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Geschichte vom 17.10.2005:

Der Toilettenpapierrollenwechselmechanismus

Es war um die Mittagszeit. Wie dies die meisten Menschen um diese Stunde taten, so hatte sich auch Herr Blumenstiel gerade zu Tisch begeben. Er hockte auf seinem gepolsterten Stühlchen aus Fichtenholz. Teller und Besteck lagen vor ihm. Einzig das Essen fehlte. Herr Blumenstiel hatte vergessen etwas zu kochen. Dieser Fehler unterlief ihm heute zum ersten Mal. Als ihm die groteske Situation bewußt wurde, musste er herzhaft loslachen.

Selten zuvor in der Menschheitsgeschichte hatte jemand mit vergleichbarer Leichtigkeit und Unbekümmertheit gelacht. Auf Anhieb kommt mir da eigentlich nur George Middleton Hurtsmith in den Sinn, der erste Mensch vor dessen Augen jemand auf einer Bananenschale ausrutscht war. Unmengen von Menschen haben seither über Unmengen von Menschen gelacht, die auf Bananenschalen ausgerutscht sind. George Middleton Hurtsmith war jedoch der erste Mensch, der sich dieses Anblickes erfreuen durfte. Das Schicksal hatte ihn privilegiert. Darum hielten die Menschen ihn für einen Auserwählten und überhäuften ihn mit Preisen und Ehrerbietungen. Selbst die englische Königin war schon drauf und dran, ihn in den in den Rang eines Lord zu erheben. Und wäre George Middleton Hurtsmith nicht 35 Stunden vor den offiziellen Feierlichkeiten zu dieser ganz besonderen Würdigung selbst auf einer Bananenschale ausgerutscht, und hätte sich dabei das Genick gebrochen, wer weiß, welche Auswirkung dieses Ereignis auf die weitere Menschheitsgeschichte gehabt hätte.

Nach all den Jahrzehnten in denen auf der Erdoberfläche nur mittelmäßiges Gelächter zu vernehmen gewesen war, erschallte nun also endlich ein neuerliches Lachen in der Güte des Lachens von George Middleton Hurtsmith. Noch ihren Kindern und Kindeskindern erzählten die Leute von dem Tag, an dem sie dieses ganz besondere Lachen mit anhören durften. Für einen Augenblick brachte es Glückseeligkeit in ihre Herzen.

Und das Lachen wurde immer lauter und lauter. Und weil das Fenster zu dem Zimmer, in dem Herr Blumenstiel saß, weit geöffnet war, drang sein Lachen immer weiter in die Welt hinein. So daß es schließlich auch auf dem großen Marktplatz gehört wurde, über den das kleine Jonannchen mit seiner Frau Mutter gerade lief. Johannchen blieb unverzüglich stehen, um dem zauberhaften Klang seine ganze Aufmerksamkeit widmen zu können. Die Mutter von Johannchen telefonierte über ihr Handy mit ihrer Freundin Sieglinde, weshalb sie das Zurückbleiben ihres ersten und einzigen Sohnes nicht bemerkte. Sie bemerkte es auch in den kommenden 20 Jahren nicht, obwohl das Telefonat mit ihrer Freundin Sieglinde selbstverständlich längst beendet war. Es gab eben viele Dinge im Leben von Johannchens Mutter, mit denen sie sich beschäftigen musste. Der Verlust des Sohnes viel da nicht weiter ins Gewicht, so wie ihr der Verlust von Johannchens Vater vor langer Zeit auch nicht aufgefallen war.

Johannchen und seine Eltern hatten vor vielen Jahren Urlaub in Neuseeland gemacht. Dabei verliebte sich der Vater von Johannchen unsterblich in die Bürgermeisterin von Wellington. Und weil diese Liebe im Vergleich zu der Liebe zur Mutter von Johannchen, so unermeßlich viel größer gewesen war, verließ der Vater dafür seine Frau und den Sohn. Johannchen erfuhr nie von diesen Grund, denn die Mutter sprach niemals mehr über den Vater. Johannchen vermutete, sie hatte seinen Vater einfach vergessen. So verwunderte es Johannchen auch nicht sonderlich, als seine Mutter ihn jetzt alleine auf dem großen Marktplatz zurück ließ. Er vermutete, sie habe auch ihn einfach vergessen. Johannchen stand lange auf dem Platz und hörte dem Lachen von Herrn Blumenstiel zu.

Nachdem Herr Blumenstiel aufgehört hatte zu lachen, erhob er sich von seinem gepolsterten Stühlchen aus Fichtenholz und ging in die Stadt, um in einem Restaurant etwas zu essen. Sein Lachen hallte noch Stunden später in den alten Gassen der Stadt nach. Verlor jedoch immer mehr an Glanz. Zuletzt erlosch es vollständig. Einer der schönsten Momente in der Geschichte unseres Planeten war endgültig beendet.

Sein Weg führte Herrn Blumenstiel am großen Marktplatz vorbei. Er sah Johannchen dort ganz alleine stehen und sprach ihn an. Johannchen erkannte in Herrn Blumenstiel sofort den Mann, dessen Lachen ihn so sehr fasziniert hatte.

Ein paar Stunden später bekam Johannchen ein eigenes Zimmerchen in der Wohnung von Herrn Blumenstiel. Herr Blumenstiel kümmerte sich in den kommenden Jahren liebevoll um den Jungen und erzog ihn so, als ob Johannchen sein eigener Sohn gewesen wäre. Aus Johannchen wurde Johann.

Herr Blumenstiel arbeitete in einem großen Konzern. Am Ende der Schulzeit von Johann, nahm Herr Blumenstiel Johann zum ersten Mal mit in dieses Unternehmen. Herr Blumenstiel wollte Johann dem Chef des Konzerns vorstellen, um ihm den Jungen für einen Ausbildungsplatz zu empfehlen. Selbstverständlich erhielt Johann den Ausbildungsplatz - und nach Abschluß der Lehrzeit erhielt Johann ebenso selbstverständlich einen festen Arbeitsvertrag in dem Unternehmen. Von da an arbeitete er in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung, Seite an Seite mit Herrn Blumenstiel. Ihre Aufgabe bestand darin, vorhandene Haushaltsgeräte zu verbessern oder neue Geräte zu erfinden. Weshalb die beiden sich selbst gerne als Erfinder betrachteten.

Nach vielen Jahren der Zusammenarbeit, hatten sie an einem Dienstag eine ganz besondere Idee für eine Erfindung. Sie wollten den ersten selbstaktiven Toilettenpapierrollenwechselmechanismus der Welt entwickeln. In Zukunft sollte niemand mehr einen Teil seiner Lebenszeit damit vergeuden müssen, Toilettenpapierrollen zu wechseln - weder Mann noch Frau. Als ihr Chef davon erfuhr, war er hellauf begeistert.

Hatte er selbst in seinem bisherigen Leben doch insgesamt sicher schon mehrere Tage mit dem Wechsel von Toilettenpapierrollen verbracht - und er war sicher, anderen Menschen erging es ähnlich. Irgendwie gelang es seiner Familie immer wieder, diese Aufgabe an ihn weiter zu reichen. Gewiss erforderte der Wechsel von Toilettenpapierrollen ein Höchstmaß an Fingerspitzengefühl und konnte somit durchaus als Wertschätzung seines handwerklichen Geschicks betrachtet werden - er mutmaßte jedoch, das dies nicht der alleinige Grund dafür war, warum diese Tätigkeit stets ihm abverlangt wurde. Nun sah er erstmals eine Chance diesem Fluch zu entrinnen. Die beiden Erfinder bekamen absolut freie Hand für ihre Arbeit.

Ein Fehler wie sich später heraus stellte, denn Herr Blumenstiel und Johann kamen zu keinem verwertbaren Ergebnis. Sie produzierten ausnahmslos Stuß. Schlimmer noch, die beiden waren letztlich derart vernarrt in ihre Idee, dass sie sich um keine anderen Entwicklungen mehr kümmerten. Es gab also keine neuen Produkte mehr, die das Unternehmen hätte verkaufen können. Andere Firmen drangen in den Haushaltsgerätemarkt mit aktuelleren Artikeln ein. Das Unternehmen in dem Herr Blumenstiel und Johann arbeiteten, verlor täglich an Kunden. Schließlich blieb dem Chef keine andere Wahl mehr, als die zwei entweder zu entlassen oder ihnen die weitere Arbeit an dem Toilettenpapierrollenwechselmechanismus zu verbieten, wenn er das Unternehmen nicht völlig in den Ruin steuern wollte. Weil er die beiden Erfinder sehr schätzte und ursprünglich ja auch vollauf begeistert von ihrer revolutionären Idee gewesen war, sprach er mit ihnen über sein Vorhaben. Herr Blumenstiel und Johann entschieden sich schweren Herzens dafür, unter diesen Umständen zu kündigen. Sie wußten zwar nicht, wie sie nun in Zukunft ihren Lebensunterhalt verdienen sollten, hielten eine Kündigung aber für die einzig wahre Lösung des Problems. Denn es gab bestimmt viele Kollegen und Kolleginnen, die über alles andere als eine Kündigung sehr verärgert gewesen wären. Und diese Kollegen und Kolleginnen waren bestimmt schon wütend genug auf Herrn Blumenstiel und Johann. Da wollten sie diese Kollegen und Kolleginnen nicht noch mehr verärgern. Böses Blut innerhalb eines krisengeschüttelten Unternehmens half niemandem. Der Chef wollte ihnen zum Abschied eine stattliche Abfindung für die in all den vielen Jahren geleistete Arbeit überreichen, doch sie lehnten dankend ab und erbaten stattdessen, einige der von ihnen konstruierten unnützen Prototypen. Der Chef gewährte es ihnen. Es war seine letzte Amtshandlung. Danach wurde er durch eine Chefin ersetzt. Im trauten Kreis der Familie entwickelte sich der ehemalige Chef über die Jahre hinweg zu einem wahren Meister im Wechsel von Toilettenpapierrollen.

Ohne Arbeit lebten Herr Blumenstiel und Johann schon bald in großer Armut. Es kam jetzt recht häufig vor, dass die beiden vor einem gedeckten Tisch saßen, auf dem sich nichts zu Essen befand. Vor Jahren hatten sie sich durch eine ähnliche Situation ja kennen gelernt, wie beide wohl wußten, inzwischen jedoch hatten sich die Umstände gewandelt - und Herr Blumenstiel konnte über die heutige Situation nicht mehr lachen. Oft blickten die zwei nur stumm auf ihre leeren Teller und dachten darüber nach, wie sie ihr Los verbessern konnten. Einmal versuchte Johann Herrn Blumenstiel aufzuheitern, indem er einen der Prototypen des Toilettenpapierrollenwechselmechanismus hervorkramte und auf den Mittagstisch stellte. Es war einer der gelungeneren Prototypen, der sie damals schon daran glauben ließ, ihr angestrebtes Ziel fast erreicht zu haben. Immerhin wurde die dazu gehörende Toilettenpapierrolle zumindest nie aufgebraucht. Für jede benutzte Papierlage, produzierte sie umgehend eine neue Lage nach. Eigentlich ein perfektes System. Der Haken dabei war nur, dass die Toilettenpapierrolle von Zeit zu Zeit eine gehörige Portion von Papierlagen in die Münder von Menschen in ihrer Nähe absonderte. Warum sie das tat, konnten Herr Blumenstiel und Johann sich nicht erklären.

Herr Blumenstiel: Was soll das bedeuten, Johann? Warum hast du den Toilettenpapierrollenwechselmechanismus auf den Tisch gestellt.

Johann: Ich wollte dich daran erinnern, dass unsere Situation gar nicht so ausweglos ist, wie sie dir vielleicht erscheint. Aufgrund dieses guten Stückes hier, müssen wir uns doch niemals den Kopf darüber zerbrechen, ob wir unser Toilettenpapier noch bezahlen können. Das ist doch schon etwas.

Herr Blumenstiel: Da hast du recht, mein lieber Johann. Das ist natürlich schon etwas. Das erleichtert uns das Leben ungemein.

Selbstverständlich war das eine schamlose Lüge. Aber Herr Blumenstiel wollte mit diesen Worten Johann Anerkennung für seine Bemühung zollen, die gedrückte Stimmung etwas aufzuheitern. Und insgeheim hoffte er darauf, Johann würde das Spiel noch fortführen - und sie beide könnten sich die Mittagszeit mit einem lustigen Gespräch vertreiben. Dazu kam es jedoch nicht, denn die Toilettenpapierrolle fing damit an sich wie wild im Kreis zu drehen und in Richtung der Mundöffnung von Herrn Blumenstiel Papierlagen zu schleudern. In windeseile war der Mund von Herrn Blumenstiel mit Toilettenpapier vollgestopft und Johann konnte nicht anders, als in brüllendes Gelächter zu verfallen. Und wie Herr Blumenstiel Johann so sah, da packte es auch ihn - und bald hielten die zwei sich die leeren Bäuche vor Lachen.

Trotz einiger Episoden dieser Art, wurde Herr Blumenstiel im Laufe der Zeit immer unglücklicher. Johann erkannte das. Zum ersten Mal seit Jahren, dachte er öfter an seine Mutter. Vielleicht konnte sie helfen. Er mochte den Gedanken zwar nicht, sich gerade in einer Notsituation bei ihr zu melden, wußte sich jedoch bald keinen besseren Rat mehr.

Johann begann mit der Suche nach seiner Mutter in einem Internetcafe. Herr Blumenstiel sollte nichts davon erfahren. Johann befürchtete Herr Blumenstiel würde die Suche nicht gut heißen - und sie vielleicht sogar verbieten. Denn Herr Blumenstiel war ein sehr stolzer Mann, dem Würde über alles ging.

Innerhalb einer Stunde wußte Johann alles, was er wissen musste und hatte für die Nachforschungen sein letztes Geld ausgegeben. Zum Glück lebte die Mutter immer noch hier in der Stadt, wenn auch nicht mehr in dem Haus, in dem sie damals zusammen mit Johann gelebt hatte. Johann machte sich auf den Weg.

Seine Mutter öffnete ihm die Tür. Viele Schönheitsoperationen hatten unvorteilhafte spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Johann erkannte sie zuerst gar nicht. Erst als ihm auffiel, wie die Frau ihm gegenüber ihr Handy an das Ohr hielt, da wußte er, dass seine Mutter vor ihm stand. Er erinnerte sich an einige Zeitungsartikel, die ihm vor mehreren Jahren aufgefallen waren. Damals war das Bild einer Frau einige Wochen lang durch die Presse gegangen. Das Bild seiner Mutter, wie er jetzt erfuhr. Sie war die erste Frau gewesen, die ein Handy geheiratet hatte.

Start - Anmerkung des Textverfassers:

Begonnen hatte diese Geschichte zur Mittagszeit des heutigen Tages, inzwischen ist aber innerhalb dieser Geschichte so viel Zeit vergangen, dass wir uns nun weit in der Zukunft befinden. Und in dieser Zukunft hat sich die geschlechterspezifische Gesellschaftsordnung, so wie wir sie kennen, vollständig gewandelt. In dieser Zukunft ist das Patriachat dem Matriachat gewichen.

Seit sie begonnen haben diese Geschichte zu lesen, ist natürlich auch etwas Zeit vergangen, aber wenn sie nicht gerade extrem langsam lesen, ist diese Zeitspanne immer noch geringer, als die vergangene Zeitspanne innerhalb dieser Geschichte. Sollten sie dennoch der Ansicht sein, auch jetzt schon dem Joch einer frauengeführten Gesellschaft zu unterliegen, nutzen sie Bitte dieses Formular, um den Verfasser dieses Textes dankenswerter Weise darüber zu informieren. Parallel dazu, wäre es aber vielleicht doch auch ganz ratsam, ihre Lesegeschwindigkeit einmal von neutraler Seite aus begutachten zu lassen. Man kann ja nie wissen ...

Ende - Anmerkung des Textverfassers.

Handys gab es schon lange - und Handys in Vibratorform mit Spermienausstossfunktion gehörten mittlerweile zum Alltag in allen Haushalten. Die gesellschaftliche Rolle des Mannes war an Bedeutungslosigkeit kaum noch zu unterbieten. Seine Hauptaufgaben bestanden darin der Frau zu dienen und bei Bedarf die Toilettenpapierrollen zu wechseln. Den Auslöser für diese Entwicklung sahen die Expertinnen später in der Eheschließung von Johanns Mutter mit ihrem Handy. So gesehen hatte Johanns Mutter einen beträchtlichen Einfluss auf die menschliche Evolutionsgeschichte. Doch davon ahnte in diesem Moment keiner etwas. In diesem Moment blickte Johanns Mutter erst einmal mit skeptischem Blick auf den jungen Mann, der sich als ihr vergessener Sohn ausgab. Sollte dies wirklich ihr Sohn sein, dann war er bestimmt nur deshalb erneut in ihr Leben getreten, um für all die vergangenen Geburtstags- und Weihnachtsfeiertage die Geschenke einzufordern. Denn Männer dachten ja immer nur an den eigenen Vorteil und waren zu liebevollen und langfristigen Beziehungen unfähig. Und ihr Sohn würde da sicherlich keine Ausnahme bilden.

Bei Licht betrachtet waren die Gedanken von Johanns Mutter gar nicht einmal so weit von der Wirklichkeit entfernt, wie man zuerst vielleicht annehmen möchte, denn immerhin erhoffte sich Johann in der Tat eine finanzielle Unterstützung von ihr. Als er jedoch diese misstrauische, in sich selbst gefangene ältere Dame vor sich sah, verwarf er aus Mitleid sein Ansinnen sogleich, bedankte sich dafür, dass sie ihn geboren hatte, gab ihr einen Kuss auf die Wange, wodurch ihr eine Naht dicht hinter dem linken Ohr aufplatzte und wünschte ihr noch ein glückliches Leben. Weil seine Mutter während des Gesprächs mit Johann gleichzeitig über das Handy mit ihrer Schönheitschirurgin telefonierte, viel es ihr nicht schwer schnell noch einen Termin zu vereinbaren, um die aufgeplatzte Naht hinter dem linken Ohr sofort behandeln zu lassen. Sie schlug Johann die Tür vor der Nase zu. Er machte sich auf den Rückweg zu Herrn Blumenstiel und verlor nie wieder einen Gedanken an die Frau, die ihn geboren hatte.

Offensichtlich war heute ein Tag der roten Fußgängerampeln in Johanns Leben. Außerdem regnete es. An einer Ampel gesellte sich ein kleines Mädchen an seine Seite und sprach ihn an.

Mädchen: Hallo du. Wie ist dein Name?

Johann: Die Leute nennen mich Johann.

Mädchen: Dann nenne ich dich auch so. Du siehst ziemlich heruntergekommen aus, Johann. Hast du keine Frau oder Freundin, die sich um dich kümmert? Also wenn ich einen Freund oder einen Mann hätte, dann würde ich den nicht so rumlaufen lassen.

Johann: Ich habe keine Freundin oder Frau.

Mädchen: Ich wußte es. Bist du pervers?

Johann: Bitte?

Mädchen: Ich fragte ob du pervers bist?

Johann: Muss man pervers sein, wenn man keine Freundin oder Frau hat.

Mädchen: Bist du es?

Johann: Sag mal wie heißt du eigentlich?

Mädchen: Ich wußte es. Du willst mich jetzt erst aushorchen und dann von dir abhängig machen. Meine Mutter sagt, alle perversen Männer wollen immer zuerst den Namen eines kleinen Mädchen erfahren und ihr dann schlimmes leid zufügen. Ich rufe jetzt die Polizei, damit die dich festnehmen kann. HILFE!!! POLIZEI!!!

Zum Glück wurde die Ampel gerade grün und Johann konnte wegrennen. Völlig durchnäßt traf er fünf Stunden später zu Hause ein. Herr Blumenstiel wischte gerade mit einer doppelten Lage Toilettenpapier den Mittagstisch ab. Zuviel Staub hatte sich dort angesammelt. Die unaufbrauchbare Toilettenpapierrolle mit dem Papierwurfdefekt hielt er noch in der Hand. Herr Blumenstiel wollte natürlich umgehend wissen, wo Johann gewesen war und weshalb er unterwegs keinen Schutz vor dem Regen gesucht hatte.

Johann: Ich war ein bisschen spazieren und habe dabei den Regen um mich herum völlig vergessen.

Kaum hatte Johann das gesagt, fiel Herrn Blumenstiel die Toilettenpapierrolle aus den Fingern und wirbelte durch die Luft. Ein Schwall von Toilettenpapier flog in Johanns Mund. Wie schon oft, so mussten die beiden auch dieses Mal über das Tun der Toilettenpapierrolle heftigst lachen. Plötzlich kam Johann ein Gedanke, den er vorerst für sich behielt.

Zwei Tage später saßen Johann und Herr Blumenstiel wieder vor leeren Tellern am gedeckten Mittagstisch. Johann stellte die unaufbrauchbare Toilettenpapierrolle mit dem Papierwurfdefekt auf den Tisch und bat Herrn Blumenstiel eine Lüge auszusprechen.

Herr Blumenstiel: Mein armer Johann, was ist mit dir?

Johann: Lüg mich an!

Herr Blumenstiel: Steht es so schlecht um dich, mein armer Johann? Weißt du nicht mehr, was du sprichst?

Johann: Ich weiß sehr wohl was ich spreche. Das wirst du sehen, wenn du gleich lügst.

Herr Blumenstiel: Also gut, dann laß mich dir erzählen, dass ich vorhin in unserer Küche zehn Wichtel ein gar köstliches Mahl aus französischen Gewürzgurken habe zubereiten sehen.

Augenblicklich hatte Herr Blumenstiel ein große Portion Toilettenpapier im Mund. Johann war zutiefst befriedigt und fügte Herrn Blumenstiels Aussage noch folgende hinzu:

Johann: Ich weiß. Ich hatte die Wichtel dazu beauftragt.

Und "Schwupp!" war auch Johanns Mund mit Toilettenpapier gefüllt. Herr Blumenstiel blickte Johann ungläubig an. Nachdem sie ihre Münder von den letzten Papierresten befreit hatten, erzählte Johann von seiner Entdeckung.

Johann: Die Toilettenpapierrolle reagiert auf Lügen. Wir haben bei unseren Forschungen offensichtlich eine künstliche Intelligenz erschaffen, die keine Lügengeschichten mag.

Damit war alles wesentliche für den Augenblick gesagt.

Nach einer Weile sprachen Herr Blumenstiel und Johann bei einer Zirkusdirektorin vor. Die Dame war sehr angetan von der Vorstellung der beiden, wenn auch etwas überrascht. Dieser Berufszweig war für Männer doch recht ungewöhnlich. Der Geschäftssinn der Zirkusdirektorin riet ihr allerdings zuzugreifen. Sie nahm die zwei unter Vertrag und arbeitete höchstpersönlich mit ihnen unter absoluter Geheimhaltung eine zirkusreife Nummer aus. Vier Monate sollte die Premiere auf dem internationalen Zirkusfestival in Stockholm stattfinden.

Alle Sitzplätze waren restlos ausverkauft. Herr Blumenstiel und Johann hatten noch nie so viele Frauen auf einmal gesehen. Denn der Hauptanteil des Publikums bestand aus weiblichen Gästen. Frauen der obersten Führungsschicht aus Politik, Kunst, Wirtschaft und Kultur. Nur wenige dieser Damen hatten es für angebracht gehalten, sich von ihrem jeweiligen aktuellen männlichen Anhang begleiten zu lassen. Die meisten Frauen zogen es vor, sich stattdessen mit ihren neuesten Handy oder ihren Kindern zu zeigen. Das Interesse von Männern an kulturellen Großveranstaltungen diesen Formates, hielt sich ohnehin stark in Grenzen, wie allgemein angenommen wurde. Eine der wenigen Damen, die in Begleitung ihres Gatten, Johanns Vater, erschien, war die Bürgermeisterin von Wellington. Johanns Vater wußte jedoch nichts von dem Auftritt seines Sohnes.

Vor der Nummer von Herrn Blumenstiel und Johann, präsentierten noch viele Artistinnen ihre Kunstfertigkeiten. Und je länger er warten musste, desto mulmiger wurde es Johann in der Magengegend. Er bekam Zweifel, ob dies der richtige Ort für Herrn Blumenstiel und ihn war. Herr Blumenstiel freute sich wie ein kleiner Junge auf den Auftritt und hatte ganz rote Bäckchen.

Dann war es soweit. Die Zirkusdirektorin trat in den Mittelpunkt der Manege und kündigte die Nummer der beiden Männer an. Vereinzelt gab es Pfiffe und Buh-Rufe. Doch es gab kein zurück mehr. Herr Blumenstiel hüpfte zuerst ins Rampenlicht, unmittelbar gefolgt von Johann. Sie traten als Clowns auf und sprachen englisch, damit das internationale Publikum sie gut verstehen konnte - und es war sehr wichtig, dass das Publikum sie gut verstehen konnte, denn die beiden spielten einen heftigen Streit vor. Im Verlauf dieses Streits warfen sich Herr Blumenstiel und Johann immer absurdere Lügengeschichten an den Kopf, wodurch ihre spezielle Toilettenpapierrolle sehr oft die Möglichkeit erhielt den beiden Männern die Münder mit Papierlagen zu stopfen - zur Freude der weiblichen Zirkusbesucher. Der Auftritt schien ein voller Erfolg zu werden. Die Frauen kreischten vor Vergnügen.

Auf einmal sprang ein kleines Mädchen nah an Johann heran. Es war das Mädchen, welches ihm vor einigen Monaten an der Ampel begegnet war. Die Kleine schrie heraus, der Mann unter der Clownsmaske habe sie vorgestern in einem Spielzeugladen unsittlich berührt. Augenblicklich erhielt das Mädchen eine extra große Ladung Toilettenpapier in den weit geöffneten Rachen. Weil das Publikum aber den Grund für die Aktivitäten der Toilettenpapierrolle nicht kannte, dachte man natürlich, die Kleine hatte die Wahrheit gesprochen. Eine Welle der Empörung toste auf. In ihrem Zorn riefen die Zirkusbesucherinnen heftige Beschimpfungen und Unterstellungen auf Johann aus. Was den Papierausstoß der Toilettenpapierrolle ins nahezu unermessliche steigerte. Herr Blumenstiel und Johann verloren die Kontrolle. Wie ein Brummkreisel rotierte die Toilettenpapierrolle bald durch die Reihen der Zuschauer und wurde immer schlimmerer Lügen gewahr. Binnen kürzester Frist gab es niemanden mehr innerhalb des Zirkuszeltes, dessen Mund nicht mit Toilettenpapier gefüllt war. Schließlich schaffte es die Toliettenpapierrolle sogar das Zirkuszelt zu verlassen und begann damit auch draußen allen Lügnerinnen und Lügnern den Mund zu stopfen. Bald schon weitete sie ihr Tun auf ganz Stockholm aus. Über Bahnhöfe und Flughäfen gelangte sie zu anderen Städten. Die Toilettenpapierrolle erzeugte inzwischen sogar Ableger ihrer selbst und hinterließ diese vor Ort, um das Aufkommen erneuter Lügen gleich im Keim zu ersticken. Niemand schaffte es sich der tobenden Toilettenpapierrolle in den Weg zu stellen. Sie wirbelte über den gesamten Globus.

Nur Menschen die frei von Lügen waren, blieben unbehelligt. Wie der Autor dieser Zeilen.

Fern im Himmel erschall derweil ein Lachen, welches man seit langer Zeit nicht mehr vernommen hatte. George Middleton Hurtsmith hatte gerade gesehen, was auf der Erde geschehen war.

17.10.2005 0.25 Uhr