.
Mehr zur Schneckenseite Zum Profil von Rainer Lieser bei www.facebook.com Zum Profil von Rainer Lieser bei www.linkedin.com Rainer Lieser bei www.leselupe.de Zum Kanal der Webschnecke bei www.youtube.com Zum Profil von Rainer Lieser bei www.xing.com Zu den Tweets der Webschnecke bei www.twitter.com Zur Website www.rainer-lieser.de

Klicken Sei eine der Seitenzahlen an, um zu einer weiteren Geschichte zu gelangen.

 

Geschichte vom 27.02.2006:

Die "Frau-Grabbelbach-Welt"

BRÖÖMMMM
Mit penetrantem Brummen versuchte der Wecker Frau Grabbelbach ihren Träumen zu entreissen.

BRÖÖMMMM
Aber nichts tat sich zwischen den Kissen.

BRÖÖMMMM
Das digitale Herzstück der Maschine fühlte sich durch das ihr ungehörig erscheinende Verhalten des anvisierten Ziels gekränkt und erhöhte die Lautstärke des Weckrufs.
BRRRÖÖÖÖMMMM!!!
SEUFZ
Endlich - ein kaum vernehmbares Seufzen drang aus dem Bett. Nicht ohne Genugtuung nahm der Wecker dieses Signal zur Kenntnis. Mit frischem Mut setzte er seine Tätigkeit fort. Doch nicht nur das. Er wurde sogar noch lauter und lief zu neuer Hochform auf.
BRRRRRÖÖÖÖÖÖÖÖÖMMMMMMMM!!!

Langsam verwandelte sich die friedvolle Bettlandschaft in ein sturmgepeitschtes Meer aus Ecken und Kanten. Ähnlich den um Rettung flehenden Armen eines Ertrinkenden, reckten sich die zuckenden Gliedmassen von Frau Grabbelbach in die Luft. Noch zitternd und unbeholfen waren ihre Bewegungen. Dennoch war klar: Der Störenfried im Uhrgehäuse hatte seine Aufgabe erfüllt. Das strubbelige Haupt der 482 Jahre alten Geisterdame erhob sich. Frau Grabbelbach war erwacht.
Augenblicklich verstummte der Weckruf.

Ein kräftiges Pusten der Geisterdame liess das aus Mondlicht erschaffene Bett wieder in das Nichts verschwinden, aus dem es entstanden waren.

Frau Grabbelbach mochte den neumodischen Wecker nicht. Dieses Gerät war ihr von Grund auf zuwider - war ihr viel zu technisch. Da gab es viel zu viele Knöpfe. Und hinter all den vielen Knöpfen verbargen sich auch noch ganz ganz viele merkwürdige Funktionen, über die sie lieber gar nicht erst nachdenken wollte. Wochen hatte sie zusammen mit Herrn Josef damit verbracht die Weckzeit den eigenen Bedürfnissen anzupassen. Aber seit das Glockengeläut der großen Kirchturmuhr auf Drängen der Tourismusindustrie eingestellt worden war, gab es keine Möglichkeit mehr sich weiterhin den Errungenschaften des Fortschritts zu entziehen, wenn Frau Grabbelbach nicht ständig die Geisterstunde verschlafen wollte. Einigen dieser Technologien stand sie inzwischen sogar durchaus wohlgesonnen gegenüber. Das Internet zum Beispiel faszinierte sie sehr. So sehr sogar, dass sie sich inzwischen einen eigenen Computer hatte organisieren lassen. Ihr Freund, der Leichenbestatter, stand ihr in solchen Angelegenheiten stets hilfreich zur Seite. Er war es auch gewesen, der ihr den Digitalwecker geschenkt hatte.

Frau Grabbelbach und der Leichenbestatter waren sich vor vielen Jahren eines Nachts auf dem Südfriedhof, dem Arbeitsplatz des Leichenbestatters, begegnet. Die Geisterdame besuchte damals die Gräber ihrer vier Ehemänner, während der Leichenbestatter vor der letzten Ruhestätte seiner gerade verstorbenen Frau trauerte. Die beiden einsamen Herzen kamen ins Gespräch. Der Leichenbestatter erklärte, dass er keinen Sinn mehr in seinem Leben erkennen könne, seitdem ihm das Liebste genommen worden war. Frau Grabbelbach tat der arme Mann leid. Sie wollte helfen und versuchte ihn auf andere Gedanken zu bringen. In ironisch heiterem Ton klagte sie deshalb über ihren Kummer mit dem allnächtlichen Aufstehen, seit die Kirchturmuhr nicht mehr läutete. Ihr Plan ging auf. Die traurige Miene des Leichenbestatters wich einem Lächeln. Dankbar für die Aufheiterung versprach er der Geisterdame eine Lösung für ihr Problem zu finden. Nächsten Vollmond würde er Frau Grabbelbach wieder hier auf dem Friedhof erwarten. Bei diesem Treffen überreichte er ihr dann den hochmodernen Wecker und wies die Geisterdame anschließend auch gleich auf die Funktionen und Einstellungsmöglichkeiten des Geräts hin. Der Leichenbestatter war technisch äußerst versiert und erklärte ihr deshalb selbst die winzigsten Details und Nebensächlichkeiten noch in präzisester Form. Frau Grabbelbach fand das alles wahnsinnig interessant, verstand allerdings so gut wie nichts. Erst im Laufe der kommenden Jahre schaffte der Leichenbestatter es der Geisterdame so etwas wie ein technisches Grundverständnis für die heutige Zeit zu vermitteln. Darüber war er sehr stolz. Überhaupt schöpfte er durch die Gespräche mit seiner ungewöhnlichen Bekannten viel Kraft für das eigene Leben. Letztlich überwand er dadurch sogar seine Trauer.

Im Gegenzug erkannte Frau Grabbelbach durch die Freundschaft mit dem Leichenbestatter, dass man auch als Geist noch ein halbwegs menschliches Dasein führen konnte, wenn man nur wollte. Das war eine völlig neue Erfahrung für sie, denn seit ihrem Tod hatte sie sich mehr und mehr von den Lebenden zurückgezogen. Ihrer Ansicht nach gehörte man als Geist eben einfach nicht mehr in die Welt der Lebenden. Doch der Geisterwelt fühlte sie sich schon gleich gar nicht zugehörig. Einer Gruppe die ihre Daseinsberechtigung einzig aus dem erschrecken wildfremder Leute abzuleiten schien, wollte sie sich nicht anschließen. So fristete Frau Grabbelbach ein recht eintöniges, einsames und freudloses Dasein zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Geister. Erst durch die Freundschaft mit dem Leichenbestatter änderte sich an diesem Zustand etwas. Der Leichenbestatter brachte die Geisterdame dazu sich wieder etwas mehr den Lebenden anzunähern. Das Internet war dafür ein ideales Medium. Zur Nutzung dieses Mediums benötigte sie allerdings eine ganz spezielle Form der Unterstützung. Eine Unterstützung, die sie dem Leichenbestatter nicht auch noch abverlangen wollte. Das wäre ihr doch zu peinlich gewesen. Aber zum Glück gab es ja den Herrn Josef. Wann immer ihr danach war, bat sie also Herrn Josef um Hilfe.

Herr Josef lebte in der kleinen Höhle unter der großen Eiche vor dem Fenster von Frau Grabbelbach und war ein Feldhase. Wollte die Geisterdame eine E-Mail schreiben oder im Internet surfen, ergriff sie Besitz von Herrn Josefs Körper und liess dessen Pfötchen in ihrem Sinne über die Tastatur wirbeln. In der Zwischenzeit schwebte Herr Josef in der Geistergestalt von Frau Grabbelbach durch die Nacht und machte dabei Beobachtungen, die er als normaler Hase niemals hätte machen können. So zogen beide aus dem Arrangement einen Nutzen für sich.

Gestern bekam Frau Grabbelbach eine E-Mail von einem Herrn, den sie vor wenigen Wochen in einem Chatroom getroffen hatte. Sie war zwar etwas überrascht gewesen von dieser Nachricht. Hatte sich aber durchaus gefreut und wollte dem Mann heute noch unbedingt zurückschreiben.

Es folgen ein paar Auszüge aus den ersten E-Mails der beiden. Schon diese Schreiben weisen den charakteristischen Duktus der späteren Texte auf, weshalb an dieser Stelle darauf verzichtet werden soll die vollständige E-Mail-Korrespondenz abzubilden. Zum besseren Verständnis des weiteren Fortgangs der Geschichte, ist dieser kleine Auszug unbedingt von Nöten.

Pluralis 37: Sehr geehrte Frau Grabbelbach, ich habe mich aufrichtig über unsere virtuelle Begegnung vor zwei Wochen gefreut. Am heutigen Tage konnte ich es nun endlich einrichten, ihren Vorschlag bezüglich der weiteren Nutzungsmöglichkeit eines Toasters zu testen. Leider muss ich ihnen mitteilen, dass sich meine Skepsis bewahrheitet hat. Ein Käsefondue in einem Toaster zuzubereiten, ist wirklich keine lohnenswerte Sache, allenfalls vielleicht unter dem Aspekt der Abenteuerlichkeit betrachtet. Grundsätzlich bin ich jedoch selbstverständlich weiterhin offen für all ihre Vorschläge und würde mich über die weitere Korrespondenz mit ihnen sehr freuen. Pluralis 37

Frau Grabbelbach: Lieber Pluralis 37, vielen Dank für die Information und ihre Experimentierfreudigkeit. Sie haben wohl recht. Manchmal tendiere ich dazu mich bei den Anwendungsmöglichkeiten von technischen Geräten leicht zu vertun. Maschinen sind für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Ich wäre ihnen nicht erzürnt, wenn sie diese Eigenschaft auf mein fortgeschrittenes Alter zurückführen würden. Hat ihr Toaster eigentlich den Versuch überstanden oder musste er anschließend auf einem Elektrogerätefriedhof entsorgt werden? Frau Grabbelbach

Pluralis 37: Sehr geehrte Frau Grabbelbach, in der Tat belegt mein Toaster mittlerweile eine Parzelle auf dem hiesigen Elektrogerätefriedhof. Doch das sollte ihnen ebenso wenig Kummer bereiten wie mir. Das gute Stück fand eh kaum noch Verwendung in den letzten Jahren und begann an einigen Stellen gar schon zu rosten. Sie müssen sich also wirklich nicht daran schuldig fühlen, mich durch ihren Vorschlag eines existenziell wichtigen Nahrungsmittelaufbereitungsgerätes beraubt zu haben. Meine Ernährungsgewohnheiten sind da doch etwas anders ausgerichtet. Ich nehme durchaus auch Speisen zu mir, die ausserhalb eines funktionsfähigen Toasters zubereitet wurden. Gegrilltes Spanferkel zum Beispiel. Auch käme es mir in den kühnsten Träumen nicht in den Sinn, einer Dame aufgrund ihres Alters gewisse Charaktereigenschaften zuzuweisen. Erst durch ihre Andeutung wanderte der Gedanke sie nach der Anzahl ihrer Lebensjahre zu befragen, einen kurzen Moment durch meinen Geist. Allzu sehr vertiefen möchte ich dieses Thema jedoch nicht. Mehr von Interesse wäre es da schon für mich, ihr Verhältnis zu Kleidungsstücken zu hinterfragen. Klingt irgendwie geheimnisvoller - oder? Pluralis 37

Eines Nachts traf sich Frau Grabbelbach wieder mit dem Leichenbestatter vom Südfriedhof. Er besuchte sie in ihrer Wohnung.

Leichenbestatter: Nun, wie läuft das mit ihrer E-Mailbekanntschaft, Frau Grabbelbach?

Frau Grabbelbach: Ach ich weiß nicht so recht. Zu meinen Lebtagen war ich es gewohnt mit Menschen direkt zu sprechen. Jemandem eine E-Mail zu schreiben, ist hingegen eine recht anonyme Sache.

Leichenbestatter: Haben sie früher nie Briefe geschrieben? Briefe sind doch ebenfalls ein recht anonymes Medium. Durch geschickt genutzte Worte, kam man diesen Nachteil allerdings leicht wettmachen, wie sie sicher wissen.

Frau Grabbelbach: Natürlich. Aber mit den Pfötchen von Herrn Josef auf einer Tastatur einzelne Buchstaben anzutippen, um auf einem Monitor ein Abbild dieser Buchstabenkombination in Form von Worten wieder zu finden, damit diese Worte von einem unbekannten Menschen an einem unbekannten Ort auf einem anderen Monitor gelesen werden können, ist halt schon etwas anderes, als Worte auf ein Stück Papier zu schreiben, mit einem ganz bestimmten Menschen vor Augen. Ich habe immer noch so gar keine Ahnung davon, wer mein Gegenüber eigentlich ist. Vielleicht kommuniziere ich nicht einmal mit einem Menschen, sondern mit irgendeinem Programm, welches mich versucht auszuspionieren. Man weiss ja nie.

Leichenbestatter: Die Gegenseite weiss auch nicht, dass sie mit einer 482 Jahren alten Geisterdame Kontakt pflegt.

Grabbelbach: Diese Tatsache würde die Gegenseite eh nicht glauben.

Leichenbestatter: Vielleicht befürchtet Pluralis 37 sie könnten ihm ebenfalls nicht glauben, wenn er allzu viel von sich Preis geben würde. Oder er denkt, dass sie vielleicht von der Wahrheit enttäuscht wären.

Frau Grabbelbach: Ich hatte schon ganz vergessen, wie kompliziert diese Dinge bei euch Lebenden sind.

Leichenbestatter: Wir haben ein Leben lang Zeit zu lernen mit diesen Dingen umzugehen.

Frau Grabbelbach: Und wenn man es nicht lernt?

Leichenbestatter: Vermutlich ist das der Grund, weshalb manche von uns nie ganz verschwinden, sondern als Geister weiterleben.

Frau Grabbelbach: Oh. Das war jetzt ein Tiefschlag.

Leichenbestatter: Tut mir leid. Wäre doch aber eine mögliche Erklärung für ihre Existenz - oder?

Frau Grabbelbach: Ich könnte auch verwünscht worden sein - immerhin bin ich vier Mal verheiratet gewesen.

Leichenbestatter: Wie wahrscheinlich ist eine Verwünschung?

Frau Grabbelbach: Okay - eher unwahrscheinlich. Alle Ehen verliefen glücklich. Meine Männer sind immer in irgendwelchen Schlachten gestorben. So war das damals.

Leichenbestatter: Möglich also, dass sie doch noch etwas lernen müssten und sich deshalb weiterhin auf der Erde herumschlagen müssen.

Frau Grabbelbach: Diese Theorie gefällt mir gar nicht. Außerdem haben wir uns jetzt sehr weit vom ursprünglichen Thema entfernt.

Leichenbestatter: Wirklich?

Frau Grabbelbach: Ja, wirklich. Ich weiß immer noch nicht, wie es mit Pluralis 37 weiter gehen soll.

Leichenbestatter: Es ist ihre Entscheidung. Sie können jederzeit den Kontakt abbrechen.

Frau Grabbelbach: Huch das klingt nun wieder so schrecklich nüchtern und rational. Sie wissen doch, wie schwer mir dieses denken fällt.

Leichenbestatter: Wenn Pluralis 37 tatsächlich nur irgend ein Programm ist, wäre es aber recht nützlich für sie so zu denken.

Frau Grabbelbach: Pluralis 37 kann kein Programm oder eine Maschine sein. Diese Dinge sind seelenlos. Hinter den Worten von Pluralis 37 erkenne ich jedoch durchaus eine Seele.

Leichenbestatter: Aha.

Frau Grabbelbach: Ich werde doch wohl noch eine Maschine von einem Menschen unterscheiden können. So viel sollten sie mir wirklich zutrauen.

Leichenbestatter: Der Gedanke Pluralis 37 könne ein Programm oder eine Maschine kam von ihnen, nicht von mir - ich habe mich lediglich auf ihr Gedankenspiel eingelassen.

Frau Grabbelbach: Ich ... Oh ... Das ist wieder eine typische "moderne-Menschen-Aussage". Immer muss alles analysiert werden. Durch den Umgang mit eueren Maschinen, seid ihr selbst schon halbe Maschinen geworden. Pluralis 37 ist da anders. Er ist noch ein Gentleman der alten Schule.

Leichenbestatter: Dann scheinen sie doch schon recht viel über ihn zu wissen.

Frau Grabbelbach: Ich vermute es aufgrund meiner Menschenkenntnis.

Leichenbestatter: Aber wissen tun sie es nicht - und die Vermutung allein reicht ihnen mittlerweile nicht mehr aus. Stimmt doch - oder?

Frau Grabbelbach: Äh ... Ich bin mir meiner Menschenkenntnis absolut sicher. Immerhin habe ich eine Menge Menschen kommen und gehen sehen.

Leichenbestatter: Haben sie diese Menschen wirklich verstanden - oder haben sie diese Menschen nicht einfach nur kommen und gehen sehen, ohne sie weiter zu beachten?

Frau Grabbelbach: Offensichtlich haben sie meine Ausführungen nicht ganz zufrieden gestellt, wie ich ihrem spöttischen Unterton entnehme?

Leichenbestatter: Ihre Menschenkenntnis täuscht sie zumindest in diesem Punkt nicht. Sie entnehmen meinem Unterton exakt das gemeinte.

Frau Grabbelbach: Hm ... Was hat ihnen denn an meinen Ausführungen nicht gefallen?

Leichenbestatter: Ich denke sie waren ein klein wenig zu "Frau-Grabbelbach-bezogen". Ich vermisse darin das Verständnis für andersartige Gedanken. Das Verständnis und Interesse an Themen, die sie nicht direkt auf die "Frau-Grabbelbach-Welt" beziehen.

Frau Grabbelbach: Was soll das denn nun heissen? Wie können sie denn so etwas behaupten?

Leichenbestatter: Überrascht sie das?

Frau Grabbelbach: Allerdings.

Leichenbestatter: Gut. Das beweist, dass ihre Menschenkenntnis noch einige Lücken aufweist - sonst hätte ich sie ja wohl kaum überraschen können.

Frau Grabbelbach: Sie sind mir ja einer. Zurück zu Pluralis 37. Was soll ich ihrer Meinung nach jetzt tun, Herr Schlaumeier?

Leichenbestatter: Fragen sie ihn doch einfach ganz direkt danach, wer oder was er ist. Bisher erschöpft sich die Korrespondenz zwischen ihnen beiden doch hauptsächlich auf die unterhaltsamen Wortspiele zweier unentdeckter Schriftsteller. Vermutlich hoffen sie beide darauf, durch die Worte zwischen den Zeilen etwas mehr über den anderen zu erfahren. Ich halte das für einen sehr mühsamen und umständlichen Weg. Und ihnen gefällt diese Vorgehensweise ja offensichtlich ebenso wenig, wenn ich ihre Aussage zu beginn dieses Gesprächs richtig gedeutet habe.

Frau Grabbelbach: Diese Form von Mühsamkeit und Umständlichkeit ist mir nun einmal anerzogen worden. Man nannte das früher Höflichkeit, mein Bester. Schließlich erblickte ich in einige Jahrhunderte vor ihnen das Licht der Welt.

Leichenbestatter: Nun mal nicht biestig werden, meine Teuerste. Seit den Zeiten ihrer Erziehung sind einige Sommer ins Land gezogen, wie wir beide wissen.

Frau Grabbelbach: In der Tat. Das beweist mir mein Digitalwecker jede Nacht. Aber gut. Ich werde mich an ihren Rat halten. Doch ich bin mir absolut sicher, dass Pluralis 37 ein Mensch ist.

Leichenbestatter: Könnte er nicht ebenso gut ein Geist sein?

Frau Grabbelbach: Das wäre fast so schlimm, als wenn sich dahinter eine Maschine verbergen würde.

Um es kurz zu machen: hinter Pluralis 37 verbarg sich kein Geist und selbstverständlich auch kein Mensch - sondern eine Waschmaschine. Eine Waschmaschine mit einem defekten Schaltkreis, der es ihr ermöglichte das Internet für Kommunikationszwecke zu nutzen. Als beiden Schreibern die wahre Identität ihres Gegenübers bekannt war, herrschte auf der Seite von Frau Grabbelbach natürlich tiefe Bestürzung. In ihrem Kopf machte sich der Gedanke breit, möglicherweise tatsächlich nur noch zum erschrecken von Leuten zu taugen. Doch ehe sie das tat, wollte sie sich lieber komplett von den Lebenden fern halten. Mit dieser schmerzhaften Erkenntnis, zog sie sich von all ihren Internetaktivitäten und von all ihren Freunden zurück - auch von dem Leichenbestatter.

Schon bald darauf plumpste Herr Josef durch den Kamin in Frau Grabbelbachs Zimmer, weil die Türen und Fenster zum Haus der Geisterdame in der Regel verschlossen waren. Er schüttelte den Schmutz von seinem Fell und hoppelte auf die Geisterdame zu.

Herr Josef: Hallo Frau Grabbelbach.

Frau Grabbelbach: Hallo Herr Josef. Was machen sie denn für Sachen?

Herr Josef: Das sollte ich wohl besser sie fragen? Zieht sich einfach mir nichts dir nichts von den Freunden zurück und ist dann noch verwundert, wenn man nach ihr sieht. Sie sind mir schon eine.

Frau Grabbelbach: Ach Herr Josef. Ich weiss ja, es ist nett von ihnen gemeint. Aber sie sollten jetzt wirklich lieber wieder gehen.

Herr Josef: Und das alles, weil sie ein paar E-Mails an eine Waschmaschine geschrieben haben? Das kann ich nicht glauben.

Frau Grabbelbach: Das war nur die Spitze des Eisbergs. Durch diese Sache ist mir nur endgültig bewusst geworden, wie falsch bisher alles bei mir gelaufen ist. Es ist besser, wenn ich für mich alleine bleibe. Der Leichenbestatter hatte recht. Mir fehlt jegliches Verständnis und Interesse für diese Welt.

Herr Josef: Und was ist mit mir? Ich vermisse die Ausflüge in ihrem Körper sehr. Ihr Rückzug kam so plötzlich, dass ich nicht einmal mehr meine Freunde über die veränderte Situation informieren konnte. Nun da ich sie nicht mehr besuchen kann, würden sie sicher mich besuchen kommen wollen. Aber sie wissen ja nicht wo ich lebe. Ich habe es immer für unnötig gehalten ihnen das zu erzählen. Es gab stets wichtigere Themen. In meiner Hasengestalt werde ich diese Freunde jetzt nie mehr wieder sehen können. Dazu leben sie an zu aussergewöhnlichen Orten. Nie mehr werde ich mit dem Gockelhahn auf der Kirchturmspitze sprechen können oder mit der alten Dame in dem Kino in der Felsenhöhle oder mit den tanzenden Nebelelfen auf dem See oder all den anderen. Interessiert sie das wirklich nicht, Frau Grabbelbach?

Während Herr Josef so sprach, mit geknickten Öhrchen und tellergroßen Kulleräuglein aus denen Tränchen liefen, tat er der Geisterdame furchtbar leid.

Frau Grabbelbach: Das hatte ich nicht gewusst, Herr Josef. Gerade sie waren doch immer da, wenn ich Hilfe brauchte. Sie haben recht und ich verstehe ihren Unmut. Sie sollen eine Gelegenheit bekommen ihre Freunde zu informieren. Jetzt gleich. Los kommen sie. Wir tauschen unsere Körper.

Pluralis 37 hatte die Enttäuschung auf der Seite von Frau Grabbelbach gespürt, als er seine Identität bekannt gab. Die Reaktion der Geisterdame gefiel ihm gar nicht. Er fragte sich immer wieder ob Schweigen nicht besser gewesen wäre. Während er tagein tagaus diesem Gedanken nachhing, unterliefen ihm bei seiner Arbeit ständig Fehler. Er war nicht mehr in der Lage die ihm anvertraute Wäsche ordnungsgemäß zu reinigen. Die Leute beschimpften ihn als Schmutzmaschine. Nachdem selbst mehrere Reparaturversuche den Zustand nicht verbesserten, blieb dem Waschsalonbesitzer, in dessen Räumlichkeiten Pluralis 37 seine Wirkungsstätte hatte, nichts anderes übrig, als die fehlerhafte Maschine durch eine fehlerfreie zu ersetzen. Pluralis 37 wurde von einem Schrotthändler abgeholt. Auf dem Weg zu seiner letzten Ruhestätte geschah ein Unfall, in dessen Folge Pluralis 37 einen tiefen Abhang hinunter fiel. Sein Sturz endete vor einem dunklen Höhleneingang. Tief im Innern der Höhle entdeckte er ein Kartenhäuschen mit einer Person darin. Durch die Verlagerung seines Gewichtes bewegte sich Pluralis 37 langsam ruckelnd auf das Häuschen zu. Als er direkt davor stand, hieß ihn eine ältere weißhaarige Dame freundlich willkommen.

Dame: Hallo. Hast du Lust dir den Film anzusehen, der in unserem Kino läuft. Du kommst gerade rechtzeitig zur nächsten Vorstellung.

Pluralis 37: Aber ich bin doch nur eine defekte Waschmaschine.

Dame: Das macht nichts. Unser Film richtet sich an alles und jeden hier auf der Erde. Er klärt über den Sinn des Lebens auf und gibt Antworten auf alle Fragen. Jeder der den Weg hierher gefunden hat, darf sich diesen Film kostenlos ansehen und erhält dazu noch ein Getränk seiner Wahl. Was möchtest du trinken?

Pluralis 37: Ein Gläschen Weichspüler mit Meerbriseduft wäre fein.

Dame: Hier - bitte sehr. Nun folge mir. Ich geleite dich an deinen Platz. An den Platz, an den du hingehörst.

Pluralis 37: So einen Platz gibt es hier?

Dame: Jeder von uns hat sogar zwei davon. Einen in diesem Kinosaal, einen draußen in der Welt. Den hier drin kann ich dir weisen, den dort draußen musst du selbst finden. So, da sind wir auch schon. Ich gehe dann mal wieder.

Pluralis 37: Danke schön.

Sitznachbarin: Guten Abend. Oh, sie sind ja eine Waschmaschine.

Pluralis 37: Ist das für sie ein Problem?

Sitznachbarin: Ganz und gar nicht. Ich wurde durch diesen Umstand nur gerade an jemanden erinnert. Sagen sie, ihr Name ist nicht zufällig Pluralis 37?

Pluralis 37: Doch. Dieser Name steht auf meinem Fabrikationsschild. Woher wussten sie das?

Sitznachbarin: Sehen wir uns erst den Film an. Ich bin übrigens der Herr Josef.

Pluralis 37 war zwar leicht irritiert, als ihm seine Sitznachbarin ihren Namen mit Herr Josef angab, denn die Sitznachbarin war ganz offenkundig weiblichen Geschlechts und Pluralis 37 glaubte sie der Geisterwelt zuordnen zu können - und er hatte bis jetzt noch nie von transsexuellen Geistern gelesen oder gehört -, aber wie ihn die Erfahrung mit Frau Grabbelbach gelehrt hatte, war er offenkundig nicht gerade mit einer besonders großen Portion Feingefühl im Umgang mit Geistern gesegnet worden, weshalb er das Thema auf sich beruhen liess.

Sie sahen sich den Kinofilm "What the Bleep do we (k)now!?" an.

Nach dem Ende des Films sprach Herr Josef Pluralis 37 an.

Herr Josef: Nun?

Pluralis 37: Meinen sie all das trifft auch auf uns zu? Ich meine im eigentlichen Sinne kann man uns ja nicht gerade als Menschen bezeichnen.

Herr Josef: Hat ihnen die Dame vom Kartenhäuschen nichts über die Zielgruppe für den Film erzählt? Haben sie nichts in dem Film erkannt, dass ihnen vertraut erschien?

Pluralis 37: Doch. Schon.

Herr Josef: Ich ebenso - und deshalb beantworte ich ihre Frage mit "ja". Ich meine all das trifft auch auf uns zu.

Pluralis 37: Aber ... Ach schon gut. Manches sollte man auf sich beruhen lassen. Woher kannten sie eigentlich meinen Namen?

Herr Josef: Wir haben eine gemeinsame Bekannte. Frau Grabbelbach.

Pluralis 37: Oh!

Als er Herr Josef bemerkte in welche Richtung sich das Gespräch bewegte, kam ihm eine List in den Sinn. Er erzählte Pluralis 37 eine kleine Lüge.

Herr Josef: Sie sitzt gerade vor ihrem Rechner und schreibt eine neue E-Mail an sie.

Pluralis 37: Woher wissen sie das?

Herr Josef: Bekanntermaßen ist Frau Grabbelbach eine Geisterdame und besitzt daher keine Körperlichkeit. Ich leihe ihr immer meinen Körper, wenn sie ins Internet geht. Sie sehen also gerade das Erscheinungsbild ihrer E-Mail-Freundin vor sich, während Frau Grabbelbach in meinem Hasenkörper auf die Tasten haut.

Pluralis 37: Sie sind in Wirklichkeit ein Hase?

Herr Josef: Ein Feldhase um präzise zu sein.

Pluralis 37: Aber ich dachte Frau Grabbelbach wäre so enttäuscht darüber gewesen mit einer Waschmaschine korrespondiert zu haben, dass sie den Kontakt zu mir nicht mehr aufrecht erhalten wollte?

Herr Josef: Ja, die Sache hat sie schon tief getroffen. Aber hey - sie ist ein Geist und damit hatten sie sicherlich ebenso wenig gerechnet.

Pluralis 37: Wohl wahr. Da musste ich auch erst einmal tief schlucken. Was soll ich nun tun? Ich bin an kein Stromnetz mehr angeschlossen und kann deshalb nicht mehr auf das Internet zugreifen. Ich kann die E-Mail von Frau Grabbelbach also nicht empfangen und ihr auch nicht darauf antworten.

Herr Josef: Ich glaube, ich kenne da jemanden der ihnen helfen kann.

Kurze Zeit später traf Herr Josef bei Frau Grabbelbach ein.

Herr Josef: Alles klar.

Frau Grabbelbach: Schön.

Die beiden tauschten ihre Körper und Herr Josef verschwand ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer. Frau Grabbelbach blickte ihm verwundert hinterher. So einsilbig hatte sie Herrn Josef noch nie erlebt.

Mit flinken Pfötchen machte sich Herr Josef auf den Weg. Schnell hatte er sein Ziel erreicht.

Herr Josef: Hallo. Jemand zu Hause? Hallo!

Leichenbestatter: Nanu, Herr Josef. Was führt sie zu so später Stunde noch zu mir?

Zwei Tage später plumpste Herr Josef erneut durch den Kamin in das Zimmer von Frau Grabbelbach.

Frau Grabbelbach: Nanu, Herr Josef. Sie schon wieder?

Herr Josef: Tut mir aufrichtig leid, sie zu stören. Doch es ist wichtig. Der Leichenbestatter schickt mich.

Frau Grabbelbach: Der Leichenbestatter schickt sie? Warum kommt er denn nicht selbst vorbei?

Herr Josef: Er dachte sie würden ihn eh nicht anhören wollen. Deshalb hat er ihnen eine E-Mail geschrieben. Und ich soll sie dazu bringen diese E-Mail zu lesen.

Frau Grabbelbach: Das klingt aber sehr mysteriös, finden sie nicht, Herr Josef. Das passt gar nicht zu dem Leichenbestatter.

Herr Josef: Ich bin auch schon ganz aufgeregt. Lassen sie uns die Körper tauschen.

Frau Grabbelbach: Schon gut. Aber wirklich nur noch dieses eine Mal - und nur weil mir das alles höchst seltsam erscheint.

Sie rief ihre Mailbox ab und das Zählwerk zur Anzeige der eintreffenden E-Mails stand nicht mehr still. Pluralis 37 hatte ihr Unmengen von Nachrichten zugesandt. Eine anrührender und unterhaltsamer als die andere - und ständig trafen weitere E-Mails ein. Frau Grabbelbach konnte nicht anders, als jede Einzelne zu lesen. Zuerst war sie ein klein wenig auf Herrn Josef böse, weil dieser sie mit einer List zum Abruf der Mail-Box gebracht hatte. Doch dann zog sie es vor Purzelbäume mit Herrn Josefs Körper zu schlagen, denn sie freute sich. Die Erinnerung an die Worte des Leichenbestatters kam in ihr auf. Gerade war ihr wohl ein großer Schritt aus der "Frau-Grabbelbach-Welt" gelungen. Dies gab ihr ein gutes Gefühl, wie die Geisterdame feststellte. Herr Josef und der Leichenbestatter waren ihr bei diesem Schritt behilflich gewesen - und Pluralis 37 stellte einen Teil der Welt außerhalb ihrer eigenen dar. Was war so schlimm daran einen Hasen und einen Menschen um sich herum zu haben, die sich um einen sorgten - und was war so schlimm daran Gedanken mit einer Waschmaschine auszutauschen? Nichts, wenn man keine Angst davor hatte anderen zu vertrauen. Trotz ihrer 482 Jahre gab es wohl noch vieles für sie zu lernen, wie Frau Grabbelbach jetzt verstand. Vielleicht hatte der Leichenbestatter recht gehabt. Vielleicht war sie genau darum immer noch auf der Erde. Der Gedanke gefiel ihr - sie nutzte ihn als Ausgangspunkt für das nächste Schreiben an Pluralis 37.

27.02.2006 12.00 Uhr