jahren unter dem gleichen Dach, dennoch hatte sich zuvor niemals die Gelegenheit für ein Gespräch ergeben.

Agnes: Hallo, mein Name ist Agnes und ich bin der Anlass für diese kleine Party. Sind sie neu hier? Darf ich mich nach ihrem Namen erkundigen?

Herr Filby: Selbstverständlich dürfen sie sich nach meinem Namen erkundigen und ich halte es auch durchaus für möglich, dass ihnen jemand der hier Anwesenden darauf eine fachkundige Auskunft erteilen kann. Am schnellsten jedoch würde ihre Neugier sicherlich befriedigt werden, wenn ich ihnen selbst meinen Namen nennen würde. Was ich auch gleich zu tun gedenke. Ich heiße Filby und ich lebe inzwischen bereits seit ca. 12 Jahren in diesem Etablissement.

Agnes: So so, seit 12 Jahren leben sie bereits in diesem Etablissement? Ich glaube, dann sollten wir nicht noch mehr Zeit verstreichen lassen, um uns besser kennen zu lernen, Herr Filby. Meinen sie nicht auch?

Herr Filby: Da haben sie wohl recht, meine Gnädigste.

Agnes: Schön. Was glauben sie, wie oft ich bisher in meinem Leben schwanger war?

Bereits nach diesen wenigen Worten war klar, hier und jetzt hatten sich zwei Menschen gefunden, die eigentlich schon längst zusammengehört hatten. Für Agnes und Herrn Filby bestand kein Zweifel mehr daran, dass sie den Rest ihres Lebens gemeinsam verbringen würden. Agnes bewohnte bislang mit Frau Wertmüller ein Doppelzimmer, Herr Filby teilte sich ein Zimmer mit Herrn Ammersatt. Das änderte sich nun. Die vier trafen eine Übereinkunft, durch welche Agnes und Herr Filby zusammen ein Zimmer beziehen konnten.

Nach und nach fanden sich immer mehr Gemeinsamkeiten zwischen den beiden älteren Herrschaften. Mehr als einmal fragten sie sich, wie es ihnen möglich gewesen war, in den letzten Jahren so vollständig aneinander vorbei zu leben. So stellte sich unter anderem heraus, dass Agnes und Herr Filby früher gar am gleichen Theater als Bauchredner gearbeitet hatten. Voller Wehmut erinnerten sie sich an diese Zeit. Rückwirkend betrachtet, waren es die schönsten Jahre ihre Lebens gewesen - ihres bisherigen Lebens. Doch warum sollte man diese Jahre nicht nochmals aufleben lassen. Zeit um an einem neuen Programm zu arbeiten hatte das Paar mehr als genug. Nur Krankheit und Tod konnten ihnen einen Strich durch die Rechnung machen. Um diesen Übeln den Zutritt in ihr Leben zu verwehren, befestigten sie ein Schild mit großen Buchstaben an der Zimmertür. Auf dem Schild stand: In diesem Zimmer leben Agnes und Herr Filby. Wir haben lange gebraucht um uns zu finden. Sollten Krankheit und Tod dieser gemeinsamen Zeit ein allzu frühes Ende bereiten wollen, mögen sich Krankheit und Tod auf großen Ärger einstellen.

Das Schild verfehlte seine Wirkung nicht.

Es kam der Tag an dem das Paar sein Programm vor einem Publikum aufführen wollte. Natürlich wählte man das Seniorenheim als Aufführungsort. Die beiden Akteure dachten dabei an eine Vorstellung im Kreise der übrigen Bewohner, also in einem KLEINEN Kreis. Sowohl die Heimleitung, wie die restlichen Heimbewohner ließen Agnes und Herrn Filby in diesem Glauben. Insgeheim jedoch tat sich anderes. Warum das so kam, versucht der folgende Blick auf die näheren Begleitumstände der bisherigen Ereignisse zu verdeutlichen.

Bevor Agnes und Herr Filby ein Paar wurden, herrschte in dem Seniorenheim eine ausgesprochen triste Stimmung. Die meisten der Bewohner warteten nur noch auf den Tod. Ziele gab es keine mehr. Die einzigen Themen denen man sich noch halbwegs interessiert widmete, waren der eigene fortschreitende körperliche Verfall und der fortschreitende körperliche Verfall der anderen Mitbewohner. Kontakte zu Freunden, Verwandten und Kindern, Personen die das Themenangebot hätten bereichern können, gab es nicht mehr. Man hatte die Welt "da draußen" aus den Augen verloren. Dem Personal war dieser Mißstand zwar bekannt, doch der Dienstplan war zu straff, als dass man sich innerhalb der vorgegebenen Zeiten um Veränderungen hätte bemühen können - um sich zum Beispiel selbst mehr mit den alten Menschen zu beschäftigen. Schuld an den Zuständen waren alle und keiner. Die Spirale der Trübsinnigkeit drehte sich unaufhörlich weiter nach unten. Dann beschloss Agnes ihren Geburtstag zu feiern. Einfach so. Das kam zwar für alle überraschend, doch Einwände gab es keine. Ganz im Gegenteil. Eine regelrechte Euphorie brodelte auf. Eine wahre Welle der Eigeninitiativen brach über das Seniorenheim herein. Jeder wollte zum Gelingen der Geburtstagsfeier soviel wie irgend möglich beitragen. Diese Aktivitäten wurden von der Heimleitung und dem Pflegepersonal durch die Bank weg mehr als begrüßt, doch von vielen bekamen sie auch gar nichts mit.

Herr Schnurbein zum Beispiel organisierte den verdeckten Import der alkoholischen Getränke und kümmerte sich um den späteren Vertrieb der mit Alkohol angereicherten Wässer, Säfte, Tees und Kaffees auf der Geburtstagsfeier. Wobei er eben tunlichst darauf achtete, dass sowohl die Heimleitung, wie auch das Pflegepersonal von seinen Aktivitäten nichts bemerkte. Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen, konnte er die Auswirkungen seines Schaffens selbstverständlich nicht vollständig verbergen. Die immer unverhohlener werdende Freizügigkeit der Geburtstagsgäste wurde nach einiger Zeit doch allzu offensichtlich. Da Herr Schnurbein jedoch alle Spuren, die ihn mit den für ein Seniorenheim eigentlich unziemlichen Vorkommnissen in Verbindung hätten bringen können, bereits im Vorfeld gewissenhaft vertuscht hatte, konnte ihm weder der Alkoholschmuggel noch der Ausschank alkoholischer Getränke nachgewiesen werden. Auch Frau Wertmüller war umsichtig genug gewesen, sich nicht mit dem Freude spendenden weißen Pulver in Verbindung bringen zu lassen, welches man später in einer Mehlpackung fand, die nicht vollständig aufgebraucht worden war.

Nach der Geburtstagsfeier gewann die Lebensqualität in dem Seniorenheim in einem Ausmaß an Leichtigkeit, wie es niemand für möglich gehalten hatte. Der positive Trend erhielt sogar noch einen weiteren Schub, als bekannt wurde, dass es innerhalb des Heims von nun an ein Liebespaar gab. Und als man erfuhr, dass eben dieses Liebespaar an einem Programm für einen Auftritt als Bauchredner arbeitete, verwandelte sich das Seniorenheim in einen absoluten Hort der guten Laune. Was allein auf Agnes und Herrn Filby zurückzuführen war, wie alle wußten.

Aus Dankbarkeit für diese Entwicklung wollten Heimleitung, Pflegepersonal und die restlichen Heimbewohner den beiden Künstlern ein ganz besonderes Geschenk machen: Agnes und Filby sollten vor einem so großen Publikum auftreten dürfen, wie sie es nie zuvor erlebt hatten.

Zu diesem Zweck wurde für den Tag der Aufführung ein echter Theatersaal gemietet. Alle Angestellten und Bewohner des Seniorenheims luden Freunde, Bekannte und Familienangehörige dorthin ein. Da einige der Bewohner sich bereits seit Jahren nicht mehr an die Außenwelt gewandt hatten, waren die meisten der eingeladenen Gäste extrem neugierig auf ein Wiedersehen. Nur wenige entschieden sich dafür, nicht an der Veranstaltung teil zu nehmen. Die Mehrzahl freute sich auf die Begegnung mit einem Menschen, mit dem man früher einmal viele gemeinsame Stunden verbracht hatte. Natürlich bestand die Gefahr, dass dieser Mensch nicht mehr derselbe wie früher war. Davon musste man sogar regelrecht ausgehen. Eine unüberwindbare Distanz konnte sich entwickelt haben. Doch selbst wenn dies der Fall sein sollte, so konnte man sich doch immer noch an der hoffentlich gelungenen Vorstellung der beiden Bauchredner erfreuen - und das direkte Gespräch mit dem entfremdeten Menschen auf ein höfliches Minimum reduzieren.

Agnes und Herr Filby gingen ein letztes Mal ihren Auftritt durch. Danach liefen sie die Treppe zum Frühstücksraum hinunter, der nach ihrem Kenntnisstand für die Vorstellung zweckentfremdet werden sollte. Zur Überraschung der beiden befand sich allerdings niemand in dem Raum. Sie schauten sich fragend an. Agnes warf einen Blick auf die Uhr. Punkt 20.00 Uhr sollte das Programm beginnen. Es war eine Minute vor 20.00 Uhr. Wo war das Publikum?

An der Haustür klingelte es. Das Paar öffnete die Tür. Dort stand ein Taxifahrer, der sie bat ihm zu folgen.

Agnes: Wir können ihnen jetzt nicht folgen, guter Mann. Wir beginnen hier gleich mit einer Vorstellung.

Taxifahrer: Ich sehe kein Publikum.

Herr Filby: Sie sagen es. Genau das ist das Problem. Unser Publikum ist weg.

Taxifahrer: Ich weiß wo es ist.

Agnes: Unter dieser Voraussetzung folgen wir ihnen selbstverständlich.

Herr Filby: Dem kann ich mich nur anschließen.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren verließen Agnes und Herr Filby das Seniorenheim. Sie fuhren durch die Stadt. Vor einem großen Theater hielt das Taxi an. Die Leiterin des Seniorenheims nahm die beiden in Empfang. In raschen Worten erfuhr das Paar, weshalb es hierher gebracht worden war. Agnes wurde kreidebleich im Gesicht. Herr Filby nahm sie bei der Hand.

Der Vorhang öffnete sich.

Am Ende der Vorstellung war das Publikum regelrecht aus dem Häuschen. Der Applaus wollte nicht mehr enden. Ein Blitzlichtgewitter brach über Agnes und Herrn Filby herein, wie sie es noch nicht erlebt hatten. Doch in dem Saal befanden sich auch vier Jugendliche, die von dem Erfolg der beiden Alten gar nicht angetan waren. Die vier saßen getrennt voneinander bei ihren Familien.

Am nächsten Tag gab es keine Zeitung im ganzen Umkreis, in der nicht euphorisch über das Bauchrednerpaar aus dem Seniorenheim berichtet wurde. Bereitwillig griffen dann auch die überregionalen Medien das Thema auf. Das Seniorenheim wurde bombardiert mit Interviewanfragen. Ein Massenphänomen nahm seinen Anfang. Innerhalb der kommenden Wochen avancierten Agnes und Herr Filby zu den weltweit gefragtesten Künstlern. Es gab keine Talkshow in der sie nicht auftraten, keine Sendung mit Prominenten, zu der sie nicht eingeladen wurden.

Bei solch einem Erfolg blieben Neider nicht aus.

2. Jugendlicher: Hey, ich versteh echt nicht, wie die so einen Megaerfolg haben können. Wir sitzen hier rum und sind irgendwie total kreativ und die zwei gehen einfach so irgendwie auf die Bühne und räumen richtig viel Kohle ab. Das find ich voll unfair. Und jetzt tauchen die auch noch irgendwie überall im Fernsehen auf.

3. Jugendlicher: Ich versteh das irgendwie auch echt nicht. Wir haben doch viel mehr style.

1. Jugendlicher: Das Leben ist halt irgendwie echt unfair. Ich hab euch das ja schon mehr als tausend mal gesagt - wir hätten das Handy auf das Skateboard nageln sollen. Dann wäre für uns alles ganz anders gelaufen. Aber ihr habt ja nicht auf mich gehört.

3. Jugendlicher: Du bist hier ja auch nicht der Chef. Die Mehrheit hat beschlossen, das Ding mit dem Handy nicht zu machen.

1. Jugendlicher: Dann ist die Mehrheit auch schuld daran, dass hier nix mehr geht. Etwas mit Nägeln zu machen, ist nämlich total kreativ und voll mein style. Der Günther Uecker hat sich damit auch schon irgendwie dumm und dämlich verdient, glaub ich. Keine Ahnung. Aber der Uecker ist voll cool.

3. Jugendlicher: Der Uecker? Ich dachte das mit den Nägeln ist dein Ding.

1. Jugendlicher: Ist es auch. Der Uecker und ich sind da halt einfach nur total auf der gleichen Wellenlänge. Wir sind halt alle beide so richtig voll kreativ und nicht solche Labertaschen wie ihr.

2. Jugendlicher: Und wenn wir jetzt als Bauchredner auftreten? Keine Ahnung. So irgendwie als bauchrednerische Boygroup eben. Das wäre doch voll cool.

3. Jugendlicher: Hat der eben gesagt, wir sind Labertaschen?

4. Jugendlicher: Nachmachen was die beiden Alten vorgemacht haben? Ohne mich! Nein. Ich sage die beiden Alten müssen irgendwie weg. Es kann doch nicht sein, dass die uns einfach unser Publikum wegnehmen.

3. Jugendlicher: Hat der eben wirklich gesagt, dass wir nur Labertaschen sind?

2. Jugendlicher: Haben die uns echt das Publikum weggenommen?

4. Jugendlicher: Irgendwie schon. Solange die da sind, wird keiner unsere Musik kaufen.

2. Jugendlicher: Welche Musik? Wir haben doch noch gar keinen Produzenten. Und ich dachte ohne einen Produzenten geht irgendwie eh nix?

3. Jugendlicher: Ich glaub es nicht. Der hat eben doch echt gesagt, dass wir nur Labertaschen sind und keiner regt sich darüber auf ...

1. Jugendlicher: Mach doch nicht gleich immer alles so kompliziert, Mann.

4. Jugendlicher: Richtig. Die zwei Alten sind doch irgendwie eh an allem Schuld. Die sind echt total schlimm. Die müsste man echt voll davon jagen.

3. Jugendlicher: Ja, irgendwie echt davon jagen müsste man die. Das hätten die voll verdient. Die können doch nix. Die sind doch nur alt und so.

2. Jugendlicher: Genau. Denen müsste man ihre Unverschämtheit mal echt heimzahlen. Nehmen die uns doch einfach das Publikum weg.

1. Jugendlicher: Die sind bestimmt voll selbstsüchtig und so. Und die haben sich bestimmt nie um ihre Kinder gekümmert, das seh ich denen voll an. Für so etwas hab ich ein Auge. Oder habt ihr schon mal etwas von den Kindern der beiden gehört?

2. Jugendlicher: Die wollen ihren Kindern bestimmt nix von der Kohle abgeben. Die beiden Alten wollen die Kohle bestimmt ganz alleine verprassen.

4. Jugendlicher: Ja, irgendwie sehen die echt genauso aus, als ob die das so tun würden. Die gönnen ihren Kindern bestimmt nix.

3. Jugendlicher: Wenn die aber vielleicht gar keine Kinder haben?

1. Jugendlicher: Das ist doch echt egal. Die gönnen keinem etwas. Sieh dir uns an? Haben die zwei uns etwa schon mal etwas von ihrer Kohle abgegeben? Und wir könnten die Kohle doch nun wirklich gut gebrauchen.

2. Jugendlicher: Da hast du voll recht. Die zwei sind voll schlecht. Die sollte man echt anzeigen.

4. Jugendlicher: Oder schlimmer noch ...

Ausgehend von der erfolglosen Boygroup aus Hintergroßenglocken formierte sich langsam eine Antistimmung gegen Agnes und Herrn Filby. Ungerechtfertigte Vorwürfe wurden in Umlauf gebracht - und obwohl die Vorwürfe völlig substanzlos waren, fielen sie mancherorts dennoch auf fruchtbaren Boden. Und um in diesem Bild zu bleiben: viele der verstreuten Samen verdorrten aufgrund ihrer Inkonsistenz zwar augenblicklich wieder, manche aber auch nicht. Schließlich fand sich gar ein Samenkorn, welches stark genug war um daraus eine Frucht erwachsen zu lassen. Im Verborgenen gedieh die Frucht zu beachtlicher Größe; und als sie die entsprechende Reife erlangt hatte, erhob sie sich aus dem Feld, auf dem sie gewachsen war und vernichtete es. Hass, Wut, Zorn, Missgunst, Neid und Niedertracht in die Herzen aller Menschen zu tragen, nahm sich die Frucht als Aufgabe. Geboren ward sie aus dem Neid auf Agnes und Herrn Filby, deshalb erkor sie diese beiden nun auch als Zielobjekt aus, auf welches all die in den Menschen zu weckenden negativen Eigenschaften übertragen werden sollten. Das Gespenst der Hetze schickte sich wieder einmal an, die Menschheit in seinen Bann zu ziehen. Es machte sich auf den Weg nach Hintergroßenglocken. Diejenigen durch welche es erweckt worden war, sollten die Speerspitze seiner Armee bilden. Sie sollten als erste unterjocht werden.

Jahre vergingen. Viele Veränderungen kamen. Das Heim in dem Agnes und Herr Filby wohnten, war inzwischen vollständig renoviert und um mehrere Gebäudetrakte erweitert worden. Die Einkünfte aus den Auftritten der beiden Bauchredner hatten dies möglich gemacht, denn das gesamte Geld kam ausnahmslos dem Seniorenheim zugute. Es gab wesentlich mehr Pflegepersonal und die Leute wurden deutlich besser bezahlt. Sie kümmerten sich nun um die alten Menschen, als wären sie ein Teil der eigenen Familie. Einige der früheren Bewohner waren verstorben, neue aufgenommen. Das Schild an der Tür von Agnes und Herrn Filby jedoch hatte offenkundig nichts von seiner magischen Kraft eingebüßt, denn beiden ging es immer noch hervorragend. Gerade sahen sie sich die Rocky Horror Picture Show im Fernsehen an. Die zwei liebten diesen Film. Herr Filby hatte sich heute sogar als Dr. Frank N. Furter verkleidet, trug also ein schwarzes Korsett mit Strapsen.

Vor dem Seniorenheim marschierte eine aufgebrachte Menge von Jugendlichen auf, deren Kopf, für alle unsichtbar, die Hetze bildete. Das war das teuflische an der Hetze, sie hatte die Macht von nahezu jedem Menschen Besitz ergreifen zu können, doch konnte sie von von keinem Sinnesorgan wahrgenommen werden. Wie soll man sich gegen etwas wehren, dass man nicht erkennen kann?

Die Menge sprach im Chor und es klang als rede sie mit einer Stimme.

Menge: Übergebt uns Agnes und Herrn Filby. Die beiden Alten dürfen nicht mehr länger in den Medien in Erscheinung treten.

Die Leiterin de Seniorenheimes trat vor die Tür.

Leiterin: Warum? Was habt ihr mit ihnen vor?

Menge: Sie werden an einen geheimen Ort eingesperrt, wo sie keinen Schaden mehr anrichten können. Das Publikum soll sie nie wieder sehen.

Leiterin: Aber das Publikum liebt die zwei.

Menge: Wir lieben sie aber nicht - und wir sind ein Teil des Publikums. Für die Werbewirtschaft sind wir sogar der interessanteste Teil des Publikums, weil wir die begehrteste Zielgruppe ausmachen, wie jeder weiß.

Leiterin: Haben die Alten keine Rechte mehr?

Menge: Es ist unnatürlich in einem solch hohen Alter noch so erfolgreich zu sein. Das nimmt uns Jugendlichen jegliche Motivation.

Agnes und Herr Filby erschienen neben der Heimleiterin. Herr Filby trug immer noch das Dr. Frank N. Furter Kostüm. Ein Raunen ging durch die Menge.

Herr Filby: Was ist so unnatürlich daran, wenn wir in unserem Alter noch Spaß haben wollen und nach Anerkennung streben?

Menge: Das ist uncool. So etwas gehört sich für so alte Menschen nicht.

Herr Filby: Ich glaube nicht, was ich da höre. Was ist uncool daran Menschen Freude zu bereiten?

Menge: Uns bereitet ihr keine Freude!

Agnes: Na das wollen wir doch mal sehen ...

Aus dem Stegreif improvisierten die beiden mehrere Nummern, die sie für ihr nächstes Bühnenprogramm ausgearbeitet hatten - und die demnach noch keiner von den Jugendlichen kennen konnte.

Kurze Zeit darauf krümmten sich die jungen Menschen vor lachen, so sehr die Hetze dies auch zu unterbinden versuchte. Mit jedem weiteren Lachen aus der Kehle eines Jugendlichen, verlor die Hetze immer mehr an Einfluss. Schließlich ließ sie ganz von der Menge ab und richtete sich direkt gegen Agnes und Herrn Filby. Um dies tun zu können, tat die Hetze etwas, was noch keine Hetze vor ihr getan hatte - und in der Menschheitsgeschichte hat es bekanntermaßen schon viele Hetzen gegeben, in kleinem, wie in großem Maße. Die Hetze wurde sichtbar. Zwischen den Jugendlichen auf der einen Seite und Agnes und Herrn Filby auf der anderen, erschien eine furchtbar hässliche Kreatur. Spindeldürr, riesengroß, mit 11 Armen, einem Bein, fünf Mündern, ohne Kopf, und mit drei Bauchspeicheldrüsen.

Hetze: So, da bin ich. Dann sorge ich eben selbst dafür, dass ihr verschwindet, wenn diese Hohlköpfe dazu nicht in der Lage sind.

Sprach die Hetze mit einer furchtbar garstigen Stimme. Doch gerade als die Hetze auf Agnes und Herrn Filby zulaufen wollte, stolperte sie mit ihrem einzigen Bein über eine der drei Bauchspeicheldrüsen - und zwar über die, welche dem Körper ausgelagert war.

Hetze: Verdammt. Wer hat sich denn diese sinnfreie Anatomie einfallen lassen ...

Woher hätte sie das mit der ausgelagerten Bauchspeicheldrüse auch wissen sollen, bisher war ja seit Menschengedenken noch niemals eine Hetze sichtbar geworden. Bisher war noch keine Hetze in die Verlegenheit gekommen, sich selbst ansehen zu müssen. Da ist es doch durchaus Nachvollziehbar, wenn man den eigenen Körperbau nicht kennt und gehörig erschrickt, sobald man Teile des eigenen Körpers erstmals sieht.

Plumps - da flog sie also hin. Als die Hetze dort lag, konnte man beinahe Mitleid mit ihr bekommen - und natürlich bekamen alle mit ihr Mitleid. Es kam schließlich sogar dazu, dass alle mit an packten, um das arme Ding wieder auf ihr Bein zu stellen. Das war der Hetze allerdings sehr peinlich. Immerhin hatte sie die Rolle des Bösewichts in dieser Geschichte. Aus Scham verstarb sie noch in der gleichen Sekunde. Was jedoch eigentlich niemanden störte. Denn weil der Bösewicht nun tot war, konnten Agnes und Herr Filby noch ein paar Nummern aus ihrem kommenden Programm zum besten geben, worüber sich das junge Publikum sehr freute.

Abschließend gab es für jeden der daran interessiert war Autogramme. Es dauerte Stunden bis Agnes und Herr Filby alle Autogrammwünsche der Jugendlichen erfüllt hatten. Erst dann löste sich die Menge langsam auf. Zuletzt blieben nur noch vier Jugendliche übrig, die nicht so recht zu wissen schienen, was sie mit sich anfangen sollten.

Agnes: Hallo ihr, dürfen wir euch noch einen Tee oder etwas ähnliches anbieten?

2. Jugendlicher: Äh ... Das wäre irgendwie echt nett.

4. Jugendlicher: Wir würden nämlich irgendwie gerne noch ein wenig mit ihnen reden.

Herr Filby: Dann gehen wir wohl am besten ins Hausinnere. Hier draußen wird es mir nun doch etwas zu kalt in diesem Kostüm.

3. Jugendlicher: Übrigens, voll cool ihr Anzug, Herr Filby.

Herr Filby: Danke schön.

In dem Seniorenheim ergab sich ein langes Gespräch, in dessen Verlauf sich die vier Jugendlichen als die Verursacher der Hetze zu erkennen gaben. Die Sache sei ihnen vollständig entglitten, brachten sie als Entschuldigung vor; es habe sich eine Eigendynamik entwickelt, die nie beabsichtigt gewesen war. Für alles Geschehene wollten sie sich hiermit entschuldigen.

Agnes: Ähnlich ist es uns mit dem Erfolg gegangen. Da kam etwas ins Rollen, womit wir nicht gerechnet hatten. Allerdings war uns das Glück holt.

1. Jugendlicher: Ihr seid uns nicht böse?

Herr Filby: Inzwischen sind wir zumindest dazu wohl tatsächlich zu alt. Wir verbringen unsere Zeit lieber mit angenehmen Dingen. Hass, Wut, Neid, Zorn und Missgunst bringen nichts Gutes in die Welt.

4. Jugendlicher: Wir hätten auch lieber etwas anderes in die Welt gebracht.

Agnes: Das könnt ihr immer noch tun. Nutzt die Talente die ihr habt.

2. Jugendlicher: Alleine schaffen wir das nicht.

Herr Filby: Ihr seit zu viert - und das was ihr im Negativen geschaffen habt, war doch durchaus eindrucksvoll. Schafft nun mal etwas Positives. Tut etwas, das euch wirklich interessiert.

Ein Pause trat ein.

Nach einer Weile erhob einer der Jugendlichen wieder das Wort.

3. Jugendlicher: Ich würde gern Theater spielen. Irgendwie etwas in der Art der "Rocky Horror Picture Show". Schauspielerei find ich echt interessant.

1. Jugendlicher: Ich würde gerne etwas mit Nägeln machen, irgendwie. Ich möchte gerne etwas bauen.

3. Jugendlicher: Du könntest meine Theaterbühne und die dazugehörenden Kulissen bauen.

1. Jugendlicher: Ja, das würde ich gerne tun.

2. Jugendlicher: Ich könnte mich um das Marketing für das Theater kümmern, damit die Leute auch etwas von dem neuen Theater in der Stadt erfahren.

4. Jugendlicher: Und was mache ich?

Herr Filby: Einer muss das ganze doch organisieren. Ihr werdet sicher mehr als einen Schauspieler benötigen um die "Rocky Horror Picture Show" aufzuführen.

4. Jugendlicher: Ja, toll - und wo soll ich die finden?

Herr Filby: Äh ... Ich möchte mich ja nicht aufdrängen, aber sieh dir doch mal mein Kostüm an ...

Agnes: Ich glaube in unserem Heim ließen sich noch einige Leute finden, die ein paar schräge Typen darstellen könnten. Vorausgesetzt, es gibt keine grundsätzlichen Einwände gegen Rollstuhlfahrer und Menschen mit Gehhilfen ...

Herr Filby: Und wenn es darum geht für die Premierenfeier Alkohol zu organisieren, so ist dafür wohl niemand besser geeignet als Herr Schnurbein.

Agnes: Also ich finde, das klingt irgendwie voll gut.

1., 2., 3. und 4. Jugendlicher im Chor: Dann los!

20.06.2007 11.45 Uhr