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Geschichte vom 03.07.2005:

kupre MeHoinga gluk?

Es gibt einen Schrank in meinem Elternhaus in dem steckt vieles aus meiner Vergangenheit drin: Schulbücher, Schulhefte, Zeichnungen, Spielsachen, Basteleien, Geschenke, Zettel mit Ideen und Notizen aller Art. Für mich ist dieser Schrank ein Schatzkästchen mit vielen bedeutenden Relikten aus unterschiedlichen Zeitepochen meines bisherigen Lebens. Und wie es sich für einen guten Schatzverstecker/Schatzaufbewahrer gehört, habe ich natürlich auch noch an anderen Plätzen ein paar Schätze versteckt. Zum Beispiel auf dem Gerümpelspeicher in meinem Elternhaus, in meinem Kinderzimmer in meinem Elternhaus - und in einer einfachen pinkfarbenen Plastikbox in dem Kleiderschrank in der Wohnung, in der ich heute lebe.

Was für ein Bild würden die Menschen von mir erhalten, wenn sie all die Inhalte dieser Schatzkisten zu sehen bekämen?
Die meisten Menschen, die mich schon lange kennen, würden die getroffene Auswahl vermutlich nur schwerlich nachvollziehen können, weil sie sich selbst wahrscheinlich in zu geringem Umfang vertreten fühlen würden - oder, schlimmer noch, sie sich mit den falschen, weil peinlichen, Objekten in Zusammenhang gebracht sehen würden. Einige fänden meine Auswahl jedoch bestimmt auch in Ordnung.
Wie aber würden die Menschen darauf reagieren, die mich nicht kennen - Fremde?
Würden die Objekte bei ihnen ein Bild erzeugen, dass meinem eigenen Bild von mir entsprechen würde? Würden sie aufgrund dieser Indizien etwa auch meine dunklen Seiten entlarven, all meine Fehler und Schwächen - kämen sie damit also der Wirklichkeit sehr nah? Wäre mir gar nicht recht. Schließlich wäre es mir schon lieber, die Fremden würden mein Leben als glorreich, wichtig und bedeutend einstufen, statt es der Riege der vom Leben Enttäuschten zuzuordnen und allen dazugehörenden Kram einfach im nächstbesten Müllschlucker zu entsorgen.

Ja - ich fände es toll, wenn wenigstens die Zukunft meinem Leben eine gewisse Bedeutung zuweisen würde, wo ich selbst, im hier und jetzt, damit doch ein ziemliches Problem habe.

Ja - ich finde es durchaus beruhigend mir vorzustellen, dass es da in 3500 Jahren jemanden geben wird, den mein derzeitiges Leben mehr interessieren wird, als irgendeinen Menschen von heute. Nennen wir diesen pfundigen zukünftigen Typen doch einfach mal Oula Gabrong. Oula ist Archäologe. Oula hat meine Schatzkisten entdeckt und der breiten Öffentlichkeit der zukünftigen Menschen zugänglich gemacht. Natürlich sind die zukünftigen Menschen hellauf begeistert davon und nennen mein Vermächtnis schon bald in einem Atemzug mit dem der alten Griechen oder Ägypter. Vielleicht tun sie dies ja nur, weil es aufgrund eines dummen/glücklichen Zufalls keine weiteren Relikte aus der Zeit zwischen April 1803 bis September 2352 gibt. Aber sollte mich das stören? Sollte es mich im Jenseits wirklich stören, wenn zukünftige Menschen, mangels Alternativen, eine ganze Zeitepoche nach mir benennen? Nein! Freuen werde ich mich darüber! Einstein, Kafka, Edison, Picasso - geschlagen von mir, weil keiner mehr ihre Namen kennt. ICH im Mittelpunkt der Menschheitsgeschichte zwischen April 1803 und September 2352. ICH, ein niemand im Leben, ein Gigant für die Nachwelt. ICH, ein Phänomen für die zukünftigen Menschen - vergleichbar dem Phänomen von Ötzi und Lucy für die Menschen von heute.

Oula Gabrong würde durch die Entdeckung meines Vermächtnisses selbstverständlich ebenfalls zu einen glorreichen, wichtigen, bedeutenden Menschen werden. Vielleicht würde er aber auch stillschweigen über seine Entdeckung bewahren. Vielleicht wäre es nützlicher für ihn, meine Existenz zu verschweigen und meine Gedanken als die seinen auszugeben, um dadurch bei seiner großen Liebe, N´gora Balim, Eindruck schinden zu können. Aber wenn er auf diese Form von Hilfe angewiesen wäre, sollte N´gora Balim besser die Finger von ihm lassen, sofern die Menschen der Zukunft überhaupt noch Finger besitzen. Und ich sollte meinen Nachlaß lieber von einem anderen auffinden lassen.

N´gora: Oula will immer nur Sex mit mir haben. Manchmal erzählt er mir tagelang diese langweiligen Geschichten von dem Trottel aus der Vergangenheit, weil er glaubt dadurch bei mir Eindruck schinden zu können. Aber da hat er keine Chance. Ich will nur Kuballa Mufag-Sil - und mit dem will ich später auch mal Kinder haben.

Vielleicht hat Oula aber wirklich nur ehrenwertes im Sinn und kennt überhaupt keine N´gora Balim. Dann könnte ich ihm natürlich doch meinen Nachlaß anvertrauen.

Vielleicht zählt für die Menschen der Zukunft ja nur noch der Geist und alles körperliche haben sie längst hinter sich gelassen. Dann wären die Aufzeichnungen von einem, der sich noch mit einem Körper herumschlagen musste, doch nun wirklich ein richtiger Knaller. Na gut - vielleicht auch nicht. Ich fände es aber dennoch toll, wenn sich Oula gerade deshalb so sehr für mich interessieren würde, weil ich für ihn eine nahezu unbekannte Lebensform wäre, mit der er sich zwar aufgrund der Evolutionsgeschichte verbunden fühlen würde, zu der er jedoch erst durch den Fund meines Nachlasses einen echten emotionalen Zugang hätte finden können. Oh, in dem Satz steckte nun wirklich sehr viel theoretisches drin. Gehen wir doch nun einmal davon aus, Oula und N´gora SIND zwei Menschen, die nach unserem heutigen Verständnis, äußerlich nur noch sehr wenig mit uns heutigen Menschen gemein haben. Die beiden bestehen hauptsächlich aus einer schweinchenfarbenen Hirnmasse, die durch "irgend etwas" vor äußeren Gefahren geschützt wird. Vielleicht hat sowohl Oula solch einen "irgend etwas"-Schutzmantel, als auch N´gora. Möglicherweise leben die beiden aber auch zusammen in einer einzigen "irgend etwas"-Schutzmantel-Rüstung. Das soll jetzt erst mal nicht weiter wichtig sein, weil ich jetzt auf einen anderen Punkt hinaus möchte.

Hey ihr beiden, wenn ihr gerade diese Zeilen lest, trifft die eine oder andere meiner Mutmaßungen zu - oder liege ich komplett daneben?

N´gora: Ich würde mal sagen, du liegst mit so ziemlich allem vollkommen daneben. Von einem Oula habe ich zum Beispiel noch wie etwas gehört.

Ich: Oh.

N´gora: Ist aber nicht weiter schlimm. Ich finde es dennoch recht interessant, mit dir in Kontakt zu treten, denn mir gefällt der Anfang dieses Textes ganz gut.

Ich: Danke.

N´gora: Bitte.

Ich: Du liest also gerade diesen Text?

N´gora: Yup! Habe ich doch gerade geschrieben.

Ich: Verstehe. Ihr nutzt in der Zukunft also auch noch das Internet?

N´gora: Ich befinde mich nicht in der Zukunft. Ich habe beschlossen dieses Leben in deiner Zeit zu verbringen. Du lebst dein Leben ja auch in dieser Zeit. Der Unterschied zwischen uns beiden ist dabei lediglich, daß ich mich bewußt noch an diese Entscheidung erinnern kann, du jedoch der Ansicht bist, durch einen Zufall hier hineingeraten zu sein.

Ich: Klingt so, als wäre das Leben nach deinem Weltbild eine Art von Speisekarte. Jetzt entscheidet man sich für das eine Gericht, danach für ein anderes oder nochmals das gleiche.

N´gora: Yup, so sehe ich das.

Ich: Aber wieso kannst du das so sehen und ich nicht? Ich setze mal voraus, wir beide wählen oder wählten aus der gleichen Speisekarte?

N´gora: Richtig, es gibt nur EINE Speisekarte. Doch manch einer isst manchmal eben etwas schneller als ein anderer, hat schon zwei Gerichte gegessen, während der andere immer noch an seinem ersten Gericht mümmelt. Der Schnellesser kennt die Speisekarte dann besser. Ich bin so ein Schnellesser und weiß deshalb mehr als du.

Ich: Weißt du dann auch, wie viele Gerichte bisher jeder von uns schon verspeist hat?

N´gora: Im Moment bin ich bei 3092, du bei 2321. Allerdings ist dieser Unterschied keine konstante Größe. Es ist durchaus möglich, dass ich an einigen weiteren Mahlzeiten etwas länger verweile, während du zu einem Schnellesser wirst und dadurch aufholst. Du kannst mich durchaus sogar noch überholen.

Ich: Wie lange werden wir die Speisen noch erhalten - und wer bereitet sie zu?

N´gora: Darauf weiß ich keine Antwort. Vielleicht liegen noch hundert Gerichte vor mir, bevor ich den Küchenchef zu Gesicht bekomme. Vielleicht ist alles aber auch nur ein Trick und es gibt gar keinen Küchenchef. Vielleicht haben wir alle einmal vor sehr langer Zeit diese Karte zusammengestellt, um etwas Abwechslung in die Eintönigkeit der Unendlichkeit zu bringen. Vielleicht gibt es auf diese Fragen keine sinnvollen Antworten.

Ich: Unendlichkeit ist etwas, bei dem mir immer schwindlig wird. Alles was wir Menschen lernen, denken, fühlen, ist doch stets mit dem Beigeschmack von Endlichkeit verbunden.

N´gora: Solange du in menschlichen Kategorien denkst, ja. Was aber, wenn wir alle, die wir uns in dem Speisesaal immer wieder für irgendwelche Gerichte entscheiden, gar keine Menschen sind, sondern kupre MeHoinga gluk?

Ich: kupre MeHoinga gluk?

N´gora: Naja, eben kupre MeHoinga gluk. Wobei kupre MeHoinga gluk in diesem Fall das Synonym für unsere tatsächliche Lebensform, ist. Die Lebensform, die vor unserem Dasein als Mensch steht und danach. Die Lebensform der Unendlichkeit. Die Lebensform eben, die sich für das Gericht entscheidet, welches wir als nächstes essen.

Ich: Oder welches wir uns als nächstes selbst zubereiten?

N´gora: Könnte sein. Willst du dich jetzt wirklich einzig und allein über dieses Thema mit mir unterhalten? Gibt es nichts was dich mehr interessiert? Mir wird das langsam nämlich etwas zu langweilig?

Ich: Ist das nicht das einzig wichtige Thema?

N´gora: Nicht für mich. Mir schmeckt das was ich gerade esse - und ich hoffe das bleibt auch noch ein Weilchen so. Danach probiere ich gerne mal etwas anderes. DANACH. Jetzt bin ich jedoch erst mal auf der Suche nach jemandem, mit dem ich mich über Kniebundhosen austauschen kann. Was weißt du über Kniebundhosen?

Ich: Nicht das geringste. Ich denke angesichts dessen, ist es wohl am besten unseren Meinungsaustausch an dieser Stelle zu beenden. Schätze unsere Lebensauffassungen sind einfach zu verschieden.

N´gora: Yup. Tschüß.

Ich: Äh ... bist du noch da? N´gora? Verdammt. Ich hätte doch wenigstens noch nach meinen Schatzkisten fragen sollen.

Tja, schade auch. Da lernt man nun einmal jemanden aus der Zukunft kennen - und dann weiß man nichts über Kniebundhosen ...

03.07.2005 15.38 Uhr