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Geschichte vom 01.01.2007:

Der Strich

Mitten in der Nacht. Irgendwo an einem Bahnhof. Direkt in meinem Leben. Eine arbeitsreiche Woche liegt hinter mir. Etwas Freizeit vor mir. Die Hoffnung auf ein paar positive Entwicklungen lässt sich nicht leugnen, dennoch sollte ich eigentlich ziemlich schlapp und mies gelaunt sein nach dem Stress der vergangenen Tagen - allerdings tut die milde Luft einiges, um mir die Laune zu versüssen. Es wäre schön, wenn jetzt gleich vor meinen Füßen ein außerirdisches Raumschiff landen würde. So etwas wertet die eigene Biografie extrem auf und bringt wichtige Punkte auf dem Weg in die Geschichtsbücher - und wer möchte da nicht eines Tages drin stehen. Ich halte dies für durchaus erstrebenswert. Der Gedanke an genervte Menschen, die verzweifelt versuchen sich meine Lebensdaten in die Köpfe einzuhämmern, tröstet mich über die momentane leidvolle Situation hinweg. Die Chancen hier mit einem Außerirdischen Bekanntschaft zu machen, stehen meiner Ansicht nach sogar recht gut. Immerhin ist es sehr spät und der Platz um mich mutet, mit all den Lichtern und Lampen, wie ein Stück Milchstraße an. Außerirdische dürften sich hier deutlich wohler fühlen, als ich dies tue. Außerirdische stelle ich mir allgemein recht genügsam vor. Putzige kleine grüne äußerst genügsame Kerlchen mit Augen in der Form von Rosen. Kerlchen, die ganz gerne Mal auf einem Platz mit vielen Lichtern landen, der aussieht wie ein Stück Milchstraße. Schade, dass all dies nur die letzten Fragmente eine Traumes sind, der sich gerade aufzulösen beginnt. Der Radiowecker ruft mich in die Realität zurück. Erinnert mich mit "One" von "U2" daran aufzustehen. "One" in der Version, in der Bono mit Mary J. Blige singt.

Auch der Strich in dem Raum nebenan hörte das Lied - und wenn Striche eine Gänsehaut bekommen könnten, dann hätte dieser Strich jetzt wohl eine bekommen. Stattdessen aber wurde er von einem tiefen inneren Glücksgefühl beseelt. Solche Momente erleben Striche nur äußerst selten, muss man dazu wissen. Ich glaube sogar, dass noch nie ein Strich zuvor einen solchen Moment erleben durfte. Am liebsten hätte der Strich nun jeden Menschen und jedes Ding umarmt - am liebsten hätte er die gesamte Welt umarmt. Aber er war ja nur ein kleiner Strich. Doch halt ... Wie konnte ihm dies bewusst sein. Wie konnte einem Strich bewusst sein, dass er nur ein Strich war. Gewöhnlichen Strichen war das nicht bewusst. Etwas musste mit ihm geschehen sein. Etwas aussergewöhnliches. Vielleicht konnte er nun noch ein paar andere Dinge, die ihm bisher ebenso unmöglich waren. Der Strich versuchte sich zu erheben. Und tatsächlich. Es gelang ihm. Der vordere Teil seines Körpers streckte sich aus dem Papier, auf welches man ihn notiert hatte. "Wahnsinn" dachte der Strich. "Mal sehen, was ich noch so alles kann". Er bewegte sich auf die Tür des Zimmers zu. Dabei wurde der Strich immer länger, denn sein hinterer Teil blieb fest auf dem Blatt verwurzelt. Dies blieb allerdings nicht lange so. Als der Strich durch den kleinen Spalt unter der Tür den Raum verliess, löste sich gleichzeitig der letzte Rest seines neu gewonnenen Körpers von dem Papierstück. Wenn er all dies Tun konnte, dann sollte es ihm jetzt doch auch möglich sein, die gesamte Welt zu umarmen, so wie es ihm vor ein paar Sekunden in den Sinn gekommen war. Er wollte alles und jeden an seinem Glück Anteil haben lassen. "Tu es", sagte sich der Strich, "mach dich auf den Weg".

Auf der obersten Treppenstufe des Hauseingangs saß eine junge Taubendame. Sie blätterte mit ihrem Schnabel gerade durch ein aktuelles Lifestylemagazin. Natürlich gab es nur wenig Hoffnung, in dem Magazin Tipps für die moderne weltoffene Taube von Heute zu finden, doch man konnte ja nie wissen - vielleicht war die eine oder andere modische Errungenschaft aus dem Menschenreich ins Tierreich übertragbar. Immerhin guckten sich die Menschen vieles von den Tieren ab, warum sollte das umgekehrt nicht ebenso funktionieren. Die Taube hegte schon seit geraumer Zeit den Wunsch ihr Äußeres etwas zeitgemäßer zu gestalten. Eine leicht verruchte grüne Federtolle oberhalb des linken Auges würde schon ordentlich etwas hermachen, dachte sie sich, als sie etwas vergleichbares bei einem Model auf einer Werbeanzeige entdeckte. Da kämen die Verehrer sicher gleich scharenweise angeflattert. Derzeit hielt sich die Zahl ihrer Freier ja eher in Grenzen. Bei Tante Alberta hatte eine leichte Auffrischung der äußeren Erscheinung wunder bewirkt.

Der Strich sauste unter der Eingangstür hindurch. Er prallte mit voller Wucht auf die junge Taubendame. Diese war darüber derart erschrocken, dass sie vollständig vergass davon zu fliegen. Die Taube landete unsanft auf ihrem leicht überdimensionierten Bürzel. Dem Strich erging es nicht wesentlich besser. Durch den Zusammenstoss mit dem unerwarteten Hindernis, wurde er mit einem heftigen Knall an die hinter ihm stehende Tür geschleudert. Sowohl die Taube, als auch der Strich, benötigten einige Sekunden, bevor sie sich von dem Schreck wieder erholt hatten. Weil die Taubendame in ihrem Leben jedoch schon einige Unfälle erlebt hatte, erlangte sie die Besinnung schneller als ihr Kollisionspartner zurück. Sie sprang auf, streckte das Köpfchen weit nach vorne und preschte in Form eines lebendig gewordenen Rammbock auf den Strich zu. Die Taube nagelte mit dem Schnabel ihren Widersacher buchstäblich an der Tür fest.

Taube: So, das sollte dir eine Lehre sein. In Zukunft rast du hoffentlich etwas vorsichtiger durch die Gegend.

Strich: Tut mir leid. Aber ich bin heute zum ersten Mal hier unterwegs. Präzise gesagt, bin ich heute zum ersten Mal überhaupt unterwegs. Aus Dankbarkeit für diese Erweckung, wollte ich mich gerade auf den Weg machen, um die Erde zu umarmen.

Taube: So so. Du wolltest dich gerade auf den Weg machen, um die Erde zu umarmen. Sehr interessant.

Strich: Da wir uns jetzt so gut unterhalten, könnten sie mich da vielleicht wieder los lassen?

Taube: Damit du dich weiter auf den Weg machen kannst, um die Erde zu umarmen.

Strich: Ja.

Taube: Unter diesen Umständen, gebe ich dich besser nicht frei. Denn ich fürchte du würdest auf deiner Reise noch sehr viel mehr Schaden anrichten, als du es bisher schon getan hast. Sieh dir nur Mal mein zerzaustes Federkleid an.

Strich: Das mit ihrem Federkleid tut mir aufrichtig leid. In Zukunft werde ich achtsamer sein. Ich werde niemandem mehr ein Leid zufügen.

Taube: Das würdest du aber. Du bist noch zu unerfahren.

Strich: Ach was. Sie kennen mich doch gar nicht. Wie können sie da so etwas behaupten.

Taube: Sagt mir meine Lebenserfahrung.

Strich: Papperlapapp. Lassen sie mich jetzt endlich los. Ich habe genug von dieser Diskussion.

Taube: Du glaubst mir also nicht?

Strich: Genau - ich glaube ihnen nicht.

Taube: Gut. Kennst du den Orakelsprecher?

Strich: Natürlich kenne ich den Orakelsprecher nicht. Schließlich bin ich doch gerade erst seit kurzem lebendig.

Taube: So, du kennst also den Orakelsprecher nicht, willst aber die Erde umarmen?

Strich: Herrje, was hat denn das eine mit dem anderen zu tun? Lassen sie mich jetzt endlich los?

Taube: Nö. Ich rufe den Orakelsprecher herbei.

Strich: Muss das wirklich sein?

Taube: Ja, das muss sein. Und es muss sein, bevor du noch ein Unheil anrichtest.

Strich: Sie sind extrem nervig. Wie wollen sie überhaupt diesen Orakelsprecher herbeirufen.

Taube: Keine Sorge, er wird gleich hier sein. Siehst du, dort kommt er schon.

Strich: Ich sehe gar nichts.

Taube: Du bist eben noch zu unerfahren.

Strich: Bald reichts´s ...

Langsam tröpfelten vereinzelte Regentropfen vom Himmel.

Taube: Der Orakelsprecher ist da.

Strich: Das ist der Orakelsprecher?

Taube: Ja.

Strich: Der hat ja gar keinen richtigen Körper.

Taube: Wenn ich deinen Körper mit dem meinen vergleiche, dann fehlt dir ebenfalls einiges.

Es begann stärker zu regnen. Das prasseln der aufschlagenden Tropfen wurde lauter.

Taube: Hörst du was der Orakelsprecher sagt?

Strich: Ich verstehe nix.

Taube: Du verstehst den Orakelsprecher nicht? Das ist schlimm.

Strich: Sagen sie mir, was er spricht. Sie verstehen ihn doch - oder etwa nicht?

Taube: Ich kann zwar hören was der Orakelsprecher sagt, aber das heißt nicht, dass ich ihn verstehe. Er ist eben der Orakelsprecher und deshalb sagt er manchmal Dinge, die man erst zu verstehen lernen muss. Nicht immer erschliesst sich einem sofort der tiefe Sinn seiner Worte.

Strich: Und was spricht er jetzt gerade.

Taube: Er sagt deine Reise ist mit vielen Gefahren verbunden.

Strich: Wissen sie was - ich glaube, was sie mir erzählen stimmt gar nicht. Sie denken bestimmt, dass ich nur irgend so ein dummer neu Geborener bin, dem man mit ein bisschen Hokuspokus jede noch so dreiste Lüge als Wahrheit andrehen kann. Aber da liegen sie falsch. So einfach lasse ich mich nicht hinters Licht führen.

Taube: So ist das also. Na gut. Und was hälst du davon - ist das auch eine Lüge?

Die Taube bewegte sich drei Schritte zurück und liess von dem Strich ab, der daraufhin sanft zu Boden glitt. Dann schwang das Tier die Flügel weit auseinander. Die Taube wuchs auf ein vielfaches ihrer ursprünglichen Körpergröße an. Je größer sie wurde, umso mehr verwandelte sich ihr Federkleid in ein langes weisses Stoffgewand. Bald stand vor dem überraschten Strich ein riesiger älterer Herr in ehrwürdigem Leinen.

Mann: Ich war es, der dich lebendig werden liess.

Strich: Wer sind sie?

Mann: Ein gutgläubiger alter Narr, der jedem gern ein Mal die Chance einräumt das beste aus seinem Dasein zu machen. Heute habe ich dir diese Chance gegeben. Viel hast du daraus bisher nicht gemacht.

Strich: Ich bin ja noch ziemlich jung. Ein Säugling gewissermassen erst.

Mann: Doch schon jetzt bereits sehr nervig. Ich hätte nicht übel Lust, dich dorthin zurück zu befördern, von wo du gekommen bist.

Strich: Sagen sie so etwas nicht, alter Mann. Glauben sie mir, ich werde ihnen noch viel Freude bereiten, wenn sie mir dazu die Gelegenheit geben.

Mann: Also gut.

Mit dem nächsten niederfallenden Regentropfen endete der Regen und der alte Mann verschwand. Er hatte genug Aufregung für diesen Tag gehabt. Nicht nur, dass er von diesem Strich angerempelt worden war, nein, das dreiste Ding hatte ihn schließlich sogar so weit gebracht, die wahre Identität preis zu geben. Und das, obwohl er selbst fast schon daran zu glauben begann eine Taube zu sein. Er konnte nur hoffen, dass die Enttarnung seinen Neidern verborgen geblieben war. Sicherheitshalber wollte er sich aber dennoch erst Mal für ein Weilchen komplett zurück ziehen. Wie hatte er nur auf diesen Strich reinfallen können - was wenn dieser gar einer seiner Neider gewesen wäre, welcher ihn in eine Falle habe locken wollen. Es war sein Stolz gewesen. Dort hatte ihn der Strich gepackt. Dieser verdammte Stolz. So alt war er inzwischen geworden, doch was seinen Stolz anbelangte, war er immer noch ein Kind.

Strich: Ein seltsamer Typ. Und was mache ich nun? Halte ich an meinem ursprünglichen Plan fest oder überdenke ich den nach dieser Begegnung ...

Eine Windbö packte den Strich und trug ihn in die Lüfte. Dort fühlte er sich wohl. Er liess sich für eine Weile in die eine Richtung, dann in die andere Richtung wehen. Zwischendurch hielt er kleine Schwätzchen mit vorbeiziehenden Zugvögeln oder Wolkenformationen. Er lernte die großen von Menschen geschaffenen Flugmaschinen kennen und sprach mit dem Tag und mit der Nacht über den Lauf der Dinge. So verging viel Zeit. Der Strich bewahrte all das Wissen, die Gedanken und die Erfahrungen in sich auf. Schließlich kreuzte eine Taube seinen Weg.

Taube: Hallo Strich, erinnerst du dich noch an mich?

Strich: Natürlich. Du bist die Taube die in Wahrheit ein alter Mann ist - oder umgekehrt.

Taube: Wie ist es dir ergangen?

Strich: Ganz gut. Ich glaube ich habe in der Zwischenzeit jede Menge gelernt.

Taube: Dann ist es an der Zeit, dich deiner wahren Bestimmung zuzuführen.

Strich: Und die wäre?

Taube: Folge mir. Ich bringe dich dort hin.

Bald erreichten sie ein Gebiet, welches dem Strich vertraut war. Es gab hier einen Weg, der ihn und die Taube in eine Straße führte, in der das Haus stand, in dem der Strich lebendig geworden war. Die beiden hielten direkt vor diesem Haus an.

Taube: Da wären wir.

Strich: Sind sie sich da ganz sicher. Von hier bin ich doch dereinst gekommen.

Taube: Ich bin mir da ganz sicher. Hier wird sich gleich dein Schicksal erfüllen. Viel Glück. Tschüß.

Die Taube flatterte davon.

Im Inneren des Gebäudes stand der Hausherr an einer Staffelei. Am Wochenende konnte er das tun, wovon er die ganze Woche über träumte. Eines Tages wollte er von dem Verkauf der Bilder leben. Seit Monaten versuchte er dem Bild den letzten Schliff zu geben. Es gelang ihm nicht. Vielleicht war er doch nicht für die Kunst geschaffen. Seit jeher plagte ihn dieser Zweifel. Vielleicht musste er heute diese schmerzhafte Wahrheit endlich akzeptieren. Nach all den Entbehrungen der vergangenen Jahre. Er wandte sich von der Leinwand ab. Die Trauer in seinem Herzen wuchs. Die Luft in dem Zimmer stank. Der Geruch der Farben wurde ihm unerträglich. Ein Fenster musste geöffnet werden. Er brauchte frische Luft.

Der Strich sah das geöffnete Fenster und schwang sich beherzt in den Raum.

Der Maler betrachtete den Pinsel in seiner Hand. Einen letzten Anlauf wollte er noch nehmen. Sein rechter Arm hob sich, schrieb wenige Zentimeter vor dem unfertigen Bild seltsame Zeichen in die Luft. Zuerst musste er selbst wissen, was er auf die Leinwand bringen wollte, bevor die Haare des Pinsels die Oberfläche berühren sollten.

Der Strich beobachtete interessiert das Tun des Mannes und schlich näher an ihn heran. Die beste Aussicht würde er von der Pinselspitze aus haben. Das wäre der ideale Platz. Der Strich schaffte es unbemerkt dorthin zu gelangen.

Die Hand des Mannes schnellte nach vorne, setzte den Strich auf das Bild.

Jetzt war das Gemälde perfekt. Genau dieser letzte Strich hatte gefehlt. Genau dieser eine Strich machte das Gemälde zu einem Meisterwerk. Mit diesem einen Strich wurde der Maler weltberühmt, hatte seinen Platz in den Geschichtsbüchern sicher. Es ging also auch ohne Außerirdische, ohne fremde Hilfe, so glaubte er.

01.01.2007 15.00 Uhr