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Geschichte vom 02.08.2006:

Der sechste Schutzengel

Neulich trat eine junge Dame in mein Leben und blieb darin einfach stehen. Gewissermassen. Sie nannte sich selbst Henrietta, Henrietta ohne Nachnamen. Es dauerte damals ein Weilchen, bevor ich verstand, dass sie mit Nachnamen ohne Nachnamen hieß - sie also sehr wohl mit einem Nachnamen ausgestattet war, wenn auch einen recht merkwürdigen. Erst sehr viel später fand ich heraus, welche tiefere Bewandtnis es mit diesem Nachnamen auf sich hatte, zu dem damaligen Zeitpunkt war ich mir jedoch nicht ganz sicher, ob dies ihr tatsächlicher Nachname war, oder ein selbstgewähltes Pseudonym, um sich interessant zu machen. Allerdings gab es, für jeden auf den ersten Blick augenscheinlich, keine unbedingte Notwendigkeit dafür, sich interessanter machen zu wollen, war Henrietta doch auch ohne einen außergewöhnlichen Nachnamen außergewöhnlich genug.
Wir lernten uns kennen, als mir eine Packung Toastbrot vor die Füße viel. Aber ich sollte den Ereignissen nicht so weit vorgreifen. Mir fiel also eine Packung Toastbrot vor die Füße, während ich auf dem Bürgersteig spazieren ging. Ich blieb stehen und betrachtete mir das überraschende Fundstück. Kurz darauf rief mir eine Frauenstimme zu.

Frauenstimme: Alles in Ordnung. Das war kein Attentat. Im Moment geschieht ihnen noch nichts. Ich habe nur etwas zu fest geschlagen. Tut mir leid.

Eine lebendig gewordene mittelalterliche Ritterrüstung mit einem Golfschläger in der Hand kam mir scheppernd entgegen.

Frauenstimme: Ich werde wohl noch etwas Zeit benötigen, bis ich die Technik richtig beherrsche.

Die Frauenstimme entsprang zweifellos der Rüstung vor mir.

Ich: Welches Eisen benutzen sie?

Frauenstimme: Keine Ahnung. Ist das schlimm? Ich hatte einfach Lust heute Golf zu spielen. Da habe ich eben irgend einen Schläger gekauft...

Ich: Und weil sie vermutlich vergessen haben auch noch einen Golfball zu kaufen, haben sie die Packung Toastbrot kurzerhand als Ersatz genommen...

Frauenstimme: Die Bäckerei lag näher als das nächste Sportgeschäft. Sie können offensichtlich Gedanken lesen. Fantastisch. Mein Name ist übrigens Henrietta, Henrietta ohne Nachnamen. Lassen sie uns in ein Cafe´ gehen, ich würde gerne mit ihnen reden. Ich muss nur schnell dem Produktionsteam bescheid geben, wohin ich verschwinde. In den nächsten zwei Stunden werden die mich eh nicht vermissen.

Ich: Sie sind Schauspielerin?

Henrietta: Etwas in der Art. Ich bin gerade am Dreh eines Werbespots für eine Versicherungsgesellschaft beteiligt. Deshalb dieses merkwürdige Outfit. Doch ehrlich gesagt, finde ich diese Rüstung richtig cool. Nach den Aufnahmen werde ich fragen, ob ich sie behalten darf. Alle Teile sind aus echtem Metall. Hier, klopfen sie mal.

Henrietta hielt mir ihren Arm entgegen, der beim anklopfen einen tiefen metallischen Ton wiedergab. Bei dem Klang fing sie wie ein kleines Kind zu lachen an.

Henrietta: Lustig nicht?

Auf der Suche nach zwei Sitzplätzen in dem Cafe´ staunten die übrigen Gäste nicht schlecht über den vermeintlichen Ritter an meiner Seite. Erst nachdem wir unsere Getränke erhielten, bat Henrietta mich ihr beim ablegen des Helms behilflich zu sein. Ein strubbeliger Blondschopf mit vielen Sommersprossen, einer Stupsnase und strahlend blauen Augen verbarg sich darunter.

Henrietta: Nett von ihnen, dass sie beim Anblick meines wahren Gesichtes nicht schreiend davon laufen, denn manche im Team halten die Maske für attraktiver als das was darunter steckt.

Sagte sie mit offenkundig gespielter Erleichterung. Darauf erklang erneut dieses alles einnehmende Kinderlachen. Während wir uns unterhielten, gewann ich immer mehr die Überzeugung, gerade den schönsten Momenten meines Lebens beizuwohnen. Nie davor und nie mehr danach würde mir vermutlich etwas vergleichbares widerfahren. Da war Magie. Ich sass einem Engel gegenüber. Wäre mit dem Ende des Gesprächs auch mein Leben beendet, so wäre wäre das für mich absolut in Ordnung gewesen. Niemand hätte sich ein besseres Happy End wünschen können. Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass sich dieser Gedanke so schnell bewahrheiten würde. Tat er aber. Ein Mann betrat das Cafe´ und Henrietta sagte mir, sie müsse nun zurück zu den Dreharbeiten. Augenblicklich stürzte ich vornüber in die Überreste meiner Schwarzwälder Kirschtorte und verstarb. Richtig tragisch war das für mich jedoch nicht, muss ich gleich hinterher schicken.
Henrietta erhob sich, nahm mich auf ihre Arme und verliess so schnell sie konnte den Raum. Sie trug mich zu einer Wohnung in der Holländer Straße 13. Mit einem Gewicht von 61 Kilo würde ich mich zwar nicht unbedingt als Schwergewicht bezeichnen, dennoch rechne ich es dem zierlichen Persönchen, mit der zusätzlichen Last einer Ritterrüstung auf den Schultern, hoch an mich diese etwa fünf Kilometer getragen zu haben. Ich male mir besser nicht aus, was geschehen wäre, wenn sie das nicht getan hätte. In der Wohnung legte sie mich auf dem Sofa ab. Danach zog Henrietta die Vorhänge zu und zündete eine Unmenge von purpurfarbenen Kerzen an. Als sie das getan hatte, verschwand sie für eine Weile in der Küche. Später kniete sie sich neben mich. Mit einem seltsam verzierten Löffel wurde mir eine blutrote Flüssigkeit eingeflösst. Immer noch trug meine Heldin die Ritterrüstung. An das was sonst noch an diesem Tag geschah, kann ich mich heute nicht mehr erinnern.

Henrietta: Aufwachen.

Ich: Uhhh... Ich träumte ich wäre tot.

Henrietta: Das bist du auch - nach menschlichem Ermessen bist du sogar mausetot. Genau deshalb bist du jetzt hier.

Ich: Wo ist hier?

Henrietta: Bei den Schutzengeln.

Ich: Du bist ein Schutzengel? In Anbetracht der Tatsache, dass ich nun mausetot bin, wie du es ausgedrückt hast, scheinst du ja keine allzu große Leuchte deines Gewerbes zu sein.

Henrietta: Deine Zeit war um. Da konnte ich nichts machen. Weil du jedoch ein aussergewöhnlich löbliches Leben geführt hast, habe ich mich dafür eingesetzt, dass du unserer Truppe zugewiesen wirst. Ein Schutzengel werden zu können, ist eine Auszeichnung, die nicht jedem einfach so zu Teil wird. Freu dich.

Ich: Okay, ich freu mich. Ein längeres Leben wäre aber schon schöner gewesen. Und was jetzt?

Henrietta: Als erstes solltest du dir einen neuen Namen wählen.

Ich: Wozu?

Henrietta: Um mit deiner menschlichen Vergangenheit endgültig abzuschließen.

Ich: Ich mochte meinen Namen.

Henrietta: Es gibt hier aber schon jemanden der so heißt. Um Verwechslungen vorzubeugen, solltest du dich deshalb besser umbenennen. Du darfst allerdings nur einen Vornamen wählen. Mit Nachnamen wirst du wie wir anderen heißen - ohne Nachnamen.

Ich: Ist ein recht doofes System.

Henrietta: Du gehörst jetzt einer großen Familie an. Innerhalb dieser Familie haben nun einmal alle den gleichen Nachnamen - bei uns ist das so.

Ich: Ich kann mir also einen Vornamen wählen und dieser Vorname muss einzigartig sein, damit ich nicht mit einem anderen Schutzengel verwechselt werden kann. Ist das so?

Henrietta: So ist das?

Ich: Wie wäre es mit Eisenbahnabteil 1259?

Henrietta: Möchtest du wirklich Eisenbahnabteil 1259 genannt werden?

Ich: Gibt es etwa schon jemanden mit diesem Namen?

Henrietta: Den gibt es nicht. Aber noch Mal: Möchtest du derjenige sein, den man so nennt?

Ich: Natürlich nicht. War nur Spaß. Doch das System stimmt?

Henrietta: Das System stimmt.

Ich: Dann heiße ich jetzt Josua 758.

Henrietta: Darf ich fragen warum?

Josua 758: Bin ich zu einer ordnungsgemässen Antwort verpflichtet?

Henrietta: Verschlagenheit ist für einen Schutzengel nie von Nachteil.

Josua 758: Dann verschweige ich die Antwort. Wie viele Schutzengel gibt es eigentlich?

Henrietta: Seit Anbeginn der Zeit ist unsere Abteilung mittlerweile auf fünf Mitarbeiter aufgestockt worden. Du wärest der sechste. Der Boss bevorzugt ein gesundes Wachstum. Erst wenn es ernsthafte Engpässe im Alltagsgeschäft gibt, erhalten wir "Nachwuchs".

Josua 758: Fünf? Dann hätte ich mir doch einen klangvolleren Namen als Josua 758 wählen können...

Henrietta: Hättest du.

Josua 758: Verstehe. Verschlagenheit ist für einen Schutzengel nie von Nachteil. Wie schafft ihr fünf es die gesamte Menschheit zu beschützen?

Henrietta: Bald sind wir immerhin aller Wahrscheinlichkeit nach zu sechst. Aber natürlich steckt da ein Haufen Arbeit dahinter, das will ich gar nicht leugnen. Und unsere Aufgaben können wir nur meistern, weil wir uns blind aufeinander verlassen können. Deshalb ist unser Team auch so klein. Je kleiner eine Mannschaft, umso besser ist der Informationsaustausch. Das ist bei Schutzengeln nicht anders als bei Menschen.

Außerdem hat uns der Boss eine gewisse Fähigkeit zugesprochen. Ohne die könnten wir unseren Job in der Tat nicht ausführen.

Henrietta tat einen Schritt zur rechten Seite, dann noch einen und noch einen und so weiter und so weiter. Bei jedem Schritt hinterliess sie ein Abbild ihrer selbst. Innerhalb weniger Sekunden stand Josua 758 in der Mitte eines Kreises, der aus einer Vielzahl von Henrietta´s bestand. Alle absolut identisch. Alle sprachen wie aus einem Mund.

Henrietta: Cool, nicht? Auf diese Weise kann ich an vielen Orten gleichzeitig wirken. Jede von uns weiß immer, was die andere gerade tut. Wir denken mit einem Geist. Das vermeidet Abstimmungsfehler.

Josua 758: Wow. Wenn ich das so sehe, frage ich mich, warum es überhaupt fünf von euch gibt - und wozu ihr einen sechsten Schutzengel braucht.

Henrietta: Um nicht allzu sehr aufzufallen. Denn nicht immer können wir unsere Klienten aus dem Verborgenen heraus beschützen. Manchmal müssen wir buchstäblich in eine Situation eingreifen. Im Zeitalter der Medien stehen jedoch überall Kameras herum, die alles ständig aufzeichnen. Wie verwirrt wären die Menschen wohl, wenn sie auf den Bildern aus aller Welt immer wieder mich irgendwo entdecken würden. Menschen sind doch eh schon recht paranoid veranlagt. Die ganzen Verschwörungstheorien sind entstanden, weil wir Schutzengel durch irgendwelche merkwürdigen Vorkehrungen unsere Identitäten wahren mussten. Natürlich nutzen wir Perücken, angeklebte Bärte, Ritterrüstungen oder ähnliches um uns zu maskieren - aber wie gesagt, heute ist es verdammt schwer unentdeckt zu bleiben. Je mehr es von uns in unterschiedlicher äusserer Form gibt, umso besser können wir uns tarnen.

Josua 758: Der Boss kann eueren Abbildern nicht andere Gesichter geben?

Henrietta: Er hat schon genug damit zu tun, die Physiognomien der Lebenden so unterschiedlich wie möglich zu machen, dann kann er sich in dieser Hinsicht nicht auch noch mit uns beschäftigen.

Josua 758: Er könnte euch doch einfach die entsprechenden Verwandlungskräfte übergeben.

Henrietta: Er hatte uns das sogar angeboten. Doch wir lehnten ab. Die Schutzengel sind gegenüber den normalen Engeln begünstigt genug. Manchmal ist es besser in seinen Ansprüchen bescheiden zu bleiben. Wie du siehst gibt es ja eine alternative Methode, die dir nun gerade zum Vorteil gereicht.

Josua 758: Ihr seid schon ein seltsamer Haufen.

Henrietta: Wir sind Schutzengel.

Josua 758: Hm.

Henrietta: Dann fahre ich jetzt Mal mit deiner Weiterbildung fort. Folge jeder einzelnen von uns. Jetzt!

Josua 758: Wie soll ich das denn machen?

Henrietta: Tu´s.

Die vielen Henriettas´ lösten den Kreis auf und liefen in verschiedene Richtungen. Manch eine rannte, manch eine schlenderte. Josua 758 war verwirrt. Allen konnte er nicht nachlaufen - so viel war sicher. Stehen zu bleiben versprach eben so wenig Erfolg. Also bewegte er sich mal in die eine Richtung, dann wieder in die andere. Er versuchte Gruppen ausfindig zu machen und wollte der zahlenmässig größten folgen. Doch es gab keine Gruppen.
Konnte er sich womöglich selbst schon aufteilen - sollte die Aufgabe ihm dies vor Augen führen? Ein Versuch brachte die Antwort. Nein. Er hatte die Fähigkeit noch nicht.
Was war das nur für eine seltsame Aufgabe. Er sah darin keinen Sinn. Josua 758 blieb regungslos stehen. Er drehte sich immer wieder langsam um die eigene Achse und sah den vielen Henriettas´ hinterher. Es gefiel ihm, wie sie sich bewegten. Was Henrietta wohl zu ihren Lebzeiten für ein Mensch gewesen sein mochte. Hatte sie überhaupt je wirklich gelebt. Warum war gerade er von ihr ausgewählt worden. Warum sollte gerade er der sechste Schutzengel werden. War dies hier vielleicht doch nur ein Traum? Wenn dies ein Traum wäre, dann würde er irgendwann wieder aufwachen. Wenn dies jedoch kein Traum war, dann musste irgendwann etwas geschehen. Irgend etwas. Irgend etwas geschah immer irgendwann. So war das zumindest gewesen, als er noch ein Mensch war. Aber hier bei den Schutzengeln mochten andere Gesetzmässigkeiten gelten. Woher sollte er die kennen.
In einiger Entfernung stürzte eine Henrietta, fiel zu Boden. Dort lief er hin. Er half ihr beim aufstehen. Im gleichen Augenblick kamen die anderen Henriettas´ herbei. Alle vereinigten sich mit der einen, die zuvor hingefallen war.

Henrietta: Gut gemacht. Du hast dich für eine von uns entschieden. Für diejenige, die in Not war. Du hast ihr geholfen. Das macht einen Schutzengel aus. Das ist deine zukünftige Aufgabe.

Josua 758: Aber all das war doch nichts weiter als Zufall.

Henrietta: Genau mit diesen Zufällen wirst du lernen müssen umzugehen. Das macht einen großen Teil unseres Jobs aus. Improvisation ist bei uns sehr wichtig. Es gibt kaum feste Regeln an denen wir uns orientieren können. Dafür ist unser Aufgabengebiet schlicht zu vielfältig. Entgegen dem Glauben der Menschen wacht nicht ein Einzelner von uns über einen einzelnen Menschen, sondern wir fünf wachen über alle Menschen. Jeder von uns muss sich ständig entscheiden welchem Erdenbürger er selbst hilft - und welchem Erdenbürger er der Fürsorge eines Kollegen überlässt. Bald wirst du die anderen kennen lernen. Du wirst sie und mich lange begleiten und beobachten, so wie wir dich lange begleitet und beobachtet haben, als du noch ein Mensch warst.

Neben dem Radweg lag ein paar Schuhe. Wenige Meter davon entfernt, lag ein weiteres Paar. Manchmal fand man auch herrenlose Socken. Vor kurzem erst war der Marathon zu Ende gegangen. Es gab einen strahlenden Sieger. Einige Teilnehmer waren wütend und enttäuscht. Sie hätten sich selbst gerne auf dem höchsten Podest gesehen. Andere waren glücklich überhaupt angekommen zu sein. Und es gab Läufer, welche die Ziellinie gar nicht überschritten. Ein Mann hatte schwere Atemprobleme bekommen. Er lag jetzt in einem Zelt. Sanitäter versorgten ihn. Sie taten alles was in ihren Möglichkeiten stand. Doch dem Mann ging es immer schlechter. Man war kurz davor ihn aufzugeben. Es gab da allerdings jemanden, der das nicht zulassen wollte. Er wusste, die Zeit des Mannes war noch nicht vorbei. Mit schweren Schritten betrat er das Zelt. Weil es in der Kürze der Zeit nicht anders ging, griff er auf eine alte Ausrede zurück.

Josua 758: Entschuldigen sie bitte die Ritterrüstung. Ich komme gerade von Dreharbeiten. Tatsächlich jedoch bin ich Arzt. Die Schauspielerei betreibe ich nur zum Zeitvertreib. Wenn sie mich an den Patienten heran lassen, werde ich ihm vermutlich helfen können.

Die Sanitäter traten beiseite.
Der Kranke wurde gerettet und der Arzt in der Ritterrüstung verschwand ebenso mysteriös, wie er erschienen war. Josua 758 hatte noch viel Arbeit.

02.08.2006 22.25 Uhr