.
Mehr zur Schneckenseite Zum Profil von Rainer Lieser bei www.facebook.com Zum Profil von Rainer Lieser bei www.linkedin.com Rainer Lieser bei www.leselupe.de Zum Kanal der Webschnecke bei www.youtube.com Zum Profil von Rainer Lieser bei www.xing.com Zu den Tweets der Webschnecke bei www.twitter.com Zur Website www.rainer-lieser.de

Klicken Sei eine der Seitenzahlen an, um zu einer weiteren Geschichte zu gelangen.

 

Geschichte vom 30.07.2005:

Der Held

Eines Tages kam ein großer, schweigsamer Mann in unsere Stadt. Der Mann zog in das Zimmer über unserer Wohnung ein. Ich bewunderte ihn. Er hatte die Ausstrahlung eines jener einsamen Helden, die ich sie aus unzähligen Filmen kannte. Er mußte wohl schon viele gerechte Kämpfe bestritten und unzählige Gegner niedergestreckt haben. Er war einer dieser Menschen, die immer ganz genau wußten was zu tun war. Jeder Mann und jede Frau in unserer Stadt verspürte diese Aura, die den Fremden umgab. Alle sahen ihn respektvoll an - alle gingen ihm stets voller Ehrfurcht aus dem Weg. Niemand wagte dieses Denkmal an Stärke und Würde anzusprechen; er selbst sprach ebenfalls niemals jemanden an. Nachts, wenn meine Eltern stritten und ich ängstlich in meinem Bett lag, konnte ich spüren, ja glaubte ich sehen zu können, wie dieser stattliche Ritter immer wieder von neuen auszog, um bedrängte Menschen aus ihrer Not zu erretten. Eines nachts nahm ich all meinen Mut zusammen und beschloß ihn dabei zu beobachten, wie er sich auf ein neues Abenteuer vorbereitete. Ich kletterte an unserer Hausfassade hoch um an sein Fenster zu gelangen. Ich hatte Glück, die Gardinen waren nicht zugezogen. Ich hatte freie Sicht auf das Zimmer. Der Raum war nur sehr spärlich eingerichtet: ein Bett, ein großer Tisch, ein Stuhl, eine kleine Tischlampe. Wo war er? Ich wußte er war zuhause. So früh verließ er nie das Haus. Die Tischlampe brannte auch noch. Jetzt sah ich seinen Schatten, sah seine Füße. Seine Füße hingen in der Luft, sein Schatten drehte sich auf dem Boden. Der Stuhl war umgekippt. Der große Mann hatte eine Schlinge um den Hals und baumelte leblos von der Decke. Die Schlinge gehörte zu einem kräftigen Seil. Das Bett war unberührt. Das Seil führte über einen Haken in der Decke zu dem schweren Tisch in der Raummitte. Auf dem Tisch lag ein Blatt Papier. Neben dem Papier lag ein Kugelschreiber. Jetzt erst bemerkte ich, daß das Fenster durch das ich blickte nicht verschlossen war, ich öffnete es, betrat das Zimmer, ging auf das Blatt Papier zu. Worte standen auf dem Papier. Das Vermächtnis des Mannes, der vor mir von der Decke herabhing. Ich las die Worte. "Ich kann diese Einsamkeit nicht mehr ertragen. Alle Menschen gehen mir aus dem Weg. Es scheint als haben sie Angst vor mir. Ich bin allein, sie nicht. Ich will so nicht mehr leben."

30.07.2005 21.55 Uhr