.
Mehr zur Schneckenseite Zum Profil von Rainer Lieser bei www.facebook.com Zum Profil von Rainer Lieser bei www.linkedin.com Rainer Lieser bei www.leselupe.de Zum Kanal der Webschnecke bei www.youtube.com Zum Profil von Rainer Lieser bei www.xing.com Zu den Tweets der Webschnecke bei www.twitter.com Zur Website www.rainer-lieser.de

Klicken Sei eine der Seitenzahlen an, um zu einer weiteren Geschichte zu gelangen.

 

Geschichte vom 20.08.2006:

Beim Zahnarzt

Die Schmerzen in der linken Gesichtshälfte brachten Herrn Nieswand dazu seine Angst vor den Räumlichkeiten am oberen Ende des Treppenaufgangs zu überwinden. 17 Jahre hatte er diesen Gang vermeiden können. Doch letzte Nacht war seine Pein so groß geworden, dass er kein Auge hatte zumachen können. Solch eine Nacht wollte er nicht nochmals erleben. Er glaubte, dort oben würde man ihm Linderung verschaffen.

Aber schon nach wenigen empor gestiegenen Stufen, erschien ihm dieser Schluss doch ein klein wenig zu voreilig. Natürlich konnten dort oben auch viele unbekannte Gefahren lauern. Womöglich würde man ihm gar erst weitere entsetzliche Schmerzen zufügen müssen, bevor das eigentliche Leidenszentrum behandelt werden konnte. War es so nicht Tante Wilhelmine ergangen? Diesen Gedanken durfte er jetzt nicht zulassen. Er musste diese Treppe hinauf steigen. Es ging nicht anders.

Langsam erschien vor ihm der Eingang zur Praxis. Die Stufen lagen hinter ihm. Vorsichtig näherte er sich der verglasten Doppeltür. Wie von Zauberhand öffnete sich die unsichtbare Barriere. Herr Nieswand trat ein. Das elfengleiche Wesen am Empfang nahm ihn sofort wahr und winkte ihn heran. Umkehren konnte er unter diesen Vorzeichen selbstverständlich nicht mehr, denn die junge Arzthelferin würde seinen Rückzug sicherlich als einen Akt von Feigheit ansehen - und diese Blöße wollte sich Herr Nieswand nicht geben. Feigheit sollte ihm nun wirklich niemand nachsagen dürfen. Nicht nach all den Schwierigkeiten, die er bisher in seinem Leben schon bewältigt hatte.
Wer außer ihm hätte zum Beispiel damals den vergammelten Inhalt von Cousin Ruperts´ Marmeladengläsern einfach vor den Augen von Cousin Ruperts´ Kindern wegwerfen können, als es darum ging Ordnung in den Nachlass von Cousin Rupert zu bringen. Er war es, der im Nachhinein die hasserfüllten Blicke hatte ertragen müssen. Niemand sonst. Waren die vier Marmeladengläser für Cousin Rupert zu dessen Lebzeiten, doch stets der einzige Quell für Freude in seinem ansonsten völlig verkorksten Leben gewesen. Aber nach dem Tode von Cousin Rupert gab es keinen Grund mehr den Inhalt der Marmeladengläser weiter aufzubewahren, obwohl die Kinder das nicht wahrhaben wollten. Früher oder später hätte die Seuchenschutzpolizei die Marmeladengläser ohnehin aufgespürt und entsorgt. Da war es doch für alle das beste, dass die Entsorgung von einem direkten Familienmitglied vorgenommen wurde - und so hatte sich Herr Nieswand dieser Aufgabe angenommen, obgleich schweren Herzens.
Und dann gab es noch die Sache mit dem Mundgeruch der Katze von Heriberts´ Tochter. Niemand ausser Herrn Nieswand traute sich dieses Thema offen während des Weihnachtsfestes vor 23 Jahren anzusprechen, obwohl der Gestank bei jedem der Anwesenden Übelkeit verursachte. Heute noch sprach Heriberts´ Tochter wegen dieser Geschichte kein Wort mit ihm.

So betrachtet, war dieser Zahnarztbesuch nun wirklich der reinste Klacks.

Manche Menschen wurden eben einfach als Helden geboren - und Herr Nieswand wusste, dass er einer dieser Menschen war. Deshalb konnte er jetzt nicht mehr umkehren - obwohl er es eigentlich gerne getan hätte.

Fräulein Ströbel, so hiess die junge Frau am Empfang, sah dem älteren Herren der zur Tür herein kam sofort die Angst an. Sie kannte diesen Menschentyp sehr gut. Von Misstrauen, Verbitterung und Enttäuschung bis auf die Knochen zerfressen, konnten diese Menschen einfach nicht zeigen, was wirklich in ihnen vorging. Zu stark hatte die Vergangenheit sie verletzt. Zu tiefe Wunden waren geschlagen worden. Sie bot ihm ein Glas Wasser an, dem sie heimlich ein starkes Beruhigungsmittel beifügte. Der Realitätssinn des Mannes würde dadurch zwar geringfügig getrübt werden, doch der Putzfrau konnte sie auf diese Weise eine Menge Arbeit ersparen. Die Putzfrau würde zwar von dieser guten Tat nie erfahren; hätte Fräulein Ströbel jedoch nichts getan und die Toiletten und der Wartebereich wären von Herrn Nieswand verschmutzt worden, wovon nach Fräulein Ströbels´ Meinung auszugehen war, dann hätte die Putzfrau dies Fräulein Ströbel sicherlich ein Mal mehr als einen Akt der Unterdrückung ausgelegt. Fräulein Ströbel wurden von der Putzfrau immer solche niederträchtigen Pläne unterstellt. Die Putzfrau war eben auch einer dieser von Angst zerfressenen Menschen. Diese Menschen waren auf alle Menschen, die nicht so angstbeseelt waren wie sie selbst, sehr eifersüchtig und neideten diesen anderen alles. Für die Putzfrau war es, nach Ansicht von Fräulein Ströbel, schon schlimm genug, dass Fräulein Ströbel eine größere Oberweite hatte als sie. Wie alle Kolleginnen in der Praxis Fräulein Ströbel ihre Oberweite ebenfalls neideten. Fräulein Ströbel sah ihnen dies eindeutig an. Fräulein Ströbel war eben einfach etwas besseres als die anderen - und damit kamen die anderen nicht klar.

Nachdem die Formalien geklärt waren, bat die Arzthelferin Herrn Nieswand, sich noch einen Augenblick zu gedulden. Er nahm in einem großen schwarzen Sessel platz. Von hier aus konnte er die blond gelockte Elfe bestens betrachten. Ihr Anblick besänftigte ihn auf wohltuende Weise. Dieses zarte Wesen würde ihm sicherlich kein Leid zufügen. Hier war er richtig. Er nahm noch einen weiteren Schluck Wasser, welches ihm die junge Frau gegeben hatte. Das Wasser schmeckte ein wenig eigenartig - sie hatten hier wohl eine andere Marke als er zuhause.

Fräulein Ströbel betrachtete den neuen Patienten aus dem Augenwinkel. Ein bemitleidenswerter Mensch war das. Allein schon, wie er ihr in den Ausschnitt blickte als sie ihm das Wasser reichte, das hatte doch nun wirklich alles gesagt - und jetzt stierte er sie auch noch unablässig an. Der Geifer trief ihm aus den Mundwinkeln. Immer wieder wurde sie von Patienten dermassen angehechelt. Die Kolleginnen zerrissen sich aus Neid darüber schon die Münder. Unterstellten ihr, Fräulein Ströbel, sie würde sich ganz bewusst aufreizend kleiden, um diese Reaktion bei den Patienten zu provozieren. Als ob das nötig wäre. Fräulein Ströbel stand über solchen Anschuldigungen. Die prallten an ihrer Oberweite einfach ab.

Der Blick von Herrn Nieswand schweifte im Warteraum der Praxis umher, weil er nicht wollte, dass die Dame am Empfang sich beobachtet fühlte. An der Wand rechts neben der Artzhelferin hing ein großer Plasmabildschirm. Zur Ablenkung und Unterhaltung der Patienten wurden dort lustige Kurzfilme gezeigt. Herrn Nieswand gegenüber standen drei schwarze Sessel, die dem seinen bis ins letzte Detail glichen. In einem der Sessel saß ein Mann, daneben hockte ein kleines Mädchen. Vermutlich die Tochter des Fremden. Die Kleine zeigte größtes Interesse an einem fast leeren Wasserspender. Sie lief darauf zu. Der mutmassliche Vater legte die Zeitschrift in der er eben noch geblättert hatte beiseite, um das Kind besser beobachten zu können. Am Empfang erschien ein zweites elfengleiches Wesen und lenkte die Aufmerksamkeit von Herrn Nieswand von dem kleinen Mädchen ab.

Die beiden Arzthelferinnen unterhielten sich. Mit anmutigen Gesten untermalten sie ihre Worte. Ihre begnadeten Körper schienen in edelstes Leinen gehüllt. An einem Platz an dem solche überirdische Schönheiten existierten, konnten keine Gefahren für Herrn Nieswand lauern. Das war undenkbar. Wie hatte er nur vermuten können, dass ihm hier irgend jemand ein Leid habe zufügen wollen. Hätte er nur vor Jahren geahnt, was ihn hier erwarten würde - er wäre schon viel früher vorbei gekommen. Ob eine der beiden Grazien ihn wohl behandeln würde? So in etwa musste sich Cousin Rupert beim betrachten der Marmeladengläser gefühlt haben. Vielleicht würden dort bald vier Schönheiten stehen. Immerhin gesellte sich gerade eine dritte Elfe schon den anderen beiden hinzu. Gab es in dieser Praxis womöglich gar keine männlichen Angestellten? Herr Nieswand schwelgte immer tiefer in seinem Traum, als er bemerkte, wie ihm etwas feuchtes an seinem linken Hosenbein hinunter lief. Direkt vor ihm stand das kleine Mädchen. Es hatte den Inhalt eines Wasserbechers über Herrn Nieswands Hosenbein geschüttet. Sofort erhob sich der mutmassliche Vater des Kindes aus dem Sessel und eilte auf Herrn Nieswand zu.

Mann: Oh Laura, wie konntest du nur...

Herr Nieswand: Kein Problem. Es ist ja nur Wasser.

Laura: Mir war langweilig, da dachte ich es wäre lustig ihre Reaktion auf das nasse Hosenbein zu sehen. Aber jetzt bin ich durstig und habe das ganze Wasser ausgeschüttet.

Herr Nieswand: Und der Wasserspender ist leer. Hier du kannst mein Glas haben.

In diesem Augenblick regte sich Fräulein Ströbel und schwebte Herrn Nieswand entgegen. Das Kind durfte auf keinen Fall von dem Wasser mit dem Beruhigungsmittel trinken. Herr Nieswand vergass alles um sich herum, hatte nur noch Augen für die anmutige Arzthelferin. Jede ihrer Bewegungen nahm er in Zeitlupe wahr. Es war überrascht, als sie dem kleinen Mädchen das Glas Wasser gleich wieder wegnahm.

Fräulein Ströbel: Ein verschüttetes Glas Wasser am Tag reicht, junge Dame. Eine Kollegin von mir bringt dir gleich eine Tasse heiße Schokolade.

Laura: Oh ja fein, die schmeckt viel besser als Wasser.

Derweil unterhielten sich die beiden anderen Arzthelferinnen am Empfang.

Arzthelferin 1: Siehst du, wie sie dem armen Mädchen einfach das Wasserglas wegnimmt, um sich dadurch bei den beiden Männern wichtig zu machen.

Arzthelferin 2: Mal wieder typisch - und wie offenherzig sie dabei ihren Ausschnitt präsentiert. Ich habe unserem Chef schon mehrfach gesagt, dass die Kleiderordnung in der Praxis verschärft werden muss. Ständig schiebt sie den männlichen Patienten ihren Busen unter die Nase. Widerwärtig ist das.

Arzthelferin 1: Ja. Das sollte sich mal eine von uns trauen. Aber das feine Fräulein Ströbel ist ja etwas besseres. Die darf das. Ich wette mit dir, die Oberweite ist noch nicht Mal echt.

Arzthelferin 2: Manchmal denke ich, die hat etwas mit dem Chef.

Arzthelferin 1: Man könnte es wirklich meinen. Achtung sie kommt wieder.

Fräulein Ströbel lief zum Empfang, sprach mit einer der beiden anderen Frauen und übergab dieser das Wasserglas von Herrn Nieswand. Anschließend ging sie in den Wartebereich zurück.

Fräulein Ströbel: Sie müssen Herr Nieswand sein? Sie sind heute das erste Mal bei uns? Stimmt das so?

Herr Nieswand: Perfekt.

Fräulein Ströbel: Ja und die kleine Laura haben sie gerade eben schon kennen gelernt. Sie begleitet heute ihren Papa, damit der nicht allzu viel Angst vor seiner großen Operation haben muss.

Laura: Das ist ein sehr netter Herr, Fräulein Ströbel. Tun sie ihm bitte nicht weh.

Fräulein Ströbel: Der Herr Doktor und ich werden unser bestes tun, damit er von der Behandlung nichts spürt.

Laura: Dann ist es ja gut. Haben sie also keine Angst, netter Herr. Im allgemeinen kann man den Worten von Fräulein Ströbel trauen.

Fräulein Ströbel: Wenn sie mir nun bitte folgen würden, Herr Nieswand...

Fräulein Ströbel blieb stehen und öffnete die Tür zum Behandlungszimmer. Im Mittelpunkt des Raumes stand ein sonderbar geformter Stuhl. Die Arzthelferin hiess Herrn Nieswand darauf Platz zu nehmen. Er gehorchte. Denn in der bisher engelsgleich anmutenden Stimme von Fräulein Ströbel hatte er eben einen Unterton wahrgenommen, dem er nicht zu trotzen wagte. Auch schien es ihm so, als ob das vormals elfenhafte Wesen plötzlich 20 Kilo mehr auf den Hüften hatte - und irgendwie recht bedrohlich wirkte. Schweißperlen traten auf seine Stirn.
Der Raum war klein, weiss und mit vielen Apparaten und Werkzeugen ausgestattet, über die sich Herr Nieswand in seiner momentanen Lage lieber keine großen Gedanken machen wollte. Man konnte wirklich nicht behaupten, dass er sich in diesem Umfeld wohl fühlte. Einer Art Reflex gehorchend, faltete er seine Hände über dem Schoß zusammen. Wodurch er wie eine aufgebahrte Leiche aussah. Als ihm das bewusst wurde, nahm er die Hände sofort wieder auseinander und legte sie seitlich am Körper an. In dieser Haltung, wartete er auf das, was da kommen würde - und das war nach einiger Zeit der Zahnarzt. Herr Nieswand wollte sich gerade zur Begrüßung aufrichten, da wurde er von zwei schweren Pranken in den Stuhl nieder gedrückt.

Zahnarzt: Schon gut, Fräulein Ströbel. Gönnen sie unserem Patienten noch einen kurzen Moment der Entspannung.

Der Druck auf Herrn Nieswands Oberkörper nahm schlagartig ab. Ein missbilligendes Grunzen drang aus dem Bereich des Raumes, in dem sich Fräulein Ströbel aufhalten musste. Ein Bereich übrigens, der von von dem Stuhl aus in dem Herr Nieswand platz genommen hatte, nicht eingesehen werden konnte.

Zahnarzt: Hallo Herr Nieswand. Ich bin Dr. Fleckenlos. Wie kann ich ihnen behilflich sein?

Herr Nieswand: Ich habe Zahnschmerzen.

Zahnarzt: Vortrefflich. Damit wäre ja alles gesagt. Fräulein Ströbel, ketten sie den Patienten an. Ich beginne sofort mit dem Bohren.

Noch bevor Herr Nieswand begriff, wie ihm geschah, landetet Fräulein Ströbel mit einem lauten PLUMPS auf seiner Brust. Er erkannte die Arzthelferin kaum wieder. Die zierliche Person war zu einem grobschlächtigen wabbeligen Koloss mit irrem Blick und strubbeligem Haar mutiert. Ihr übel riechender Atem raubte Herrn Nieswand fast die Besinnung. Er musste an die Katze von Heriberts´ Tochter denken. Das Wesen riss ihm mit beiden Klauen den Mund weit auseinander. Danach sah er eine riesige Spritze näher kommen. Hinter der Spritze erkannte er in weiter Entfernung das Gesicht des Zahnarztes.

Zahnarzt: Los geht´s.

Ein Unbekannter: Einen Moment bitte. Ich gebiete Einhalt.

Zahnarzt: Was?

Ein Unbekannter: Dieses Szenario missfällt mir sehr. Der arme Mann hier befindet sich in einer für ihn äußerst ungünstigen Lage. Dem möchte ich Abhilfe verschaffen.

Zahnarzt: Fräulein Ströbel, töten sie diesen Störenfried. Er behindert mich bei der Ausübung meiner Arbeit.

Fräulein Ströbel: Gruuunz!

Die Arzthelferin liess im selben Augenblick von Herrn Nieswand ab und ging mit gefletschten Zähnen auf den Unbekannten los. Der Attackierte trat einen Schritt beiseite. Fräulein Ströbel verfehlte ihr Ziel um Haaresbreite und stürzte in ein Zeitloch. Nach kurzer Orientierungslosigkeit, fand sie sich zwischen panisch umher irrenden Nonnen wieder. Schnell erkannte die Arzthelferin den Grund für das ungewöhnliche Verhalten der Ordensschwestern. Eine Horde wilder Barbaren war in das Kloster eingedrungen und machte sich gerade eben daran, über die wehrlosen Frauen herzufallen. Das fand Fräulein Ströbel gar nicht gut. Mit einem Hieb ihrer gewaltigen Pranken streckte sie zwei der anstürmenden Angreifer nieder. Anschließend baute sie sich in voller Größe in der Raummitte auf. Durch ein ohrenbetäubendes Brüllen lenkte sie alle Aufmerksamkeit auf sich.

König Harald: Tötet dieses Ungetüm, Männer. Dann steht nichts mehr zwischen der Beute und uns. 1000 Goldstücke für denjenigen, der mir den Kopf der Bestie bringt - und denkt daran, nichts ist ruhmreicher, als mit gezogenem Schwert in der Schlacht zu sterben.

Alfred, der beste Krieger unter König Haralds Männern, stürmte mit gezogenem Schwert auf Fräulein Ströbel los. Kurz vor dem Zusammenprall, wich sie einen Schritt beiseite und Alfred stürzte ebenso in ein Zeitloch, wie dies vor wenigen Minuten Fräulein Ströbel geschehen war. Den Kämpfer verschlug es in einen Hörsaal der Stockholmer Universität für Geisteswissenschaften - ins Jahr 2348. Hier bahnte sich gerade eine heftige Auseinandersetzung zwischen dem vortragenden Gastdozenten von Beta Centauri und der Zuhörerschaft an. Doch dies hatte kaum nennenswerte Auswirkungen auf die Kampfhandlungen zwischen Fräulein Ströbel und König Haralds Männern. Wäre Alfred nicht in dem Zeitloch verschwunden, so hätte vermutlich auch er das Ende dieses Tages nicht mehr erlebt.
Die Nonnen waren Fräulein Ströbel unendlich dankbar für das beherzte Eingreifen. Ohne die Arzthelferin wäre das Schicksal der Ordensfrauen besiegelt gewesen. Man erhob Fräulein Ströbel in den Rang einer Schwester Oberin. Im Laufe der Jahre entwickelte sie eine ganz besondere Form der Marmeladenherstellung. Alsbald war das Kloster weit über seine Grenzen bekannt für seine köstliche Marmelade. Bis zu ihrem Tod, führte Fräulein Ströbel ein glückliches Leben. Nachdem sie gestorben war, gab es keine Ordensschwester, die sich die Fortführung von Fräulein Ströbels´ Kunst der Marmeladenherstellung zutraute. Stattdessen verehrte man die noch vorhandenen Marmeladengläser wie eine Reliquie. Viele Jahrhunderte später sollten nur noch vier dieser Marmeladengläser übrig sein und durch die Verkettung einiger seltsamer Zufälle in den Besitz von Herrn Nieswands´ Cousin Rupert gelangen.
Womit wir uns wieder zurück an den Ausgangspunkt dieser kleinen Episode begeben wollen: An diesem Ausgangspunkt erlebte soeben ein unbekannter Mann mit, wie sich vor seinen Augen eine wütende Angreiferin in Luft auflöste, nachdem er einen Schritt beiseite getreten war. Schon merkwürdig, was dieser Tag alles mit sich brachte, dachte der Mann. Vor wenigen Momenten befand er sich noch in vorderster Front beim Sturm auf eine der letzten Nashornherden unseres Planeten. Dann stand er plötzlich in einer Arztpraxis, wie er sie nur noch durch gelegentliche Museumsbesuche kannte. Alles an diesem Ort wirkte altbacken auf ihn. Die Frisuren, die Kleidung, die Landschaft hinter den Fenstern. Er erinnerte sich daran, wie er am frühen Morgen der kleinen Tochter seiner Schwester versprochen hatte, die Jagd abzubrechen. Aber das hatte er natürlich nicht ernst gemeint. Immerhin verdiente er mit der Jagd seinen Lebensunterhalt. Die kleine Laura ahnte, dass er sein Versprechen nicht einzuhalten beabsichtigte und warnte ihn vor den Geschehnissen, die diese Lüge ihrer Meinung nach mit sich bringen würde. Hatte die Kleine wirklich voraus geahnt, was ihm gerade widerfahren war? Oder war das nur ein seltsamer Zufall? Oder war die Kleine möglicherweise der Auslöser für die Ereignisse? Leicht verwirrt, richtete der Unbekannte seinen Gewehrlauf auf den Zahnarzt.

Ein Unbekannter: Ich weiss zwar nicht, was hier gerade vor sich ging, doch sie sollten sich um den Mann in dem Stuhl besser sorgsam kümmern.

Zahnarzt: Selbstverständlich... Sie haben absolut recht... Ich werde mein bestes tun...

Zwei Stunden später verliess Herr Nieswand den Behandlungsraum - immer noch etwas benommen. Alles war absolut schmerzfrei von statten gegangen. Im Warteraum sass noch die kleine Laura. Sie wartete auf ihren Vater, der in einem der anderen Praxiszimmer behandelt wurde.

Laura: Keine Sorge, Herr Nieswand. Fräulein Ströbel erging es gut.

Herr Nieswand: Was ist mit dem unbekannten Mann, der bei dem Zahnarzt geblieben ist. Wird es dem ebenfalls gut ergehen?

Laura: Er hat eine großartige Zukunft vor sich. Zusammen mit dem Zahnarzt wird er ein Mittel zur schmerzfreien Enthaarung von Frauenbeinen entwickeln. Dadurch wird er seinen inneren Frieden finden. Das Mittel wird übrigens auf den verlorenen geglaubten Herstellungsprozesses einer besonders köstlichen mittelalterlichen Marmelade zurückzuführen sein.

Herr Nieswand: Woher weisst du das?

Laura: Ich weiss es nicht. Doch ich denke mir das so. Es ist schließlich immer besser, wenn etwas gut ausgeht. Dann muss man auch nicht so viel Angst vor etwas schlimmen haben, weil ja alles schlimme dann auch immer gut endet. König Harald hat das ebenso gesehen.

Herr Nieswand: Wer?

Laura: Ich dachte nur gerade an jemanden, den sie nicht kennen...

Herr Nieswand verliess die Praxis und besuchte in Zukunft mindestens ein Mal im Jahr den Zahnarzt. Nie wieder hatte er so fürchterliche Zahnschmerzen wie am Beginn dieser Geschichte. Der kleinen Laura und ihrem Vater begegnete er nie mehr. Merkwürdiger Weise konnte sich auch niemand in der Praxis an ein Kind diesen Namens oder ihren Vater erinnern, ebenso wie keiner je von einem Fräulein Ströbel gehört hatte.

20.08.2006 11.20 Uhr