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Geschichte vom 19.03.2006:

Der besondere Tag der Unentschlossenheit

Die Unentschlossenheit wälzte sich von einer Seite des Bettes auf die andere und wieder zurück. Sie wusste nicht so recht was sie tun sollte. Sie wusste nicht einmal, ob sie überhaupt etwas tun sollte. Aber weil sie ja die Unentschlossene war, konnte ihr deswegen auch niemand böse sein. Oder doch? Möglich gewesen wäre es schon, dass ihr wegen ihrer Unentschlossenheit jemand hätte böse sein können. Gänzlich ausschliessen liess sich so etwas nie. Und was wenn nun tatsächlich jemand auf sie wegen dieser Unentschlossenheit böse gewesen wäre? Was hätte sie dagegen tun sollen? Hätte sie überhaupt etwas dagegen tun müssen? Jeder konnte doch denken was er wollte. Aber wollte SIE, dass man so über sie denken konnte? Eigentlich hätte es ihr gleichgültig sein können. Gleichgültig sein müssen. Doch wollte sie wirklich, dass ihr gleichgültig war was andere über sie dachten? Schlüssig war sie sich in diesem Punkt nicht.

Vielleicht sollte sie dies doch erst mit dem Orakel besprechen. Wozu schließlich gab es das Orakel? Allerdings war das Orakel natürlich nicht nur für sie da. Sie durfte es nicht ständig von den Gesprächen mit anderen Ratsuchenden abhalten. Aber ihr letzter Besuch dort, lag doch nun wirklich schon sehr lange zurück. Wieder wurde sie unschlüssig. Hatte sie überhaupt schon einmal mit dem Orakel gesprochen - oder redete sie sich das einfach nur ein. Wäre doch möglich, dass sie sich das nur einredete. Immerhin war sie doch die Unentschlossene - wie konnte sie also gerade in diesem Punkt sicher sein?

Ach was war das alles wieder so schwierig. Musste das denn wirklich sein? Natürlich musste das nicht sein. Sie konnte daran jederzeit etwas ändern - wenn sie nur wollte. So eine Veränderung wäre aber natürlich schon eine grössere Sache. So etwas durfte man nicht einfach so über das Knie brechen. Da musste alles wohl bedacht werden. Doch hielt sie nicht gerade der Wunsch alles zu bedenken, davon ab tatsächlich etwas zu tun? Diese Möglichkeit bestand. Wäre es dann nicht klüger diesen Wunsch zu ignorieren? Aber wer kann schon im voraus sagen was auf lange Sicht klug wäre? Schlauer ist man immer erst hinter her. Wenn man sich allerdings gar keine Gedanken machen würde, würde man schnell als unbedacht gelten. Aber es konnte wohl niemand allen ernstes behaupten, dass gerade sie sich unbedacht verhalten würde. Da konnte man ihr schon eher das Gegenteil vorhalten.

Auf jeden Fall musste sie sich vollkommene Handlungsunfähigkeit vorwerfen lassen. Allerdings wäre die Absolutheit eines solchen Vorwurfs natürlich völlig falsch. Immerhin war sie doch zum Beispiel durchaus in der Lage, sich von einer Seite des Bettes auf die andere zu wälzen. Das sollte ihr erst einmal jemand in ihrer Situation nachmachen. War das aber wirklich etwas, worauf sie sich etwas einbilden konnte? Egal. Sie tat das jetzt einfach. Das heisst sie begann sich zu wälzen - ob sie sich darauf nun etwas einbilden konnte oder vielmehr, ob sie sich darauf etwas einbilden DURFTE oder nicht, das war eine ganz andere Sache. Darüber wollte sie jetzt lieber nicht nachdenken. Vorhin hatte sie sich ja auch schon von einer Seite auf die andere Bettseite gewälzt. Weshalb sollte das nicht noch einmal geschehen? Die Unentschlossenheit wälzte sich also erneut auf eine Seite des Bettes. Bedauerlicherweise hatte sie sich jedoch mittlerweile insgesamt schon drei Mal hintereinander in die gleiche Richtung gedreht, ohne dass ihr das aufgefallen war. Sie fiel aus dem Bett. Der Sturz endete unsanft auf dem Holzfussboden. Da lag die Unschlüssigkeit jetzt und grübelte darüber nach, ob es besser wäre sich wieder zurück ins warme Bett zu begeben - oder ob es nicht sinnvoller wäre auf dem Boden liegen zu bleiben, um der Möglichkeit eines erneuten Sturzes vorzubeugen. Während sie da lag, trat langsam die Sonne an sie heran.

Sonne: So, bist du also endlich aufgestanden. Wurde ja auch allmählich Zeit.

Unentschlossenheit: Äh. Eigentlich habe ich nichts dergleichen getan. Zumindest nicht bewusst. Glaube ich wenigstens. Denn warum hätte ich gerade jetzt aufstehen sollen, wo ich doch schon so lange im Bett gelegen habe. Obwohl es selbstverständlich möglich ist, dass ich genau deshalb gerade jetzt das Bett verlassen habe. Gewissermassen unbewusst also. Das könnte schon sein, denke ich.

Sonne: Dann muss heute ein ganz besonderer Tag sein, wenn sich dein Unterbewusstsein zu dieser Entscheidung durchgerungen hat.

Unentschlossenheit: Muss es das wirklich bedeuten? Ich bin mir da nicht sicher. Was wäre denn, wenn ich einfach so aus dem Bett gefallen wäre. Zufällig also. Dann wäre doch heute kein besonderer Tag. Ich meine, dann wäre es zwar etwas besonderes aus dem Bett gefallen zu sein, aber das hätte für diesen Tag dann keine grössere Bedeutung. Obwohl der Tag durch den zufälligen Sturz natürlich durchaus zu etwas ganz besonderem geworden ist. Wenn man so will. Aber ich bin mir da eben nicht ganz sicher. Es könnte alles auch ganz anders sein. Man weiss das ja nie so genau, glaube ich. Vielleicht aber auch doch.

Sonne: Frag mich doch einfach.

Unentschlossenheit: Das könnte ich selbstverständlich machen, wenn ich mir davon eine nachvollziehbare Antwort erhoffen würde. Wobei ich mir eine solche Antwort natürlich auf jeden Fall erhoffen kann. Nur kann ich halt schwer abschätzen, wie realistisch meine Hoffnung auf eine nachvollziehbare Beantwortung der Frage ist. Herausfinden könnte ich das, indem ich tatsächlich nachfrage. Allerdings wäre ich dadurch der Möglichkeit beraubt, die Frage wieder zurücknehmen zu können. Ich hätte sie ja dann schon gestellt. Wohingegen ich sie noch jederzeit stellen könnte, wenn ich sie noch nicht ausgesprochen hätte. Würde ich die Frage also jetzt stellen, würde ich mir die Option nehmen, sie zu einem späteren Zeitpunkt stellen zu können. Wenn ich sie aber jetzt stellen würde, müsste ich sie später nicht mehr stellen. Ich müsste dann auch nicht fürchten die Frage zu vergessen. Solange ich die Frage jedoch noch nicht gestellt habe, kann ich noch über eine möglichst präzise Formulierung nachdenken. Möglichst präzise Formulierungen sind ausserordentlich wichtig, wenn man sich hinsichtlich der tatsächlichen Fragestellung nicht ganz schlüssig ist. Doch bei was kann man sich schon schlüssig sein? Ich bin da immer sehr unschlüssig. Zumindest meist. Nicht immer also. Aber doch schon recht häufig. Glaube ich.

Sonne: Nun frag mich doch einfach, wie ich über diesen Tag denke.

Unentschlossenheit: Soll ich? Wirklich? Aber das geht doch nicht. Ich kann das nicht. Solch eine Frage zu stellen, schickt sich nicht. Nein. Wirklich nicht. Glaube ich. Doch woher sollte gerade ich wissen, was sich schickt und was nicht? Wie komme ich dazu mir darüber ein Urteil anzumassen? Nein. Das sollte ich nicht tun. Wirklich nicht. Denke ich zumindest. Aber woher soll ich wissen ob ich mir darüber wirklich kein Urteil anmassen darf? Vielleicht darf ich ja doch. Wie kannst du mir überhaupt solch eine Aufgabe stellen? Obwohl das natürlich dein gutes Recht ist. So wie es mein gutes Recht ist, deine Aufgabenstellung einfach zu ignorieren. Das hängt allein von mir ab. Aber du hast mich durch deine Worte natürlich unter einen grossen Druck gestellt - von dem ich nicht weiss, ob ich ihm standhalten kann. Das ist immens schwierig. Vielleicht nicht für jeden. Für mich jedoch schon. Wenigstens gerade jetzt. Doch zu einem anderen Zeitpunkt wäre die Situation vermutlich nahezu dieselbe. Naja, vermutlich zumindest. Ach verdammt nochmal. Ich weiss es doch auch nicht. Ich weiss ja nicht einmal, warum ich hier auf dem Boden liege. Das heisst, ich weiss natürlich schon, dass ich aus dem Bett gefallen bin ...

Sonne: Es ist spät. Ich muss jetzt gehen.

Unentschlossenheit: Ist es schon so spät? Aber ... Dann ist der Tag schon vorbei? Und was ist nun? War das nun ein ganz besonderer Tag oder war er es nicht?

Sonne: Für mich war er das. Es ist schon etwas ganz besonderes, jemanden zu treffen, der so unentschlossen ist wie du.

Unentschlossenheit: Hey Moment. Das war alles? Mehr hast du nicht zu sagen? Oder lag es an mir? Hätte ich eine präzisere Frage stellen müssen, so wie ich es eigentlich vorgehabt habe, bevor du mich unter diesen enormen Druck gesetzt hast. Obwohl ich mir diesen enormen Druck natürlich selbst gemacht habe. Was ist jetzt überhaupt mit mir? Wenn der Tag für dich etwas besonderes war - war er das dann auch für mich? Immerhin haben wir diesen Tag zusammen verbracht. Naja. Wenigstens haben wir viel geredet. Gut, hauptsächlich habe ich geredet, aber es kommt ja nicht immer auf die Anzahl der Worte an, die jemand spricht.

Die Nacht brach herein. Es wurde dunkel.

Dunkelheit: Hallo Unentschlossenheit. Wieso liegst liegst du denn da auf dem Boden?

Unentschlossenheit: Ich weiss auch nicht. Das heisst, ich weiss natürlich schon ...

Autor: Halt, halt, halt! Es reicht. Wenn das so weitergeht, wird diese Geschichte niemals fertig.

Unentschlossenheit: Wäre das so schlimm? Ich meine ...

Autor: RUHE!

Unentschlossenheit: Oh!

Autor: Ich will jetzt endlich zur Moral dieser Geschichte kommen. Los Moral, tu was.

Moral: Genau das ist die Moral: Tu etwas. Lieg nicht faul herum und vertrödele deine Zeit nicht mit Unentschlossenheit.

Unentschlossenheit: Das ist ja wohl eine bodenlose Frechheit. Wer sagt denn, dass man mit mir nur seine Zeit vertrödelt? Ich habe doch wohl durchaus auch meine positiven Seiten, denke ich. Die sind vielleicht nicht immer gleich zu erkennen, aber ...

Autor: RUHE!

Unentschlossenheit: Ich wollte doch nur ...

Moral: Es liegt in deiner Natur nichts zu wollen. Du nervst nur. Hälst einen davon ab etwas zu erledigen.

Unentschlossenheit: Das ist nun aber nicht nett. Andererseits ist da natürlich schon ein Fünkchen Wahrheit mit dabei.

Autor: Es reicht. Weil ich der Autor dieses Textes bin, mache ich jetzt ein anderes Wort aus dir. Aus der Unentschlossenheit wird nun das Ende.

Ende: Ende.

19.03.2006 18.21 Uhr