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Geschichte vom 10.09.2005:

Das Geschenk für Else

Draußen herrschte ein fürchterliches Unwetter. Alois hatte sich in die Sicherheit einer Kirche zurückgezogen. Die aufkommenden Gewitterwolken waren ihm gleich nicht ganz geheuer gewesen. Hier saß er nun. Neben sich das Geschenk für seine Frau Else zum morgigen Hochzeitstag. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann er zuletzt eine Kirche besucht hatte. Früher hatte er das recht häufig getan, im Laufe der Jahre hatten sich aber seine Gewohnheiten gewandelt. Heute verbrachte er seine Zeit am liebsten mit Else.

Der 15. Hochzeitstag war für ihn etwas ganz besonderes. Diesmal wollte er seiner Frau etwas ganz besonderes schenken, denn bisher hatte er es noch nicht geschafft ihr zu zeigen, wie sehr er sie tatsächlich liebte. Er hatte lange über ein Geschenk nachgedacht. So ein Geschenk konnte man nicht auf dem Land finden, dort wo sie beide wohnten. Dazu musste man in die Stadt fahren. Das hatte Alois schließlich auch getan. Jetzt aber überkam ihn eine leichte Furcht. Er hatte Else zum ersten Mal seit sie sich kannten allein zurück gelassen und er hatte sie zum ersten Mal angelogen. Er hatte ihr erzählt, er müsse in die Stadt, um ein Ersatzteil für das Kettenkarussell zu kaufen. Ein Ersatzteil, welches er hier auf dem Land weder kaufen noch bestellen konnte. Das war natürlich eine Lüge. Der Dudelmoser Sepp konnte alles besorgen.

Diese Lüge bereitete Alois jetzt ein schlechtes Gewissen. Vielleicht war wegen dieser Lüge sogar das schlimme Unwetter aufgezogen. Vielleicht sollte er dadurch bestraft werden. Vielleicht sollte dieses Unwetter seine rechtzeitige Rückkehr zu Else verhindern. Else müsste den 15. Hochzeitstag dann ganz alleine verbringen. Es wäre der erste Hochzeitstag, den sie getrennt voneinander verbringen würden. Sie wäre gewiss enttäuscht. Das könnte auch kein noch so großartiges, verspätetes Hochzeitsgeschenk wieder gut machen. Dessen war Alois sicher. Schließlich kannte er Else sehr gut. Er hatte mit dieser unsinnigen Reise in die Stadt ihr gemeinsames Glück auf das Spiel gesetzt - und das nur, weil er glaubte ihr seine Liebe mit einem ganz besonderen Geschenk beweisen zu müssen. Diese Dummheit würde Else ihm niemals vergeben können. Denn sie war es doch immer, die ihn daran erinnerte, wie wenig ihr materielles bedeutete - und wie wichtig ihr stattdessen seine Aufrichtigkeit und Zuverlässigkeit war. Nun hatte er alles kaputt gemacht. Eigentlich war es jetzt auch völlig egal, ob es immer noch regnete oder ob die Sonne schon wieder schien. Die Wetterlage konnte an seiner Schuld nichts ändern. Er hatte kein Anrecht mehr auf die Zuneigung von Else. Er hatte auch kein Anrecht mehr darauf sie wieder zu sehen. Nein. Er durfte sie gar nicht mehr wieder sehen. Er stand auf, verließ die Kirche und hoffte vom nächsten Blitz erschlagen zu werden. Doch das Unwetter war längst vorbei.

Es war Abend geworden. Alois stand inmitten einer fröhlichen Ansammlung von Menschen. Das Hochzeitsgeschenk hatte er in der Kirche liegen lassen. Eine Dame die dicht hinter Alois gesessen und ihn die ganze Zeit beobachtet hatte, nahm das Päckchen an sich.

Alois durchwatete die Menschenmenge der Kirmes. Zwischen all den Gesichtern entdeckte er plötzlich das eines Mannes mit einer riesengroßen dicken Nase. Er fragte sich, ob diese Nase womöglich das Ergebnis einer ebenso großen Schuld war, wie er sie sich aufgebürdet hatte. Hatte dieser Mann etwa seine Frau ebenfalls angelogen und war er deshalb mit solch einem Zinken ausgestattet worden? Sind große Nasen die Strafe für große Vergehen? Würde er, Alois, jetzt auch eine solche Nase bekommen? Eigentlich war er mit seiner derzeitigen Nase doch recht zufrieden. Er fand sie stand ihm gut zu Gesicht. Was konnte er tun um die Verwandlung seiner Nase zu vermeiden? Quatsch. Wie konnte man so etwas nur denken. Das war doch vollkommener Unsinn. Nein. Nicht die Nase des Mannes war es, die die Aufmerksamkeit von Alois so auf sich zog. Der Mann selbst war es. Gewiss, der Fremde hatte ein gewaltiges Riechorgan, doch da war eben noch etwas anderes. Etwas das nichts mit Äußerlichkeiten zu tun hatte. Aus irgendeinem Grund war Alosi der Ansicht, der Großnasige konnte ihm dabei behilflich sein, sich von der Schuld gegenüber Else zu befreien. Während Alois diesen Gedanken nachhing, war der Mann zwischen all den anderen Menschen verschwunden. Verzweifelt versuchte Alois ihn wieder zu finden. Der Fremde war doch die einzige Chance sein Glück mit Else zurück zu gewinnen.

Nach einer Weile gelangte Alois an einen gemütlichen Platz an einem Ufer. Von der langen Suche, dem vielen umherlaufen, war er müde geworden. Er wollte sich ein wenig ausruhen. Vor ihm stimmte sich auf einer kleinen schwimmenden Plattform ein Orchester zu einem Konzert ein. Die Plattform war mit festen Seilen an zwei massigen Betonpfeilern verankert, so dass sie von den Wellen nicht fortgetragen werden konnte. Ein Steg verband die Plattform mit dem Festland. Inmitten des Orchesters sah er den Mann mit der riesengroßen dicken Nase wieder. Er hielt eine Geige in seinem Arm. Das Orchester begann zu spielen. Alois überlegte was zu tun war.

Die Luft war warm, der Himmel sternenklar, das Wasser spiegelte das Licht der Sterne wider. Zufriedenheit umschlang die Seele von Alois. Die Musik beruhigte ihn, ließ ihn seine Schuld für einen Augenblick vergessen. Er hatte den Mann mit der großen Nase nun gefunden. Solange das Orchester spielte, konnte dieser Mann auch nicht wieder verschwinden. Und wenn die Musik beendet wäre, würden die Musiker mit Sicherheit über den Steg an Land gehen. Sie konnten ja nicht für immer auf der metallenen Insel verbleiben. Er, Alois, würde dann an der Uferseite, dicht an dem Steg, so lange warten, bis der Fremde mit der Riesennase auf ihn zugelaufen käme. Dann würde er den Mann ganz freundlich ansprechen und um Hilfe bitten. Der Mann würde ihm einen guten Rat geben. Alois würde sich seiner Schuld gegenüber Else dadurch entledigen können. Alles wäre wieder gut. Das hielt Alois für einen ordentlichen Plan. Er verfiel in einen leichten Dämmerschlaf und bemerkte dabei nicht, wie sich eine Frau neben ihn setzte. In der linken Hand hielt sie das Päckchen aus der Kirche.

Alois sah sich in Gedanken mit einer menschengroßen Fischdame über das Wasser tanzen. Seine Partnerin trug ein goldenes, mit unzähligen Perlen besticktes, bodenlanges Ballkleid, er selbst den edelsten Herrenanzug, den man sich nur vorstellen konnte. Leicht und beschwingt bewegten sich die beiden in vollendeter Eleganz zu den Klängen der Musik. Frau Fisch war eine begnadete Tänzerin und Alois war sich seines Glückes diesbezüglich sehr wohl bewusst, denn er selbst war für gewöhnlich ein eher unbeholfener Tänzer, mit einer solchen Partnerin an der Seite jedoch war es ein leichtes für ihn über die eigenen Grenzen hinaus zu wachsen und in ungeahnte Höhen der Tanzkunst vorzudringen. Die Körper der beiden schwebten anmutig über die Wasseroberfläche. Alois rannen Tränen des Glücks über die Wangen. Er wünschte sich Else an seiner Seite, damit sie dieses Glück mit ihm teilen könne. Für einen Augenblick unterbrach er den Tanz, um sich die Tränen mit einem Taschentuch abzuwischen. Seine linke Hand suchte in seiner linken Hosentasche nach einem Taschentuch. Wurde aber nicht fündig. Daraufhin untersuchte seine rechte Hand die rechte Hosentasche. Während er so suchte, bemerkte er nicht, wie sich Frau Fisch immer weiter von ihm entfernte. Sie hatte nicht aufgehört zu tanzen. Das letzte was er von ihr sah, war der Hauch ihres wunderschönen Ballkleides, kurz bevor sie in der Dunkelheit verschwand. Betrübt kehrte Alois zu seinem Platz am Ufer zurück.

Sein Blick wanderte über die Orchestermusiker. Ihm fiel nun auf, dass alle Musiker und Musikerinnen recht eigenwillige Erscheinungen waren. Es gab nicht nur den Mann mit der riesengroßen dicken Nase, es gab auch einen Mann dessen Ohren so geformt waren, dass er sie getrost auch als Obstschalen hätte nutzen können. Es gab eine Frau mit Schneidezähnen, die wie Skistöcke aus ihrem Oberkiefer herausragten, eine Frau mit Nasenhöhlen so groß, dass sie darin Wassermelonen spazieren tragen konnte und so weiter und so weiter ...

Er richtete sein Augenmerk auf das Publikum. Eigentlich sahen hier alle ziemlich merkwürdig aus. Die Menschen mit denen er zusammen in seinem kleinen Dörfchen wohnte, sahen ganz anders aus. Waren viel hübscher anzusehen als diese hier. Wo war er hier nur hineingeraten?

Die Musik hörte auf zu spielen. Das Konzert war beendet.

Der Mann mit der riesengroßen dicken Nase lief über den Steg und kam direkt auf Alois zu. Je näher er kam, umso größer wurde seine Nase und umso kleiner sein Körper. Zuletzt stand Alois keinem Musiker mehr gegenüber, sondern nur noch dessen riesiger Nase.

Nase: Na Herr Hüttelbacher, wie geht es ihnen heute?

Alois: Wie bitte?

Nase: Ich erkundigte mich nach ihrem befinden.

Alois: Sie kennen mich?

Nase: Natürlich kenne ich sie. Ich kenne alle meine Patienten.

Alois: Patienten?

Nase: Ah ich verstehe. Wo befinden sie sich in diesem Augenblick, Herr Hüttelbacher?

Alois: In einer Stadt.

Nase: In welcher Stadt?

Alois: Ich ... Äh ... Ich weiß es nicht.

Nase: Und was machen sie hier?

Alois: Ich habe für meine Frau ein Geschenk gekauft.

Nase: Was für ein Geschenk?

Alois: Ich ... Äh ... Ich weiß es nicht.

Nase: Wo ist das Geschenk?

Alois: Ich habe es in der Kirche liegen lassen.

Nase: Wo ist ihre Frau?

Alois: Sie ist zu Hause geblieben. Allein. Ich hatte sie angelogen, ich wollte nämlich ... Nun sie müssen wissen wir feiern morgen unseren 15. Hochzeitstag.

Nase: Ich gratuliere - welches Datum haben wir morgen?

Alois: Ich ... Äh ... Ich weiß es nicht.

Nase: Und wer bin ich ihrer Meinung nach?

Alois: Eine riesengroße dicke Nase, die vor ein paar Minuten noch ein Geigenspieler war.

Nase: Erscheinen ihnen ihre Antworten nicht ein klein wenig merkwürdig und unbeholfen?

Alois: Ich hatte gehofft sie könnten mir vielleicht aus meiner Not helfen.

Nase: Ich versuche ihnen in der Tat aus ihrer Not zu helfen. Ich bin ihr Arzt.

Alois: Mein Arzt?

Nase: Ihr Arzt. Doktor Zinken ist mein Name. Erinnern sie sich?

Alois: Doktor Zinken?

Nase: Doktor Zinken.

Alois: Was fehlt mir denn?

Nase: Einfach gesprochen?

Alois: Einfach gesprochen.

Nase: Vollkommener Realitätsverlust.

Alois: Vollkommener Realitätsverlust?

Nase: Vollkommener Realitätsverlust.

Alois: Das klingt nicht gerade gut.

Nase: Das ist auch nicht gerade gut. Ihre Frau Else hat sie vor einigen Wochen hier eingeliefert. Sie hatten einen totalen Nervenzusammenbruch. Waren völlig überarbeitet. Managersyndrom.

Alois: Managersyndrom?

Nase: Managersyndrom.

Alois: Oje. Und nun?

Nase: Ich dachte es würde ihnen inzwischen schon wieder besser gehen, darum habe ich ihnen heute einen kleinen Spaziergang in unserem Klinik-Park erlaubt. Ich dachte das Zusammentreffen mit anderen Patienten wäre gut für sie. Sie müssen sich wieder an die Menschen gewöhnen. Eigentlich war für den heutigen Tag nur Sonnenschein gemeldet. Der Regen kam völlig überraschend.

Alois: Das hier ist ein Klinik-Park?

Nase: Ja, das hier ist ein Klinik-Park - und Schwester Fischlein hat sie während des Spaziergangs begleitet.

Alois: Schwester Fischlein?

Nase: Schwester Fischlein. Sie kennen sie doch. Das ist die Dame des Pflegepersonals, die sich immer so wie eine kleine Prinzessin gebärdet.

Alois: Wo ist sie jetzt?

Nase: Mittagspause. Deshalb bin ich ja nun bei ihnen.

Alois: Klingt so, als ob ich gewaltig einen an der Waffel hätte.

Nase: Umgangssprachlich ausgedrückt, kommt das der Realität sehr nah.

Alois: Gibt es Hoffnung für mich?

Nase: Wir reden doch gerade ziemlich vernünftig miteinander - oder? Ah da kommt Schwester Fischlein ja schon wieder.

Fischlein: Darf ich ihnen das zurück geben Herr Hüttelbacher. Sie hatten es heute morgen in der Cafeteria liegen lassen.

Alois: Lassen sie mich raten. In der Cafeteria?

Fischlein: In der Cafeteria.

Alois: Oje. Eigentlich möchte ich dieses Paket gar nicht wieder haben. Ich möchte nicht wissen was drin ist.

Schwester Fischlein überreichte Alois dennoch das Päckchen, von dem Alois noch bis vor kurzem dachte es würde das Hochzeitsgeschenk für seine Frau Else beinhalten. Zitternd nahm er es an, wog es in seinen Händen. um etwas über seinen Inhalt heraus zu finden, bevor es geöffnet wurde. Alles um ihn herum schien sich in rasender Geschwindigkeit zu drehen. Ihm gefiel nicht was er gerade von dem Arzt gehört hatte. Es mochte der Wahrheit entsprechen, aber es gefiel ihm trotzdem nicht. Alois gab Schwester Fischlein das Päckchen ungeöffnet zurück. Danach schloß er seine Augen. Als er sie wieder öffnete, stand die Nase immer noch vor ihm. Schwester Fischlein war verschwunden. Alles schien ihm jetzt wieder so zu sein wie vor der unliebsamen Begegnung mit dem Arzt und Schwester Fischlein. Alois fühlte sich besser.

Alois: Hallo Nase.

Nase: Wie?

Alois: Ich sagte: Hallo Nase.

Nase: Ich weiß gar nicht, was sie von mir wollen. So etwas ist mir ja noch nie vorgekommen. Verschwinden sie gefälligst oder ich rufe die Polizei.

Else: Entschuldigen sie bitte meinen Mann. Er hat es wirklich nicht böse gemeint. Ich habe ihm schon hundert mal gesagt, er solle das Haus nicht ohne seine Brille verlassen.

Alois: Else?

Nase: Dann sollten sie in Zukunft besser auf ihn aufpassen.

Alois: Else - bist du das? Wo kommst du denn plötzlich her. Mein Gott bin ich froh, dass du hier bist.

Else: Du hattest auf dem Küchentisch mal wieder deine Brille vergessen. Und weil ich dir die Geschichte mit dem Ersatzteil für das Kettenkarussell nicht abgekauft habe, dachte ich mir, es wäre wohl am besten dir einfach zu folgen - um zu sehen, wohin das ganze führt. Setz jetzt endlich diese verdammte Brille auf, damit du dein Umfeld wieder richtig wahrnehmen kannst.

Alois: Die Brille ... das ich da nicht allein drauf gekommen bin.

Nase: Ich kann dann wohl gehen?

Else: Eine kleine Bitte hätten mein Mann und ich da noch an sie. Das Orchester hat vorhin so wundervoll gespielt. Wir haben dazu getanzt wie noch nie zuvor in unserem Leben. Morgen feiern wir unseren 15. Hochzeitstag. Können wir sie zu unserem Ehrentag engagieren? Wir würden sie natürlich bezahlen.

Alois: Aber ich habe vorhin doch mit Frau Fisch getanzt ... und nicht mit dir, Else.

Else: Frau Fisch? Ich hätte dir die Brille wohl doch schon etwas früher zurück geben sollen. Hattest du sonst noch irgendwelche merkwürdigen Begegnungen?

Alois: Äh ...

Nase: Wenn ich mir das alles so anhöre, glaube ich, es dürfte sehr unterhaltsam sein bei ihnen zu musizieren. Ich werde das gleich mal mit unserem Orchesterleiter besprechen.

Man wurde sich sehr schnell einig. Am nächsten Tag reisten Else, Alois und das Orchester mit der Eisenbahn zu dem Dörfchen, in dem Else und Alois lebten. Sie feierten dort ein berauschendes Fest. Nach und nach gesellten sich auch noch alle weiteren Dorfbewohner mit dazu. Am feierlichen Höhepunkt präsentierte Else das Päckchen mit dem Geschenk, welches Alois in der Kirche hatte liegen lassen - und das sie dort an sich genommen hatte. Else hatte ihre Neugier im Zaun gehalten und das Geschenk bisher noch nicht entpackt. Nun begann sie langsam damit es zu öffnen. Alois war sehr gespannt darauf, wie es ihr gefallen würde. Das Orchester spielte einen Tusch.

Zur gleichen Zeit, am gleichen Ort - und dennoch unendlich weit entfernt:

Nase: Ich glaube Herr Hüttelbacher hat sich gerade für immer von uns verabschiedet, Schwester Fischlein. Wir sollten das Päckchen wohl am besten an seine Frau weiterleiten.

Der nächste Morgen. Frau Else Hüttelbacher hatte sich entschieden doch in die Klinik zu ihrem Mann zu fahren, obwohl sie das ursprünglich nicht tun wollte. Immerhin war heute ihr 15. Hochzeitstag - und es war eindeutig, dass ihr Mann an diesem Hochzeitstag nicht zur Arbeit gehen würde. Es könnte also der erste Hochzeitstag werden, den sie tatsächlich gemeinsam verbringen würden, wenn auch aufgrund recht unglücklicher Umstände. Sie wollte gerade in den Wagen steigen, als sie sah, dass der Paketdienst vorfuhr. Ein Päckchen aus der Klinik wurde ihr überreicht. Else ging damit in das Wohnzimmer und setzte sich auf die Couch. Nach einer Weile begann sie damit es zu öffnen. Darin enthalten war ein Dutzend Notizbücher von ihrem Mann. Sie fing an die Notizen zu lesen. Es waren die Tagebücher, die Alois im Laufe seines bisherigen Klinikaufenthaltes geschrieben hatte. Seine Worte drückten tiefes Bedauern über das Leid aus, welches er Else in all den Jahren zugefügt hatte. Er erinnerte sich in den Notizen auch an viele gemeinsame Träume, die sie nie hatten Wirklichkeit werden lassen.

Ein paar Stunden später fuhr sie zu dem Vergnügungspark, auf dem sie vor vielen Jahren einen wunderschönen Tag zusammen verbrachten. Sie ging zu dem Kettenkarussell. Dort angekommen traute Else kaum ihren Augen. In dem Häuschen für den Kartenverkauf saß ihr Mann und grinste sie spitzbübisch an.

Else: Alois?

Alois: Alles gute zum 15. Hochzeitstag. Wie geht es dir?

Else: Wie es mir geht? Wie geht es dir? Wie kommst du hierher - du müsstest doch in der Klinik sein.

Alois: Müsste ich das? Ich hielt es für wichtiger hier zu sein. Darum bin ich ausgebüchst. Und du? Was führt dich hierher?

Else: Erinnerungen und Hoffnungen.

Alois: Fein. Wir sind übrigens die Besitzer dieses Kettenkarussells.

Else: Ähh ... Und was ist mit der Firma?

Alois: Darüber mache ich mir später Gedanken. Jetzt drücke ich erst einmal dieses Knöpfchen hier.

Else: Warum?

Alois: Wenn mich der frühere Besitzer nicht schamlos angelogen hat, dann ist dieses Kettenkarussell etwas ganz besonderes. Es ist ein Wiedergutmachkarussell.

Else: Aha - und was heißt das?

Alois: Man setzt sich in das Karussell und wird zu den Momenten in seinem Leben zurückgeführt, an denen man dem Menschen, der mit einem in dem Karussell fährt, sehr weh getan hat. Man erhält durch diese Fahrt eine Chance das gesagte oder getane rückgängig zu machen.

Else: Glaubst du nicht, es wäre vielleicht besser gewesen, noch ein paar Tage länger in der Klinik zu bleiben?

Alois: Ich entnehme deinen Worten, dass du mir diese Geschichte nicht so ganz glaubst. Aber ich gebe nur weiter, was man mir erzählt hat. Wie wäre es, wenn wir die Sache einfach ausprobieren?

Else: Du hast recht. Was soll schon geschehen. Im schlimmsten Fall drehen wir halt nur ein paar Runden in unserem eigenen Kettenkarussell.

Alois: Dann mal los!

Alois drückte das Knöpfchen. Er und Else nahmen in dem Karussell Platz. Kurz darauf wirbelten sie auf ihren Sitzen immer schneller durch die Luft und verschwanden schließlich ins Nichts.

Der Vorbesitzer, ein Zauberer namens Rattelknöt, hatte nicht gelogen. Das Paar erhielt die Möglichkeit die schmerzhaftesten Momente seines Zusammenlebens zu beseitigen. Sie taten es allerdings nicht - sondern erkannten, dass diese Momente durchaus ihre Berechtigung hatten und dazu geführt hatten den anderen Menschen besser kennen und akzeptieren zu lernen. Nachdem sie wieder in der Gegenwart angekommen waren, blieben sie für den Rest ihres Lebens zusammen und führten ein Leben wie viele andere Menschen auch. Mit Freude und Leid. Naja, vielleicht war das Leben von Alois und Else doch ein klein wenig glücklicher als das von anderen Menschen, aber wirklich nur ein klein wenig.

10.09.2005 18.57 Uhr