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Geschichte vom 21.01.2006:

Die Sommersprosse

Manchmal läuft man durch eine fremde Stadt und begegnet dabei auf Schritt und Tritt den Geistern der eigenen Vergangenheit. Man läuft an Menschen vorbei die eigentlich gar nicht in an diesem Platz sein dürften - es aber dennoch sind - und plötzlich erinnert man sich an lang zurückliegende gemeinsame Momente mit diesen Menschen. Intensive Momente. Wir erinnern uns daran, dass diese Menschen einmal eine große Rolle in unserem Leben gespielt haben - und erkennen, dass sie uns heute nahezu fremd sind. Für einen Augenblick öffnet sich ein Tor in eine frühere Zeit. Manchmal werden solche Erinnerungen auch durch beiläufig wahrgenommene Objekte im Alltag oder Charakteristika in der Natur geweckt - nicht immer ist dafür eine Begegnung mit Menschen notwendig. Manchmal reicht es schon wenn ein Ast an einem fremden Baum einem Ast an einem vertrauten Baum ähnelt. Die Gedanken lassen den Ort an dem dieser vertraute Baum dereinst stand dann vor dem geistigen Auge auferstehen und verdrängen die Wirklichkeit um einen herum. Man erinnert sich an das Türmchen in der Nähe des Baumes, einen heißen Sommertag und an die kleine Eidechse auf den Stufen zu dem Türmchen und vergisst dabei, dass man sich gerade auf dem Zebrastreifen einer dicht befahrenen Straße befindet.

Im Falle von Herrn Radebrecht Gütlichkeit war es eine Sommersprosse, die ihm eine Begebenheit aus der Vergangenheit in das Gedächtnis zurück rief. Er blickte zufällig auf den Boden unter seinen Füßen und sah sie dort liegen. Zuerst erkannte er gar nicht, dass es sich bei diesem "kleinen Ding da" um eine leibhaftige Sommersprosse handelte. Für gewöhnlich traf man Sommersprossen ja nicht auf dem Kopfsteinpflaster eines Bürgersteigs an. Als er sich das seltsame Objekt jedoch ein Weilchen äußerst intensiv angesehen hatte, war er sich seiner Sache ganz sicher. Vor ihm lag tatsächlich eine Sommersprosse. Und diese Sommersprosse erinnerte ihn an seine frühere Herrin, die Baronin Armgard zu Morgentau.

Lange hatte er für die Frau Baronin und ihren Ehegatten in Diensten gestanden. Dann aber bot ihm eines Tages ein hungriger Leierkastenmann seinen Leierkasten im Tausch gegen ein Stückchen Brot an. Und weil Herr Radebrecht Gütlichkeit schon immer davon geträumt hatte als Leierkastenspieler durch die Lande zu ziehen ging er auf den Handel ein. Er kündigte seine Anstellung bei den Morgentaus und suchte sein Glück in der Fremde.

Als Herr Radebrecht Gütlichkeit das Haus verlassen hatte, wurde die Baronin von einer seltsamen Krankheit befallen. Ihre Sommersprossen fielen ihr vom Körper ab, wie welke Blätter von einem Baum. Da der Baron aber gerade die Sommersprossen an seiner Frau so sehr liebte, fürchtete sie nun ihren Gatten aufgrund dieses Makels zu verlieren. In ihrer Not sah sie keine andere Lösung, als sich die abgefallenen Sommersprossen jeden Morgen von ihrer Dienstmarkt annähen zu lassen. Das war zwar eine sehr schmerzhafte Prozedur, bewahrte sie aber vor dem Verlust der Zuneigung des Barons - zumindest hoffte sie das.

Eines Abends gab der Herr Baron seiner Ehefrau einen feurigen gute Nacht Kuss auf die Nasenspitze - was er meist nur tat, wenn er ihr gegenüber eine Missetat vertuschen wollte, heute war ihm diese Zuneigungsbekundung jedoch einfach mal so "rausgerutscht" - und stellte anschließend mit entsetzen fest, dass dieser Kuss den Verlust seiner Lieblingssommersprosse auf der Nasenspitze der Gattin zur Folge hatte. Da er fürchtete seiner Frau durch das Geständnis dieser Entdeckung Kummer zu bereiten, verschwieg er das seltsame Ereignis taktvoll.

Überraschend für den Baron befand sich beim gemeinsamen Frühstück am nächsten Morgen die Sommersprosse jedoch wieder an der gewohnten Stelle im Gesicht seiner Ehefrau. Dies erschien ihm insofern als höchst verwunderlich, da er besagte Sommersprosse, die er seiner Gattin am Abend zuvor unbeabsichtigter Weise entwendet hatte, noch am gleichen Abend im Spiegel an seinen eigenen Lippen haftend aufgefunden und in seinem ganz privaten Schatzkästchen abgelegt hatte.

Wieder wurde es Zeit ins Bett zu gehen und wieder gab der Baron seiner Frau einen feurigen gute Nacht Kuss auf die Nasenspitze und behielt eine Sommersprosse an den Lippen - und wieder befand sich am kommenden Morgen die verloren gegangene Sommersprosse an vertrauter Position im Gesicht der Baronin zurück, obgleich der Baron auch diese zweite Sommersprosse in seinem ganz privaten Schatzkästchen sorgsam aufbewahrt hatte. Wie war das möglich fragte sich der Baron? Was ging hier vor? Irgendetwas stimmte hier nicht. Er begann seiner Frau zu misstrauen.

Des Rätsels Lösung war eigentlich recht einfach. Die Baronin bewahrte alle Sommersprossen die sie im Laufe eines Tages verlor in einem versteckten Beutelchen unter ihrem Kleid auf. Bekanntermassen nähte die Dienstmarkt an jedem Morgen die Sommersprossen aus dem Beutelchen der Baronin aufs Neue an. Wobei sie besonderen Wert darauf legte, vorrangig die unbedeckten und somit aller Welt ersichtlichen Körperpartien ihrer Herrin instand zu halten. Mit der Baronin war sie darin über ein gekommen, die verloren gegangenen Sommersprossen an bedeckten Körperstellen einzusparen. Auf diese Weise konnte sich die Ehefrau ihrem Gatten zur Frühstückszeit immer mit einer Sommersprosse auf der Nasenspitze präsentieren.

Im Laufe der folgenden Monate wurde das private Schatzkästchen des Barons immer reicher an Sommersprossen, während die Pobacken und die Beine der Baronin immer ärmer an Sommersprossen wurden. Und so wie der Baron begonnen hatte seiner Frau zu misstrauen, begann die Baronin nun ihrem Mann zu misstrauen. Das tägliche verloren gehen einer Sommersprosse konnte nach Ansicht der Baronin zu Morgentau kein Zufall sein. Ihr Gatte wusste etwas wissen. Sie vermutete, er triebe ein boshaftes Spiel mit ihr - und der allabendliche feurige gute Nacht Kuss auf ihre Nasenspitze sei ein Teil dieser Intrige. Einmal glaubte sie sogar zu erkennen, wie bei einem dieser Küsse die Sommersprosse ihrer Nasenspitze an den Lippen des Barons hängen blieb. Da der Kuss jedoch immer in dem gleichen unbeleuchteten Gang praktiziert wurde, konnte das selbstverständlich auch nur Einbildung sein, denn in der Dunkelheit konnte sie nicht viel sehen. Aber zutrauen tat sie ihrem Gatten das schon. Sie überlegte Kerzen in dem Gang aufstellen zu lassen, um die Lippen des Barons nach dem Kuss besser betrachten zu können. Da in dem Gang allerdings meist die Fenster geöffnet waren, um dem leicht moderigen Gemäuer etwas Frischluft zuzuführen, wären die Kerzen von dem zugigen Wind rasch ausgeblasen worden. Also verwarf sie diesen Gedanken.

Beide Eheleute behielten den Partner ganz genau im Auge - und führten Buch über alle unliebsamen und verdächtigen Vorkommnisse. Bald herrschte offene Feindschaft zwischen dem ehemals glücklich verheirateten Paar. Der Hass wurde schließlich so groß, dass sie sich gegenseitig vergifteten.

Als Mörder konnten die beiden natürlich unmöglich Zugang ins Himmelreich erhalten, weshalb sie beim Teufel vorstellig wurden. Der nahm sie sogleich mit Freuden auf, ohne zu ahnen welche schlimmen Auswirkungen das haben würde. Der Baron und die Baronin schrieen sich unentwegt in einer entsetzlichen Lautstärke an. Luzifer hatte keine ruhige Sekunde mehr - und auch den restlichen Höllenbewohnern gingen die beiden zu Morgentaus gehörig auf den Geist.

Es war noch früh am Morgen. Der Bäcker schloss gerade die Tür auf. Kurz darauf betrat der erste Kunde den Raum. Es war der Teufel. Er war zutiefst verärgert. Blitze zuckten um die Hörner seines Schädels.

Luzifer: Drei Sesambrötchen bitte und ein Stück von der Erdbeertorte.

Bäcker: Ärger gehabt?

Luzifer: Das kann man wohl sagen. Das neue Paar treibt mich noch in den Irrsinn.

Bäcker: Ich weiß. Mich haben sie gestern hier auch zur Weissglut gebracht.

Luzifer: Macht keinen Spaß die beiden am Hals zu haben. Ich halte das echt nicht mehr aus.

Bäcker: Ich hatte es dir von Anfang an gesagt. Weißt du noch? Das mit den Sommersprossen war einfach eine Nummer zu groß. Da muss ein Mächtigerer als du und der Typ von ganz oben am Werk gewesen sein.

Luzifer: Man sollte es ja nicht für möglich halten. Aber du hast wohl recht. Es muss da noch einen Dritten geben, von dem wir bisher alle nichts wussten. Schöner Dreck. Und das gerade jetzt nach all den vielen tausenden von Jahren. Ach was solls. Ich habe die Schnauze voll. Ich schmeiß die beiden heute raus. Sollen sie doch wieder auf die Erde zurück.

Bäcker: Und was ist mit den anderen Untoten auf der Erde?

Luzifer: Ich vermute mal die haben von den beiden recht schnell genug und werden sich dann entweder nach ganz oben oder nach hier unten absetzen. Vielleicht kümmert sich ja auch der unbekannte Dritte um sie.

Bäcker: Du bist der Boss. Du musst wissen das du tust.

Luzifer: Wenn die hier bleiben, dann haue ich ab.

Bäcker: He Mann. Sag so etwas nicht.

Luzifer: Echt. Ich kann wirklich nicht mehr.

So gelangten der Baron zu Morgentau und seine Ehefrau Armgard als Geister zurück auf die Erde. Und vor wenigen Stunden sind sie genau an der Stelle vorbeigelaufen, an der Herr Radebrecht Gütlichkeit die eingangs erwähnte Sommersprosse aufgefunden hatte. Erwähnt werden sollte in diesem Zusammenhang vielleicht noch, dass die Frau Baronin auch als Geist weiterhin ihre Sommersprossen verlor, aber durch eine merkwürdige Laune der Natur wuchsen ihr die verloren gegangenen Sommersprossen jetzt sofort wieder nach. Was allerdings keine positive Auswirkung auf die Streitereien zwischen ihr und ihrem Mann hatte.

Schuld an dem ganzen war übrigens der hungrige Leierkastenmann, der seinen Leierkasten gegen das Stück Brot von Herrn Radebrecht Gütlichkeit eingetauscht hatte. In Wahrheit war dieser Typ ein uralter boshafter ultramächtiger Überzauberer, der noch mal für ordentlich Aufregung auf der Erde, in der Hölle und im Himmel sorgen wollte. Nach der Sache mit den Morgentaus hing er die Zauberei an den Nagel und ging in die Politik. Dort treibt er sich noch heute herum.

21.01.2006 19.05 Uhr