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Geschichte vom 02.08.2006:

Kreidelburger-Schlappmichhausen

Enttäuscht beschloss Armgard sich von einer Brücke zu stürzen, um ihrem kummervollen Leben ein Ende zu bereiten. Um 14.38 Uhr stand sie auf ihrer Lieblingsbrücke und blickte in die Tiefe. Armgard bemerkte dabei nicht, dass der Gleiswärter Adalbert auf seinem täglichen Kontrollgang geradewegs auf sie zumarschierte. Die Brücke war vor vielen Jahren so angelegt worden, dass Züge unter ihr hindurch oder über sie hinweg fahren konnten. An einem Tag kontrollierte Adalbert deshalb die Gleise auf der Brücke und am nächsten Tag die Gleise unter der Brücke. Heute sah er sich die Gleise auf der Brücke an. Weil der Gleiswärter sehr gewissenhaft bei der Arbeit war, haftete sein Blick wie ein Magnet an den Schienen - infolgedessen bemerkte Adalbert Armgard erst sehr spät. Zu spät. Ohne es beabsichtigt zu haben rempelte er die junge Dame leicht an. Sofort fiel Armgard von der Brücke. Entsetzt sah ihr Adalbert hinterher.
Unter der Brücke fuhr gerade ein Zug durch. Armgard´s Körper durchbrach die Decke eines Abteils und holterdipolter landete die von Verzweiflung geplagte Frau in einem glücklicheren Abschnitt ihres Lebens. Mit einem Schlag waren all ihre Sorgen und Nöte vergessen.
Adalbert hingegen stand völlig fassungslos auf der Eisenbahnbrücke. Der Tag hatte sich für ihn unzweifelhaft in eine ganz andere Richtung entwickelt, als es der Gleiswärter noch vor wenigen Stunden erwartet hatte. Er war nun, seinem Verständnis nach, zu einem Mörder geworden. Dieser Wandel gefiel ihm gar nicht. Er beschloss den Vorfall der Polizei zu melden. Zwei Tage später wurde er dem Haftrichter vorgeführt.

An der nächsten Haltestelle des Zuges stieg Armgard aus. Sie fand sich auf dem winzigen Bahnhof einer sehr kleinen Stadt wieder. Die Sonne schien. Es war angenehm warm. Die junge Frau setzte sich auf eine Bank und betrachtete den Schatten, den ihr Körper zur linken Seite warf. Hinter ihr trommelte jemand auf einem Joghurtbecher. Unvermutet sprach sie eine Stimme an.

Stimme: Entschuldigen sie bitte, aber können sie mir erklären, warum ich hier mit meinem Handy keinen Empfang habe? Sie müssen nämlich wissen, dass ich heute in dieser Stadt die erste Handy Filiale eröffnet habe und da ist es natürlich ziemlich unpassend, wenn ich, als Eigentümer der Filiale, mein eigenes Handy nicht nutzen kann.

Armgard: Tut mir leid, ich habe mich bisher nie mit diesen Dingen auseinander gesetzt.

Stimme: Hätten sie aber tun sollen. So ein Handy ist ganz toll. Man kann sehr viel damit machen - wenn es nutzbar ist.

Armgard drehte sich um, damit sie ihren Gesprächspartner genauer betrachten konnte. Hinter ihr schwebte ein Wesen, dessen Körper aus mehreren Luftballons zusammengesetzt sein schien. Bei genauerer Betrachtung jedoch stellte sie fest, dass das Wesen nur aus einem einzigen Ballon bestand. An den Übergängen der Gliedmaßen war der Ballon etwas zusammengepresst, um den Gliedmaßen eine bessere Beweglichkeit zu ermöglichen. Das Wesen bestand aus einem Kopf, zwei Armen und zwei Beinen. Arme und Beine waren in ein oberes und ein unteres Glied unterteilt. Der Körper des Wesens hatte also einen ähnlichen Aufbau wie der eines Menschen - nur fehlten Finger und Zehen und einem Geschlecht konnte das Wesen ebenfalls nicht zugeordnet werden. Am Ende des linken Armes war mit einer Schnur ein Handy befestigt.

Armgard: Nanu, was sind sie denn für ein Ding?

Ballonwesen: Entschuldigen sie bitte Mal ... das könnte ich sie ebenso gut fragen. Aber jetzt wo ich sie so genau vor mir sehe, wundert es mich natürlich nicht, dass sie keinen Bezug zu Handy´s haben. Offenbar ist ihr Körper für solch ein Gerät gar nicht konstruiert. Was sind sie eigentlich für ein Wesen? Was hat sie hierher geführt?

Derweil musste sich Adalbert gegenüber dem Haftrichter rechtfertigen.

Haftrichter: Sie haben also eine Frau von der Eisenbahnbrücke gestoßen.

Adalbert: Etwas differenzierter sollte der Tathergang schon betrachtet werden, Herr Richter.

Haftrichter: Finde ich nicht - und ich bin derjenige, der hier entscheidet. Ich stecke sie jetzt solange in Untersuchungshaft, bis wir die näheren Umstände des Verbrechens lückenlos aufgeklärt haben.

Adalbert: Was genau bedeutet das?

Haftrichter: Sie kommen in den Knast und Staatsdiener Archibald wird versuchen herauszufinden, was mit der jungen Dame nach dem Sturz geschehen ist. Hat sie den Sturz überlebt, wird sich das auf das auszusprechende Urteil positiv auswirken. Hat sie den Sturz nicht überlebt, werden sie so bald die ihnen zugewiesene Haftanstalt nicht mehr verlassen. Ihr Arbeitgeber nimmt jedoch in jedem Fall Abstand von einer Fortführung des Arbeitsverhältnisses, wie ich vor wenigen Minuten erfahren habe. Sobald mir die Ergebnisse von Staatsdiener Archibald vorliegen, erfolgt der endgültige Richterbeschluss. Ich wünsche ihnen einen schönen Tag.

Nach diesen Worten erstarrte Adalbert vor Schreck zu einer Salzsäule. Was zur Folge hatte, dass man die Zelle in der ihm zugewiesenen Haftanstalt einem anderen Missetäter zuteilen konnte. Auch die restlichen finanziellen Staatsaufwendungen, die normalerweise für eine Inhaftierung unabdinglich sind, konnten unter diesen Umständen alternativen Zwecken zugeführt werden. So erhielt zum Beispiel der Antrag des Haftrichters auf eine dienstbezogene entspiegelte ultracoole Sonnenbrille nach vielen Jahren endlich die erhoffte Zustimmung. Adalbert liess man einfach in seinem Schockzustand im Gerichtssaal stehen. Nach zwei Tagen erhielt er einen Plastikblumenstrauß in die linke Hand und wurde auf einen Marmorsockel gehievt. Er gab eine vorzügliche Statue ab. Kritiker des konventionellen Strafvollzugverfahrens betrachteten dieses "Adalbert-Modell" als richtungsweisende Modernisierungsmassnahme. Nichtsdestotrotz machte sich Staatsdiener Archibald auf die Suche nach der von der Brücke gestürzten Frau. Er begann die Suche an einem Fahrplanauskunftschalter der Bahn. Archibald wollte herausfinden, ob das Opfer möglicherweise auf einem unter der Brücke durchgefahrenen Zug gelandet sein konnte. Sollte es diesen Zug tatsächlich gegeben haben, dann musste der Staatsdiener unbedingt erfahren, wohin der Zug unterwegs war. Die exakte Uhrzeit des Tathergangs kannte Archibald aufgrund der Aussage von Adalbert.

Armgard nannte dem Ballonwesen ihren Vornamen.

Ballonwesen: Hallo Armgard. Mein Name ist Atmos Kreidelburger-Schlappmich. Ich bin der Gründungsvater dieser Stadt, deshalb heisst dieses idyllische Fleckchen auch Kreidelburger-Schlappmichhausen.

Armgard: Und alle äh ... Bewohner von Kreidelburger-Schlappmichhausen sehen grundsätzlich so aus wie sie?

Ballonwesen: Das will ich wohl meinen. Ist das so ungewöhnlich? Sehen die Bewohner der Stadt aus der sie kommen nicht auch grundsätzlich so aus wie sie?

Armgard: Oh ja selbstverständlich. Der Zug muss mich wohl sehr weit weg von den Menschen gebracht haben.

Ballonwesen: Das scheint mir auch so. Ich vermute mal das war kein gewöhnlicher Zug. Oh ich Dummerle. Ich hatte ganz vergessen, dass die Bahn seit einigen Wochen eine direkte Verbindung hierher eingerichtet hat. Das war sogar der ausschlaggebende Grund dafür, weshalb ich die Handy Filiale eröffnet habe. Jetzt kann sich jeder Tourist hier ein Handy kaufen und ich werde dadurch unglaublich reich. Wie konnte ich diese Zusammenhänge nur vergessen...

Armgard: Gibt es viele Touristen in Kreidelburger-Schlappmichhausen?

Ballonwesen: Sie sind bislang der erste, der mir begegnet ist. Aber ich bin sicher, es werden viele Folgen. Nun da es hier eine Filiale für Handys gibt.

Armgard: Ehrlich gesagt, überzeugt mich ihr Geschäftsmodell und die dahinter liegende Argumentationskette nicht so ganz.

Ballonwesen: Was hat SIE denn hierher geführt? Die Aussicht auf gute Luft und etwas Ruhe - oder war es nicht vielleicht doch die Aussicht darauf, sich hier ein richtig schönes Handy kaufen zu können? Kommen sie, seien sie ehrlich.

Armgard: Eigentlich wollte ich mich umbringen.

Ballonwesen: Das ist ja putzig. Hält das Leben nicht für jeden von uns immer wieder ein paar höchst bemerkenswerte Überraschungen bereit? Nun es ist wie es ist. Sie leben noch - und ich wäre ihnen sehr dankbar, wenn sie weitere Suizidversuche während ihres Aufenthalts in Kreidelburger-Schlappmichhausen unterlassen würden. Wir mögen so etwas hier nämlich gar nicht. Nun muss ich aber weiter. Soll ich Ihnen vielleicht ein Handy schenken? Immerhin sind sie unser erster Tourist. Ich würde ihnen sogar meine private Handynummer einspeichern.

Armgard: Da sage ich nicht nein. Können sie mir vielleicht sagen, wo ich hier etwas zu essen bekommen kann.

Ballonwesen: Das beste Essen erhalten sie in der alten Waldgaststätte. Die ist zwar ein ziemliches Stück von hier entfernt, aber ich vermute mal die Mahlzeiten dort werden ihnen eher zusagen, als das was sie hier in Kreidelburger-Schlappmichhausen erhalten würden. Ich gebe ihnen den Weg in das Handy ein. Eine Stimme wird ihnen dann sagen in welche Richtung sie laufen müssen.

Armgard: Das ist ja praktisch. Funktioniert das auch an Orten an denen es keinen Empfang gibt, wie zum Beispiel hier?

Ballonwesen: Äh... Sie laufen am besten erst Mal in diese Richtung aus der Stadt hinaus.

Das Ballonwesen namens Atmos Kreidelburger-Schlappmich deutete nach Westen.

Ballonwesen: Im Wald haben sie ganz bestimmt einen einwandfreien Empfang. Da bin ich mir absolut sicher. Ehrlich.

Armgard: Und wenn nicht?

Ballonwesen: Vertrauen sie mir.

Armgard: Na gut.

Ballonwesen: Auf Wiedersehen.

Atmos blickte Armgard noch ein Weilchen hinterher. Anatomisch gesehen war dieses Wesen namens Armgard in seinen Augen eine absolute Fehlkonstruktion. Dann allerdings kam er etwas ins grübeln.

Ballonwesen: Wenn noch mehr Touristen hier eintreffen, die wie diese Armgard aussehen, dann wäre es vermutlich recht vorteilhaft, wenn die in Kreidelburger-Schlappmichhausen etwas zu essen erhalten könnten und nicht erst zur Waldgaststätte laufen müssten. Das muss ich mir unbedingt merken. Am besten gebe ich es gleich in mein Notizbuch im Handy ein. Ich rieche da ein ganz grosses Geschäft.

Bahnbeamter: Der Zug der um 14.38 Uhr unter der Brücke durchfuhr war auf dem Weg nach Kreidelburger-Schlappmichhausen.

Archibald: Wie bitte?

Bahnbeamter: Kreidelburger-Schlappmichhausen.

Archibald: Nie gehört.

Bahnbeamter: Nicht mein Problem.

Archibald: Und wo liegt dieses Kreidelburger-Schlappmichhausen?

Bahnbeamter: Im Paradies. Herrje. Ist ihnen diese Anzeigenkampagne der Bahn denn gänzlich unbekannt? Wir bieten seit wenigen Wochen Exklusivreisen ins Paradies an.

Archibald: Und der Bahnhof im Paradies heisst Kreidelburger-Schlappmichhausen?

Bahnbeamter: Sehen sie mich nicht so an. Ich habe mir diesen Namen nicht ausgedacht. Das kommt aus unserer Marketing-Abteilung.

Archibald: Schön. Dann geben sie mir bitte eine Fahrkarte nach Kreidelburger-Schlappmichhausen. Geht auf Staatskosten. Bahnbeamter: Bitte schön.

Handystimme: An der nächsten Buche biegen sie bitte rechts ab. Von dort aus laufen sie schnurstracks auf den großen Ameisenhaufen zu.

Armgard: Ist es noch sehr weit?

Handystimme: Jetzt jammern sie Mal nicht so herum. Ich muss mich in dieser Gegend sehr stark konzentrieren. Hier gibt es nirgendwo Straßenschilder, an denen man sich orientieren kann. Das macht es extrem schwierig den richtigen Weg zu finden.

Armgard: Sie orientieren sich an Straßenschildern?

Handystimme: War nur ein Witz. Natürlich erhalte ich meine Daten über einen Satelliten. Alles andere wäre doch unglaublich rückständig. Sie haben wohl keinen allzu großen Bezug zur modernen Technik, wie? Was machen sie eigentlich beruflich?

Armgard: Ich arbeite in der Personalabteilung einer Herrentoilettenartikel-Firma.

Handystimme: Klingt wahnsinnig aufregend. Wollten sie sich deshalb das Licht ausknipsen?

Armgard: Wie bitte?

Handystimme: Zuviel Stress im Job? Oder haben sie jetzt erst bemerkt, dass es der falsche Job ist? Ist die Firma pleite? Erwarten sie ein Kind vom Chef, der sich nicht von seiner Frau trennen will?

Armgard: Nichts von all dem. Ich wusste einfach nichts mehr mit mir anzufangen.

Handystimme: Oje, dann haben sie ja noch nicht einmal einen Sündenbock. Das ist vermutlich das schlimmste. Wenn man erkennen muss, dass man selbst an allem schuld ist.

In diesem Augenblick erreichten die beiden den Ameisenhaufen. Da Armgard so vertieft in das Gespräch mit dem Handy war, bemerkte sie das allerdings erst, als sie mitten in dem Bau stand und die kleinen Tierchen an ihr hoch krabbelten. Voller Panik schlug die junge Frau wie wild um sich und verlor dabei das Handy.

Schaffner: Dürfte ich bitte ihre Fahrkarte sehen?

Archibald: Selbstverständlich. Ach sagen sie, guter Mann, gibt es viele Kontrolleure mit denen sie sich auf dieser Strecke den Dienst teilen?

Schaffner: Im Moment mache ich das ganz alleine. Dieses neue Angebot hat sich bei den Leuten noch nicht so recht herumgesprochen. Reisen sie ins Paradies nach Kreidelburger-Schlappmichhausen - ist ja auch ein selten dämlicher Werbespruch. Der Zug ist meist leer. Da rechnet sich allzu viel Zugpersonal nicht. Wenn es irgend wann einmal besser läuft, wird es sicher mehr Kontrolleure geben. Warum interessiert sie das?

Archibald: Ist ihnen vor einigen Tagen vielleicht eine junge Frau aufgefallen? Vermutlich ist sie durch eine Abteildecke in den Zug hineingestürzt.

Schaffner: Oh ja, natürlich erinnere ich mich. Die war ausgesprochen nett - allerdings ein wenig traurig.

Archibald: Wissen sie noch an welcher Haltestelle die Dame ausgestiegen ist?

Schaffner: Sie fuhr bis zur Endstation. Worum geht es? Hat sie etwas angestellt?

Archibald: Alles in Ordnung. Es wäre nur wichtig für mich sie zu finden.

Schaffner: Dann fahren sie am besten mit bis nach Kreidelburger-Schlappmichhausen. Dort gibt es ein paar Roboterpuppen mit künstlicher Intelligenz, die sich um die Touristen kümmern und sie unterhalten. Versuchen sie die Roboterpuppe zu finden, die sich Atmos Kreidelburger-Schlappmich nennt. Die kennt sich dort am besten aus. Atmos ist zwar etwas schrullig, aber eine herzensgute Kreatur. Er wird ihnen sicherlich weiter helfen.

Archibald: Es gibt dort kein menschliches Personal?

Schaffner: Nur ein paar Techniker, die sich um die Pflege der Roboter kümmern. Das ganze ist ein bisschen wie ein Vergnügungspark ohne Wasserrutsche angelegt, wenn sie verstehen was ich meine.

Archibald: Man will den Besuchern weiss machen, dass das Paradies wie ein Vergnügungspark ohne Wasserrutsche aussieht?

Schaffner: Was schauen sie mich dabei so fragend an. Das kommt aus unserer Marketing-Abteilung. Nicht von mir. Ich mache hier nur meinen Job. Wenn es nach mir gegangen wäre, würden dort mindestens 10 Wasserrutschen stehen, die im Winter als Bobbahnen genutzt werden könnten.

Armgard rannte völlig orientierungslos durch den Wald und versuchte immer noch die Ameisen abzuschütteln. Sie gelangte an einen See, in den sie ohne langes Nachdenken sprang.

Armgard: Oje, wo bin ich hier nur gelandet? Wie soll es nun mit mir weiter gehen? Schon seltsam. Vor wenigen Tagen habe ich mir genau die gleichen Fragen gestellt. Allerdings waren da die Umstände ganz andere. Habe ich mich zu der Zeit noch auf einem Pfad befunden, der mir nichts Neues mehr zu eröffnen schien, bewege ich mich nun in einer Welt, in der mir kaum etwas vertraut ist. Beides macht mich unglücklich.

Fisch: Grübeln macht es nicht eben besser. Nimm an was um dich herum geschieht und versuche dein Leben möglichst harmonisch in dieses Geschehen einzubetten. Alles andere bringt nur unnützes Leid. Wärest du gerne ein Fisch wie ich? Vieles könnte ich dir beibringen, um dich diesem Ziel Nahe zu bringen, aber letztlich wirst du doch immer ein Mensch bleiben.

Armgard: Äh... Wie ist das denn bitte schön gemeint?

Fisch: Hör Mal, du bist in meinen Teich gesprungen, vollständig angekleidet, mit hunderten von Ameisen am Körper und hast davon gesprochen unglücklich zu sein. Wie würdest du so jemanden ansprechen? He ich bin nur ein Fisch. Ich dachte ein Schuss Westentaschenphilosophie wäre da genau das richtige in dieser Situation.

Armgard: Du hast ja recht. Für euch hier in Kreidelburger-Schlappmichhausen scheint alles so einfach und selbstverständlich zu sein. Das ist völlig neu für mich. Daran muss ich mich erst noch gewöhnen.

Fisch: Du solltest dich nicht daran gewöhnen, du solltest es einfach akzeptieren und danach leben. Mit etwas Glück ist es das, was du hier lernen wirst. Vielleicht hat dich dein Weg deshalb nach Kreidelburger-Schlappmichhausen geführt.

Dann schnappte der Fisch nach einer Fliege, die neben ihm auf dem Wasser schwamm. Kaum hatte er das getan, sah Armgard wie sich aus dem Maul des Fisches eine dünne Silberschnur spannte. In Ufernähe entdeckte die junge Frau einen Angler, der wie das Ballonwesen aus der Stadt aussah und an einer Angelleine zog. Sofort warf sich Armgard auf den Fisch und versuchte das Tier aus der Falle zu befreien. Es gelang ihr nicht.

Fisch: Es ist gut. Lass es geschehen. Es wäre mir allerdings ein Trost, wenn DU mich hinterher verspeisen würdest.

Archibald: Sind sie Atmos Kreidelburger-Schlappmich? Ich bin auf der Suche nach einer jungen Dame.

Ballonwesen: Sagen sie, sind sie ein Tourist? Mögen sie Handys?

Archibald: Ich bin kein Tourist und habe mindestens immer 3 Handys bei mir. Wenn sie mir einige Fragen zu der bereits erwähnten Frau beantworten, überlasse ich ihnen gerne eines meiner Handys.

Ballonwesen: Nein, vielen Dank. Handys habe ich selbst mehr als genug. Aber wenn sie mir vielleicht erklären könnten, weshalb ich hier mit meinem Handy keinen Empfang habe, dann würde ich mich sehr darüber freuen ihren Wissensdurst in Bezug auf die junge Dame zu stillen.

Angler: Nanu, was machen sie denn da im Wasser, gnädige Frau?

Armgard: Das ist eine lange und merkwürdige Geschichte. Sie gehören nicht zufällig zum Personal der besten Waldgaststätte im Umfeld von Kreidelburger-Schlappmichhausen?

Angler: Der einzigen und damit natürlich zwangsweise der besten Waldgaststätte im Umfeld von Kreidelburger-Schlappmichhausen. Wir sind sogar gewissermassen eine regelrechte Touristenattraktion - uns fehlen nur die entsprechenden Touristenzahlen, um diese Behauptung zu untermauern.

Armgard: Wenn ihnen die entsprechenden Touristenzahlen fehlen, um ihre Behauptung zu untermauern, ist es dann nicht viel wahrscheinlicher, dass ihre Behauptung gar nicht stimmt.

Angler: Sie sollten etwas positiver denken und sich nicht so sehr an Spitzfindigkeiten festmachen.

Armgard: Ich weiss. Sie könnten mich dem Glauben an den Status der Waldgaststätte als Touristenattraktion einen guten Schritt näher bringen, indem sie mich durch die Qualität der Küche von diesem Status überzeugen. Ich habe nämlich großen Hunger und möchte gerne den frisch geangelten Fisch essen.

Angler: Ich werde die Küche über mein Handy sofort instruieren, damit alles vorbereitet wird. Das Handy habe ich übrigens erst seit heute morgen. Wir haben jetzt nämlich eine Handy Filiale in der Stadt.

Armgard: Was sie nicht sagen.

Es war schon spät als Staatsdiener Archibald in der Waldgaststätte eintraf. Das Gespräch mit Atmos Kreidelburger-Schlappmich hatte doch erheblich mehr Zeit in Anspruch genommen, als erwartet. Der Geruch von frisch gebackenem Fisch stieg dem Staatsdiener in die Nase. In der Gaststätte fand er nur einen einzigen Besucher vor. Eine junge Frau. Er vermutete, dies müsse die Dame sein, nach der schon seit einigen Tagen suchte.

Archibald: Guten Abend. Darf ich mich an ihren Tisch setzen?

Armgard: Sehr gerne.

Archibald: Entschuldigen sie bitte, ich möchte sie wirklich nicht belästigen. Doch ich bin in einer dringenden Angelegenheit auf der Suche nach einer Dame, die sich erst seit kurzem in Kreidelburger-Schlappmichhausen aufhält.

Armgard: Nun denn, eine solche Dame haben sie gerade vor sich. Wenn es sich bei der von ihnen gesuchten Person weiterhin um eine Frau handelt, die vor ein paar Tagen zufälliger Weise durch das Dach eines fahrenden Zuges gefallen ist, dann haben sie die entsprechende Person soeben gefunden.

Archibald: Dann ist hiermit meine Aufgabe beendet und ich kann die Rückreise antreten.

Armgard: Das ist alles? Sie wollten mich einfach nur finden?

Archibald: So verhält es sich, denn sie haben mir schon alles relevante mitgeteilt.

Armgard: Was war denn so relevant an dem, was ich ihnen mitgeteilt habe?

Archibald: Nun, auf seltsame Weise, ist ihr Leben mit der Zukunft eines gewissen Gleiswärters verknüpft, der offenkundig zu unrecht unter den Verdacht geraten ist, sie ermordet zu haben. Sie erwähnten gerade ja, dass sie zufälliger Weise durch das Dach des fahrenden Zuges gefallen sind, was nahe legt, dass sie zu dem Sturz nicht durch die Einwirkung einer weiteren Person genötigt wurden. Was wiederum die Unschuld des angeklagten Bahngleiswärters bekundet.

Armgard: Mein Leben ist so umittelbar mit der Zukunft eines anderen Menschen verknüpft? Das war mir gar nicht bewusst.

Archibald: Niemand lebt so ganz für sich allein - auch wenn das manchmal nur schwer zu glauben ist. Aber jetzt entschuldigen sie mich jetzt bitte, ich muss dringend auf die Toilette.

Armgard: Da hinten links.

Armgard war verblüfft und erschüttert darüber, welche Auswirkungen ihr verschwinden auf das Leben des armen Gleiswärters genommen hatte. Sie beschloss sich alles detailiert von Staatsdiener Archibald erklären zu lassen. Was dieser sehr gerne tat. Anschließend fuhren die beiden zusammen zurück in die Stadt, aus der sie gekommen waren. Armgard wollte unbedingt dem unglücklichen Gleiswärter aus seiner misslichen Lage helfen.

Haftrichter: So so. Sie erklären hiermit also, dass Herrn Adalbert nicht die geringste Schuld an ihrem Sturz von der Bahnbrücke trifft?

Armgard: Genau.

Haftrichter: Aber durch ihr Verschwinden, haben sich einige Verdachtsmomente ergeben, aufgrund derer ich es für zweckdienlich hielt, Herrn Adalbert aus der bürgerlichen Gemeinschaft auszuschließen.

Armgard: Das bedauere ich ungemein, deshalb möchte ich mich an dieser Stelle ausdrücklich dafür einsetzen, Herrn Adalbert wieder in die bürgerliche Gemeinschaft zurückzuführen.

Haftrichter: Leider gestaltet sich dieser Punkt als in höchstem Masse problematisch. Sie sehen ja selbst in welchem Zustand sich der zu unrecht beschuldigte befindet. Es ist mir gänzlich unmöglich irgend einen Einfluss auf diesen Zustand zu nehmen. So sehr ich das bedauere.

Der Haftrichterr deutete auf die Statue, die früher Adalbert war.

Armgard: Verstehe. Darf ich ihn mitnehmen?

Haftrichter: Gestatten sie mir die Frage aus welchem Grund sie dies wünschen?

Armgard: Ich war immer der Ansicht, ich würde ein Leben abseits der anderen Menschen führen - wäre ausgestossen und ungewollt. Das Schicksal von Herrn Adalbert, führt mir jedoch vor Augen, dass ich ein Teil dieser Menschheit bin. Ich gehöre dazu. Was ich tue hat Auswirkungen auf die anderen. Sein Anblick soll mir das in Zukunft täglich vergegenwärtigen. Außerdem eignet er sich vermutlich vortrefflich als Kleiderständer.

Haftrichter: Gut. Von mir aus können sie ihn haben. Staatsdiener Archibald wird ihnen beim Abtransport behilflich sein.

Armgard: Sehr schön.

So wurde über einige Umwege aus Armgard der unglücklichen, Armgard die zuversichtliche. Sie kündigte ihren Job und gründete ein eigenes kleines Unternehmen, in dem Schaufensterpuppen produziert wurden. Eigentümlicher Weise erinnerten all ihre Schaufensterpuppen immer ein wenig an Bahngleiswärter - was dem Erfolg des Unternehmens aber wohl eher zugute kam. Binnen weniger Jahre wurden Armgards Schaufensterpuppen in die gesamte Welt geliefert. Besonders freute sie sich darüber, als sie eines Tages eine Anfrage von Atmos Kreidelburger-Schlappmich erhielt, der durch den Einsatz einiger Schaufensterpuppen, die Absatzrate seiner Handys steigern wollte.

02.08.2006 22.25 Uhr