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Geschichte vom 16.03.2007:

Aus dem Leben von Utnig Pippig

In der Nachrichtensendung lief gerade eine Aussenreportage. Utnig Pippig berichtete von dem überraschenden Schneeeinfall auf der Wetterspitze. Das Interesse an dem Thema war extrem gering. Der Aufnahmeleiter konnte über den neu eingeführten Quotenmesser verfolgen, wie die Zuschauer während des Beitrags regelrecht die Flucht ergriffen und auf andere Kanäle wechselten. Das traf ihn hart, denn er selbst hatte ausdrücklich darauf bestanden die Reportage zu senden, obwohl ihm von den meisten Kollegen davon abgeraten worden war. Fehlentscheidungen wie diese rütteln stark an der Autorität eines Aufnahmeleiters. Fehlentscheidungen wie diese waren in den letzten Monaten sehr oft von ihm getroffen worden. Langsam fiel ihm das selbst auf. Hatte er sein Gespür für gute Berichterstattungen verloren? War er nicht mehr der richtige Mann für diesen Job? Würde er bald seinen Job verlieren? Diese Gedanken gefielen ihm gar nicht. Er brauchte diesen Job. Etwas anderes gab es in seinem Leben nicht. Ein Sündenbock musste her, auf den zumindest die Verantwortung für das aktuelle Geschehen übertragen werden konnte.

Der Aufnahmeleiter brüllte Hildemar Dingslaken an und befahl ihm schleunigst die Aussenreportage optisch aufzumotzen. Eigentlich hätte Hlldemar dies schon längst getan haben, fuhr der Aufnahmeleiter fort. Hildemar Dingslaken überraschte das. Es überraschte ihn sogar ausserordentlich. Schließlich war er es doch gewesen, der vor zwei Stunden dem Aufnahmeleiter mehrere Vorschläge zur Verbesserung der Reportage gemacht hatte. Die Vorschläge waren allesamt von dem Aufnahmeleiter mit der Begründung abgelehnt worden, die Authentizität von Aussenreportagen würde durch den Einsatz von optischen Effekten gemindert. Hildemar kannte diese Art von Widersprüchlichkeit in den Anweisungen des Aufnahmeleiters nur allzu gut. Jahrelang hatte er diese Mätzchen bereits mitgemacht und den Sündenbock gespielt. Nun nicht mehr. Aus den Schneeflocken um Utnig Pippig liess er ein digitales Schneeungeheuer entstehen, welches die Reporterin an den Beinen ergriff und mit ihr im Schneetreiben verschwand. Das alles geschah live. Dem Aufnahmeleiter fiel vor Schreck fast die Nase aus dem Gesicht.

Langsam erhob sich Hildemar Dingslaken von seinem Platz. Der Kopf des Aufnahmeleiters nahm die Farbe einer hochreifen Tomate an. Nie rang ein Mensch mehr um innere Fassung. Den Mittelfinger der linken Hand ausgestreckt, tänzelte Hildemar an dem brodelnden Aufnahmeleiter vorbei.

Hildemar: So, das war´s für mich. Ich kündige.

Als Hildemar das Aufnahmestudio verlassen hatte, dauerte es noch etwa 90 Minuten, bevor das Gesicht des Aufnahmeleiters wieder einen halbwegs menschlichen Farbton annahm - und es dauerte noch etwa 60 weitere Minuten, bevor der Aufnahmeleiter sich wieder verständlich machen konnte, ohne ständig in wildes Fluchen zu verfallen. Dann erschien Utnig Pippig mit dem Aussenteam im Studio. Sie wusste noch nichts von den Vorkommnissen mit dem Schneeungeheuer. Aber das Interessierte den Aufnahmeleiter nicht im geringsten. Utnig Pippig war das ideale Opfer. An ihr konnte er seine nur mit Mühe und Not unterdrückte Wut jetzt endlich doch noch auslassen. Sofort ging er auf die Aussenreporterin los.

Aufnahmeleiter: Was wollen sie denn hier? Sie sind doch von einem Schneeungeheuer entführt worden. Mit ihrer Anwesenheit untergraben sie die Seriosität dieses Senders. Alles was wir berichten entspricht doch der Realität, demnach können sie gar nicht hier sein. Sie dürfen gar nicht hier sein. Gar nicht auszudenken was die Zuschauer von uns denken würden, wenn wir sie wieder vor die Kamera liessen, ohne vorher die Sache mit dem Monster erklärt zu haben. Aber wie bitte schön erklären wir den Zuschauern diese Sache? Ich weiss es nicht. Von mir sollten sie da keine Hilfe erwarten. Aus der Nummer müssen sie ganz alleine wieder rauskommen. Bedanken sie sich dafür bei Herrn Hildemar Dingslaken. Ach was sage ich da, sie sind gefeuert!

Utnig Pippig sah den Aufnahmeleiter fassungslos an. Nichts von dem was sie sich gerade hatte anhören müssen, ergab für sie einen Sinn. Eine Kollegin aus der Maske nahm sich ihrer an. Erklärte ihr alles. Sprachlos setzte sich Utnig Pippig eine Perücke auf den Kopf, klebte sich buschige Augenbrauen und einen Schnurrbart ins Gesicht und fuhr nach Tibet. Ihrer Ansicht nach war das das beste, was man in solch einer Situation tun konnte.

In Tibet lernte Utnig Pippig Yakfladen zu jonglieren, was ihr viel Anerkennung unter unter den Einheimischen einbrachte, weil auf diese Idee noch niemand vor ihr gekommen war. Tibeter sind immer leicht für neue Ideen zu begeistern - sofern diese Ideen problemlos mit den alten Traditionen verwoben werden können, keine horrenden Investitionen erfordern, leicht transportierbar sind und auch bei minus 54 Grad noch ohne bleibenden Schäden von Mann und Frau praktiziert werden können. Yakfladenjonglieren erfüllte all diese Voraussetzungen.

Fast schien es, als ob Utnig Pippig im fernen Tibet ihr Glück gefunden hatte. Doch dann kam der Tag, an dem sie in einem Bergsee ihr Spiegelbild erblickte. Von einem Augenblick zum nächsten stand ihre gesamte Vergangenheit wieder vor ihr. Sie sah, dass sie immer noch die Perücke, die buschigen Augenbrauen und den Schnurrbart aus dem Studio trug, aus dem sie vor so langer Zeit geflüchtet war. Darum also hatte nie ein Mann intimen Kontakt zu ihr gesucht. Darum waren bei ihren Auftritten die tibetischen Frauen scharenweise in Ohnmacht gefallen. Als Mann sah Utnig Pippip extrem schneidig aus. Sie hätte vielleicht schon früher ihrem Äusseren etwas mehr Beachtung schenken sollen - aber sie war eben allzu sehr damit beschäftigt gewesen, die Vergangenheit aus dem Gedächtnis zu verbannen, als dass sie sich auch noch um die Gegenwart hätte kümmern können. Doch was vergangen war, konnte man nicht mehr ändern. Das erkannte Utnig Pippig nun. Es galt die Zukunft für sich zu gewinnen.

Mit frischem Selbstvertrauen und ohne die Requisiten aus der Maske, kehrte sie in ihre frühere Heimatstadt zurück. Dort ging sie in einen Stehimbiss. Nirgendwo gab es so wunderbar fetttriefendes Essen wie in dieser Stadt, da konnte selbst der Speiseplan in Tibet nicht mithalten. Hätte Utnig jetzt noch eine Handvoll getrocknete Yakfladen zum jonglieren bei sich gehabt, dann wäre alles perfekt gewesen und sie hätte diesen Augenblick als den schönsten Augenblick ihres gesamten Lebens in ihrem Tagebuch verewigt. Weil Utnig Pippig jedoch keine Yakfladen mit sich führte, war sie felsenfest davon überzeugt, dass sie noch weitaus schönere Augenblicke würde erleben dürfen. Utnig Pippig futterte sich mehrfach durch die komplette Angebotspalette an Speisen. Erst der Gedanke an die stetig anwachsende Rechnungssumme zügelte ihren Appetit. Utnig Pippig hatte während ihrer Zeit in Tibet vollständig einen der Eckpfeiler der modernen Zivilisation vergessen, was ihr gerade deutlich bewusst wurde. Sie fragte sich, ob die Stehimbissinhaber tibetische Volksweisen als Zahlungsmittel akzeptieren würden, denn nichts anderes würde sie ihnen anbieten können. Die Stehimbissinhabern Klaus-Dieter und Mement zeigten jedoch wenig Interesse an dem Angebot. Sie riefen die Polizei.

Hildemar Dingslaken erkannte Utnig Pippig sofort als er den Raum betrat. Obwohl die beiden sich nie persönlich begegnet waren, hatte er sie doch mehrfach im Fernsehen gesehen. Er fühlte sich ihr gegenüber immer noch schuldig. Immerhin war ihr seinetwegen gekündigt worden. Er dankte dem Himmel, dass sich beider Lebenswege abermals kreuzten. Sein Gehalt als Streifenpolizist liess sich zwar nicht als üppig bezeichnen, doch reichte es aus, um die Rechnung von Utnig Pippig zu begleichen.

Gemeinsam stiegen Hildemar Dingslaken und Utnig Pippig in den Polizeiwagen. Utnig Pippig kam das sehr wundersam vor - sie kannte diesen Polizisten schliesslich gar nicht, dennoch hatte er ihr gerade aus der Patsche geholfen. Sie fragte sich, was der Fremde im Schilde führte. Kaum ging ihr dieser Gedanke durch den Kopf, schämte sie sich dafür. Misstrauen erzeugt Misstrauen, war ihr in Tibet beigebracht worden. Nur wer bereit ist anderen zu trauen, dem wird auch selbst vertraut werden. In diesem Sinne schloss Utnig Pippig die Augen und machte ein Nickerchen.

Während der Wagen durch die Strassen fuhr, dachte Hildemar darüber nach ob er Utnig Pippig die Hintergründe für sein handeln mitteilen solle. Wie er die seltsam gekleidete Frau allerdings so schlafen sah, nahm er davon abstand. Sie wirkte so zufrieden und glücklich. Weshalb sollte er sich ihr gegenüber da als der Mann zu erkennen geben, der ihr ehemals geordnetes Leben beinahe ins Chaos gestürzt hatte. Nein. Ihm gefiel es besser von ihr als edelmütiger Retter angesehen zu werden, zumal ihm ihre Nähe sehr angenehm war - und Hildemar hielt es für unwahrscheinlich weiterhin in ihrer Nähe verweilen zu dürfen, wenn er Utnig Pippig die wahren Motive für seine Grossmut gebeichtet hätte. Irgendwann jedoch würde er es aber tun, nahm er sich vor.

Manchmal sind die Vorstellungen von der Zukunft wie wir sie gerne erleben würden, nicht exakt deckungsgleich mit dem was die Zukunft tatsächlich für uns bereit hält. Die Zukunft von Hildemar Dingslaken zum Beispiel, konfrontierte dessen Auto mit einem notlandenden Heissluftballon. Ein Zusammenstoss war unvermeidlich hiess es später in den Polizeiakten. So trennten sich die Wege von Hildemar und Utnig erneut - diesmal endgültig.

Durch den Unfall hatte Hildemar sein Gedächtnis verloren. Irgend etwas in seinem Innern mahnte ihn jedoch stets an eine große Schuld, die auf seinen Schultern lastete. Um diese Schuld abzutragen, gab er nach der Entlassung aus dem Krankenhaus seine Anstellung im Polizeidienst auf und trat einer Glaubensgemeinschaft bei, deren oberstes Gebot das Entleeren von Yoghurtbechern befahl. Dies erschien ihm sinnvoller als Menschen für ihre Verfehlungen zu jagen. In dunkle Umhänge gewandet überfielen die Glaubensanhänger des Nachts Filialen grosser Supermarktketten. Als früherer Polizist kannte Hildemar Dingslaken die Fahndungsmethoden seiner ehemaligen Kollegen. Ein Umstand welcher ihn in den Hierarchieebenen der Glaubensgemeinschaft schon bald in die vordersten Reihen katapultierte. In dieser Position war ihm der direkte Kontakt mit anderen Menschen untersagt. Die obersten Glaubensführer lebten als Einsiedler in alten Steinbrüchen oder in vermeintlich leer stehenden Gartenhäuschen. Ein Mal in der Woche nahmen sie mit ihnen unterstellten Ordensbrüdern Kontakt mittels zweier leerer Yoghurtbecher auf, die durch eine lange Schnur miteinander verbunden waren - eine alternative Form der Telekommunikation, die ein früheres Ordensmitglied dem Rest der Menschheit schon vor langer Zeit unbedachter Weise offenbart hatte und die dem einen oder anderen forschungsfrohen Leser wohl vertraut sein dürfte. Zu fest vereinbarten Zeiten nahmen die Gesprächspartner ihre Positionen an fest vereinbarten Orten ein und der jeweils höher gestellte Glaubensdiener übermittelte dem Untergebenen die aktuellen Anweisungen. An oberster Stelle der Anweisungserteilungskette thronte der Leiter der Glaubensgemeinschaft, der Becherboss. Eines Tages hatte der aber keine Lust mehr auf die ganze Sache und erschien deshalb nicht zum fest vereinbarten Anweisungserteilungstermin. Woraufhin die Glaubensgemeinschaft von einer schweren Sinnkrise erschüttert wurde - solange bis Hildemar Dingslaken sich selbst zum neuen Becherboss ernannte. Ab da war wieder alles gut.

Utnig Pippig hatte den Zusammenstoss mit dem Heissluftballon völlig unbeschadet überstanden. Sie wurde durch den Krach nicht Mal aus dem Schlaf heraus gerissen. Als die Rettungsmannschaften eintrafen und das feststellten, verrichteten sie ihre Arbeit deshalb auch ganz besonders leise, schliesslich wollte niemand Utnig Pippgi wecken.

Drei Tage später wachte Utnig Pippig auf. Sie fand sich auf einer riesigen Picknickdecke wieder, die inmitten einer wunderschönen Blumenlandschaft lag. Von einem Sanitäter war sie dort hin gebracht worden. Er sass noch neben ihr. Abronsius Schmetterling, so hiess der Sanitäter, erzählte Utnig Pippig von dem Unfall. Danach führte er bei ihr noch einige Gesundheitstests durch. Utnig hatte keine Schäden davon getragen. Herr Schmetterling konnte sich also getrost verabschieden. Die Picknickdecke, die sein Privateigentum war, schenkte er Utnig, weil er dachte, Utnig benötigte diese Decke vermutlich dringlicher als er. Womit der Mann selbstverständlich recht hatte. Utnig freute sich über das Geschenk, versprach Herrn Schmetterling jedoch das gute Stück eines Tages zurück zu geben. Stolz und Selbstachtung verlangten das von ihr. Der Sanitäter nickte, hinterliess seine Anschrift, Telefonnummer und E-Mail-Adresse und ging weg.

Utnig Pippig war wieder einmal allein. Sie legte sich auf den Rücken, betrachtete die Wolken, erinnerte sich an Tibet und die Yakfladen, dachte darüber nach, wie es mit ihr weiter gehen sollte. Die Sonne schien, Utnig hatte ausgeschlafen, die Welt stand ihr offen. Sie konnte tun und lassen was sie wollte. Doch was wollte sie? Der Duft von gebratenem Hähnchenfleisch stieg ihr in die Nase. Neben ihr stand ein Körbchen mit allerlei leckeren Speisen darin. Hunger leiden musste sie vorerst nicht. Das Leben meinte es heute offenkundig gut mit ihr. Utnig erhob sich, rollte die Decke zusammen, packte sie in das Körbchen, nahm das Körbchen in die Hand und spazierte los.

16.03.2007 21.50 Uhr