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Geschichte vom 04.10.2005:

Herrn Trullebergs Geheimnis

Der Weltenerschaffer hatte sich auf ein Neues in seine Bastelstube zurückgezogen. Er war sicher endlich das Außergewöhnliche ereichen zu können. Diesmal würde sein Werk perfekt werden. Irgendwann einmal musste es ihm doch gelingen. So viel Pech wie es ihm in den letzten Jahrmillionen widerfahren war, konnte man doch nun wirklich nicht mehr als "normal" bezeichnen. Irgendwann einmal musste diese Pechsträhne einfach abreißen - und er wußte diesmal würde es soweit sein.

Er griff mit beiden Händen in die Erdklumpenkiste. Ein tiefes schmatzendes Geräusch schlug ihm daraufhin entgegen. Der Weltenerschaffer entnahm der Kiste eine überschaubare Menge des gefügigen Materials und bearbeitete es sorgfältig. Die Nebelschwaden der Räucherstäbchen und das rote Dunkelkammerlicht verliehen seinem Tun etwas magisches. Um diese mystische Grundstimmung noch zu erhöhen, begann er damit den Oberkörper leicht vor und zurück zu wiegen und stimmte ein monotones Summen an. Immerhin war es nicht gänzlich auszuschließen, dass seine Frau ihn durch das Schlüsselloch beobachtete.

Er knetete die Masse so lange, bis sich daraus eine faustgroße Kugel ergab. Die Kugel war zwar nicht ganz ebenmäßig rund, aber das hatte er auch gar nicht beabsichtigt. Mit beiden Händen hielt er das Gebilde vor sich und betrachtete seine Schöpfung kritisch. Er führte die Hände näher an sein Gesicht heran, um die Kugel ganz genau von allen Seiten betrachten zu können, denn die sich unaufhaltsam ausbreitenden Nebelschwaden der Räucherstäbchen trübten seine Sicht heftig, zumal der Raum ohnehin nur spärlich beleuchtet war. Letztlich befand er sein Werk für gut. Es entsprach bis ins kleinste Detail hinein dem Gebilde, welches er hatte erschaffen wollen. Ein zufriedenes Lächeln huschte über ihm über das Gesicht. Dann kippte der Weltenerschaffer noch ein paar Liter Wasser über die Kugel und legte sie anschließend behutsam im Sternenraum ab. Das war es. Jetzt konnte er nur noch abwarten und hoffen. Die Zeit würde zeigen, ob ihm das Werk tatsächlich gelungen war oder ob er auch dieses Gebilde in der Mülltonne würde entsorgen müssen. Gedankenüberladen verließ er die Bastelstube.

Seine bessere Hälfte machte gerade in der Küche das Essen. Die Bastelarbeiten ihres Mannes waren nichts neues für sie. Ganz im Gegenteil. Eigentlich war dieser Firlefans schon Alltag. An die Zeit davor konnte sie sich kaum mehr erinnern. Deshalb wußte sie natürlich, dass sie jetzt wieder ganz besonders behutsam mit ihrem Gatten umgehen musste. Naja - letztlich war sie ja auch an allem schuld. Hätte sie nicht vor langer Zeit die Trullebergs besucht und ihrem Mann anschließend voller Begeisterung von den kunstvollen Kreationen des Herrn Trulleberg erzählt, dann wäre in ihrem Mann vermutlich niemals diese grenzenlose Eifersucht entbrannt, die ihn seither dazu trieb Herrn Trulleberg in dessen Kunstfertigkeit übertreffen zu wollen. Ewigkeiten lag der Besuch bei den Trullebergs mittlerweile zurück, doch ihr Mann hatte kein einziges ihrer damaligen Worte vergessen. Der Stachel saß immer noch knochentief. Vergleiche mit anderen Männern mochte er halt einfach nicht. Dann hatte sie ihm auch ausgerechnet noch Herrn Trulleberg als erstrebenswertes Vorbild unter die Nase gerieben. Herrn Trulleberg! Obwohl sie sicher war, jeder andere Mann wäre ebenso schlimm gewesen. Seither versuchte ihr Gatte diese im Raum schwebenden und teilweise mit Wasser bedeckten Gebilde herzustellen, damit sie diese interessierten Gästen vorstellen und ihren Mann als deren Erschaffer nennen konnte, so wie dereinst Frau Trulleberg ihr die Werke von Herrn Trulleberg vorgestellt hatte. Bislang jedoch war es dem Weltenerschaffer noch nicht einmal gelungen auch nur ein einzelnes Gebilde herzustellen.

Der Weltenerschaffer betrat die Küche. Seine Frau nahm ihm zärtlich in den Arm, kraulte ihn am langen weißen Bart und sprach ihrem Mann Mut zu. Danach deckten sie gemeinsam den Tisch. Am liebsten wäre der Weltenerschaffer gleich zurück in die Bastelstube gelaufen, um nachzusehen, ob die Kugel immer noch in Ordnung war. Beim öffnen des Sternenraums hätte er dann seine Arbeit aber wieder einmal mehr vorzeitig zerstört. Dabei war die Sache eigentlich ganz einfach. Frau Trulleberg hatte seiner Frau alle wesentlichen Details des Arbeitsprozesses ausführlichst dargelegt - und er wiederum hatte aufmerksamst den minutiösen Ausführungen seiner Frau über alle diese wesentlichen Details zugehört und sie sich sorgfältig gemerkt. Rein technisch gesehen, war die Sache kinderleicht. Aber die Neugier machte ihm halt immer einen Strich durch die Rechnung. Und gegen diese Neugier war kein Kraut gewachsen. Seine Frau gab die Hoffnung trotzdem nicht auf. Vielleicht klappte es dieses Mal ja tatsächlich und vielleicht würde ihr Gatte dann wieder den inneren Frieden zurückgewinnen, den sie ihm in einem unbedachten Moment geraubt hatte.

Nach dem Essen unternahmen die beiden noch einen kleinen Spaziergang. Ihr Häuschen stand dicht am Rand der Planetenscheibe auf der sie lebten. Sie liefen bis zu dem Rand und schauten von dort aus in die Unendlichkeit. Die beiden liebten diesen Anblick über alles. Vor ihnen, unter ihnen und über ihnen vermuteten sie das Ende und den Anfang allen Seins. Jedes Mal überkam sie an diesem Ort ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit für die eigene Existenz. Irgend jemand hatte hier eine verdammt gute Arbeit geleistet. Der Weltenerschaffer hoffte nur inständig, der Konstrukteur von all dem möge nicht Herr Trulleberg gewesen sein. Darüber musste er dann auch gleich herzhaft lachen, denn Herr Trulleberg hätte diese Welt bestimmt in Form einer Kugel gebaut. In Form einer Kugel. Das musste man sich einmal vorstellen. Herr Trulleberg war eben schon ein seltsamer Kauz. Seine Frau erkundigte sich über den Grund der plötzlichen Heiterkeit des Weltenerschaffers. Er zog es jedoch vor ihr die Wahrheit zu verheimlichen und erzählte ihr stattdessen von einem merkwürdigen Gedanken, den er vorgab vor ein paar Tagen gehabt zu haben. In dem Gedanken habe er versucht sich die Auswirkungen eines steten Wechsels von Helligkeit zu Dunkelheit auf ihrer Welt auszumalen. Seine Frau fragte ihn, in welchem Zusammenhang er auf diesen unsinnigen Gedanken gekommen sei. Denn so ein Wechsel von Helligkeit und Dunkelheit, wäre doch für alle Bewohner ziemlich lästig. In der Dunkelheit könne man schließlich recht wenig sehen und folglich anstehende Tätigkeiten nur äußerst beschwerlich oder nur in mangelhafter Qualität ausführen. Er pflichtete ihr bei und erklärte ihr, genau darüber hätte er sich gerade so trefflich amüsiert. Er habe versucht sich vorzustellen, wie sie beide sich in absoluter Dunkelheit die Zähne hätten putzen wollen. Wie er aber überhaupt auf diesen absurden Gedanken eines Wechsels von Helligkeit und Dunkelheit gekommen sei, das wüßte er nun nicht mehr zu erklären. Er freute sich durch diese Lügengeschichte den Namen von Herrn Trulleberg dem Gespräch ferngehalten zu haben. Man mußte ja nicht öfter über diesen Mann reden, als unbedingt nötig. Seine Frau gab dem Weltenerschaffer einen liebevollen Stoß in die Rippen und nannte ihn einen albernen Kerl.

Die zwei gingen zurück zu ihrem Häuschen und machten ein Nickerchen. Nach kurzer Zeit jedoch, schreckte der Weltenerschaffer schweißgebadet auf. Er erhob sich vorsichtig von der Ruhestätte, damit seine Frau nicht gestört wurde. Zuerst ging er in die Küche und trank einen Schluck Wasser. Danach zog es ihn in das Bastelzimmer. Er wurde magnetisch davon angezogen. Seine Hand öffnete behutsam die Tür. Er betrat den dunklen Raum. Licht benötigte er nicht. Er kannte das Zimmer sehr gut. Vor der Tür zum Sternenraum blieb er stehen. Dachte nach. Seine Hand zuckte leicht, bewegte sich auf den Türgriff zu. Nein. Die Hand durfte das nicht. Der Weltenerschaffer schlich zurück zu der Schlafstätte. Seine Frau spürte, dass er standhaft geblieben war. Eigentlich benötigten die beiden keinen Schlaf, ebensowenig wie die anderen Bewohner dieser Welt, doch manchmal gönnten sie sich eine kurze Entspannungspause. Wie gerade eben.

Später aßen sie ein paar Spiegeleier mit frischen Schwarzbrot, dazu gab es Kaffee. Die nächste Zeit machte der Weltenerschaffer einen großen Bogen um die Bastelstube, damit er nicht in Versuchung geführt werden konnte dort einzutreten. Seine Frau topfte die Grünpflanzen um. Die Zeit verging und der Weltenerschaffer stellte sich unaufhörlich die Frage, die er sich schon so oft gestellt hatte und auf die er keine Antwort wußte: Wann durfte er die Tür des Sternenraums öffnen, ohne befürchten zu mussen, dadurch dem Gebilde einen irreparablen Schaden zuzufügen.

Bei einem neuerlichen Spaziergang begegnete dem Paar unvermittelt Herr Trulleberg. Herr Trulleberg! Man tauschte einige freundliche Worte aus. Natürlich gab es kein Wort über die Gebilde.

Wieder lag der Weltenerschaffer neben seiner Frau auf der Ruhestätte. Wieder schreckte er nach sehr kurzer Zeit schweißgebadet auf. Wieder erhob er sich vorsichtig, um seine Frau nicht zu stören. Wieder ging er zuerst in die Küche und trank einen Schluck Wasser. Wieder zog es ihn danach magnetisch in das Bastelzimmer. Hinein kam er diesmal allerdings nicht. Die Tür war verschlossen und der Schlüssel, der normalerweise immer in dem Schlüsselloch zur Tür steckte, war weg. Dahinter konnte nur seine Frau stecken, außer ihnen beiden lebte in dem Häuschen ja sonst niemand. Die schändliche Tat seiner Ehefrau missfiel ihm sehr. Wie konnte sie so etwas nur tun. Hatte sie so wenig vertrauen in ihn. Das konnte er nicht auf sich sitzen lassen. Er würde gleich zu ihr hingehen und sie zur Rede stellen. Wenn er dies tun würde, fiel ihm jedoch sofort ein, dann würde er damit auch ein Schuldbekenntnis ablegen. Und ein Schuldbekenntnis wollte er auf keinen Fall ablegen.

Bald war es erneut an der Zeit zu essen. Seine Frau rief ihn zu Tisch. Der Weltenerschaffer blieb aber auf der Ruhestätte liegen. Er gab vor unter starken Kopfschmerzen zu leiden, was selbstverständlich gelogen war. Seine Frau hatte also kein Vertrauen mehr zu ihm. Sie hielt es sogar für notwendig, den Schlüssel zur Bastelstube vor ihm zu verstecken. Herrn Trullebergs Frau hatte bestimmt noch nie einen Schlüssel vor Herrn Trulleberg versteckt - und schon gleich gar nicht den Schlüssel zu Herrn Trullebergs Bastelstube, vorausgesetzt natürlich, Herr Trulleberg besaß überhaupt eine Bastelstube, wovon auszugehen war. Wo sollte er denn sonst seine Gebilde herstellen, wenn nicht in einer Bastelstube? Herr Trulleberg hatte also ganz gewiss eine Bastelstube. Und ebenso gewiss, würde Frau Trulleberg den Schlüssel zu dieser Bastelstube niemals vor Herrn Trulleberg verstecken. Das war absolut undenkbar. Aber Herr Trulleberg schaffte es ja auch diese faszinierenden Kugeln herzustellen. Was ihm, dem Weltenerschaffer, bislang noch nicht gelungen war. Das alles gefiel dem Weltenerschaffer gar nicht. Er war stinksauer.

Die Frau des Weltenerschaffers verließ das Haus, um in der nahen Apotheke ein Kopfschmerzmittel zu kaufen. Der Weltenerschaffer hörte, wie sie hinter sich die Haustür schloß. Sofort sprang er auf und rannte zum Bastelzimmer. Er hielt es nicht mehr aus. Seine Neugier war zu groß. Er musste jetzt wissen, wie es um die Kugel in dem Sternenraum bestellt war. Zur Not würde er einfach die Tür zum Bastelzimmer aufbrechen - und falls die Tür zum Sternenraum ebenfalls verschlossen und der dazugehörende Schlüssel nicht auffindbar wäre, dann würde er diese Tür ebenso aufbrechen. Obwohl er selbstverständlich keine Ahnung hatte, wie er das später seiner Frau erklären sollte. Doch das war ihm jetzt auch völlig egal.

Als er vor der Tür zur Bastelstube stand, war diese weit geöffnet. Überrascht betrat er den dunklen Raum. Was hatte das alles zu bedeuten? Wollte ihm seine Frau einen Streich spielen? Im Halbdunkel sah er Herrn Trulleberg, wie dieser sich an der Tür zum Sternenraum zu schaffen machte. Herr Trulleberg! Wie kam der eigentlich hier rein? Der Weltenerschaffer sprach Herrn Trulleberg in ernstem Ton an. Herr Trulleberg erklärte mit zitternder Stimme, dass der Weltenerschaffer bei der gestrigen Begegnung einen Schlüssel verloren hatte, der als Schlüssel zu diesem Bastelraum gekennzeichnet war. Er habe den Schlüssel zurückbringen wollen, woraufhin sich ein längeres Gespräch mit der Frau des Weltenerschaffers ergeben habe, in dessen Verlauf sie ihn, Herrn Trulleberg, gebeten habe, doch so lange in dem Haus zu verweilen, bis sie von dem Spaziergang zu der Apotheke wieder zurück sei. Diese Gelegenheit habe er nun dazu genutzt, sich das Bastelzimmer des Weltenerschaffers einmal genauer anzusehen, zugegebenermaßen unberechtigter Weise. Die Erklärung schien dem Weltenerschaffer einleuchtend und genügte ihm. Denn die Erklärung verwies den Verdacht, seine Frau habe den Schlüssel vor ihm versteckt, ins Reich der Fantasie, worüber er derart glücklich war, dass ihn die weiteren Beweggründe für Herrn Trullebergs Anwesenheit in diesem Bastelzimmer nicht mehr interessierten.

Da standen die beiden Männer jetzt also in dem dunklen Zimmer vor der Tür zu dem Sternenraum. Herr Trulleberg erkundigte sich zögerlich nach den Kopfschmerzen seines Gegenübers. Als Antwort erhielt er ein launisches Grunzen, welches er als Hinweis darauf deutete, dieses Thema besser fallen zu lassen und sich schleunigst aus dem Staub zu machen. Der Weltenerschaffer blickte Herrn Trulleberg hinterher, um sich zu vergewissern, dass dieser auch wirklich aus dem Haus verschwand. Danach konnte der Weltenerschaffer sich keine Sekunde länger zurückhalten. Er öffnete die Tür zum Sternenraum.

Im gleichen Augenblick wurde das Gebilde von einer agilen Horde winzig kleiner Triktrox befallen, die zusammen mit dem Weltenerschaffer und seiner Frau in dem Häuschen wohnten. Die kleinen Racker waren eigentlich nicht sonderlich auffällig, weshalb man sie für gewöhnlich auch gar nicht zur Kenntnis nahm. Sie waren halt einfach nur da und warteten darauf, bis sich ihnen eine Möglichkeit bot ein bisschen aktiver werden zu können. Und der Weltenerschaffer bot ihnen, durch die Erstellung seiner Gebilde, diese Möglichkeit ausgesprochen oft. Auf den Kugeln fanden sie einen idealen Nährboden, um ihrem Tatendrang freien Lauf zu lassen. Und weil die Triktrox außerordentlich gut organisiert waren, hatte sich diese Nachricht in windeseile unter ihrem Volk verbreitet. Sie waren von überall her gekommen, um sich im Haus des Weltenerschaffers unbemerkt einzunisten. Nirgendwo sonst fand man die kleinen Kerlchen noch auf dieser Welt. Alle lebten hier. Und kaum lag wieder eine neue Kugel in dem Sternenraum, bildeten sie auch schon einen Kommissionsausschuss, der sich mit der Frage beschäftigte, wer aus ihren Reihen dazu ausserwählt werden sollte, dieses neue Gebilde zu bevölkern. In der Regel wurde dazu eine Gruppe von 347 Triktrox aus unterschiedlichsten Tätigkeitsbereichen benötigt. Sobald der Weltenerschaffer dann wieder vorzeitig die Tür zum Sternenraum geöffnet hatte, siedelten die 347 Triktrox auf das Gebilde über. Hätte der Weltenerschaffer allerdings die vorgeschriebene Wartezeit bis zur Öffnung des Sternenraums abgewartet, dann hätten die Triktrox keine Chance gehabt auf der Kugel Fuß zu fassen, denn dann wäre die Widerstandskraft des Gebildes groß genug gewesen, die Fremdkörper abzuwehren. Da Frau Trulleberg die vorgeschriebene Wartezeit aus Unachtsamkeit aber der Frau des Weltenerschaffers nicht mitgeteilt hatte, wußte der Weltenerschaffer selbstverständlich nicht wie lang die vorgeschriebene Wartezeit war. Und da er zu stolz war seiner Frau einzugestehen, dass er die vorgeschriebene Wartezeit nicht kannte, konnte seine Frau die vorgeschriebene Wartezeit natürlich auch nicht bei Frau Trulleberg erfragen - und an Herrn Trulleberg wollte der Weltenerschaffer in diesem Zusammenhang gar nicht erst denken. Zumal der Weltenerschaffer überzeugt davon war, Herr Trulleberg würde die Wartezeit sowieso niemandem verraten haben. Aus reiner Boshaftigkeit. Diese Denkweise des Weltenerschaffers führte dazu, dass das Geheimnis der vorgeschriebene Wartezeit niemals von ihm gelüftet wurde. Sehr zur Freude der Triktrox.

Die Frau des Weltenerschaffers kam von der Apotheke zurück. Sie wußte sofort was geschehen war. Ihr Mann saß in der ihr mittlerweile äußerst bekannten verzweifelten Pose auf dem Fußboden des Bastelzimmers und blickte mit feuchten Augen in den Sternenraum. Beide wußten wie es weitergehen würde. Auf dem Gebilde würde in Kürze ein ungeheuerliches Chaos ausbrechen.

Dieses Chaos war allerdings bei genauer Betrachtung gar kein Chaos.

Die Prozesse im folgenden Absatz spielten sich aus dem Blickwinkel der Bewohner des Kugelgebildes innerhalb von mehreren Millionen Jahre ab. Aus dem Blickwinkel des Weltenerschaffers und seiner Frau innerhalb weniger Augenblicke.

Die Triktrox konnten auf dem Gebilde ihre Kreativität frei entfalten und entwickelten dadurch eine ungeahnte Lebensfreude. Sie wuchsen, gediehen und vermehrten sich in rasender Geschwindigkeit. Die auf dem Gebilde entstandenen Triktrox unterschieden sich geringfügig von den Siedler-Triktrox. Den ersten Mutationen folgten bald weitere. Schließlich entstanden völlig neue Lebensformen, die auch noch immer größer wurden. Diese immer größer werdenden Lebensformen begannen irgendwann damit sich gegenseitig aufzufressen, um sich dadurch noch besser entwickeln zu können. Die schwächsten Lebensformen verschwanden, die stärksten existierten weiter. Eines Tages versuchte eine Spezies sich über die anderen Lebensformen zu erheben. Und diese eine Spezies war ziemlich schlau. Sie gab den anderen Lebensformen Namen, um sie besser ausrotten zu können. Später begann diese Spezies den Sinn ihrer Existenz zu erfragen, in der Hoffnung durch die Antwort eine Rechtfertigung für den eigenen Größenwahn zu finden. Ab hier wurde es für den Weltenerschaffer extrem nervig. Denn ab diesem Zeitpunkt fingen die neun mal klugen Besserwisser an ihm die Schuld für alles in die Schuhe zu schieben, was schief lief. Ausgerechnet ihm. Eigentlich traf seine Frau doch viel mehr schuld. Am allermeisten Schuld aber traf natürlich Herrn Trulleberg. Aber an die beiden dachte natürlich keiner. Nein. Er war an allem schuld und er wurde deshalb mit einer Unmenge von Fragen, Bitten, Wünschen, Hilferufen, Drohungen, Verleumdungen und Anfeindungen bombadiert. Der Krach wurde immer lauter und immer unerträglicher und zusätzlich wurde das Gebilde immer schmutziger.

Die Frau des Weltenerschaffers verließ wortlos die Bastelstube. Ihr Mann nahm das Kugelgebilde und warf es zu den anderen in die Mülltonne. Es hatte wieder nicht geklappt.

Beim nächsten Mal jedoch würde er bestimmt alles richtig machen. Das nächste Gebilde würde den ihm angedachten Platz im Wohnzimmer ganz sicher einnehmen können.

Als der Deckel der Mülltonne aufging und das Gebilde hinein geworfen wurde, sah ein Wissenschaftler auf der Erde gerade durch sein Teleskop und entdeckte den neuen Himmelskörper am Firmament.

04.10.2005 22.40 Uhr