.
Mehr zur Schneckenseite Zum Profil von Rainer Lieser bei www.facebook.com Zum Profil von Rainer Lieser bei www.linkedin.com Rainer Lieser bei www.leselupe.de Zum Kanal der Webschnecke bei www.youtube.com Zum Profil von Rainer Lieser bei www.xing.com Zu den Tweets der Webschnecke bei www.twitter.com Zur Website www.rainer-lieser.de

Klicken Sei eine der Seitenzahlen an, um zu einer weiteren Geschichte zu gelangen.

 

Geschichte vom 20.11.2005:

Der Tag von Waldemar Usedomm

An der Theke bestellte Herr Usedomm ein kleines Glas Wasser. Der Mann hinter dem Ausschank war überrascht von diesem Wunsch, denn aufgrund der äußeren Erscheinung seines Gastes, hatte er mit der Bestellung eines Liters Whiskeys gerechnet und sich deshalb bereits zielstrebig auf den Weg zu dem entsprechenden Flaschensortiment begeben. Nun machte der Barmann mitten im Lauf eine fulminante Kehrtwende, um die Wasserflaschen anzusteuern. Unterwegs griff er ein frisch gespültes Gläschen auf. Wenige Augenblicke später überreichte er Herrn Usedomm das gefüllte Trinkgefäß. Dieser nahm mit der einen gewaltigen Pranke das Getränk in Empfang - und mit der anderen streckte er dem Mann hinter der Theke den zu bezahlenden Betrag entgegen. Herr Usedomm achtete dabei peinlichst genau darauf, dass er die Münzen erst in dem Moment in die Handfläche seines Gegenübers fallen ließ, in dem er das Glas sicher in usedommschen Besitz wähnen konnte. Der Barmann nahm das Geld mit einem freundlichem Lächeln an und musterte die auffällige Gestalt seines Gastes jetzt etwas eindringlicher. Vor ihm stand ein Riese mit struppigem dunklem Haar, wirrem Bart und der Statur eines asiatischen Sumoringers der obersten Gewichtsklasse.

Die Augen des Giganten wurden von einer winzig kleinen Nickelbrille mit gelb getönten Spiegelgläsern verborgen. An den Rändern überdeckten buschige Augenbrauen die Brille. In der Mitte ruhte das Gestell auf einer langen Nase, deren Oberseite eine scharfe Krümmung aufwies und ihrem Besitzer dadurch im Profil ein leicht habichtartiges Aussehen verlieh. Beide Nasenflügel waren scharf konturiert. Für das Vorhandensein von Ohren gab es keine sichtbaren Beweise - sie mochten durch das federnartige Zottelhaar verborgen werden, vielleicht gab es an diesem Kopf gar keine Ohren. Fast ebenso verhielt es sich mit dem Mund. Nur vereinzelt sah man spuren von Lippen unter dem Bart hindurch schimmern. Die Flächen des Gesichts in denen keine Haare wucherten, waren mit tiefen Narben übersät. Für sich betrachtet, gehörte dieser Kopf nicht auf den darunter existierenden Fleischberg. Es schien, als ob hier zwei Bauteile aus vollständig unterschiedlichen Bastelsätzen irgendwann einmal zufällig miteinander verbunden worden waren.

Den Kontrast zwischen seinem Kopf und Körper, verstand Herr Usedomm als ein vom Schöpfer gegebenes Stilmittel zur Unterstreichung der Persönlichkeit - und weil dem Riesen dieser Gedanke so sehr gefiel, übertrug er das Stilmittel des Kontrasts auch auf seine Kleidung. So erinnerte die Oberbekleidung an die Kostüme der Polizisten aus den alten Hollywood-Gangster-Filmen der 30er Jahre, wohingegen die Ausstattung des Hüft-, Gesäß- und Beinbereichs, deutliche Anleihen bei den Motorradkluften der Hells Angels aus den 70ern nahm. An den Füßen trug er zierliche gelbe Gummistiefel. Auf seinem Haupt trohnte ein kleines Strohhütchen in luftiger Höhe.

Herrn Usedomms Stimme hinterließ den Eindruck, als ob man ihn mit Tequila und Zigarettentabak aufgezogen hatte - und er bis auf den heutigen Tag an diesem Ernährungsprogramm festhielt.

Der Gigant bedankte sich bei dem Mann hinter der Theke mit dem Hauch eines Kopfnickens und einem geknurrten "Danke" für das Glas Wasser. Anschließend wuchtete Herr Usedomm die eigene Körpermaße in Richtung der Stühle und Tische herum, denen er bislang den Rücken zugekehrt hatte. Der Barmann hoffte inständig, keiner der freien Stühle würde unter dem Gewicht des Riesen seine standhafte Konstruktion beweisen müssen. Doch offensichtlich sah Herr Usedomm das anders. Er schob sich zielstrebig auf den leeren Stuhl neben dem berühmten Gast zu. Dem Mann hinter dem Ausschank wurde angst und bang. Noch nie hatte es jemand gewagt sich auf diesen Stuhl zu setzen. Das war hier ein ungeschriebenes Gesetz. Schließlich genoß der prominente Gast einen absoluten Sonderstatus. Er war der bedeutsamste aller Ehrengäste. Niemand konnte ahnen wie er darauf reagieren würde, wenn der fremde Riese neben ihm Platz nehmen würde. Wieso überhaupt hatte man diese Sitzgelegenheit nicht längst schon entfernt, fragte sich der Barmann. So etwas musste ja irgendwann einmal geschehen. Aber warum gerade heute - und warum gerade während seiner Schicht.

Noch löffelte der berühmte Mann genüßlich in seiner Suppe. Doch der gewaltige Schatten von Herrn Usedomm wälzte sich unausweichlich auf ihn zu. Nichts schien das Zusammentreffen der beiden Männer noch verhindern zu können. Der Barmann versteckte sich unter seiner Theke. Alle anwesenden Gäste - und das waren nicht wenige - blickten aus verstohlenen Augenwinkeln auf das Geschehen. Stille breitete sich aus.

Alsbald gab es in dem Raum nur noch drei wahrnehmbare Geräusche: das des Löffels, wenn er in die Suppe eintauchte, das des Löffels, wenn er aus der Suppe herausgeholt wurde und das Geräusch der Schritte des Riesen auf dem Weg zu dem Menschen, der den Löffel in der Hand hielt.

Ein kleiner Tropfen am Rande des Wasserglases von Herrn Usedomm wanderte an der Außenseite auf direktem Weg nach unten. Dort hing er sich am Fuß des Gläschens auf. Baumelte hin und her, schien sich zu überlegen, was er von diesem Punkt aus noch unternehmen konnte. Sollte er versuchen dem Gesetz der Erdanziehung zu trotzen oder sich kampflos zu Boden fallen lassen. Er war nur ein kleiner Tropfen. Inwieweit war es ihm überhaupt möglich diesbezüglich eine eigenständige Entscheidung zu treffen, mochte er sein Zögern selbstkritisch hinterfragen. Der nächste Schritt von Herrn Usedomm erlöste den Wassertropfen von weiterem Grübeln. Nach einem kaum hörbaren "PLATSCH", gab es keine Fragen mehr. Gleichzeitig war der Riese an seinem Ziel angelangt. Er stand neben dem leeren Stuhl am Tisch des berühmten Gastes.

Der Mann an dem Tisch ließ sich nicht stören, sondern führte weiterhin mit schlanken gepflegten Fingern den Löffel zum Mund. Von der Decke baumelte ein dünner Schlauch in die Suppe. Kaum hatte sich der Inhalt des Tellers um eine Löffelmenge verringert, floß durch den Schlauch die entsprechende Menge an Suppe nach. So blieb der Teller stets bis zum Rande gefüllt. Der Suppenschlurfer war ein Herr in mittleren Jahren mit leicht schütterem blonden Haar, hohen Wangenknochen und ebenmäßigen Gesichtszügen. Aus jeder Hautpore verströmte er den Duft von Würde. Die dunklen Augen ruhten in tiefer Andacht auf dem Suppenteller. Der entblößte Oberkörper gab den Blick auf eine sehr asketische Statur frei. Herr Usedomm vermutete einem vollständig unbekleideten Menschen gegenüber zu stehen. Da der untere Körperbereich des prominenten Mannes aber durch den Tisch verdeckt wurde, gab es nichts, was diesen Verdacht hätte bestätigen können, zumindest nicht, solange man an den Regeln des Anstands festhielt.

Usedomm: Guten Tag. Ist dieser Platz noch frei?

Es kam nicht einmal ein Wimpernzucken als Antwort.

Mit einem markerschütternden Quitschen zog Herr Usedomm den Metallstuhl über den steinernen Fußboden. Es folgte ein leises stöhnen des Riesen, mit dem er sich unmittelbar darauf vorbereitete Platz zu nehmen. Schließlich ächzte das Metall unter dem ihm auferlegten Gewicht - und für einen Moment sah es so aus, als ob die Sitzgelegenheit unter diesen extremen Bedingungen ihrer Aufgabe nicht würde gerecht werden können. Doch die Konstrukteure mussten übermenschliches geleistet haben, denn der Stuhl hielt dieser Prüfung stand. Der Mann am Suppenteller nahm von dem Geschehen scheinbar nicht die geringste Notiz. Herr Usedomm trank einen kräftigen Schluck aus dem Wasserglas. Danach stellte er das Glas vorsichtig auf dem Tisch ab und wischte sich mit der Oberseite der rechten Hand über den Mund.

Usedomm: Sie kommen mir bekannt vor. Kann es sein, dass wir uns schon einmal begegnet sind?

Die Gäste in der Bar stellten das Atmen ein. Gespannt wartete man auf irgendeine Form der Antwort des prominenten Suppenlöfflers. Doch er gab keine.

Usedomm: Na dann habe ich mich wohl getäuscht. Nichts für ungut. Ich wollte sie wirklich nicht stören. Entschuldigen sie bitte, falls ich etwas zu aufdringlich gewesen sein sollte. Für gewöhnlich entspricht das ganz und gar nicht meinem Naturell, müssen sie wissen. Waldemar Usedomm ist übrigens mein Name. Nett sie kennen zu lernen. Ich bin Schriftsteller. Na ja, präzise gesagt, ist die Schriftstellerei für mich eigentlich mehr so eine Art Leidenschaft. Meinen Lebensunterhalt kann ich damit bisher nicht verdienen. Dazu fehlt meiner Arbeit noch die nötige Akzeptanz der breiten Öffentlichkeit. Aber ich bin wirklich gut. Ich habe großes Talent. Das kann ich durchaus in aller Bescheidenheit von mir behaupten.

Der Mann auf der anderen Tischseite schob gerade einen Löffel mit Suppe in den weit geöffneten Mund. Strahlend weiße Zähne kamen dabei zum Vorschein.

Usedomm: Jetzt weiß ich es. Ich kenne sie aus dem Fernsehen. Nicht? Sie machen da eine Sendung über Bücher. Stimmt´s? So ein Zufall. Ausgerechnet wir beide treffen uns hier. Sie reden über Bücher. Ich schreibe Bücher. Na wenn das kein Wink des Schicksals ist. Ich habe auch gerade eines meiner Manuskripte dabei. Darf ich ihnen ein Stücklein daraus vorlesen? Aber verstehen sie mich bitte nicht falsch. Wenn sie lieber ihre Ruhe haben möchten, müssen sie das nur sagen. Ich könnte das wirklich verstehen. Manch ein berühmter Mann würde es sicherlich als störend empfinden, beim Essen angesprochen zu werden - doch zu dieser Sorte Mensch gehören sie gewiss nicht. Habe ich recht?

Herr Usedomm wartete kurz ab.

Usedomm: Also gut. Dachte ich es mir doch. Sie können ihre Neugier ja kaum noch im Zaum halten.

Wie aus der Luft gezaubert, hielt Herr Usedomm plötzlich ein winzig kleines Büchlein in seinen gewaltigen Pranken und blätterte darin. Während er dies tat, bildete sich zwischen seinen Augenbrauen eine tiefe Furche. Offenkundig hielt er nach einem geeigneten Text Ausschau. Diese Angelegenheit war für ihn von tiefster Bedeutung - und er unterstrich dies nach außen hin, mit allen ihm zur Verfügung stehenden schauspielerischen Mitteln. Der berühmte Gast zeigte weiterhin nicht das geringste Interesse an Gesellschaft. Die übrigen Menschen in der Bar, hielten vor Spannung immer noch die Luft an. Bei einigen führte dies inzwischen zu Ohnmachtsanfällen. Eine ältere Dame kippte vornüber in den Gemüseauflauf. In dem Augenblick, in dem ihr Gesicht in den Teller klatschte, hatte Herr Usedomm eine Geschichte gefunden, die er nun vorzulesen gedachte. Zuvor strich er die ausgewählten Seiten in dem Büchlein sorgsam glatt. Rückte auf dem Stuhl noch etwas hin und her, bis er eine Haltung eingenommen hatte, die er für angemessen hielt. Bedeutungsschwer erhob er die Stimme.

Usedomm: Die furchtlose Gudrun - Eine Geschichte von Waldemar Usedomm.

Er räusperte sich. Ein merkwürdiger Anblick fiel ihm ins Auge. In dem Suppenteller des berühmten Mannes schwamm ein Schiffchen. Bisher war ihm das noch nicht aufgefallen. Jetzt allerdings forderte dieses Detail seine gesamte Aufmerksamkeit. Es war ihm nicht möglich sich weiterhin auf den Text zu konzentrieren.

Der Löffel tauchte in die Suppe ein, verschwand für einen Moment in der dickflüssigen Maße und erzeugte dabei einen Strudel. Die spiralförmigen Wellen zogen das Boot immer näher zu dem Loch in der Mitte. Kurz bevor es in die Tiefe gesogen werden konnte, tauchte der Löffel wieder auf. Abermals störte er mit seinem Erscheinen die empfindliche Oberflächenstruktur der Suppe. Diesmal brachten die Auswirkungen das Schiffchen zum tanzen und beinahe gar zum kentern. Doch das Boot trotze auch dieser Naturgewalt, behielt standhaft Oberwasser. Selbst als der Löffel aus großer Höhe noch einen mächtigen Tropfen auf das Oberdeck des Schiffleins herabfallen ließ, vermochte dieser nicht den Untergang herbei zu führen. Farbe und Struktur des Bootes legten den Verdacht nahe, es wäre mit von einem Koch mit hoher Kunstfertigkeit aus einer Möhre geschnitzt worden. Herrn Usedomm gefiel dieser Gedanke so sehr, dass er ihn als Ausgangsthema für sein nächstes Buch nutzen wollte. Schon senkte sich der Löffel erneut auf den Teller hinab, trieb abermals sein Spiel mit dem Schiffchen. Wieder beobachtete Herr Usedomm das Geschehen gebannt, wenn auch mit wachsendem Unmut, denn eigentlich beabsichtigte er ja eine Geschichte aus seinem literarischen Werk vorzulesen - und der Existenzkampf des Bootes in der Suppe, lenkte ihn davon zweifelsfrei ab. So ging das nicht. Er musste diesem Treiben ein Ende setzen. Ein für alle Mal. Er schloß das Buch und legte es auf dem Tisch ab. Danach schnellte sein Oberkörper mit einer Geschwindigkeit nach vorne, die man einem Menschen seiner Statur nicht zugetraut hätte. Die rechte Hand verdeckte die Augen des berühmten Mannes, die Linke ergriff das Schiffchen und schleuderte es in Herrn Usedomms Mund. Anschließend zog der bärtige Hüne sich pfeilschnell auf seinen Stuhl zurück und tat so, als ob nichts geschehen wäre. Und da er keine Veränderung im Verhalten des prominenten Gastes feststellen konnte, nahm er das Büchlein wieder in die Hand und blätterte darin, um abermals nach der Geschichte über "die furchtlose Gudrun" zu suchen. Als er sie gefunden hatte, holte er tief Luft und füllte seine Lungen mit einer enormen Menge Sauerstoff.

Usedomm: Die furchtlose Gudrun - Eine Geschichte von Waldemar Usedomm.

Durch den Schlauch von der Decke tropfte der Nachschub für den Suppenteller. Ganz langsam bewegte sich die zähflüssige Masse in der dünnen transparenten Leitung von oben nach unten, folgte unaufhaltsam dem vorgegebenen Pfad. Während dieser Reise spiegelten sich in der klumpigen Flüssigkeit vereinzelte Gesichter der Barbesucher und mutierten zu grotesken Grimassen. Dies erweckte das Interesse von Herrn Usedomm. Er konnte seinen Blick von den fremdartigen Erscheinungen gar nicht mehr abwenden. Zu faszinierend waren die Wesen. Wieder ließ er sich ablenken und vergaß darüber seine Geschichte vorzulesen. Als ihm das bewußt wurde, überkam ihn eine große Wut. Er schoß auf die Nachschubleitung zu, riß sie mit einem Ruck von der Decke herab und ließ sie in seinem Rachen verschwinden. Es machte den Anschein, als ob der berühmte Mann auch von dieser Aktion nichts bemerkte hatte. Zwar würde es nun nicht mehr lange dauern, bis der Inhalt des Suppentellers ausgelöffelt wäre - und spätestens das würde dem Gast mit dem Löffel sehr wohl auffallen -, doch bis dahin gab es nach Herrn Usedomms Berechnungen noch genügend Zeit, um den Text vorzutragen.

Im Hintergrund fielen weitere Gäste in Ohnmacht, die sich aufgrund der dramatischen Zuspitzung der Ereignisse, das Atmen versagt hatten.

Der berühmte Mann führte einen Löffel mit Suppe an seinen Mund.

Usedomm: So. Jetzt aber.

Die furchtlose Gudrun - Eine Geschichte von Waldemar Usedomm.

Ein kleiner Frosch hüpfte an einem großen Kasten vorbei. Der Kasten war aus Holz, hatte auf der einen Seite einen Schlitz und auf der anderen Seite einen Hebel. Die Konstruktion bildete das Kopfstück eines in der Erde verankerten Pfostens. Der Frosch betrachtete sich das Gebilde neugierig. Wer dieses Ding wohl gebaut haben mag, fragte er sich. Das steht hier bestimmt schon ganz lange herum. Ganz verwittert war es schon. Mit einem Male beugte sich der Pfosten mitsamt Kasten dem Erdboden entgegen und bot so dem Frosch die Möglichkeit, an den seitlichen Hebel heranzureichen.

Kasten: Komm schon, grüner Geselle. Spring auf die Vorrichtung und drücke das Hebelchen durch dein Gewicht nach unten. Glaube mir, es wird dir gelingen und du wirst dafür eine wunderschöne Belohnung erhalten.

Frosch: Was für eine Belohnung?

Kasten: Ich werde dir für deine Mühe eine Karte schenken, mit der du dein Glück machen wirst.

Frosch: Das klingt gut. Ich fürchte allerdings, insgeheim führst du übles im Schilde.

Kasten: Glaub doch so etwas nicht. Weshalb sollte ich dir denn ein Leid zufügen? Ich mag Frösche.

Frosch: Ich weiß keinen Grund, weshalb du mir schlimmes antun solltest. Ich kenne aber auch keinen Grund, weshalb du mich begünstigen solltest.

Kasten: Ich bin eben einfach ein netter Kasten, dem es Freude macht Wandergesellen wie dir eine Freude zu machen. Vertrau mir. Tust du es nicht, wirst du es auf ewig bereuen.

Frosch: Na schön.

Der Frosch tat was ihm gesagt wurde - und sogleich spukte der Kasten zwei Karten aus.

Frosch: Oh, das sind ja gleich zwei Karten.

Kasten: Du bist ein echtes Glückskind. Jetzt sieh dir die Karten an und freue dich.

Frosch: Da ist so ein seltsames Gekritzele drauf.

Kasten: Was heißt hier "da ist so ein seltsames Gekritzele drauf?"

Frosch: Na sieh dir die Karten doch selbst mal an.

Kasten: Das tue ich gerade - und ich bin von den Worten die darauf stehen tief beeindruckt. Sie weisen dir zweifellos den Pfad ins Paradies.

Frosch: Toll. Dann lies sie mir bitte schleunigst vor. Ich selbst bin des Lesens nämlich nicht mächtig.

Kasten: Du bist des Lesens nicht mächtig? Grundgütiger!

Frosch: Jetzt mach da mal keine so große Sache draus. Lies mir einfach vor was da steht.

Kasten: Ich soll dir vorlesen was da steht? Ich glaub´s nicht. Das Glück darf nur den Tüchtigen und Braven hold sein, nicht aber solch ungebildeten Tagelöhnern wie dir.

Frosch: Hey - nun werd hier mal nicht persönlich. Immerhin hast du mich doch angequatscht.

Kasten: Ich konnte doch nicht wissen, dass du nicht lesen kannst.

Frosch: Wie viele Frösche sind dir denn bisher begegnet, die lesen konnten?

Kasten: Auf diese Art von Fragen lasse ich mich nicht ein.

Frosch: Dann sagst du mir nun, was auf den Karten geschrieben steht?

Empört richtete sich der Kasten auf und verharrte in Schweigen.

Frosch: Erst tut man ihm einen gefallen und springt auf seinen Hebel - und schon kurze Zeit später will er nichts mehr mit einem zu tun haben. Jetzt stehe ich da mit diesen beiden dämlichen Karten, die ich mir habe aufschwätzen lassen und weiß nicht wie weiter.

Kasten: Die Karten sind nicht dämlich, du Nichtsnutz. Hättest du dir in deinem bisherigen Leben einmal die Mühe gemacht das Lesen zu erlernen, dann hättest du dafür heute eine großzügige Entlohnung erhalten.

Frosch: Und wenn die Steckdose eine Kuh wäre, dann würde aus einer Glühbirne Milch fließen.

Kasten: Banause! Hüpf nur weiter so gleichgültig deines Weges und vergeude deine Talente. Dort hinter dem Wald steht ein zweiter Kasten. Wenn du dem auf den Hebel hüpfst, wirst du nichts erhalten. Das entspricht vermutlich eher dem, was du verdienst.

Frosch: Selbstgerechter Schwätzer.

Mit diesen Worten suchte der Frosch das Weite und ließ die Karten zurück. Um den Kasten hinter dem Wald machte er einen großen Bogen. Viele Tage später gelangte der Frosch zu einem Teich, in dem ein Seeungeheuer lebte. Die beiden verliebten sich und heirateten. Auf der Hochzeitsreise fuhren sie in einer Kutsche aus Diamanten an dem Kasten vorbei, mit dem sich der Frosch gestritten hatte. Der Frosch bat das Seeungeheuer den Kasten aufzufressen. Und das Seeungeheuer tat das auch.

ENDE.

Usedomm: Na? Ist das eine Geschichte? Das haut einen doch richtig um, nicht wahr? Als ich den Text fertig geschrieben hatte, brach ich in Tränen der Rührung aus. Und glauben sie mir, ich weine wirklich nicht oft. Nur eine Winzigkeit betrübt mich: der Titel. Vermutlich ist es ihnen gar nicht aufgefallen, aber bislang findet sich in der Geschichte kein Bezug zu dem Titel. Doch weil der Inhalt so viel literarischen Sprengstoff bietet, habe ich mir erlaubt über diesen kleinen stilistischen Fauxpas hinweg zu sehen. Was meinen sie?

Der berühmte Mann schluckte weiterhin teilnahmslos seine Suppe. Ein weiterer Gast fiel in Ohnmacht. Jetzt waren nur noch Herr Usedomm und sein Tischnachbar übrig. Alle anderen Barbesucher lagen bewußtlos auf ihren Plätzen. Es war ein gespenstiges Bild.

Der bärtige Riese legte das Büchlein auf den Tisch und versuchte seine Hände vor dem voluminösen Bauch zu verschränken. Er versuchte sich möglichst entspannt und gleichgültig zu geben, so als ob er keine Reaktion auf seine Lesedarbietung erwarten würde. Da er es aber nicht schaffte seine Finger vor dem Leib zusammen zu führen, bewegte er schon bald den Zeigefinger der rechten Hand auf den Rand des Wasserglases auf dem Tisch zu. Auf halber Strecke musste er jedoch erkennen, dass dazu eine größere Anstrengung notwendig war, als er einzugehen beabsichtigte. Alternativ steuerte er deshalb mit der Hand die Hutkrempe an. Bald schon spürte er das rauhe Material unter seinen Fingerkuppen. Er war sicher, einen außerordentlich gelassenen Eindruck zu vermitteln. Allerdings wurde die Erdanziehungskraft schon nach wenigen Momenten zu übermächtig. Der Arm musste gesenkt werden. Auch stellte sich dem Hünen inzwischen die Frage, in welche Position er den zweiten Arm bewegen sollte, um in seinen Bewegungen möglichst natürlich und ungekünstelt zu erscheinen. Der Mann am Suppenteller durfte ja unter keinen Umständen den Eindruck gewinnen, Herr Usedomm wüßte nicht, wie man sich gegenüber hochgestellten Persönlichkeiten zu verhalten habe. Nein. Herr Usedomm wollte sich ganz und gar weltmännisch präsentieren, denn er verfolgte ja eine bestimmte Absicht. Es war alles nur eine Frage der Zeit. Irgendwann würde der Teller des Anderen leer sein. Dann war ein Gespräch zwischen ihnen beiden nahezu unvermeidlich. Und diese Chance würde Herr Usedomm dazu nutzen, den berühmten Gast endgültig für sich zu gewinnen.

Leise kratzte der Löffel am Boden des Tellers. Schweißperlen traten Herrn Usedomm auf die Stirn. Ihm wurde leicht schwindlig. Ruhe bewahren. Das war das wichtigste. Was sollte schon geschehen. Es lief doch alles nach Plan. Der Tipp von dem Informanten war Gold wert gewesen. Allein hätte er den prominenten Suppenesser niemals gefunden. Die Bar befand sich immerhin in einer Gegend, in der niemand solch einen Gast je vermutet hätte. Aber das war natürlich auch die Absicht des berühmten Mannes gewesen. Alles Tarnung. Und er, Waldemar Usedomm, war ihm auf die Schliche gekommen. Jetzt saßen sie beide hier an diesem Tisch. So war das eben im Leben. Man musste seine Chancen nutzen. Der Frosch hatte die Chance lesen zu lernen nicht genutzt, dafür wurde er bestraft. Die Chance ein Seeungeheuer zu heiraten hatte er ergriffen. Welch ein Gleichnis. Herr Usedomm war berauscht von der eigenen Brillanz. Er wußte es schon immer. Er war zu höherem in seinem Leben bestimmt, als einfach nur eine Witzfigur zu sein. Und heute hatte er es allen Unkenrufern gezeigt. Er saß hier an diesem Tisch, zusammen mit diesem Prominenten. Das konnte ihm niemand jemals mehr nehmen. Und bald würde der berühmte Mann Herrn Usedomms Mentor sein. Wie würden die Menschen schauen. Niemand würde dann mehr über den großen dicken Herrn Waldemar Usedomm spotten. Genau so würde es kommen.

Der Löffel wurde zur Seite gelegt. Die Suppe war ausgelöffelt. Eine neue Zeitrechnung begann in Herrn Usedomms Leben. Schon sah er, wie der Mann an der anderen Tischseite leicht den Blick erhob. Gleich würde er Herrn Usedomm ansprechen. Ganz sicher. Oh was war das für ein Hochgefühl. Herr Usedomm begann am ganzen Leib zu zittern. Immer heftiger wurde das Zittern. Die Schwingungen übertrugen sich auf den Metallstuhl auf dem er saß und von dort aus auf den Boden. Natürlich zitterten auch Herrn Usedomms Füße. Sie bebten regelrecht. Es gab erhebliche seismographische Störungen. Die Tische wackelten, der Steinfußboden vibrierte. Neben Herrn Usedomms Gummistiefeln taten sich kleine Risse im Untergrund auf. Aus den kleinen Rissen wurden tiefe Krater. Komplette Tischgruppen und Stühle mit ohnmächtigen Gästen verschwanden in gewaltigen Erdspalten. Das Gesicht des berühmten Mannes verzerrte sich zu einer angsterfüllten Fratze. Kurz darauf verschluckte ihn eines der Löcher. Herr Usedomm wollte den prominenten Gast noch an den Handgelenken greifen, um ihn vor dem Unglück zu bewahren - doch es war zu spät.

Hinter dem Ausschank stieg eine Ölfontäne empor. Mit der Entdeckung dieser Ölquelle startete die eigentliche Karriere von Waldemar Usedomm. Er wurde zu einem der reichsten Männer unseres Planeten. Zum Glück fand er nur noch wenig Zeit, um weitere Geschichten zu schreiben.

20.11.2005 13.44 Uhr