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Geschichte vom 16.10.2004:

Bordeaux Rot

Hmm ... was wäre wenn die Darsteller tatsächlich echte Menschen wären ...

Frau von Tuchenstolz: Ich schmeiße meine Rolle hin. Das "Ding" wird ja eh nie fertig.

Ich: Aber liebe Frau von Tuchenstolz, bedenken sie doch nur einmal die ganze Zeit und Mühe die sie bisher schon in das "Schneckenprojekt" investiert haben.

Frau von Tuchenstolz: Genau das tue ich ja und deshalb möchte ich dem ganzen jetzt ein Ende bereiten. Ich habe genug. Aus. Schluß. Vorbei. Suchen sie sich eine neue Hauptdarstellerin.

Ich: Und warum wollen sie gerade jetzt das Handtuch werfen?

Frau von Tuchenstolz: Weil jetzt diese Szene ansteht über die wir schon von Anfang an unterschiedlicher Meinung waren. Suchen sie sich doch eine andere Adelige die für eine Schnecke ihren Rock fallen lässt. Und überhaupt - wenn ich nur daran denke, das ein erwachsener Mann mit einer Schnecke zusammenlebt ... halten sie das nicht für ziemlich bedenklich?

Ich: Öh ... es ist ja nur eine Plastikschnecke. Das inspiriert mich für den Film.

Frau von Tuchenstolz: Inspiriere ich sie etwa nicht? Immerhin bin ich ein Mensch.

Ich: Sie sind eine Frau.

Frau von Tuchenstolz: Genau - und das ist die bessere Form der Gattung Mensch.

Ich: Okay - anderes Thema. Wenn sie schon aufhören wollen, darf ich ihnen zum Abschied dann wenigstens noch von meinem nächsten geplanten Projekt erzählen?

Frau von Tuchenstolz: Nun habe ich schon so viel Zeit mit ihnen vertrödelt, da kommt es auf diese paar Minuten auch nicht mehr an. Hauptsache ich bin anschließend aus allen Verpflichtungen draussen.

Ich: Okay, es geht los.

Alle Menschen streiten sich. Keiner hört sich mehr die Meinung des anderen an - alle wollen nur noch recht haben. Das Lachen und die Freude sind verschwunden, Wut, Zorn und Angst herrschen vor. Ein letzter Platz des Friedens ist eine alte Spielzeugfabrik. Hier lebt in völliger Abgeschiedenheit ein alter Spielzeugfabrikant. Früher waren die Bälle mit den roten Punkten die hier produziert wurden ein weltweiter Verkaufsschlager. Der letzte Ball wurde aber vor 16 Jahren verkauft. Seither ist die Fabrik nahezu verlassen. Nur der Fabrikant und der Roboter Bordeaux Rot sind übrig geblieben von der einstmals 3200 Personen umfassenden Belegschaft. Eigentlich hatte der Fabrikant inzwischen ebenfalls schon längst gehen wollen, aber er sah sich auch immer noch als Kapitän dieses Unternehmens und wollte deshalb als Letzter diesen Ort verlassen. Weil Bordeaux Rot diesen Ort aber noch nicht verlassen konnte, durfte auch er diesen Ort noch nicht verlassen. Dazu muss man wissen, das dem Spielzeugfabrikant selbst nie ein Familienleben vergönnt war und er engere Kontakte zu seinen Angestellten stets aus Prinzip gemieden hatte. Einzig dieser Roboter war ihm über die Jahre hinweg ans Herz gewachsen und das vermutlich hauptsächlich aufgrund eines kleinen Konstruktionsfehlers der den Erbauern des Roboters unterlaufen war. Dieser Konstruktionsfehler bestand darin, das Bordeaux Rot peinlichst darauf BEDACHT war seine Arbeit mit äußerster Perfektion auszuführen. Eigentlich sollte man von einer Maschine ja nicht anderes erwarten, bei Bordeaux Rot ging dies jedoch tatsächlich soweit, das er darauf BEDACHT war. Er führte nicht nur rein maschinell bedingte Arbeitsprozesse durch, sondern entwickelte während dieser Arbeitsprozesse regelrecht ein eigenes Bewusstsein.

Doch beginnen wir von vorne. Bordeaux Rot wurde an einem Donnerstag in die Spielzeugfabrik geliefert. Man versprach sich innerhalb des Firmenaufsichtsrates durch die Anschaffung eines Roboters eine Erhöhung der Produktivität. Die Arbeiter jedoch fürchteten durch diese Anschaffung um ihre Arbeitsplätze. Seine Aufgabe bestand darin auf gelbe Plastikbälle bordeauxrote Punkte zu spritzen. Schon bald jedoch fiel auf, das Bordeaux Rot für diese Aufgabe wesentlich mehr Zeit aufwendete als dies aus rein technischer Sicht notwendig war. Das freute die Arbeiter und besorgte die Firmenleitung. Man untersuchte den Roboter auf technische Mängel, konnte aber keine Fehler feststellen. Dann untersuchte man die Bälle die er bearbeitet hatte. Hierbei stellte sich heraus, das er jedem von ihm produzierten Punkt einen Hauch von Individualität hatte zukommen lassen. Kein Punkt glich einem anderen Punkt und die Anordnung der Punkte auf den einzelnen Bällen wies ebenfalls niemals irgendwelche übereinstimmenden Muster auf.

Von Seiten des Firmenaufsichtsrates war man sehr bald der Ansicht diese offensichtliche Fehlkonstruktion eines Roboters umgehend durch ein leistungsfähigeres Modell ersetzen zu müssen. Nur der Chef des Unternehmens, der Spielzeugfabrikant, war da anderer Ansicht. Er sah in dem Roboter einen Wink des Schicksals und nahm diesen als Anlass ein neues Marketingkonzept einzuführen. "Bei uns erhalten sie einen Ball mit ihrem ganz individuellen Punktemuster". Jahrelang führte dieses Konzept zu gewaltigen Umsatzsteigerungen. Eines Tages jedoch war diese Idee veraltet.

Die Umsätze gingen zurück. Immer mehr Stellen mussten gestrichen werden. Die Produktion der Bälle musste eingestellt worden, aber da der Roboter ja extrem langsam arbeitete und es niemanden gab, weder Mensch noch Maschine, der ihn bei seiner Arbeit hatte unterstützen können, hatte sich hinter ihm ein gewaltiger Berg von Arbeit aufgetürmt. In den guten Jahren hatte dies häufig für Unmut innerhalb des Firmenaufsichtsrates gesorgt, weil man der Nachfrage an Bällen nicht gerecht werden konnte und so die Käufer mit langen Wartefristen verärgern musste, in den schlechten Jahren verstand innerhalb des Firmenaufsichtsrates niemand so recht warum man die überproduzierten Bälle nicht einfach einschmolz und die Fabrik auf die Produktion anderer Güter umrüstete. Es gab für dieses Verhalten auch keinen rationalen Grund, zumindest nicht unter wirtschaftlichen Aspekten. Für den Spielzeugfabrikanten hatte dies einzig und allein etwas mit Anstand zu tun. Eine Form von Anstand zu der er gegenüber seinen Angestellten nicht fähig war, die er aber sehr wohl gegenüber diesem merkwürdigen Roboter aufbrachte. Er wollte die Fabrik so lange nicht schliessen, bevor Bordeaux Rot nicht den letzten Punkt auf den letzten Ball gesetzt hatte und eine Umrüstung der Fabrikanlage auf die Herstellung anderer Güter kam für ihn nicht in Frage. Diese unnachgiebige Haltung führte schließlich dazu das nur noch der alte Spielzeugfabrikant selbst und der Roboter Bordeaux Rot in der Fabrikanlage übrig blieben, während der Rest der Belegschaft sich nach und nach in Richtung anderer Firmen verabschiedete. Zuletzt ging dann auch der Firmenaufsichtsrat.

Heute ist nun der Tag an dem Bordeaux Rot auf den letzten Ball den letzten Punkt gesetzt hat. Sein Roboterarm greift erstmals beim ertasten eines neuen Balles ins Leere, denn es gibt keinen neuen Ball mehr.

Der alte Spielzeugfabrikant beobachtet die Szene von seinem Fenter aus durch das er die gesamte Produktionshalle überblicken kann. Traurig greift er zu seinem Mikrofon und versucht Bordeaux Rot die Situation zu erklären, aber der Roboter versteht das nicht.

Frau von Tuchenstolz: Dauert das noch lange?

Ich: Gefällt ihnen die Geschichte etwa nicht?

Frau von Tuchenstolz: Es kommen keine Frauen darin vor. Also wäre in einer Verfilmung auch kein Platz für mich darin. Warum also sollte ich mir das weiter anhören?

Ich: Würde es helfen wenn der alte Spielzeugfabrikant eine alte Spielzeugfabrikantin wäre?

Frau von Tuchenstolz: Ein wenig.

Ich: Also weiter.

Also gibt ihm die alte SPIELZEUGFABRIKANTIN! eine neue Aufgabe, um ihn von dem Verlust seiner bisherigen Tätigkeit abzulenken. Der Roboter soll sich auf die Suche nach dem Mann machen, der glaubt fliegen zu können und mit ihm zusammen wieder Freude unter die Menschen zu bringen. Die Spielzeugfabrikantin hatte vor langer Zeit einmal das Märchen über diesen Mann gehört und glaubt Bordeaux Rot damit nun eine unlösbare Aufgabe gestellt zu haben, die ihn bis in alle Ewigkeit beschäftigen und damit auch glücklich machen wird. Der Roboter macht sich sofort an die Arbeit und verlässt die Fabrik. Zwei Tage später stirbt die alte Spielzeugfabrikantin ruhig und zufrieden. Auf seiner Suche begegnen dem Roboter immer wieder Menschen die er um Hilfe und Rat bittet. Woraufhin ihm natürlich meist schallendes Gelächter entgegengeworfen wird. Manche Menschen fragen ihn aber auch nach dem Grund seiner Suche - und die Antwort "um wieder Freude unter die Menschen zu bringen" wird dann nur noch von den wenigsten belächelt. Einige schließen sich Bordeaux Rot direkt an. Andere folgen ihm später. Bald folgen ihm auch diejenigen, die ihn zuerst belächelten. So schafft es der Roboter auf der Suche nach dem Heilmittel zur Rettung der Menschheit, den Menschen wieder Glaube und Hoffnung zu geben. Er löst die ihm gestellte Aufgabe, ohne sein Ziel zu erreichen, denn den Mann der glaubt fliegen zu können hat er nie gefunden.

16.10.2004 14.29 Uhr