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Geschichte vom 18.02.2007:

Agnes und die Schinkenspargelröllchen

Nur eine erschreckend geringe Menge von Schinkenspargelröllchen hatte die letzte Angriffswelle überstanden. Der Kommandant der Schinkenspargelröllchen war eines der ersten Opfer gewesen, wodurch die Moral der Truppe auf das übelste in Mitleidenschaft gezogen wurde. Der stellvertretende Kommandant versuchte die Stimmung durch ein Liedchen zu heben, doch seine Bemühungen brachten keinen Erfolg. Die Lage schien aussichtslos. Das Essen war absolut miserabel. Die Küche hatte schlichtweg gepfuscht. Allein die Schinkenspargelröllchen schmeckten den Gästen - und wenn für die Schinkenspargelröllchen nicht bald der angeforderte Nachschub eintraf, dann würde die vorderste Linie des kalten Buffets beim nächsten Ansturm gnadenlos fallen.

Jemand vom Küchenpersonal kam, um die verbliebenen Schinkenspargelröllchen neu zu verteilen. Die älteren Schinkenspargelröllchen wussten was das bedeutete. Kein Nachschub. Womöglich gab es keinen frischen Spargel mehr oder der Schinken war ausgegangen. Manchmal tat der Schinken das. Er stahl sich aus der Küche und vertrieb sich die Zeit mit albernen Späßen auf Kosten wildfremder Menschen, solange bis die Müllabfuhr ihn einfing und entsorgte. Doch ganz gleich aus welchem Grund die Reihen nicht wieder aufgefüllt werden konnten, für die hinterbliebenen Schinkenspargelröllchen bedeutete dies das sichere Todesurteil. Keines der Schinkenspargelröllchen würde das anstehende Gemetzel überstehen. An ein Wiedersehen mit den lustigen hart gekochten Eiern oder dem sexy Marmeladengelee war nicht mehr zu denken.

Es wurde Zeit. Die Schinkenspargelröllchen wappneten sich für den nächsten Gang. Vermutlich ihren letzten. Sie wussten was ihnen bevorstand. Der Schinkenmantel klammerte sich fest an den Stangenspargel. Eng umschlungen liess sich dem Ende gelassener entgegen sehen.

Ein Schinkenspargelröllchen robbte in seiner Verzweiflung verstohlen zur Sahnecremetorte hinüber, weil es sich in deren Tortenmasse zu verstecken beabsichtigte. Doch kurz bevor es sein Ziel erreichte, verschwand es in einem weit geöffneten Rachen. Die Schlacht ging weiter. Gierige Hände und hungrige Mäuler bahnten sich aus allen Himmelsrichtungen einen Weg zum Buffet. Gabeln sausten hernieder.

Als die Not am größten war, tauchte vor dem Antlitz des stellvertretend kommandierenden Schinkenspargelröllchen eine Figur auf, die es bisher nur aus alten Erzählungen kannte. Doch es gab keinen Zweifel. So sah nur einer aus. Er musste es sein. Ja, der stellvertretende Kommandant war sich absolut sicher. Vor ihm stand der Positivdenker, der von manchen auch liebevoll Onkel Schorschi genannt wurde. Fasziniert starrte der stellvertretende Kommandant der Schinkenspargelröllchen Onkel Schorschi an. Was machte Onkel Schorschi hier? Gab es möglicher Weise doch noch Hoffnung für die Schinkenspargelröllchen?

Onkel Schorschi griff nach dem stellvertretenden Kommandanten der Schinkenspargelröllchen und futterte ihn mit lautem Schmatzen auf. Anschließend reichte Onkel Schorschi seiner Freundin Agnes ebenfalls ein Schinkenspargelröllchen.

Onkel Schorschi: Probier Mal, Agnes. Die schmecken echt richtig köstlich. Nach dem Genuss eines solchen Schinkenspargelröllchens, sieht man die Welt mit ganz neuen Augen. Dann sieht man alles ganz positiv.

Agnes: Mich kannst du mit deiner "Ach-wie-ist-das-Leben-so-toll"-Masche nicht beeindrucken, mein Lieber. Spar dir das Gesülze für deine Fangemeinde auf.

Onkel Schorschi: Fast könnte man meinen, du hast heute morgen beim Aufstehen mal wieder deinen Kopf im Bett liegen lassen und weisst deshalb nicht mehr so recht, worum es bei dieser Party hier eigentlich geht. Zur Sicherheit möchte ich dein Gedächtnis diesbezüglich auffrischen: ICH kriege eine Auszeichnung für MEINE Motivationsshow. Den Preis erhalte ich, weil ich der ganzen Welt in einer 15-Minütigen wöchentlichen Sendung glaubhaft vermittele, wie toll doch alles ist. Und da sagst du mir, ich soll mir mein positives Gesülze sparen. Wo wären wir denn ohne mein positives Gesülze, wenn ich fragen darf? Also freu dich gefälligst zusammen mit mir über diese Ehrung. Immerhin bist du meine Lebensabschnittsgefährtin. Da gehört sich das so. Alles andere passt im Moment nicht hierher. Grundsätzlich hast du aber natürlich schon recht. Eigentlich sollte ich mir meine Bemerkungen dir gegenüber sparen, denn ebenso wie dir nichts an dem liegt was ich sage, so liegt mir nichts an dem was du sagst. Doch darum ging es doch auch nie zwischen uns. Positiv gedacht, wäre es wohl sogar für uns beide das beste, wenn wir nicht mehr miteinander reden würden, denn unsere Beziehung hat eh nie aus etwas anderem als gelegentlichen körperlichen Gefälligkeiten dem anderen gegenüber bestanden. Gefälligkeiten die stets nur zweckorientiert verrichtet wurden. Und bisher hat doch jeder von uns nach einer solchen Gefälligkeit auch immer genau das bekommen, was er von dem anderen hatte haben wollen. Folglich gibt es auch für keinen von uns einen Grund zu klagen. Wenn das keine überzeugende Argumentation ist um dich zur Einstellung der Feindseligkeiten mir gegenüber zu bewegen, dann weiss ich auch nicht ... Dein Schweigen bestätigt mich in meiner Annahme. Ach, wie ist das Leben herrlich. Hast du dich eigentlich je gefragt, wie du dein Dasein ohne meine überbordende positive Energie fristen würdest. Antworte nicht. Ich weiss, dass ich die Sonne deines Lebens bin, obwohl du dies niemals zugeben wirst.

Agnes: Nun komm aber mal wieder runter. Wenn du alle Probleme nicht einfach nur schönreden oder weg grinsen würdest, hättest du mit Sicherheit weniger Ärger am Hals und unser gemeinsames Leben wäre für uns beide um einiges erfreulicher. Konflikte sollten nämlich gelöst und nicht ignoriert werden.

Onkel Schorschi: Wir sind heute aber wieder extrem patzig - gell? Positiv gedacht, bedeutet dies allerdings, dass dein seelischer Tiefpunkt für heute damit wohl erreicht sein dürfte und es mit deiner Laune ab jetzt nur noch bergauf gehen kann. Ich habe also auch diese Krise wieder meisterhaft bewältigt. Als Belohnung dafür, esse ich jetzt eine doppelte Portion von den leckeren Schinkenspargelröllchen. Bye Schatz.

Agnes: Verletz dich dabei nicht, "mein Herz" ...

Onkel Schorschi verschwand dorthin, wo derzeit noch die größte Menge an Schinkenspargelröllchen aufzufinden war. Agnes betrachtete angewidert das Schinkenspargelröllchen, welches ihr Onkel Schorschi in die Hand gedrückt hatte. Gespräche wie das eben geführte, hatte sie schon lange satt. Eigentlich wusste sie gar nicht, warum sie sich immer wieder auf dieses Geplänkel einliess. Es brachte nie etwas. Onkel Schorschi war die Fehlkonstruktion ihres Lebens. Hätte sie damals wenigstens einen Ausschaltknopf mit eingebaut. Aber wer hat daran schon denken können. Onkel Schorschi war ja ursprünglich nur als Prototyp angelegt. Erst als er immer mehr ein Eigenleben entwickelte, wurde ihr so richtig bewusst, was sie da "angestellt" hatte. Zu spät. Ab diesem Zeitpunkt konnte Agnes nur noch Schadensbegrenzung betreiben. Darum wurde Onkel Schorschi auch nie offiziell vorgestellt. Wie hätte sie der Firma, die Onkel Schorschi bei ihr in Auftrag gegeben hatte, je diesen arroganten Schnösel präsentieren können. Undenkbar. Stattdessen erzählte sie denen, sie habe die Forschungsgelder veruntreut. Der zweite Fehler, den sie wohl auf ewig bereuen würde. Natürlich wollten die Auftraggeber Agnes daraufhin verklagen - und wer weiss was geschehen wäre, wenn sie das getan hätten. Unter Umständen wäre sie dann ins Gefängnis gekommen und es wäre niemand mehr da gewesen, der auf Onkel Schorschi hätte aufpassen können. Agnes malte sich besser nicht aus, welche Folgen für die Welt das hätte haben können. Dafür wollte sie nicht verantwortlich sein. Deshalb machte Agnes den Auftraggebern einen Vorschlag, den diese nicht ausschlagen konnten. Agnes versprach die veruntreute Summe mit hohen Zinsen zurück zu zahlen, in mehrjährigen Raten. Auch wenn Agnes am Tag dieser Übereinkunft noch nicht wußte, wo sie das Geld für die Zahlungen hernehmen sollte. Hauptsache sie musste nicht ins Gefängnis.
Die Idee mit der Motivationsshow kam ihr erst später, als sie überlegte, was sie mit Onkel Schorschi nun machen sollte. Niemand durfte wissen, dass Onkel Schorschi ein Roboter war. Sonst wäre der Schwindel mit den veruntreuten Geldern aufgeflogen und Agnes wäre nun vermutlich eingesperrt worden, weil sie ihre Geldgeber angelogen hatte. Agnes sah damals zufällig gerade eine beliebte Spielshow mit einem besonders selbstgefälligen Moderator. Da hatte sie einen Geistesblitz. Onkel Schorschi für die Präsentation der Show einzuspannen, war dabei die geringste Schwierigkeit. Wie aber machte man so eine Sendung zu einem Erfolg und schaffte es damit Geld zu verdienen? Bis heute wußte sie nicht, wie sie das geschafft hatte. Eigentlich wußte das niemand so genau. Doch sie hatte es geschafft.
Die Motivationsshow war vom Start weg ein voller Erfolg. Finanzielle Probleme gab es für Agnes nun keine mehr und sie konnte sich ihre Zeit so einteilen, wie sie wollte. Also besuchte Agnes einen Volkshochschulkurs, denn sie hatte schon seit langem lernen wollen, wie man den eigenen Kopf vom Körper abtrennen konnte, ohne dabei zu sterben - und das brachte man ihr dort bei. Insgeheim hegte sie die Hoffnung mit diesem Kunststück etwas in der Persönlichkeit von Onkel Schorschi verändern zu können. Als Onkel Schorschi Agnes zum ersten Mal ohne Kopf durch die Wohnung laufen sah, zeigte Onkel Schorschi auch sofort die gewünschte Reaktion. Er verfiel in Sprachlosigkeit. Lange hielt dieser Zustand allerdings nicht an - und auf Dauer änderte sich in seinem Verhalten nicht das geringste. Agnes liess die "Sache" mit dem Kopf abnehmen wieder sein. Stattdessen führte sie die "Sache" mit den gegenseitigen körperlichen Gefälligkeiten ein. Das lief zwar auch nicht so toll, war insgesamt aber weniger anstrengend anstrengend für sie, als den Kopf vom Körper abzutrennen.

Schinkenspargelröllchen: Entschuldigen sie bitte, gnädige Frau, dass ich sie ohne Umschweife anspreche, aber außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Massnahmen. Ich wäre ihnen sehr verbunden, wenn sie mich nicht essen würden.

Agnes: Oje, steht es so schlimm um mich. Ich hatte eben das Gefühl von diesem Schinkenspargelröllchen angesprochen zu werden.

Schinkenspargelröllchen: Sie haben sich nicht getäuscht, gute Frau. Aber vielleicht sollten wir unser Gespräch draußen auf dem Balkon fortführen, dort wären wir ungestörter.

Agnes: Ja, das wäre wohl besser.

Agnes verliess mit dem Schinkenspargelröllchen in der Hand den Saal.

Schinkenspargelröllchen: Ich habe unbeabsichtigter Weise vorhin dem Dialog zwischen ihnen und Onkel Schorschi beigewohnt. Er scheint sie nicht gut zu behandeln.

Agnes: Und darüber wollen sie hier draußen mit mir reden?

Schinkenspargelröllchen: Ehrlich gesagt, nein. Vielmehr möchte ich sie um Hilfe bitten. Meine Artgenossen und ich sind in einer ausweglosen Situation. Sehen sie, wir sind Schinkenspargelröllchen - und ohne ihre Hilfe werden wir am heutigen Abend alle verspeist.

Agnes: Das ist doch die Bestimmung von Schinkenspargelröllchen. Nirgendwo in der Natur gibt es frei lebende Schinkenspargelröllchen. Schinkenspargelröllchen werden vom Menschen geschaffen, um vom Menschen gegessen zu werden.

Schinkenspargelröllchen: So sehen sie das. Als Schinkenspargelröllchen sieht man das anders, glauben sie mir.

Agnes: Was soll ich denn tun? Selbst wenn ich sie heute Abend vor dem Verzehr bewahre, so werden sie morgen in der Biotonne landen. Ist das so viel erstrebenswerter?

Schinkenspargelröllchen: Es gibt eine Alternative. Meine Artgenossen und ich werden uns auf den Weg in das Schinkenspargelröllchenland begeben. Dort können wir ein unbeschwertes leben führen.

Agnes: Es gibt kein Schinkenspargelröllchenland.

Schinkenspargelröllchen: Oh doch, das gibt es. Wenn sie mir nicht glauben, können sie uns ja auf dem Weg dorthin folgen. Dann werden sie es mit eigenen Augen sehen.

Agnes: Onkel Schorschi würde es bestimmt nicht gefallen, wenn ich einfach so verschwinde.

Waren das wirklich ihre Worte da eben gewesen, fragte sich Agnes. Stimmte das? War es nicht vielmehr so, dass es ihr nicht gefallen würde Onkel Schorschi allein zurück zu lassen. Immerhin hatte sie ihn gebaut. Sie fühlte sich für alles was er tat verantwortlich. Wie konnte sie diese Bürde jemand anderem aufladen - oder Onkel Schorschi gar sich selbst überlassen. Andererseits würde Onkel Schorschi sie ohnehin irgendwann überleben. Er war eine Maschine. Eines Tages würde er für sich alleine stehen - und die Hoffnung ihm bis zu diesem Tage noch angenehmere Umgangsformen oder überhaupt noch irgend etwas beibringen zu können, hatte Agnes schon lange aufgegeben. Warum also sollte sie nicht verschwinden. Dieses Schinkenspargelröllchen bot ihr hier und jetzt die Gelegenheit dazu. Warum nicht einfach zugreifen. Buße für die Konstruktion von Onkel Schorschi hatte sie schon genug getan. Jeder Tag mit Onkel Schorschi war Buße genug.

Schinkenspargelröllchen: Sie können ihm ja ihren Körper zurück lassen. So wie ich das vorangegangene Gespräch wahrgenommen habe, ist er doch eh vorrangig an ihrem Torso interessiert. Was ihr Kopf macht ist ihm egal. War er nicht sogar der Meinung, sie hätten ihren Kopf heute morgen im Bett liegen lassen.

Agnes: Das war metaphorisch gemeint. Aber ...

Dieses Schinkenspargelröllchen war mit allen Wassern gewaschen - vor allem aber hatte es recht mit seiner Argumentation. Agnes wusste das - und sie liess sich gern davon überzeugen, dass es besser für sie wäre Onkel Schorschi zu verlassen.

Wenige Minuten später.

Agnes: Okay. Ich mache mit.

Das Schinkenspargelröllchen versteckte sich hinter einem der großen Blumentöpfe, während Agnes zurück zum Buffet ging, um die verbliebenen Schinkenspargelröllchen vor dem Untergang zu bewahren. Sie stellte sich vor die große Servierplatte und verbarg die Schinkenspargelröllchen dezent in ihrem Dekolleté. Auf dem Balkon liess sie die Schinkenspargelröllchen wieder frei. Dann nahm Agnes ihren Kopf ab. Den Körper schickte sie in den Saal zu Onkel Schorschi. Was ein Fehler war, wie sich sogleich herausstellte. Denn als der Kopf auf dem Boden lag, fielen die Schinkenspargelröllchen darüber her. Der Anblick des abgetrennten Kopfes hatte sie Irrsinnig werden lassen. Die Schinkenspargelröllchen zerzausten Agnes die Haare, verstopften ihr Nase, Mund und Ohren.
Wäre in diesem Augenblick nicht Onkel Schorschi aufgetaucht, hätte das wohl ein schlimmes Ende genommen.
So jedoch gelangte Onkel Schorschi unerwarteter Weise an weitere Portionen genussvoller Schinkenspargelröllchen - und das obwohl diese längst als vergriffen galten. Er aß sie alle auf. Natürlich empfand er diesen zusätzlichen Happen als eine Belohnung des Schicksals für seine positive Lebenseinstellung - und nicht minder positiv bewertete Onkel Schorschi die Errettung seiner Lebensabschnittsgefährtin. Wie konnte sie ihm nach dieser Tat weiterhin Vorwürfe machen, wo er sie doch vor dem sicheren Tod bewahrt hatte. Nein. Natürlich würde sie ihm nun für eine lange Zeit keine Vorwürfe mehr machen. Wieder ein Mal hatte sich für Onkel Schorschi alles zum besten entwickelt.

18.02.2007 13.50 Uhr