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Geschichte vom 29.10.2006:

Wichtel Reinhold

Am Fenster sah man den nackten Oberkörper eines beleibten älteren Mannes. Er stützte die Ellenbogen auf die Fensterbank und grüßte in freundlichem Ton alle Spaziergänger, die an ihm vorbei liefen - doch nicht nur alle Fußgänger, sondern auch alle Radfahrer, Autofahrer, Rollerblade Fahrer, Jogger, Kinder im Kinderwagen, Hunde an der Leine, Vögel, Wolken, Schmetterlinge, Bienen und Fliegen, einfach alles was an dem Fenster vorbei kam wurde von ihm gegrüßt, unabhängig davon wie oft es vorbeikam und ob sie, er oder es den Gruß erwiderte oder nicht. Tag ein und tag aus, Stunde um Stunde ging das so. Nie sah man den Platz an dem Fenster leer oder das Fenster gar verschlossen. Der ältere Herr im Fensterrahmen war zu einer Selbstverständlichkeit geworden, über die sich niemand wunderte und die niemand hinterfragte. Niemand machte sich einen Gedanken darüber - oder hatte sich je einen Gedanken darüber gemacht -, wann der Mann am Fenster wohl schlafen, essen oder auf die Toilette gehen möge - oder ob er diese Dinge überhaupt tat. Aber jeder wäre wohl sehr überrascht darüber gewesen zu erfahren, dass er diese Dinge nie tat.

Es war der Morgen des 25. September, als sich denen vor dem Haus spazieren gehenden Menschen ein ungewohnter Anblick bot. Zwar sahen sie immer noch den gemütlichen Herrn gesetzteren Alters, der ihnen von seinem Fenster aus zulächelte, doch die Mauern des Gebäudes um ihn herum waren nahezu vollständig verschwunden. Nun lassen sich fehlende Hauswände im allgemeinen ja durch einen Gebäudeeinsturz erklären, in dessen Folge viele Mauersteine wild verteilt in der Gegend herumliegen. Hier jedoch konnte man diese Erklärung nicht gelten lassen, weil hier nirgendwo auch nur ein einziger Mauerstein herumlag. Vielmehr schien es, als ob jemand mit einem außergewöhnlich großen Tortenmesser die Gebäudeteile links, rechts und hinter dem Mann an dem Fenster feinsäuberlich abgetrennt und mit einem, dem gewaltigen Tortenmesser ebenbürtigen, Tortenheber entfernt habe. Zurück geblieben waren zwei Elemente, welche die harmonische Anmutung des gesamten Straßenbildes, das bisher von einer strengen Symmetrie geprägt worden war, stark beeinträchtigten:
1. Eine gewaltige Lücke zwischen den verbliebenen Reihenhäusern.
2 . Das turmartige Überbleibsel des Hauses von dem Mann in dem Fensterrahmen.

Von der Straßenseite aus versammelte sich vor der Lücke in der Reihenhauslandschaft binnen kürzester Zeit eine recht beachtliche Menschenmenge, um sich das eigentümliche Werk genauer anzuschauen. Die meisten standen aus reiner Sensationslust herum. Einige wenige aus beruflichen Gründen - Polizei und Presse.

Auf berufliches Interesse berief sich auch die handvoll Versicherungsangestellte, als sich die Polizei nach dem Grund für ihre Anwesenheit erkundigte. Immerhin sei es doch durchaus denkbar, so die Argumentation der Versicherungsangestellten, dass der arme Mensch, dessen Haus jetzt nur noch aus einer turmruine bestand, eine Versicherung bei der Versicherungsgesellschaft für die man arbeite abgeschlossen habe. Keiner der anwesenden Versicherungsangestellten könne diese Möglichkeit mit eindeutiger Sicherheit ausschließen, da keiner der anwesenden Versicherungsangestellten die Adressen sämtlicher Versicherter der Versicherungsgesellschaft für er arbeite wissen könne. Dies sei ein absolutes Ding der Unmöglichkeit. Infolgedessen könne der vorliegende Versicherungsfall, rein theoretisch, auf dem Schreibtisch eines jeden der anwesenden Versicherungsangestellten landen. Ein Gedanke übrigens, bei dem einem jeden der anwesenden Versicherungsangestellten Angst und Bang wurde. Denn so ein ungewöhnlicher Versicherungsfall, wie dieser es aller Wahrscheinlichkeit nach werden würde, beinhaltete jede Menge freudloser Arbeit. Weshalb ein jeder der anwesenden Versicherungsangestellten es für unerlässlich hielt, so viele Informationen wie möglich an Ort und Stelle zu erhaschen, um dadurch die eventuell auf ihn zukommende Arbeitsmenge in angemessener Zeit - und ohne Aufkommen allzu vieler Überstunden - erledigen zu können. Ein Anliegen, welches man ihnen wohl kaum zum Vorwurf machen könne, so die Meinung der anwesenden Versicherungsangestellten. Dieser Argumentationskette hatten die Polizisten denn auch absolut nichts entgegen zu setzen. Und als sie bei dem Versuch die Menge der übrigen umherstehenden Schaulustigen auszulösen ebenso glücklos waren - der Presse konnte man sowieso nicht beikommen -, setzten sich die Polizisten in ihren Einsatzwagen und machten erst Mal Brotzeit.

Unter der Menschenansammlung gab es einen kleinen Jungen. Der rief zu dem Mann in dem Fenster hinauf und wollte wissen, ob der Mann erklären könne, was hier geschehen war. Kaum hatte der Junge die Frage gestellt, brach auf dem Platz ein regelrechter Tumult aus, der die Polizisten gleich wieder aus dem Einsatzwagen trieb. Wieso war niemand vorher auf den Gedanken gekommen diese Frage zu stellen, wollten plötzlich alle wissen - und kurz darauf rief jeder einzelne der Menschen auf dem Platz, mit Ausnahme der Polizisten und des Jungen, dem Mann in dem Fenster die besagte Frage abermals entgegen, nur in deutlich lauterem Tonfall, als dies der Junge getan hatte. Dahinter steckte die vage Hoffnung, die Schallwellen der eigenen Stimme würden die Schallwellen der Stimme des Jungen überflügeln - und man selbst würde in den Augen der Anderen als derjenige gelten, dem die Frage zuerst eingefallen war. Ein blöder Gedanke - aber nicht immer, wenn sich viele Menschen an einem Ort zusammenfinden, werden an diesem Ort brillante Ideen geboren.

Der Mann reagierte zunächst überhaupt nicht, denn er wußte nicht so recht, was er auf die Frage antworten sollte. Immerhin hatte man ihm, solange er nun schon an dem Fenster stand, noch nie eine Frage gestellt. Größtenteils war er doch bisher sogar von allen regelrecht ignoriert worden. Was sollte also nun dieses plötzlich Interesse an seiner Person. Aber so durfte er nicht denken. Das stand ihm nicht zu. Nicht bei seinem beruflichen Hintergrund. Nach einer Weile zog er sich ein rotes Hemd über, dass er wie aus dem nichts griff, schloss das Fenster und kletterte die Ruine hinunter.

Am Boden angekommen, bahnte er sich einen Weg durch die verdutzte Menschenmenge und lief dem Kind entgegen, welches ihm die Frage zuerst gestellt hatte. Der Alte flüsterte dem Jungen etwas ins Ohr. Das tat er sehr lange. Natürlich versuchten die umherstehenden Leute etwas von den Worten des Mannes zu verstehen. Sie drängten sich sehr dicht um ihn und das Kind. Es wurde gekratzt, geschoben, gedrückt und geboxt. Jemand riss einem Versicherungsangestellten einen großen Büschel Haare aus. Ein Polizeibeamter verlor sein Wurstbrot. Doch niemand außer dem Jungen hörte was der Mann sprach. Selbst die Presse erfuhr nichts. Schließlich wandte sich der ältere Herr von dem Jungen ab und lief ohne ein weiteres Wort davon.

Der Mann stattete dem Krankenhaus in dem seine einzige Tochter arbeitete einen Besuch ab. Früher einmal hatte zwischen dem Mann und der Tochter eine tiefe Verbundenheit bestanden, doch die war im Laufe der Jahre verloren gegangen.

Mann: Hallo Tochter. Wie geht´s?

Tochter: Warum hast du ausgerechnet das rote Hemd angezogen?

Mann: Es war kein anderes Hemd mehr da. Sie haben das Haus um mich herum pulverisiert - und damit auch alle Hemden außer dem roten.

Tochter: Du weißt, dass Mutter dieses Hemd gehasst hat.

Mann: Sie mochte die rote Farbe nicht. Das Hemd selbst war ihr gleichgültig. So gleichgültig wie ich ihr war.

Tochter: Verdrehst du da gerade nicht wieder einmal die Fakten so, wie es dir in den Kram passt?

Mann: Ist deine Mutter vor sechs Monaten mit einem Schuhplattler davon gelaufen oder nicht?

Tochter: Der Schuhplattler hatte mehr Geld als du, sah besser aus, trug keine roten Hemden und wird sie nicht jedes Jahr für mehrere Monate allein lassen - er nimmt sie mit auf seinen Reisen.

Mann: Und er liebte deine Mutter vermutlich mehr als ich. Sind das wirklich ausreichende Gründe, um eine Ehe zu beenden?

Tochter: Ich hätte wie meine Mutter gehandelt.

Mann: Du hast wohl recht. Nun ist auch das Haus fort. Nur der Fensterrahmen ist noch übrig und ein bisschen was von dem Mauerwerk darunter. Die haben gut gearbeitet. Sehr präzise.

Tochter: Wer war es?

Mann: Du kennst sie eh nicht.

Tochter: Was tust du jetzt?

Mann: Ich überlege mir eine Ausbildung zum Bäcker zu machen. Du weisst wie gerne ich Teig nasche.

Tochter: Klingt gut.

Mann: Deshalb habe ich es gesagt.

Tochter: Und sonst?

Mann: Hast du noch mein Kostüm?

Tochter: Ich wusste das Gespräch würde darauf hinaus laufen. Hast du die Gedanken daran immer noch nicht verworfen?

Mann: Ich hatte den besten Job auf der ganzen Welt - und dazu gehörte nun einmal dieses Kostüm. Die Ehe und das Reihenhäuschen haben da nie mithalten können.

Tochter: Der Job hat keine Zukunft mehr. Deine große Zeit ist längst vorbei. Ich dachte du hättest das endlich verstanden, als du mir das Kostüm zum einmotten übergeben hast.

Mann: Ich dachte deine Mutter würde zu mir zurück kommen.

Tochter: Gib ihr mehr Zeit.

Mann: Die habe ich nicht.

Tochter: Die Leute werden dich auslachen, wenn du wieder in dem Kostüm auftrittst. Sie es doch endlich ein und lebe dein eigenes Leben.

Mann: Die Leute sind mir egal, nur die Kinder sind es nicht. Die brauchen mich. Die glauben an mich. Denen kann ich immer noch etwas geben, das weit über das Materielle hinaus geht. Also, hast du das Kostüm noch?

Tochter: Du willst es wirklich noch Mal versuchen?

Mann: Gibst du es mir zurück?

Tochter: Weißt du noch wo ich wohne?

Mann: Ja.

Tochter: Dann komme dort heute Abend um acht vorbei.

Mann: Du hast es nicht weg geworfen?

Tochter: Es ist noch da.

Pünktlich zur vereinbarten Uhrzeit klingelte der ältere Mann an der Haustür seiner Tochter. Die Tür öffnete sich einen Spalt und eine Hand reichte ihm ein Paket.

Mann: Danke.

Die Tür wurde wortlos geschlossen.

Mann: Gut. Es kann wieder los gehen.

Der Mann lief an ein ganz bestimmtes Ufer. Vor langer Zeit hatte er an diesem Ort das erste Rendevouz mit der späteren Mutter seiner Tochter gehabt. Er war von der jungen Dame während der Ausübung seiner beruflichen Tätigkeit darauf angesprochen worden, ob er nicht Lust habe, einmal an einem Samstag Abend mit ihr zusammen am Ufer Ratten zu füttern. Er hatte Lust darauf - und schon am folgenden Montag kaufte er ein Reihenhäuschen und gründete mit der jungen Dame eine Familie. Das war schon lange her. Die junge Dame und das Reihenhäuschen waren weg - die Familie gab es nicht mehr. Stattdessen hielt er jetzt das Paket mit seinem alten Kostüm in den Händen, wenn die Tochter ihn nicht betrogen hatte. Der ältere Herr warf den Ratten ein paar Brotstückchen hin. Ein Wichtel erschien.

Mann: Hallo Reinhold!

Wichtel: Lange nicht mehr gesehen, Meister.

Mann: Du und deine Kumpel haben mir doch gestern mein Reihenhäuschen demoliert.

Wichtel: Die Winterzeit naht. Wir dachten es sei ein günstiger Moment dafür.

Mann: Ihr habt recht getan. Obendrein habt ihr ausgesprochen sauber gearbeitet.

Wichtel: Danke. Haben sie noch ihr Kostüm?

Mann: Ist hoffentlich in diesem Paket drin.

Wichtel: Dann kann es wieder los gehen?

Mann: Das kann es.

Die Brotstückchen des Mannes waren inzwischen in den Mägen der Ratten verschwunden und verbreiteten dort ein wohliges Gefühl. Nach außen hin fingen die Tierchen sogar leicht an zu glühen. Das erste Anzeichen für die bevorstehende Veränderung tat sich damit kund. Auf den Köpfchen wuchsen kleine Hörner, die Beinchen wurden länger. In rasantem Tempo verwandelten sich die Ratten in eine andere Spezies. Währenddessen zerrte Wichtel Reinhold einen prachtvollen Schlitten aus dem Gebüsch hervor. Der ältere Herr öffnete das Paket. Wie erwartet befand sich darin sein Kostüm. Er zog es an, es machte "PADAUTZ!" und er wurde zum Weihnachtsmann. Zwar fehlte der Bart noch und ein paar zusätzliche Pfunde würde er sich auch noch anfuttern müssen, doch niemand konnte ernsthaft an seiner wahren Identität zweifeln. Wichtel Reinhold spannte die stolzen Renntiere an, in die sich die hungrigen Ratten verwandelt hatten. Danach warf er seinem Herrn zwei dutzend Schokoriegel entgegen.

Weihnachtsmann: Ach, das ist ein herrliches Gefühl. Ich wußte gar nicht, wie sehr ich das vermisst habe. Lass uns nach Hause fliegen, Reinhold. Doch vorher besuchen wir noch einen Jungen den ich kennen gelernt habe.

Wichtel: Wie ihr wünscht, Meister.

Der Junge wartete an dem vereinbarten Treffpunkt, so wie der ältere Mann es ihm ins Ohr geflüstert hatte.

Weihnachtsmann: Nett von dir, dass du hierher gekommen bist, mein Junge.

Junge: Ich wollte wissen, ob sie tatsächlich der Weihnachtsmann sind und ob ihre Geschichte von den Wichteln stimmt. Ich habe mir den Weihnachtsmann allerdings immer etwas dicker und mit Bart vorgestellt.

Weihnachtsmann: Keine Sorge, Bauch und Bart werden bald wieder in altbekannter Weise gediehen sein - und was die Wichtel angeht: hier ist Reinhold der Oberwichtel. Er war für die Entfernung meines Reihenhäuschen verantwortlich. Er treibt immer solche Dinge. So sind Wichtel eben.

Junge: Hallo, Wichtel Reinhold. Coole Sache, die ihr da gemacht habt. Das würde ich auch gern können. Kannst du mir das beibringen?

Wichtel: Tendenziell schon. Aber das erfordert immens viel Zeit. Du müsstest dazu einige Jahre bei uns Wichteln leben. Das würde deinen Eltern sicher nicht gefallen.

Junge: Ich glaube das würde ihnen schon gefallen. Mein Vater ist nämlich Zauberer auf dem Jahrmarkt und klagt immer darüber nicht richtig zaubern zu können, weil er es nie von echten Zauberern hat lernen können. Er freut sich bestimmt, wenn sein Sohn das Zaubern von Wichteln beigebracht bekommt. Wir beide könnten dann ganz tolle Zauberkunststücke zusammen machen - und er müsste nicht jeden Abend aufs neue Mami zersägen.

Wichtel: Hmm ...

Weihnachtsmann: Am besten besuchen wir gleich mal deine Eltern und sprechen mit ihnen über deinen Wunsch.

Junge: Oh ja.

Kurz darauf.

Vater des Jungen: Also wenn das so ist. Meine Einwilligung hast du.

Mutter des Jungen: Ich schmier dir rasch ein paar Brote.

Dann machten die drei sich auf den Weg. Unterwegs sammelten sie noch Knecht Ruprecht ein, denn ohne seine Hilfe konnten die anstehenden Arbeiten unmöglich erledigt werden. Schließlich war bald Weihnachten - und ebenso wie in all den Jahren davor, würden auch in diesem Jahr die kommenden Monate sehr hektisch werden, da konnte man auf Knecht Ruprecht einfach nicht verzichten.

Natürlich wurden alle Geschenke termingerecht verteilt.

Anschließend fragte sich Wichtel Reinhold, wie lange es diesmal dauern würde, bis es dem Weihnachtsmann und Knecht Ruprecht bei den Wichteln langweilig werden würde - und wo er die beiden beim nächsten Mal würde suchen müssen. Manchmal trieb es sie zurück zu ihren früheren Familien, manchmal versuchten sie neue Beziehungen aufzubauen. Auf Dauer funktionierte jedoch nichts. Die beiden waren wohl einfach nicht für ein normales Familienleben geschaffen. Wichtel Reinhold wußte nicht, ob er die zwei Männer dafür bedauern oder sich für sie freuen sollte. Er selbst würde sich jetzt erst einmal um den Jungen kümmern. Vielleicht würde durch den Jungen jetzt auch alles ganz anders werden.

29.10.2006 18.15 Uhr