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Geschichte vom 14.05.2006:

Der Auftrag

Vor einigen Wochen sah der Zeichner in den von Sternen übersäten Nachthimmel. Stets entdeckte er dort neue Formen die er in seinem Skizzenblock festhielt. Weil er aus besseren Tagen etwas Geld übrig behalten hatte, konnte er sich vorübergehend eine finanzielle Durststrecke wie diese erlauben - von Dauer sollte der Zustand aber besser nicht sein.

Er lebte im obersten Stock eines sehr hohen Hauses. Hier lebte man äußerst ruhig. Nur selten machte sich jemand die Mühe die unzähligen Stufen empor zu steigen. Einen Fahrstuhl gab es nicht. Der Architekt musste dieses Gebäude für Menschen wie den Zeichner ersonnen haben.

Es klingelte unvermutet an der Wohnungstür. Ein sichtlich erschöpfter Postbote reichte dem Zeichner ein Einschreiben, dessen Empfang quittiert werden musste.

Zeichner: Oh das ging ja schnell. Ihre Kollegen benötigen immer einen kompletten Tag, bevor sie hier oben ankommen. Wenn mich nicht alles täuscht, haben sie es in der Hälfte der Zeit geschafft. Sie sind doch gegen 9.00 Uhr heute morgen losgelaufen - oder etwa nicht? Alle Achtung. Kommen sie rein und machen sie sich etwas frisch, bevor sie den Rückweg antreten. Sind sie zum ersten Mal in diesem Bezirk? Ich habe sie noch nie gesehen.

Postbote: Entschuldigung. Bin noch ganz ausser Atem. Hätten sie vielleicht eine Kleinigkeit zu essen?

Zeichner: Selbstverständlich. Bei Bedarf können sie auch gerne das Gästezimmer für ein kleines Nickerchen nutzen.

Postbote: Beides nehme ich dankend an.

Der Zeichner wies dem Postboten den Weg zu dem Zimmer, als es erneut klingelte. Ein älterer Mann stand vor der Tür. Er bot dem Zeichner einen Auftrag an. Von einer guten Freundin habe er die Adresse erhalten, sagte der Auftraggeber, nachdem der Zeichner sich erkundigte wie der Mann gerade auf ihn gekommen sei. Die Freundin habe die Arbeit des Zeichners in höchsten Tönen gelobt. Natürlich erkundigte sich der Zeichner nach dem Namen der Frau, um sich bei ihr artig für die Empfehlung bedanken zu können. Doch der Auftraggeber wollte den Namen nicht nennen - stattdessen ging er sofort zum geschäftlichen Teil des Gesprächs über. Unermesslicher Reichtum wurde dem Zeichner bei Auftragsannahme in Aussicht gestellt. Und wie als Beleg für diese Ankündigung, überreichte der Auftraggeber dem Zeichner zwei Schuhkartons, gefüllt mit 1000 Euro Scheinen. Eine Entschädigung für den durch diese Gespräch entstandenen Zeitaufwand.

Folgende Leistungen beinhaltete der Auftrag:
- Ein Katalog der Stadt New York war in einer Auflage von 1217 Exemplaren zu drucken.
- Gezeigt werden sollte das New York vom 23.3.2006, dem Tag des 70. Geburtstages des Auftraggebers.
- Der gesamte Katalog musste aus Zeichnungen bestehen.
- Auf den Straßen und in den Gebäuden der Stadt durften ausnahmslos nur Hollywood-Stars der 30er Jahre zu sehen sein. Jeder Star konnte mehrfach in Erscheinung treten. Im Falle von Spencer Tracy war dies sogar ausdrücklich gewünscht, denn der Auftraggeber hatte eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem älteren Spencer Tracy aus den späten 50er Jahren.
- Alle Motive mussten in Originalgröße abgebildet werden.
- Zur Vollendung des Werks erhielt der Zeichner exakt 10 Jahre Zeit.
- In fünf Jahren, gezählt ab dem heutigen Tag, wollte der Auftraggeber erste Arbeitsergebnisse sehen. Danach erwarte er weitere Präsentationen in jährlichen Abstanden.

Der Auftraggeber beabsichtigte die Kataloge zusammen mit den Einladungskarten zu seinem 80. Geburtstag zu versenden. Dieses Wiegenfest sollte ein ganz besonderes werden. Für den Fall jedoch, der Auftraggeber würde jenen Tag nicht mehr erleben dürfen, gingen alle mit den geplanten Feierlichkeiten verknüpften Verpflichtungen auf den Sohn des Auftraggebers über. So bestand der Vertrag zwischen dem Auftraggeber und dem Zeichner selbst im Todesfall des Auftraggebers fort. Weiterhin versicherte der Auftraggeber mehrfach glaubhaft, dass er sich aus tiefster Seele wünschte, der Zeichner möge den Auftrag annehmen. Bei einer Zusage erhalte der Zeichner ab dem nächsten Ersten, ein monatliches Gehalt in Höhe von siebenundfünfzig Schuhkartons, gefüllt mit 1000 Euro Scheinen. Einzige Bedingung: der Vertrag musste augenblicklich unterzeichnet werden. Ohne lange nachzudenken, nahm der Zeichner den Auftrag an.

Nachdem der Auftraggeber die Wohnung verlassen hatte, warf der Zeichner einen langen Blick aus dem Fenster auf die nächtliche Stadt.
Ein hartes Stück Arbeit lag vor ihm.

Er erinnerte sich an das Einschreiben des Postboten. Auf dem Umschlag war ein unleserlicher Absender vermerkt. Vermutlich wieder eines jener seltsamen Werbeblättchen. In letzter Zeit gab es viele solcher Anfragen. Und richtig. Abermals fragte eine Außerirdischere nach, ob sie für ein paar Jahre beim Zeichner in Untermiete wohnen könne. Wie kamen die Werbeleute nur auf so ein dummes Zeug, dachte er sich - und was beabsichtigten sie damit.

Der Zeichner ging in die Küche, um eine kleine Mahlzeit anzurichten. Anschließend klopfte er an die Tür des Gästezimmers. Kein Laut drang aus dem Raum. Er klopfte erneut. Wieder gab es keine Reaktion. Vorsichtig öffnete er die Tür. Was der Zeichner dann sah, gefiel ihm gar nicht. Das Gästezimmer hatte sich in eine zerklüftete Mondlandschaft verwandelt, über der viele kleine Planeten ihre Bahnen zogen. Ein leicht pinkfarbener, luftgefüllter Plastiksessel, der eigentlich eher transparent war, als dass man ihm tatsächlich einen Farbton zuordnen konnte, schwebte durch das Zimmer. Der Sessel stellte das tatsächliche äußere Erscheinungsbild des Postboten dar, denn der Postbote war in Wahrheit eine als Mensch getarnte Außerirdische, deren Verkleidung in diesem Augenblick wie ein zusammengeknülltes Häufchen Schmutzwäsche vor den Füßen des Zeichners lag.

Zeichner: He, was soll das denn?

Außerirdische: Haben sie das Einschreiben gelesen?

Zeichner: Ja.

Außerirdische: Dann sind sie doch grundsätzlich über mein Anliegen informiert.

Zeichner: Was?

Außerirdische: Vor mir haben schon einige andere Vertreter meiner Spezies in der letzten Zeit versucht mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Nie gab es eine Antwort. Also dachte ich mir, es wäre vermutlich sinnvoll gleich Fakten zu schaffen. Fakten bilden immer eine gesunde Verhandlungsbasis.

Zeichner: Es gibt nichts zu verhandeln. Sie verlassen umgehend meine Wohnung!

Außerirdische: Darüber sollten sie noch Mal in aller Ruhe nachdenken. In den nächsten Jahren werden sie viel Arbeit haben. Da könnte es von Vorteil sein, wenn sie jemanden hätten, der sich für sie um die Dinge des Alltags kümmert. Dieser Jemand könnte ich sein.

Zeichner: Sie sind eine Außerirdische! Außerirdische kümmern sich nicht um die Dinge des Alltags von Menschen.

Außerirdische: Manchmal schon. Manchmal geben wir euch ganz gern Mal einen kleinen Schubs. Sonst würde es bei euch ja niemals vorwärts gehen. Wer glauben sie wohl, hat dem Auftraggeber von ihnen erzählt?

Zeichner: Sie haben das Treffen eingefädelt? Warum?

Außerirdische: Ihre Wohnung ist für uns von höchstem Interesse. Nirgendwo anders gibt es derart ideale Lebensbedingungen für uns auf ihrem Planeten. Hier wäre der ideale Platz für unsere neue Sendestation. Darum habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, um mit ihnen ins Geschäft zu kommen. Das Jobangebot des Auftraggebers erschien mir dafür eine gute Möglichkeit. Schließlich wußte ich wonach er suchte. Er ist ein guter Freund von mir. Und ihre Arbeiten schätze ich schon seit langer Zeit.

Zeichner: Sie schätzen meine Arbeiten schon seit langer Zeit? Wieso erscheinen sie dann gerade heute hier?

Außerirdische: Durch einen Produktionsfehler gibt es auf den Fernbedienungen unserer neuen Televisionsgeräte eine Programmtaste, für die es noch kein Programm gibt.

Zeichner: Wie bitte?

Außerirdische: Unser Sendeleiter kam deshalb auf die bemerkenswerte Idee möglichst bald ein Programmangebot für diese Taste zu kreieren - bevor der Fauxpas mit den Fernbedienungen einer größeren Bevölkerungsschicht auffällt. Ein Teil jenes Programmangebots soll von der Erde bestritten werden.

Zeichner: Von meinem Gästezimmer aus?

Außerirdische: So ist es.

Zeichner: Ist das wirklich unbedingt notwendig?

Außerirdische: Ist es. Im Gegenzug würde ich mich um ihre Wäsche, den Einkauf, das Kochen, das Putzen usw. kümmern. Ich habe in solchen Angelegenheiten große Erfahrung. Hätte ich z.B. damals den Ägyptern beim Bau der Pyramiden nicht die vielen kleinen Alltäglichkeiten abgenommen, würden die heute noch an den Dingern bauen.

Zeichner: Die Ägypter würden ohne sie heute noch an den Pyramiden bauen?

Außerirdische: Das können sie glauben. Es ging damals um eine Wette zwischen mir und WQ22MMM==. Er hatte die Ägypter auf die Idee mit den Pyramiden gebracht und war der Ansicht, die würden das niemals hinkriegen. Ich hielt dagegen. WQ22MMM== verlor die Wette. Dafür ist er heute unser Sendeleiterin. Tja, so kann es gehen.

Zeichner: Sie würden mir im Haushalt behilflich sein solange ich an dem Auftrag arbeite?

Außerirdische: Ich könnte den Haushalt in dieser Zeit komplett übernehmen!

Zeichner: Warum als Postbote?

Außerirdische: Das war nur für die erste Kontaktaufnahme mit ihnen gedacht. In Zukunft trete ich als ihre Ehefrau in Erscheinung. Das ist unauffälliger. Aber natürlich nur, wenn sie meinen Vorschlag akzeptieren.

Wenige Wochen darauf heirateten die beiden.

Am 22.3.2006 flog der Zeichner zusammen mit seiner außerirdischen Ehefrau und einigen Helfern nach New York.

Die Arbeiten am 23.3.2006 liefen generalstabsmäßig ab. Exakt 24 Stunden lang fotografierten, skizzierten und vermaßen der Zeichner und seine Mannschaft jeden Millimeter der Großstadt. Den Schwerpunkt der fotografischen Aktivitäten legte man auf 15.32 Uhr Ortszeit fest. Alle Helfer positionierten sich hierzu an ausgewählten Standorten und drückten in der gleichen Sekunde auf die Auslöser ihrer Kameras. Das war sehr wichtig, weil der Zeichner die Fotografien später als Vorlagen für seine Bilder nutzen wollte - und je genauer die einzelnen Fotografien in Perspektive und Licht aufeinander abgestimmt waren, umso leichter würde es ihm fallen aus den vielen Puzzlestückchen ein stimmiges Gesamtbild anzufertigen.

Einen Monat später saß der Zeichner wieder in seiner Wohnung in dem sehr hohen Haus. In allem Räumen stapelten sich die Ergebnisse des Ausflugs in die amerikanische Metropole. Er versuchte das Material systematisch zu ordnen. Dabei erhielt er tatkräftige Unterstützung von seiner Gattin. Während des Arbeitsprozesses wurde das Werk in der Vorstellung des Zeichners langsam immer wirklicher. Er konnte schon jetzt erste zaghafte Miniaturentwürfe für einige Seiten des Katalogs anfertigen. Nachdem er sich bisher hauptsächlich Gedanken über die organisatorischen Aspekte des Projektes gemacht - und die eigentliche Realisierung bewusst weit hinten an gestellt hatte, erschien es ihm nun fast so, als ob der Katalog sich selbst zu erschaffen versuchte, indem er sich dem Zeichner immer plastischer ins Bewusstsein drängte.

Die Außerirdische war eine begnadete Köchin und Hauswirtschafterin. Der Zeichner musste sich um absolut nichts neben seiner Arbeit kümmern. Dies gefiel ihm sehr. Bald duzten sich die beiden sogar. Zwischen ihnen entstand eine Form von Vertrautheit, die sie bisher noch nicht erlebt hatten. Dennoch blieb eine Spur von Reserviertheit. Immerhin stammten sie aus unterschiedlichen Welten. Allzu nah durfte man sich da nicht kommen. Darin waren die zwei sich einig - noch.

Zeichner: Schatz, wie läuft es eigentlich mit deiner Sendung über uns Menschen?

Außerirdische: Gestern hatte ich eine absolute Traumquote. 93 Prozent. Aber Fenster putzen ist natürlich auch ein Wahnsinns Thema. Da kann man kaum etwas falsch machen.

Zeichner: Super. Worüber berichtet du heute?

Außerirdische: Bügeln. Ebenfalls ein Klassiker. Mit etwas Glück halte ich damit die Quote von gestern.

Zeichner: Ich wünsche dir das Beste.

Außerirdische: Weiß ich doch.

Es dauerte ein Jahr, bis das gesamte Fotomaterial geordnet war. Dann endlich legte der Zeichner die ersten Entwürfe im Format DIN A2 an. Mit diesen Arbeiten begab er sich in eine Druckerei, die er von früher kannte. Dem Leiter der Druckerei erklärte er an welchem Auftrag er gerade arbeitete und wie er sich eine mögliche Zusammenarbeit mit der Druckerei vorstellen könnte. Der Leiter der Druckerei holte tief Luft, dachte lange nach und willigte schließlich ein.

Die Druckerei zog in die riesige Halle einer stillgelegten Fabrik um. Dort passte man mehrere Druckmaschinen den aktuellen Erfordernissen an. Alle noch in Auftrag stehenden Druckarbeiten wurden vor dem Umbau ausgeführt, neue Projekte lehnte man ab. In den kommenden Jahren gab es genug zu tun.

Derweil arbeitete der Zeichner in seiner Wohnung in dem sehr hohen Haus an den Bildern von New York in Originalgröße. Weil es unmöglich war die Zeichnungen an einem Stück in dem vorgegebenen Format anzufertigen, zerlegte er jedes Motiv in hunderte von Einzelteile. Später, so war es geplant, würden diese Einzelteile in der Druckerei zu den Druckvorlagen für die Katalogblätter zusammenmontiert werden.

Außerirdische: Hast du irgendeinen besonderen Wunsch für das Mittagessen morgen?

Zeichner: Apfelstrudel mit Vanillesauce wäre toll.

Außerirdische: Großartig, da kenne ich ein ganz spezielles Rezept.

Zeichner: Was hast du eigentlich gemacht, bevor du hier eingezogen bist?

Außerirdische: Ich war eine dieser Außerirdischen, die immer mal wieder gerne mit ihrer fliegenden Untertasse auf der Erde gelandet sind. Euch Menschen fand ich seit jeher interessanter als meine Artgenossen. Ihr seid soooo leicht glücklich zu machen. Das gefällt mir. Ich sehe heute noch das strahlende Gesicht von dem Typen vor mir, dem ich gezeigt habe, wie man Feuer macht. Später wurde dann bei uns der Sprit immer teuerer und ich konnte mir die vielen intergalaktischen Reisen nicht mehr leisten. WQ22MMM== brachte mich zum Fernsehen. Er hat mir auch diesen Job als Außenreporterin auf euerem Planeten besorgt.

Zeichner: Seid ihr ein Paar gewesen?

Außerirdische: Für so etwas eigne ich mich wohl nicht.

Zeichner: Verstehe. Hast du schon mit vielen Menschen so eng zusammengearbeitet wie mit mir?

Außerirdische: In dieser Form ist das neu für mich. Wahrscheinlich bin ich deshalb schwanger geworden. Habe vergessen aufzupassen.

Zeichner: Du bist schwanger?

Außerirdische: Seit gestern weiss ich es sicher.

Zeichner: Aber wie?

Außerirdische: Es lag wohl an der Lasagne von letzter Woche. Wir Außerirdische vertragen die nicht so gut.

Zeichner: Und nun?

Außerirdische: Werde ich in etwa 10 Jahren Nachwuchs erhalten. Mal gespannt, wie viele es sein werden.

Zeichner: Du bist gespannt wie viele es sein werden?

Außerirdische: Manche von uns bekommen 473, andere bekommen 1391 Zöglinge. Das weiss man erst, wenn die Prozedur vorbei ist.

Zeichner: Oh. Lass uns darüber später noch Mal reden. Ich bin jetzt gerade hochgradig irritiert.

Außerirdische: In Ordnung.

Nachdem etwa drei Jahre seit der Begegnung des Zeichners mit dem Auftraggeber vergangen waren, spuckte eine gewaltige Druckmaschine den ersten Probedruck aus. Der Zeichner und der Leiter der Druckerei betrachteten das Blatt von einer kleinen Plattform aus, die sich direkt unter dem Hallendach in der Raummitte befand. Von dort hatte man die beste Sicht auf das Druckergebnis. Die Qualität des Andrucks überzeugte keinen der beiden. Zu den Blatträndern hin wurde das Motiv deutlich unscharf, innerhalb der Zeichnung gab es Unmengen von Farbverschiebungen und einige Papierflächen waren nicht bedruckt. Außerdem stand das Bild völlig schief auf dem Papier. Es gab noch einiges zu tun, bevor an die tatsächliche Produktion gedacht werden konnte. Ein volles Jahr sollte es noch dauern, bis der Zeichner und der Leiter der Druckerei die erste perfekt bedruckte Seite vor sich liegen sahen. Und erst in einem weiteren Jahr würden sie erfahren, ob sich auch der Auftraggeber mit den entstandenen Blättern zufrieden zeigte.

Zeichner: Du Schatz, wie wäre es, wenn wir heute nochmals über deine Schwangerschaft sprechen würden.

Außerirdische: Gerne. Worüber genau?

Zeichner: Ich wüsste gerne, wie es nach der Geburt mit uns weiter gehen soll? Ich meine, irgendwie bin ich für die 473 oder 1391 Kinder ja mitverantwortlich. Immerhin hast du die Lasagne nur meinetwegen gekocht und gegessen.

Außerirdische: Oh wie ist das süß. Aber mach dir keine Sorgen, es wird sich nichts an unserem Arrangement ändern. Für die Geburt verschwinde ich ein paar Stunden auf meine Heimatwelt. Die Ärzte dort sind einfach besser als eure. Tante PÜÜÜQQ117+ wird sich der Kinderchen annehmen - das habe ich bereits mit ihr geklärt. Anschließend kehre ich hierher zurück. Mit der Beendigung des Auftrags endet mein Untermietvertrag. Alles bleibt also wie es ist.

Zeichner: Das meinte ich nicht. Ich fände es eigentlich besser, wenn die Kleinen bei uns aufwachsen würden. Bei ihren Eltern. Das sind wir beide doch gewissermassen ...

Außerirdische: Oh. Lass uns darüber später noch Mal reden. Ich bin jetzt gerade hochgradig irritiert.

Zeichner: In Ordnung.

Frisöre, Make-Up-Artisten und Kostümbildner verwandelten unzählige Statisten in die bekanntesten Hollywood-Stars der 30er Jahre. Der Zeichner zog für diesen Teil des Auftrags die Arbeit mit lebenden Modellen der Nutzung von Archivfilmmaterial oder alten Fotografien vor. Er betrachtete die Doppelgänger berühmter Filmpersönlichkeiten aus verschiedenen Blickwinkeln und in unterschiedlichen Posen, um dann die ihm am charakteristischsten erscheinende Anmutung als Vorlage für eine Zeichnung auszuwählen. Die benötigten Modelle wurden von den Assistenten des Zeichners auf der Straße angesprochen. Jeder Assistent suchte nach anderen Hollywood-Stars. Als Orientierungshilfe dienten Fotos. Einmal arbeitete der Zeichner an dem Entwurf für eine Unterhaltung zwischen Clark Gable und James Stewart in einer Eisdiele. Der Clark Gable Doppelgänger stand gerade vor ihm. Nach kurzer Zeit spürte der Zeichner, wie das Modell unruhig, ja geradezu panisch wurde. Der Mann schien vor irgend etwas Angst zu haben. Doch der Zeichner sah keinen Grund dafür. Er sprach den Mann an. Sofort rannte der Doppelgänger fort. Der Zeichner lief ihm hinterher - was den Flüchtenden dazu veranlasste nur noch schneller zu rennen. Innerhalb der Halle gab es einen schmalen Schmutzwasserkanal, der in einem Klärbecken mündete. Das Klärbecken bereitete sämtliche Abfallstoffe, die während des Druckverfahrens anfielen, für die Resteverwertung auf. Der Doppelgänger stürzte in den Schmutzwasserkanal. Einen Augenblick lang konnte er sich an den rauen Seitenwänden des Kanals festhalten, gerade solange bis der Zeichner ihm eine Hand entgegenstreckte. Aber die Hilfe kam zu spät. Das Wasser riss den Mann fort. Nach und nach verlor er in den Fluten jede Ähnlichkeit mit Clark Gable. Das dunkle Haar wurde schlohweiss, die Haut faltiger. Zuletzt sah er aus wie Spencer Tracy in den späteren Jahren - glich damit fast ein wenig dem Auftraggeber. Kurz bevor der Mann in die Kläranlage geriet, fischte ihn ein Gehilfe mit einem Haken aus dem Schmutzwasser. Als sich der frühere Clark Gable Doppelgänger wieder an Land befand, setzte er umgehend seine Flucht fort und verschwand aus der Druckerei. Der Zeichner kratzte sich am Hinterkopf. Erst Monate später sollte er eine Erklärung für den merkwürdigen Zwischenfall erhalten.

Außerirdische: Du, lass uns doch noch Mal über die Kinderchen und unsere Zukunft sprechen.

Zeichner: Gerne, Schatz.

Außerirdische: Also, wie denkst du darüber?

Zeichner: Mit dem Geld, dass ich durch den Auftrag verdiene, könnte ich ein das Haus um einige Stockwerke erweitern lassen. Die Kinder hätten dann die gleichen Lebensbedingungen auf der Erde wie du. Wir könnten als eine große Familie zusammenleben. Wäre das für dich vorstellbar?

Außerirdische: Nö.

Zeichner: Wie bitte?

Außerirdische: Ich sagte, Nö.

Zeichner: Dann habe ich also richtig gehört.

Außerirdische: Versteh das jetzt bitte nicht falsch. Aber meine persönliche Freiheit ist mir nun einmal außerordentlich wichtig. Das ich Mutter werde ist schon schlimm genug. Mich zusammen mit den Kindern aber auch noch an diesen Planeten zu binden, geht mir einfach zu weit. Wir haben einen Untermietvertrag für die Dauer deines Auftrags abgeschlossen und dabei möchte ich es gerne belassen. Wenn der Auftrag beendet ist, reiche ich die Scheidung ein.

Zeichner: Dann war die Ehe also wirklich nur Tarnung?

Außerirdische: Natürlich. So war es doch von Anfang an besprochen.

Zeichner: Ja. Ich dachte nur ...

Ab jetzt herrschte zwischen den beiden Uneinigkeit darüber, wie nah sich zwei Wesen aus unterschiedlichen Welten kommen durften. Keiner liess sich das zwar so richtig anmerken, doch die Unbeschwertheit der früheren Tage war vorbei.

Es wurde Abend und der Zeichner erwartete die Kontaktaufnahme durch den Auftraggeber. An der Wohnungstür klopfte es. Ein großer stattlicher Mann in dunklem Anzug sprach den Zeichner an. Der Fremde sollte im Namen des Auftraggebers einen Termin für die Präsentation der bisher erstellten Katalogblätter aushandeln. Der kommende Nachmittag schien dafür bestens geeignet. Das Treffen würde in der Druckerei stattfinden.

Zu dem Termin erschien der Auftraggeber in Begleitung des Mannes, der vor kurzem noch als Clark Gable Doppelgänger in den Schmutzwasserkanal gestürzt war.

Auftraggeber: Soweit ich informiert bin, kennen Sie meinen Sohn bereits?

Zeichner: Ja das stimmt, wenn auch in anderem Zusammenhang.

Auftraggeber: Ich muss mich für sein Verhalten entschuldigen. Neugier trieb ihn an. Hoffentlich hat er die Produktion nicht allzu sehr behindert?

Zeichner: Keineswegs.

Auftraggeber: Schön. Nun denn, was können sie vorweisen?

Der Auftraggeber, sein Sohn, der Zeichner und der Leiter der Druckerei fuhren mit einem Aufzug zu der Plattform unter der Hallendecke. Während der Fahrt sprach niemand ein Wort. Bei dem Zeichner breitete sich eine starke Verunsicherung aus. Wieso erwähnte der Auftraggeber nicht, was sein Sohn über die Arbeiten berichtet hatte? Wieso war der Auftraggeber diesmal nicht alleine gekommen, sondern in Begleitung des Sohnes? In dem Auftragsgespräch war der Sohn doch nur ganz beiläufig erwähnt worden, wieso nahm er jetzt eine derart wichtige Rolle ein? Aber nahm er wirklich eine so wichtige Rolle ein? Der Sohn hatte bisher nichts gesagt und die Anmerkung des Vaters zu der Spionageaktion des Sprösslings war nicht gerade sonderlich freundlich ausgefallen. Die vier Männer erreichten ihr Ziel. Nach einer knappen Zusammenfassung der Ereignisse der letzten fünf Jahre, drückte der Leiter der Druckerei einen Knopf. Eine der beiden langen Seitenwände der Halle klappte gemächlich nach außen und verwandelte sich in ein Vordach. Anschließend wurde der komplette Hallenboden mit allen Gerätschaften, Maschinen und dem Schmutzwasserkanal mittels einer Hydraulik um einige Meter angehoben. Auf unsichtbaren Rädern fuhr die Anlage unter das gerade erst errichtete Vordach. Von der Plattform blickten die vier Männer auf eine riesige Grube, in der ein leeres Blatt Papier von gewaltigen Ausmassen lag.

Zeichner: Im Moment nutzen wir noch einen Schutzumschlag, beim Abgabetermin wird sich an dieser Stelle natürlich ein bedrucktes Titelblatt befinden.

Ein metallener Greifarm hob den Umschlag an, legte ihn beiseite. Darunter kam die erste fertige Seite zum Vorschein.

Zwei Stunden später endete die Präsentation.

Zeichner: Selbstverständlich haben sie bisher nur einen kleinen Teil aus dem Musterkatalog gesehen. Die restlichen 963345 Blätter müssen noch erstellt werden. Danach folgt der Druck der gesamten Auflage. Vorausgesetzt natürlich, sie sind mit den bisherigen Ergebnissen einverstanden und möchten, dass wir unsere Arbeit fortsetzen.

Der Sohn des Auftraggebers begann mit einem ausgelassenen Freudentänzchen. Er hüpfte von einem Bein auf das andere und drehte sich dabei fortwährend um die eigene Achse. Sein Vater unterlegte die Darbietung mit rhythmischen Klatschen. Am Ende des Tanzes rief der Auftraggeber "gimme five" und streckte seinem Stammhalter die Hand entgegen. Der Sohn schlug ein. Beide fielen sich in die Arme.

Auftraggeber: Ich bin sogar sehr angetan von dem, was ich da gerade gesehen habe. Mein Sohn nicht minder. Sie können ihre Arbeit fortsetzen.

Alles war gesagt. Nachdem der Auftraggeber und sein Sohn die Druckerei verlassen hatten, fuhren die Gerätschaften wieder in die Halle ein, die Seitenwand wurde wieder heruntergeklappt und die Arbeit ging weiter.

Die folgenden Jahre vergingen wie im Flug.

Als das Werk vollendet war, gut zwei Monate vor Ende der offiziellen Frist, setzte sich der Zeichner in einem Gefühlsmix aus Euphorie und Melancholie an seinen Schreibtisch in dem sehr hohen Haus. Er atmete tief durch. Die Außerirdische befand sich gerade zur Entbindung auf ihrem Heimatplaneten. Seit langer Zeit verbrachte der Zeichner erstmals ein paar Stunden völlig allein. Er wusste in Zukunft würde das häufiger der Fall sein. Vieles das seinen Tagesablauf in den letzten zehn Jahren massgeblich bestimmt hatte, würde bald für immer verschwunden sein. Einfach so. Das betrübte ihn.

Zur feierlichen Übergabe der Riesenkataloge trafen sich der Auftraggeber, sein Sohn, der Zeichner und alle weiteren an dem Projekt Beteiligten in der Druckhalle. Nur die Ehefrau des Zeichners liess sich entschuldigen. Die Wehmut des Zeichners hatte sich mittlerweile auch auf alle Anderen übertragen. Einzig der Auftraggeber und sein Sohn strahlten vor Freude. Der Auftraggeber bedankte sich für das erstellte Werk mit einer überschäumenden Dankesrede. Im Anschluss erhielt jeder der Arbeiter dreiundzwanzig mit Geld gefüllte Bonus-Schuhkartons. Was jedoch für die größte Überraschung sorgte, war ein kleiner Nebensatz am Ende der Rede. Der Auftraggeber erinnerte daran, dass er mit etwas Glück in zehn weiteren Jahren seinen 90. Geburtstag feiern würde. Ein Grund abermals ganz besondere Einladungsgeschenke in Auftrag zu geben. Er habe da auch schon eine Idee. Doch darüber müsse er sich erst noch mit dem Zeichner unterhalten.

Abends erzählte der Zeichner seiner außerirdischen Ehefrau von der neuen Idee des Auftraggebers.

Außerirdische: Hm, ich schätze so ganz ohne außerirdische Hilfe lässt sich das wohl kaum verwirklichen - oder? Ich habe vor kurzen auch erfahren, dass WQ22MMM== sehr glücklich darüber wäre, wenn ich meine tägliche Sendung fortsetzen würde. Vielleicht sollte ich meine Zukunftspläne nochmals überdenken.

Was die Außerirdische dem Zeichner jedoch verschwieg: Am Vorabend der Katalogübergabe, hatte zwischen ihr und dem Auftraggeber ein Gespräch stattgefunden, in dessen Verlauf sie den Auftraggeber davon überzeugte, dem Zeichner einen weiteren Auftrag anzubieten.

14.05.2006 22.10 Uhr