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Geschichte vom 30.07.2005:

Mögliche Realitäten

Ich habe ein Bild im Kopf: Ein Mann sitzt auf einer Bank in irgendeinem großen öffentlichen Garten. Es ist egal wie alt der Mann ist, er sitzt einfach nur da, alleine, und denkt darüber nach wie es wäre, wenn er hier nicht alleine sitzen würde, sondern wenn jemand bei ihm wäre, vielleicht eine Frau. Natürlich gibt es in dem Park auch noch ein paar andere Bänke und natürlich sitzen auch da Menschen, allein, zu zweit, zu elft, egal; der Mann hätte also die Möglichkeit einfach zu diesen Menschen zu gehen und mit ihnen zusammen zu sein, nur, er will es nicht, insgeheim ist es ihm lästig, und er glaubt insgeheim wäre es den Leuten auch lästig. Er glaubt er würde sie langweilen - natürlich könnte er den Hanswurst spielen für die Menschen und natürlich würde dies den Menschen sicherlich auch gefallen, sie würden ihn als Hanswurst sicherlich mögen und er würde sich in dieser Rolle sicherlich auch gefallen, vielleicht sogar dreißig Jahre lang, aber dann ... dann wäre er wieder traurig, die Menschen würden ihn dann nicht mehr mögen, er würde glauben seine Zeit, die dreißig fröhlichen Jahre, vergeudet zu haben, er wäre wieder allein. Also bleibt er lieber gleich allein und denkt einfach nur über all das nach. Er denkt an ein mögliches Gespräch mit einer möglichen Partnerin, ein Gespräch über Treue, Alter, Kinder, Blumen gießen usw.; er weiß aber nicht so recht wie er seine mögliche Partnerin und ihre möglichen Ansichten einschätzen soll, weil es diese Partnerin ja überhaupt nicht gibt, sondern nur seine Gedanken über sie und das sind eben nur seine eigenen Gedanken, nicht die Gedanken einer eigenständigen Person. Wäre ihm diese mögliche Person überlegen, wäre sie ihm unterlegen ... ständig erfindet er eine neue mögliche Partnerin, indem er Charakterzüge von seiner eigenen Persönlichkeit ableitet.

Dumme Gedanken. Er weiß, daß diese Phantasiegebilde nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben und er nur in einer fiktiven Welt lebt - so daß jede reale mögliche Partnerin mit realen Erfahrungen ihm zwangsläufig überlegen sein muß. Seine reale mögliche Partnerin wäre ihm also von Anfang an überlegen, weil sie Lebenserfahrung hätte, er aber nur Phantasieerfahrung. Sollte er sie deshalb besser gleich hassen - nach ein paar Auseinandersetzungen, in denen er ihr unterlegen wäre, würde er sie sowieso hassen. Nein, das würde er nicht. Vermutlich würde er das nicht.

Könnte er sie stattdessen vielleicht auf einen Marmorsockel heben und sie vergöttern? Nein, dafür wäre ihm eine reale mögliche Partnerin zu real. Jemanden der wie er selbst mehrmals am Tag auf die Toilette ginge, könnte er bestimmt nicht vergöttern. Unter Umständen würde sie sogar manchmal vergessen die Spülung zu betätigen. Nein. So einen realen Menschen könnte er nicht vergöttern. Aber wenn ihm diese Frau doch in Sachen Lebenserfahrung von Anfang an überlegen wäre, vielleicht wäre sie ihm dann auch in diesen ach so realen, alltäglichen Dingen überlegen. Vielleicht hätte er gar keine Chance reales an ihr zu entdecken, weil sie ihm dazu gar keine Gelegenheit geben würde. Dann würde er sie ja geradezu zwangsläufig doch auf den Marmorsockel stellen müssen. Nein, Unsinn, das sind alles schon wieder reine Gedankenspiele. Er sitzt immer noch auf seiner Bank. Es wird dunkel. Er wird älter. Er weint.

Er hat Angst. Er sehnt sich danach jemanden festzuhalten, er sehnt sich danach festgehalten zu werden; er weiß aber, daß er gar niemanden festhalten könnte - und er weiß, daß ihn niemanden festhalten möchte, nein, viel schlimmer, er glaubt es zu wissen. Jemand läuft an ihm vorbei, Worte werden gewechselt, es ist jemand den er kennt, vielleicht aber auch nicht kennt, mit Sicherheit ist es aber jemand der ebensowenig unsterblich ist wie er selbst. HA, ja, das weiß er mit Sicherheit, er weiß, daß er nicht unsterblich ist. Er hat vor dem Tod keine Angst; er hat nur Angst vor der Art seines Todes - der arme Narr, natürlich ist das nur eine Lüge. Er ist wieder alleine. Eine Taube fliegt über ihn hinweg und scheißt ihm auf den Kopf. Er erinnert sich an seine allerliebste Vergangenheit, an Momente in seinem Leben die ihm etwas bedeuteten, in denen er Größe verspürte. Der arme Narr. Er sollte aufstehen und etwas tun, seine Angebetete anrufen. Er hatte schon zwei Mal bei ihr angerufen und mit ihr gesprochen und hatte sie auch schon zwei Mal besucht. Vom ersten Treffen war er enttäuscht. Das zweite Treffen war ein Traum. Nun hat er Angst. Er fürchtet sich davor bei einem dritten Zusammenkommen die schöne Atmosphäre des zweiten Treffens nicht mehr aufleben lassen zu können. Er fürchtet sich davor zu versagen, seine Angebetete zu enttäuschen - lieber enttäuscht er sich selbst; mit dieser Enttäuschung kann er leben, das hat er in vielen Jahren gelernt. Also beschäftigt er sich lieber weiterhin mit einer möglichen realen Partnerin und überläßt seine Angebetete sich selbst.

Wie soll, wie kann, wie wird eine mögliche reale Partnerin auf jemanden wie ihn reagieren? Natürlich wird auch sie sich ein Bild von ihm machen, davor fürchtet er sich; was, wenn sie ihn, wie er sie, auf einen Sockel hebt, er könnte auf diesem Sockel ebensowenig atmen, wie sie es auf ihrem Sockel könnte, er müßte den Sockel bald wieder verlassen, wie sie auch, beide würden ohne Sockel kleiner sein, beide würden älter werden, könnten beide diese Mängel bei dem anderen verkraften - bei sich selbst ist man ja eher bereit Zugeständnisse zu machen, als bei einem anderen, glaube, fürchte, denke ich.

Inzwischen ist aus dem Mann auf einer Parkbank, ein alter Mann auf einer Parkbank geworden, der sich überlegt, daß eine mögliche reale Partnerin ja möglicherweise doch nicht so ist, wie er sie sich vorstellt, da er ja auch nicht immer so ist, wie er gerne wäre - und da sie ihm ja ohnehin überlegen sein müßte ... denkt, hofft, glaubt, fürchtet er; vielleicht ... . Ja, er muß jetzt etwas tun, ja, er will und wird jetzt aufstehen und ... aber halt, sein Arsch ist inzwischen an der Parkbank fest gewachsen. Und nun? Für gewöhnlich hofft MAN in solchen Situationen auf einen Retter, aber er ist ja nun einmal nicht MAN. Er wird also weiter auf dieser Parkbank sitzen und wohl bald sterben, vorher wird er aber noch jemanden um ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber bitten, damit er seine Memoaren schreiben kann.

30.07.2005 21.54 Uhr