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Geschichte vom 14.05.2007:

Die Oberweite von Katja

Manche Menschen glauben an gute Feen. Wenn es aber gute Feen wirklich geben sollte, dann dürfte es wohl auch böse Feen geben. Katja glaubte in ihrer Kindheit von einer bösen Fee verwunschen worden zu sein. Vermutlich war das geschehen, als sie mit der Mama ihren Bruder Paul im Krankenhaus hatte besuchen wollen. Die Ärzte gestatteten nur der Mutter den Zutritt in Paul´s Zimmer. Katja musste im Besucherraum warten. Dort spielte sie mit den kleinen Figuren, die sie in einem Köfferchen mitgenommen hatte. Seit Paul im Krankenhaus lag, waren drei Figuren neu hinzugekommen. Diese Figuren wollte Katja ihrem Bruder heute zeigen. Doch das ging nun nicht. Ein fremdes Mädchen lief auf Katja zu und nahm sich eine der Figuren. Katja wurde darüber sehr wütend. Sie entriss dem anderen Kind das Spielzeug sogleich wieder. Das fremde Mädchen rannte weinend weg. Etwas später kam die Mutter von Katja zurück. Sie wollte zusammen mit Katja wieder nach Hause gehen. Eine Frau sprach die beiden an. Sie sagte Katja sei ein böses Kind, weil sie nicht mit der Tochter der unbekannten Frau habe spielen wollen. Diese schlimme Tat würde Katja noch lange bereuen sollen. Katja wollte gerade damit beginnen ihre Version der Geschichte zu erzählen, doch da war die unbekannte Frau schon verschwunden.

Katja wurde älter. Sie bekam eine gewaltige Oberweite. Sie glaubte fest daran, dass dies auf die Verwünschung der Frau aus dem Krankenhaus zurück zu führen war. Die Frau musste eine böse Fee gewesen sein. Eine ganz furchtbar böse Fee. Anders konnte sich Katja das übermässige Volumen ihrer Oberweite nicht erklären. Alle anderen Frauen in der Familie hatten in dieser Körperregion deutlich weniger zu bieten als sie. Alle anderen Frauen der Familie konnten völlig problemlos die Straßenbahn nutzen. Katja konnte das nicht. Selbst wenn es ihr gelungen wäre in eine Straßenbahn einzusteigen, so wäre es ihr doch unmöglich gewesen dort eine Sitzgelegenheit zu finden. In die Sitzreihen passte sie einfach nicht hinein. Ebenso wenig passte sie in ein Taxi hinein. Ihre Möglichkeiten zu verreisen waren demzufolge äussert begrenzt, weshalb sie am liebsten zuhause blieb.

Am 25. Geburtstag von Katja fuhr Onkel Herbert mit einem Kleinlaster vor. Im Laderaum fand sich der notwendige Platz für Katja und ihre Oberweite. Onkel Herbert chauffierte Katja an einen Strand. Dort konnte sie erstmals seit langer Zeit völlig unbefangen umher spazieren. Dort musste sie nicht befürchten mit ihrem Busen jemanden zu verletzten, denn das Gelände war extrem weitläufig. Es wurde dunkel und Katja und Onkel Herbert zündeten in der Nähe des Wassers ein kleines Feuer an. Die beiden lauschten dem Meeresrauschen. Bald gesellten sich zu den Klängen des Wassers ein paar Stimmen.

Erste Stimme: Sieht der Mond heute nicht ziemlich mickrig aus?

Zweite Stimme: Finde ich nicht. Es ist eben kein Vollmond. Da sieht er immer etwas kleiner aus, aber mickrig würde ich ihn nun wirklich nicht bezeichnen.

Erste Stimme: Weisst du eigentlich, wieso es die Mondphasen gibt?

Dritte Stimme: Das hängt mit der Bewegung der Planeten zusammen und dem Schatten, den die Erde auf den Mond wirft.

Zweite Stimme: Ach was. Das ist wieder so eine Aussage von einem dieser neun Mal klugen Wissenschaftler.

Katja: Onkel Herbert, hörst du diese Stimmen? Wo kommen die her? Ich kann hier niemanden ausser uns sehen.

Onkel Herbert: Wir sind an einem magischen Ort, mein Kind. Da gibt es schon manchmal Stimmen, die aus dem Nichts kommen.

Katja: Ich muss aber wissen wo diese Stimmen herkommen, sonst werde ich ganz unruhig. Du weisst doch, dass ich solche seltsamen Dinge nicht gerne mag. Von so etwas bekomme ich immer ganz grosse Angst.

Onkel Herbert: Du musst dich hier nicht fürchten, Katja. Ich habe dich an diesen Ort geführt, weil ich glaube, dass man dir hier helfen kann ...

Erste Stimme: Also ich finde, der Mond sieht heute trotz allem mickriger aus als sonst. Das ist unnatürlich.

Zweite Stimme: Ja, jetzt sehe ich es auch. Da stimmt etwas nicht.

Dritte Stimme: Hm ... In der Tat. Wir sind gerade Zeugen eines ganz besonderen Phänomens. Das hat allerdings nicht das geringste mit den Mondphasen zu tun. Das ist eine Sache, die nur uns hier betrifft - und zwar eine extrem ungewöhnliche Sache. Um es auf den Punkt zu bringen: etwas ausgesprochen voluminöses versperrt uns die Sicht.

Erste Stimme: Wie ist das möglich? Wir befinden uns doch hier an einem absolut magischen Ort. Da kann doch nicht plötzlich irgendetwas derart voluminöses einfach so auftauchen.

Zweite Stimme: Und wie steht´s mit Onkel Herbert.

Dritte Stimme: So dick ist der nicht.

Katja: Onkel Herbert, was ist das? Die Stimmen kennen deinen Namen. Mir wird ganz unheimlich.

Erste Stimme: Ganz recht, Onkel Herbert hat kein derartiges Volumen. Er ist ja eigentlich sogar eher ein hagerer Typ.

Dritte Stimme: Scheint so, als ob er heute nicht allein hierher gekommen ist.

Katja: Wenn ich jetzt nicht gleich erfahre, was hier los ist, dann ...

Onkel Herbert: Die Stimmen kommen von den Sandkörnern unter dir.

Erste Stimme: Ihr habt recht. Offensichtlich ist Onkel Herbert tatsächlich wieder bei uns. Durch unsere Unterhaltung ist mir das gar nicht aufgefallen.

Dritte Stimme: Und er hat gerade unser Geheimnis preis gegeben, obwohl er versprochen hatte das niemals zu tun.

Onkel Herbert: Hättet ihr nicht so laut gequatscht, wäre auch kein Wort diesbezüglich über meine Lippen gekommen. Ihr Plappermäulchen seid selbst schuld.

Katja: Ich versteh das nicht. Was soll das mit diesen sprechenden Sandkörnern?

Onkel Herbert: Wie oft soll ich dir das noch sagen, mein Kind? Die können dir helfen. Die können deine Oberweite verkleinern.

Zweite Stimme: Aha, darauf läuft´s also hinaus. Wäre schön gewesen, wenn man uns im Vorfeld darüber informiert hätte.

Onkel Herbert: War ´ne spontane Idee. Ich dachte nicht, dass ihr daraus so eine grosse Sache macht. Ich wollte euch die Infos später am Abend zuflüstern, dann hätte Katja von euerer Existenz gar nichts erfahren müssen.

Erste Stimme: Typisch Mensch. Immer sind die anderem an allem Schuld. Ich bin schon etwas enttäuscht von dir, Onkel Herbert.

Onkel Herbert: Na gut, ihr habt ja recht. Aber helft ihr Katja nun oder nicht?

Zweite Stimme: Will sie das wirklich?

Onkel Herbert: Da musst du Katja schon persönlich ansprechen. Ich fungiere nur als Vermittler.

Zweite Stimme: Also, Katja, möchtest du wirklich einen kleineren Busen haben?

Katja: Ich soll mit Sandkörnern sprechen?

Dritte Stimme: Mit magischen Sandkörnern, wenn´s recht ist.

Katja: Na dann. Okay. Ja, ich möchte einen kleineren Busen haben.

Erste Stimme: Is recht.

Die Luft begann erst leicht nach frisch gepresstem Orangensaft zu duften, dann immer stärker. Ein blond toupierter Wellensittich stürzte vom Himmel, liess sich auf Katja´s Nasenspitze nieder und schaute ihr keck ins Gesicht. Das Tier nahm ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Onkel Herbert sowie die sprechenden Sandkörner waren für den Augenblick vergessen. Selbst als Katja´s ganzer Körper plötzlich von einem heftigen Rütteln erschüttert wurde, wandte sie sich nicht von dem Vogel ab. Und auch den Wellensittich störte das Erdbeben seltsamer Weise nicht im geringsten. Unbeeindruckt davon blieb er auf seinem Platz sitzen - vollzog dort jede einzelne Bewegung von Katja nach. Das sah so komisch aus, dass Katja bald lauthals zu lachen anfing. Da endlich hörte das Rütteln auf. Der Vogel flog davon.

Zweite Stimme: So, jetzt sieht der Mond wieder normal aus.

Katja: Wow! Es hat geklappt.

Onkel Herbert: Dies ist eben ein magischer Ort.

Katja: Dann will ich jetzt auch noch Prinzessin werden und in einem Schloss wohnen.

Dritte Stimme: Moment mal ...

Katja: Ich bekomme hier doch ständig zu hören, dass dies ein magischer Ort ist. Da wäre es doch dumm von mir, mich nur mit einer Brustverkleinerung zufrieden zu geben. Nein. Jetzt wo ich schon mal hier bin, da will ich schon noch etwas mehr.

Zweite Stimme: Klingt nach einer kleinen Madame Nimmersatt.

Erste Stimme: Wohl eher nach einer grossen Madame Nimmersatt.

Dritte Stimme: Es ist besser, wenn du mit der jungen Dame diesen magischen Ort nun wieder verlässt, Onkel Herbert.

Katja: Onkel Herbert wird nichts dergleichen tun, weil ich ihm sonst ein Loch in den Schädel schiesse.

Erste Stimme: Himmel! Die ist bewaffnet.

Onkel Herbert: Verdammt! Die Pistole hatte ich ganz vergessen. Damit hat sie sich immer die Busenfetischisten vom Leib gehalten.

Katja: Macht ihr mich jetzt endlich zur Prinzessin und besorgt mir ein Schloss?

Vierte Stimme - eine neue Stimme: Wirst du damit wohl sofort aufhören, Katja?

Katja: Tante Penelope? Bist du das? Wie kann das sein?

Vierte Stimme: Ich antworte erst, wenn du Onkel Herbert loslässt.

Katja war so überrascht die Stimme von Tante Penelope zu hören, dass sie sofort die Pistole wegwarf. Sie wollte unbedingt mehr über die Stimme erfahren, denn eigentlich lebte Tante Penelope doch schon seit vielen Jahren nicht mehr.

Katja: Nun los, sprich.

Vierte Stimme: Du befindest dich eben an einem ganz und gar magischen Ort. Jedes Sandkorn hier birgt das positive Extrakt eines jeden Menschen, der bisher auf der Erde gelebt hat. All das Gute, was einen Menschen zu Lebzeiten ausgezeichnet hat, setzt an diesem Strand seine Existenz als Sandkorn fort. Wenn man so will, könnte man diesen Platz als den Himmel bezeichnen. Weil von jedem Menschen nur das Gute fortbestand hat, verfügen wir über ein enorm hohes positives Energiepotential, durch welches wir, bei Bedarf, kleine Wunder vollbringen können - wie zum Beispiel deine Oberweite auf ein erträgliches Normalmass schrumpfen zu lassen. Natürlich reagieren wir sehr empfindlich darauf, wenn jemand versucht unsere Gutmütigkeit schamlos auszunutzen, wie du es gerade vor hattest. Dabei warst du früher doch immer so ein liebes Kind.

Katja: Das tut mir auch echt leid. Ich wusste ja nichts von dem Ursprung der Magie, die diesen Ort umgibt. Unter diesen Umständen nehme ich meine Forderungen selbstverständlich augenblicklich zurück. Ich wollte doch nur eine Wiedergutmachung für mein bisher so verpfuschtes Leben bekommen.

Vierte Stimme: Es ist der falsche Weg eine solche Wiedergutmachung bei uns einzufordern.

Onkel Herbert: Sei nicht böse auf sie, Penny. Katja ist immer noch ein gutes Kind. Ich habe sie in eine zu große Versuchung geführt, als ich sie hierher brachte.

Vierte Stimme: Wohl wahr. Aber du hast es ja nur gut gemeint. Du hast dich seit unseren gemeinsamen Jahren kein bisschen verändert. Am besten verlasst ihr aber jetzt diesen Ort. Denn gleich kommt der Samba tanzende Blumentopf. Den möchte ich auf keinen Fall verpassen.

Katja: Ein Samba tanzender Blumentopf? Den würde ich ebenfalls gerne sehen.

Vierte Stimme: Ihr seid immer noch nicht weg? Na los. Hinfort mit euch. Husch. Husch.

Katja und Onkel Herbert verliessen den Strand, obwohl Katja doch liebend gerne den Auftritt des Samba tanzenden Blumentopfs miterlebt hätte. Kurze Zeit darauf, sassen die beiden im Kleinlaster.

Katja: Weisst du wieso uns Tante Penelope unbedingt los werden wollte?

Onkel Herbert: In vielen Dingen ist sie heute noch so wie früher, als sie ein Mensch war. Das ist wohl auch der Grund, weshalb ich immer wieder hierher zurück kehre. Wenn ich sie hier besuche, kommt es mir vor, als wäre sie nie gestorben. Man durfte sie zum Beispiel nie während einer Fernsehsendung ansprechen, die sie unbedingt anschauen wollte. Da war absolutes Schweigen befohlen. Nach dem Ende der Sendung, verwandelte sie sich wieder in den liebenswertesten und aufmerksamsten Menschen, den man sich nur vorstellen konnte. Gab es aber eine wirklich wichtige Sache, eine Sache, die keinen Aufschub erduldete, dann war der Sessel vor dem Fernsehgerät der letzte Platz an dem man sie angetroffen hat, ganz gleich, was auf dem Programmplan stand. Für mich fällt der Rauswurf vor dem Auftritt des Samba tanzenden Blumentopfs in die gleiche Kategorie wie das befohlene Schweigen während einer Fernsehsendung, die sie unbedingt anschauen sollte. Verstehst du was ich damit meine?

Katja: Ich glaube schon ... Hast du den Blumentopf schon mal gesehen?

Onkel Herbert: Ich ich diesen Blumentopf noch nie gesehen, mein Kind, obwohl ich sehr oft hierher komme. Sie schickt mich immer weg bevor er Auftritt. Eines Tages werden du und ich jedoch ebenfalls Sandkörner sein, soviel steht fest - und spätestens dann werden auch wir ihn zu Gesicht bekommen. Bis dahin müssen wir uns eben in Geduld üben.

Katja: Na schön.

Derweil erschien der Samba tanzende Blumentopf am Strand. Die Sandkörner schrieen vor Begeisterung. Der Blumentopf legte eine grandiose Show mit unglaublichen Tanzeinlagen vor. Am Ende hielt es die Sandkörner nicht mehr auf ihren Plätzen. Ein regelrechter Sandsturm brach los. Was allerdings fast schon alltäglich war, bei den Konzerten des Blumentopfs. Zuletzt wählte er, wie jedes Mal am Ende einer Show, einige Sandkörner aus, die schon bald als Menschen wieder geboren werden sollten. Leider fiel die Wahl nicht auf Tante Penelope, obwohl sie sich eine Wiedergeburt so sehr wünschte. Sie würde wohl noch ein Weilchen warten müssen. Vielleicht würde sie aber auch niemals mehr als Mensch wieder geboren werden.
Na ja, dachte sie sich, wenn ich es als Mensch nicht mehr schaffe, werde ich möglicherweise irgendwann mal eine Pflanze oder ein Tier - es gab ja noch den Tango tanzenden Wackelpudding, der dafür die Auswahl traf.
Die Chancen für eine Wiedergeburt, in welcher Form auch immer, standen also eigentlich recht gut. Denn schliesslich gab es nur eine begrenzte Anzahl von Sandkörnern. Irgendwann erhielt jedes seine zweite, dritte oder vierte Chance. Es gab nur ganz wenige, die bisher noch kein einziges Mal ausgewählt worden waren.
Vielleicht würde sie sogar nochmals in einer Zeitlinie mit Onkel Herbert leben, was ihr sehnlichster Wunsch war. Vielleicht würden die beiden aber auch schon bald, bis ans Ende aller Tage, hier an diesem magischen Ort gemeinsam nebeneinander liegen. Ein Gedanke, der ihr ebenfalls sehr gefiel.

14.05.2007 10.30 Uhr