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Geschichte vom 30.12.2005:

Das Schloss in Grönland

Der Regenschirm lag schon seit langem in der alten vermoderten Holztruhe auf dem Dachboden. Manchmal dachte er man habe ihn womöglich einfach dort vergessen und es wäre für alle Parteien am besten, wenn er sich durch lautes Herumgepoltere wieder ins Gedächtnis zurückrufen würde - sobald ihm dieser Gedanke in den Sinn kam, zog er allerdings auch immer noch eine weitere Möglichkeit in Betracht: den Tod seiner Besitzer. Manchmal starben Menschen ja einfach so. Und wenn seine Besitzer tatsächlich verstorben wären, dann würde er durch sein Gepoltere vielleicht die Totenwache stören - was dem Schirm sehr unangenehm gewesen wäre, wo er doch Unhöflichkeit so gar nicht leiden konnte. Und die Trauer von Hinterbliebenen zu stören, wäre nach dem Ermessen des Regenschirmes äußerst unhöflich gewesen. Also unterliess er es auf sich aufmerksam zu machen und blieb weiterhin still in der Kiste liegen. Obwohl ihm dies sehr missfiel.

Er verbrachte lange Stunden damit über die Vergangenheit nach zu grübeln.

Damals als er frisch aus der Fabrik gekommen war, war er von einer kühnen Idee beseelt. Er glaubte fest daran die Fähigkeit zu besitzen Regen-, Schnee- und Gewitterwolken in die Flucht schlagen zu können - man müsse ihn dazu einfach nur aufspannen. Den Rest würde er dann schon alleine machen. Sein Glaube an diese Gabe war unerschütterlich.

So wartete er Tag für Tag in einem Regal in dem man ihn untergebracht hatte auf jemanden, der ihm dabei half seine Kräfte zur Entfaltung zu bringen.

Anfangs bereitete es ihm kein allzu großes Kopfzerbrechen, wenn die Menschen sich seiner statt für einen anderen Schirm entschieden. Doch im Laufe der Zeit änderte er seine Meinung. Es schmerzte ihn zusehends mehr, seine Artgenossen zusammen mit beglückten Menschengesichtern entschwinden zu sehen. Er wusste keinen Grund weshalb die anderen Regenschirme gekauft wurden und er immer zurück bleiben musste. Hatte er seinem zukünftigen Besitzer doch sogar etwas ganz besonderes zu bieten. Die Käufer vermochten dies wohl aber nicht zu erkennen - oder sie erkannten es und fürchteten sich davor.

Eines Tages lag der Schirm nur noch zusammen mit einer frischen Bananenschale im Regal. Ein uralter Mann hatte die Bananenschale im Tausch gegen den vorletzten Regenschirm hinterlassen. Am Ausgang war der Alte vom Wachpersonal für diese Tat gestellt worden, weil man in diesem Warenhaus Obstüberreste nicht als adäquates Zahlungsmittel für Regenschirme akzeptierte. Voller Wut schlug der Dieb seine Beute dem Wachmann um die Ohren. Der Schirm ging dabei kaputt, der Täter wurde von der Polizei abgeführt und der Wachmann kam ins Krankenhaus.

Regenschirm: Da habe ich wohl noch mal Glück gehabt. Hätte der Alte mich ausgewählt, dann würde ich nun im Mülleimer liegen und nicht mein früherer Kollege.

Bananenschale: Ja so kann es gehen. Liegen sie schon lange hier?

Regenschirm: Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Keiner will mich haben.

Bananenschale: Oje, sie Armer. Dabei sehen sie doch recht passabel aus. Liegt es am Preis?

Regenschirm: Das dachte ich auch schon. Aber der Preis kann es nicht sein, wie mir andere Schirme glaubwürdig versichert haben. Es muss da etwas anderes geben. Vielleicht spüren die Käufer einfach, dass ich kein gewöhnlicher Regenschirm bin.

Bananenschale: Sie sind kein gewöhnlicher Regenschirm?

Regenschirm: Nein das bin ich nicht. Ich kann Regen-, Schnee- und Gewitterwolken verschwinden lassen. Dazu muss man mich einfach nur aufspannen.

Bananenschale: Das ist in der Tat aussergewöhnlich - vor allem weil ...

Im nächsten Augenblick griff eine Hand nach der Bananenschale und entfernte sie aus dem Regal. Der Regenschirm war wieder ganz allein.

Regenschirm: Ach je. Wie soll das nur weiter gehen?

Draussen vor dem Kaufhaus begann es wie aus heiterem Himmel zu regnen. Überrascht von dem plötzlichem Wetterumschwung strömten Heerscharen von Menschen in die Verkaufsräume, um sich vor dem Wolkenbruch in Sicherheit zu bringen. Einige dieser Menschen, wie zum Beispiel Frau Rohrendocht, die in zehn Minuten einen Termin beim Friseur hatte, begaben sich schnurstracks auf die Suche nach der Regenschirm-Abteilung, in der nach wie vor unser Schirm ganz allein in seinem Regal lag - denn weil keiner der Kaufhausangestellten mit dem Regen gerechnet hatte, war die Auslage noch nicht wieder aufgefüllt worden. Bald griffen unzählige Hände nach dem Regenschirm. Das Blatt hatte sich also endlich gewandelt. So wie vor kurzem noch der Schirm den Launen der Käufer ausgesetzt war, so waren nun die Käufer der Laune des Schirmes ausgesetzt. War ihm eine Hand unsympathisch, rollte er unter ihren Fingerkuppen ein Stückchen weiter nach hinten, so dass er nicht mehr erreicht werden konnte. Gefiel ihm eine Hand, so versuchte er sich ihr soweit als möglich anzunähern. In dem Gewusel herrschte allerdings ein stetes Geschiebe und Gedränge, wodurch es dem Regenschirm nicht gerade leicht fiel seinen Favoriten einen Vorteil einzuräumen. Nach zähem ringen ging Frau Rohrendocht aus dem Gefecht als Siegerin hervor. Voller Freude über den Triumph eilte sie mit ihrer Beute zur Kasse.

Der Regenschirm fühlte sich sehr wohl in den gepflegten Fingern seiner zukünftigen Besitzerin. Sobald sie ihn vor dem Kaufhaus aufspannen würde, würde er seinen Schlag gegen die Gewitterwolken ausführen können. Geschwind lief Frau Rohrendocht auf die Ausgangstür zu. Der Schirm war bereit. Auf diesen Moment hatte er sein ganzes Leben lang gewartet. Seine Besitzerin öffnete ihn und hielt ihn zum Schutz vor den Wassertropfen dicht über ihren Kopf.

Sie erreichte den Friseur pünktlich.

Wie aber war es dem Regenschirm ergangen?
Der Regenschirm hatte dem Unwetter keinen Einhalt gebieten können. Er hatte sich überschätzt. Sein Lebenstraum war mit einem Schlag zerstört worden. Er war zutiefst enttäuscht. Zuerst führte er sein Versagen noch auf unglückliche Umstände zurück, als er jedoch bei folgenden Einsätzen das anvisierte Ziel ebenso wenig erreichen konnte, begann er sich mit der unliebsamen Wahrheit abzufinden.

Irgendwann verstaute Frau Rohrendocht den Schirm in einer Holztruhe. 45 Jahre später, am heutigen Tag, befand er sich dort noch immer. Plötzlich nahm er ein paar merkwürdig vertraute Stimmen wahr.

Erste Stimme: Du meinst wirklich er liegt da drin?

Zweite Stimme: In meinem Traum war es so.

Erste Stimme: Du und deine Träume. Haben die dir nicht auch erzählt, welchen Regenschirm ich aus dem Regal hatte ziehen sollen?

Zweite Stimme: Das haben sie - und du hast den falschen heraus gezogen.

Erste Stimme: Das sagst du.

Zweite Stimme: Ja, das sage ich. Hättest du den richtigen genommen, mich nicht liegen lassen und außerdem noch an der Kasse ordentlich bezahlt, dann könntest du dich wahrscheinlich längst schon wieder in deinem Schloss aufhalten. Aber der feine Herr wusste ja alles besser.

Erste Stimme: Ich will das nicht hören. Und überhaupt - wer rechnet schon mit einer Bananenschale als Glücksbote?

Zweite Stimme: Das kommt davon, wenn man den Dingen nicht den Wert zuspricht, der ihnen innewohnt.

Erste Stimme: Ich will das nicht hören!

Zweite Stimme: Dann mach endlich die Truhe auf.

Der Deckel der Kiste öffnete sich mit einem schweren Ächzen. Geblendet durch das Licht, fiel es dem Regenschirm schwer etwas zu erkennen.

Erste Stimme: Ist das der Regenschirm?

Zweite Stimme: Das ist er. Genau mit dem hatte ich mich unterhalten.

Regenschirm: Wie bitte? Sie kennen mich?

Zweite Stimme: Oje mein Junge, du hast aber ein verdammt schlechtes Gedächtnis, wenn du dich nicht mehr an mich erinnern kannst. In der Regel vergisst man einen Typen wie mich nicht so leicht.

Allmählich gewöhnte sich der Schirm an die ihm fremd gewordene Helligkeit. Er sah eine ziemlich vergammelte Bananenschale auf dem Rand der Truhe liegen. Ein uralter Mann blickte mit glänzenden Augen in die Kiste. Es war der Mann, der damals in dem Kaufhaus den vorletzten Regenschirm entwendet und damit einen Wachangestellten verprügelt hatte.

Regenschirm: Entschuldigung. Ich musste mich erst an das Licht gewöhnen.

Bananenschale: Von Licht kann man hier wohl nicht gerade sprechen. Es ist es doch stockfinster. Nur der Mond scheint durch einige wenige Dachritzen. Tagsüber wären wir auch nie an Frau Rohrendocht vorbei gekommen. Wir mussten erst warten bis sie schlief, bevor wir uns in das Haus schleichen konnten.

Regenschirm: Klingt ja ziemlich abenteuerlich - und wozu das ganze?

Bananenschale: Um dich zu finden.

Regenschirm: Warum?

Bananenschale: Du bist die einzige Hoffnung für den alten Mann hier an meiner Seite.

Uralter Mann: Am besten erzählst du dem guten Schirm erst einmal die ganze Geschichte. Wie soll er denn sonst verstehen, was das alles zu bedeuten hat.

Bananenschale: Soll ich ihm wirklich alles erzählen - auch die Vorgeschichte?

Uralter Mann: Ähem ... Ja, auch die Vorgeschichte.

Die Bananenschale wartete kurz. Erst nach einer weiteren Zustimmung des uralten Mannes, die er durch ein Kopfnicken gab, begann sie zu erzählen.

Bananenschale: Vor einer Ewigkeit hatte ein reicher Dickschädel in Grönland ein Schloss erbauen wollen. Ihm wurde zwar von allen Seiten davon abgeraten, doch der Mann liess sich von seiner Idee nicht abbringen. Das prachtvolle Gebäude wurde unter großen Mühen an dem gewünschten Ort gebaut. Der Schlossherr lebte mit unzähligen Bediensteten über viele Jahre glücklich und zufrieden in seinem Heim. Eines Tages trat der Gevatter Tod an den inzwischen alt gewordenen Dickschädel heran. Es war an der Zeit zu sterben. Doch der Schlossherr sah das anders. Trotzig erwiderte er dem Sensenmann "Ich will das nicht". Der Alte wurde sogar richtig böse auf den Tod und beschimpfte ihn derart wüst, dass der Tod alsbald unverrichteter Dinge das Weite suchte.
Wieder vergingen die Jahre. Die Anzahl der Bediensteten nahm stetig ab - denn sobald jemand starb, gab es niemanden der die entstandene Lücke füllte, denn niemand bewarb sich um eine freie Stelle auf dem Schloss. Grund dafür war ein Gerücht, in dem es hiess der alte Schlossherr habe durch einen Pakt mit dem Teufel dem Tod ein Schnippchen geschlagen. Als Gegenleistung für das ewige Leben des Schlossherrn würden alle Seelen der verstorbenen Dienerschaft im Höllenfeuer schmoren müssen. Natürlich haftete diesen Worten keine noch so kleine Spur von Wahrheit an, dennoch geisterte die Geschichte durch die Köpfe der Menschen und hielt Arbeitssuchende von dem grönländischen Herrschaftssitz fern.
Bald war das Tagwerk nicht mehr von dem übrig gebliebenen Personal zu erledigen. Verwahrlosung und Zerfall hielten Einzug in das ehemals stolze Gemäuer. Dem dickschädeligen Schlossherrn missfiel das sehr, doch kein auch noch so wütendes "Ich will das nicht" vermochte daran etwas zu ändern. Langsam verschwand das Schloss unter den Schneemassen.
Nachdem der letzte Bedienstete verstorben war, schaufelte sich der uralte Dickschädel einen Weg nach draußen frei. Er wollte die Welt bereisen um nach einer Rettungsmöglichkeit für sein Anwesen Ausschau zu halten.
Das alles ist schon lange her. Niemand erinnert sich heute noch an das Schloss in Grönland. Der Schnee hat es vollkommen verschluckt. Nur der Eigentümer selbst weiss noch um die Existenz seines ehemaligen Herrschaftssitzes.
Vor nunmehr 45 Jahren lief dieser Schlossbesitzer durch die Obstabteilung eines Kaufhauses. Gedankenverloren griff er sich dabei eine Banane und aß sie. Da der Alte in seinem langen Leben viele Sprachen erlernt hatte, war es keine Schwierigkeit für ihn mich zu verstehen, als ich ihn Ansprach. Ein Traum hatte mir von unserer Begegnung erzählt und mir auch eine Lösung für das Problem des Mannes genannt. Das sagte ich dem Alten. Kaum hatte ich ihm diesen Funken Hoffnung geschenkt, da war der Dickschädel schon nicht mehr zu halten. Leider hatte er in seiner Euphorie nur die Hälfte meiner Worte vernommen. Es folgte ein Desaster. Zum Teil hast du, mein lieber Regenschirm, das ja selbst miterlebt.
Ich landete in einer Mülltonne. Dort machte ich mir unendliche Vorwürfe. Durch meine Unbedachtheit hatte ich einen unglücklichen Menschen noch tiefer ins Verderben geführt. Diese Schuld wollte ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich begab mich auf die Suche nach dem uralten Mann. Wie du siehst fand ich ihn. Seither stehe ich ihm zur Seite und gemeinsam haben wir alles unternommen um dich zu finden. Heute sind wir endlich an unserem Ziel angelangt. Jetzt musst du meinem Freund nur noch dabei helfen sein Schloss von den Schneemassen zu befreien.

Regenschirm: Aber ...

Uralter Mann: Aber?

Bananenschale: Aber?

Regenschirm: Ich glaube ich muss hier ein Missverständnis aufklären. Ich habe niemals behauptet meterhohe Schneemassen verschwinden lassen zu können.

Bananenschale: Das musst du doch auch gar nicht. Du sollst lediglich das Schneetreiben um das Schloss beenden. Damit ist deine Aufgabe erfüllt. Mein Kumpel wird dann das Anwesen frei schaufeln. Als Unsterblicher hat er dazu ja genug Zeit.

Regenschirm: Aber selbst das kann ich nicht.

Bananenschale: Oje.

Uralter Mann: Hä?

Regenschirm: Ich habe meine Fähigkeiten überschätzt. Ich kann das alles gar nicht, was ich damals behauptet habe.

Bananenschale: Und was ist mit meinem Traum? Willst du etwa behaupten der würde auch nicht stimmen?

Regenschirm: Ich weiss nicht ...

Uralter Mann: Ich will das alles nicht hören. Wir gehen jetzt nach Grönland und damit Basta.

Bananenschale: Oje. Oje.

Der uralte Mann stopfte die Bananenschale in seinen Rucksack, klemmte den Schirm unter den Arm und verliess das Haus von Frau Rohrendocht, ohne dabei auch nur das geringste Geräusch zu machen. Mit einem Fahrrad begab er sich auf den Weg zum Flughafen. Der Alte hatte sich im Laufe seines Lebens großes Wissen über das Spuken angeeignet. Er war immer der Ansicht gewesen für einen Unsterblichen könne so etwas nicht von Nachteil sein. Diese Kenntnisse waren ihm auch schon einige Male höchst hilfreich gewesen. So zum Beispiel damals, als er sich mittels einiger kleinerer Tricks der Haftstrafe nach der "Kaufhaussache" entzog.

Während er auf der nächtlichen Straße in die Pedale trat, überlegte sich der uralte Mann, wie er an Bord eines Flugzeugs gelangen könne.

Der Pilot bemerkte während des Fluges nichts von den ungewöhnlichen Gästen, die sich heimlich in seinem Frachtraum einquartiert hatten. Erst als die Maschine in Grönland gelandet war und das Gepäck entladen wurde, trat einem Mitarbeiter des Bodenpersonals eine Geruchsmischung aus vermoderten Kleidungsstücken und verfaulter Bananenschale in die Nase. Kaum hatte er diesen Duft wahrgenommen, überstürzten sich auch schon die weiteren Ereignisse. Ein uralter Mann schubste den Arbeiter beiseite und hüpfte danach auf das Transportförderband zur Entladung der Gepäckstücke. Nach einer kurzen Fahrt auf dem Laufband, machte der Alte einen gewagten Sprung auf das Rollfeld und verschwand von aus dort auf nie mehr Wiedersehen.

Regenschirm: Donnerwetter.

Bananenschale: Ja unser unsterblicher alter Dickschädel ist körperlich noch ganz gut beisammen. Ich hoffe mal sein Gedächtnis ist nicht minder fit - schließlich war er sehr lange weg von hier und muss jetzt den Weg zu einem Schloss wieder finden, das von sehr viel Schnee überdeckt wird.

Uralter Mann: Meinen Herrschaftssitz wieder zu finden könnte in der Tat ein Problem darstellen. Hier hat sich doch einiges in den letzten knapp 800 Jahren verändert. Das wird mir eben erst richtig bewusst.

Regenschirm: Das klingt nicht sonderlich viel versprechend.

Uralter Mann: Lass das Mal meine Sorge sein. Stell du nur das Schneetreiben auf meinem Anwesen ab.

Regenschirm: Aber ich sagte doch ...

Uralter Mann: Ich will das nicht hören.

Bananenschale: Oje.

Uralter Mann: Und du sag nicht immer "Oje". Ich will auch das nicht mehr hören.

Bananenschale: Na gut, dann sage ich jetzt "los Jungs". Lasst uns endlich weiter gehen. Das Glück hat uns bisher nicht im Stich gelassen, dann wird es das auch in Zukunft tun.

Insgeheim dachte die Bananenschale aber natürlich schon "Oje".

Der uralte Mann stapfte durch die karge Winterlandschaft und versuchte sich an vertraute Naturgegebenheiten zu erinnern - an Felsen, Berge, Täler oder Bäume. Doch absolut nichts kam ihm bekannt vor. Es war, als sei er hier niemals zuvor gewesen.

Wann immer ihm ein Mensch begegnete, fragte er nach dem zugeschneiten Schloss. Doch niemand wusste darüber etwas zu berichten. So ging es tagein tagaus. Schliesslich begann der uralte Mann an seinen Erinnerungen zu zweifeln. War er wirklich ein Schlossherr? War er wirklich unsterblich? Konnte es nicht ebenso gut sein, dass er sich all das nur einredete? Er war alt. Vielleicht war er krank. Immerhin sprach er mit einem Regenschirm und einer vergammelten Bananenschale - manch einer würde das für recht sonderbar halten. Vielleicht war da irgend etwas in seinem Kopf nicht mehr ganz in Ordnung.

Eines Abends sah er in weiter Ferne eine hell erleuchtete Schneefläche.

Bananenschale: Siehst du das Licht, uralter Mann - von woher kommt das?

Uralter Mann: Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen die Dienstboten richten zu meiner Rückkehr einen grossen Empfang aus.

Bananenschale: Hattest du nicht das Schloss erst verlassen, nachdem all deine Angestellten verstorben waren?

Uralter Mann: Darum sagte ich ja, "wenn ich es nicht besser wüsste". Dennoch könnte diese Erscheinung ein Zeichen sein. Ein Wink des Schicksals.

Regenschirm: He ihr Schlaumeier. Seht mal nach oben. Dort ist es auch hell. Wenn mich nicht alles täuscht, haben vor uns nur die Spiegelung eines Polarlichts.

Langes schweigen setzte ein.

Uralter Mann: Du hast vermutlich recht. Vermutlich ist das doch nicht der richtige Ort. Zu lange ist alles schon her. Vermutlich war alles nur ein gewaltiger Irrtum. Vermutlich gibt es nirgendwo in dieser Einöde das gesuchte Schloss. Lasst uns das Abenteuer abbrechen. Ich bin es leid ständig ins Ungewisse zu laufen.

Regenschirm: Was soll das denn jetzt? All die ganzen Strapazen für nichts und wieder nichts, nur weil unser feiner Herr jetzt plötzlich Furcht vor der Ungewissheit seines Tuns hat?

Uralter Mann: Nicht vor der Ungewissheit habe ich Furcht. Die Angst vor weiteren Enttäuschungen treibt mich zu diesem Entschluss. Das müsstest doch gerade du am besten verstehen, mein lieber Regenschirm. Wer sprach denn zuerst davon er könne dem Unwetter Einhalt gebieten - und erzählte dann später etwas ganz anderes, weil er inzwischen vom Leben eines besseren belehrt worden war? Meine Entscheidung sollte dir doch geradezu wahre Tränen der Freude entlocken. Niemand stellt mehr Erwartungen an dich, die du womöglich gar nicht erfüllen kannst.

Regenschirm: Durch euch beide habe ich aber wieder gelernt an mich zu glauben. Deshalb bin ich mittlerweile wieder ganz begierig auf eine erneute Auseinandersetzung mit einem Unwetter. Mit euch zusammen kann ich es diesmal schaffen. Dessen bin ich mir absolut sicher.

Uralter Mann: Gut. Sehen wir uns diese eine Sache noch einmal näher an.

Der Alte lief weiter bis er genau über der erleuchteten Fläche stand. Der Schirm hatte recht gehabt. Das Licht kam nicht von unten, sondern von oben. Kaum hatten die drei die besagte Stelle erreicht, setzte ein gewaltiger Schneesturm ein. Eisige Kälte, Schnee und ein messerscharfer Wind umgab die Bananenschale, den Regenschirm und uralten Mann innerhalb weniger Sekunden. Ein derartiges Unwetter hatten sie nie zuvor erlebt. Trotz seiner Unsterblichkeit verspürte der Alte eine panische Angst. Allerdings fürchtete er sich nicht um sich - sondern er fürchtete sich davor von seinen Freunden getrennt zu werden. Zu vieles Trennungen hatte er in seinem Leben schon miterleben müssen.

Regenschirm: Öffne mich! Den Rest mache ich dann schon ganz alleine.

Es dauerte eine Weile. Dann, mit einem Male, spürte der Regenschirm wie er in die Höhe gehalten und geöffnet wurde. Augenblicklich verschwand der Schneesturm.

30.12.2005 21.15 Uhr