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Geschichte vom 19.06.2005:

Ludemars Urteil

Sie leben weit weg von einem selbst. Aber natürlich hat jeder von uns schon einmal zumindest einen getroffen. Sie fahren Rad, Auto, kommen einem mit einem Lächeln auf dem Bürgersteig entgegen und sehe so aus, wie alle anderen Menschen auch. Wie viele es davon gibt, weiß niemand so ganz genau. Manche denken es gibt davon nur zwei, diese zwei seien jedoch derart gute Verwandlungskünstler, dass andere ihre Anzahl fälschlicherweise auf mehrere Millionen schätzen würden. Diese anderen gehen allerdings nicht nur von einer tatsächlichen Anzahl von mehreren Millionen aus, sondern gehen obendrein von einer täglichen Verfielfachung der Vorurteilmenschen von mehreren weiteren Millionen aus. Eine dritte Gruppe wiederum hält die Vorurteilmenschen lediglich für eine Erfindung von Vegetariern.

Rupert Pinske hatte den Verdacht, alle Vorurteilmenschen würden unter einer Wasserallergie leiden. Er hatte in seiner Kindheit einen Film gesehen, der ihm diese These nahe brachte. Da er über diese These mit niemandem außer seiner späteren Frau sprach, wurde diese These auch nie widerlegt - weshalb er sie als für bewiesen ansah. Konsequenter Weise suchte er sich deshalb auch einen Job auf dem Wasser und heiratete eine Frau, die in einem Schwimmbad arbeitete; denn er wollte mit den Vorurteilmenschen nichts zu tun haben. Wann immer er ein paar Tage zu Hause zubrachte, duschten er und seine Frau mindestens 28 Mal am Tag zusammen, um sich dadurch, im Sinne von Rupert Pinskes Wasserallergie-These bei Vorurteilmenschen, gegenseitig die Reinheit von Vorurteilen zu bestätigen. Seit gestern waren beide Rentner.

Ludemar Nieswand war Briefträger und hielt sich selbst für die Ursache allen Übels auf der Welt. Die Mutter hatte während seiner Geburt einen Schluckauf bekommen, sein Vater einen Strafzettel wegen Falschparkens. Unglücke dieser Art summierten sich im Laufe seines Lebens immer mehr um ihn herum und führten ihn letztlich zu der Überzeugung, er allein sei der Grund für ihr zustande kommen, er sei das personifizierte Unglück. Vor einigen Wochen entdeckte er gar seine Schuld an der Ermordung Caesars. Denn Caesar war am 15.03.44 vor Christi Geburt ermordet worden, exakt an dem Tag, an dem er, Ludemar Nieswand, seine Führerscheinprüfung bestanden hatte, zwischen den beiden Daten lagen lediglich 2022 Jahre. In Ludemars Augen, war das kein Zufall. Bisher hatte er immer seinem Großonkel Theobald die Ermordung Caesars in die Schuhe geschoben, weil dessen Telefonnummer mit dem Datum von Caesars Tod übereinstimmte. Nun aber war er davon überzeugt, die signifikante Übereinstimmung zweier Kalenderdaten höher bewerten zu müssen, als die Übereinstimmung eines Kalenderdatums mit einer Telefonnummer. Es fiel ihm schwer zu akzeptieren, dass er diesen Zusammenhang so lange übersehen hatte, schließlich lag seine Führerscheinprüfung schon Jahrzehnte zurück. Irgendein Verdrängungsmechanismus musste ihn wohl vor dieser Erkenntnis geschützt haben. Dafür traf ihn diese Erkenntnis heute umso heftiger. Denn nun gab es keine einzige Schandtat in der Geschichte der Menschheit mehr, die er nicht mit der eigenen Lebensgeschichte in Zusammenhang bringen konnte. Er fragte sich, warum man ihn nicht gleich mit roter Haut, zwei Hörnern auf der Stirn und einem Pferdefuß in die Welt gesetzt hatte. Vielleicht befand er sich ja aber auch gerade in einer Art von Metamorphose und würde sich zu gegebener Zeit doch noch vollständig verwandeln. Ähnlich wie sich eine Raupe erst zu einer bestimmten Zeit in einen Schmetterling verwandelt. Nur würde seine Verwandlung weniger Vorteilhaft für sein Äußeres ausfallen, als die Verwandlung einer Raupe. Möglicherweise war sein übermäßiger Sonnenbrand, den er bisher auf den gestrigen Aufenthalt im Schwimmbad zurückführt hatte, ein Vorzeichen für diese unmittelbar bevorstehende Verwandlung. Im Schwimmbad hatte er gestern auch erstmals das Ehepaar gesehen, an dessen Haustür er gerade klingelte, daran erinnerte er sich in dem Augenblick, als die beiden ihm die Tür öffneten. Jetzt standen sich Ludemar Nieswand und Rupert Pinske, samt Ehefrau, erstmals seit Anbeginn der Erdgeschichte gegenüber. Ludemar übergab dem Ehepaar einen Einschreibebrief, nahm die Unterschrift von Herrn Pinske entgegen und machte sich dann auf den Weg, um die restlichen Briefe ihren Empfängern zuzustellen.

Rupert Pinske öffnete den Brief und war zutiefst überrascht. Er und seine Frau wurden in das Hauptbüro der Vorurteilmenschen zitiert. Bislang wussten die beiden nicht einmal von der Existenz eines solchen Büros. Nach dem ersten Schreck, gingen sie duschen. Am Abend las Herr Pinske den Brief noch einmal in aller Ruhe. Sollte er zusammen mit seiner Frau da wirklich hingehen? Bislang waren sie beide doch immer den Weg des geringsten Widerstands gegangen und hatten sich nur ganz selten zu einer offenen Konfrontation von einem der Vorurteilmenschen herausfordern lassen. Aber diesmal? Der Brief war fast in Form einer Vorladung verfasst. Konnten sie davor kneifen? Was würde geschehen, wenn sie der Aufforderung nicht Folge leisten würden? Nein. Er und seine Frau waren lange genug zurückgewichen. Wenn die Vorurteilmenschen den offenen Kampf suchten, dann sollten sie den erhalten. Er würde denen schon zeigen, was es bedeutet einen Rupert Pinske herauszufordern. Es war an der Zeit diese Vorurteilmenschen endlich einmal in ihre Schranken zu verweisen. Er und seine Frau würden da hingehen. Selbstverständlich würden sie das tun. Sie würden den Typen beweisen, wie falsch diese mit all ihren haltlosen Vorurteilen lagen. Herr und Frau Pinske würden ein für alle Mal unter diesem dummen Abschaum aufräumen.

Währenddessen stolperte Ludemar gerade über ein unachtsam auf dem Gehweg abgestelltes Fahrrad und zerschmetterte bei seinem Sturz mit der Posttasche einen Gartenzwerg. Beinahe unnötig zu erwähnen, dass dieser Vorfall ihn im Glauben an die eigene Schlechtheit bestärkte. Am Abend fand er in seinem Briefkasten die Einladung zu einer Theateraufführung vor. Zwei Tage später saß Ludemar ganz allein in einem riesigen barocken Theatersaal. Der Vorhang öffnete sich und ein kleines dickes Kerlchen mit roter Haut, zwei Hörnern auf der Stirn und einem Pferdefuß streckte ihm zur Begrüßung ein Kartenspiel entgegen.

Teufelchen: Hallo Ludemar, würdest du bitte eine Karte ziehen.

Zur gleichen Zeit traten Herr und Frau Pinkse durch die Eingangstür zu einem riesigen Schwimmbad. Die Empfangsdame, Fräulein Bömmerlein, kam ihnen entgegen.

Fräulein Bömmerlein: Guten Tag. Sie wünschen?

Herr Pinske: Wir sind Herr und Frau Pinske. Wir erhielten eine Vorladung von dem Verband der Vorurteilmenschen.

Fräulein Bömmerlein: Oh ja, natürlich. Ich bin informiert. Entschuldigen sie bitte, wenn ich etwas konfus erscheine, aber sie müssen wissen, dieses Gebäude wurde erst heute morgen offiziell eröffnet - sie sind gewissermaßen hier unser erster Fall. Da hat man als alleinige Empfangsdame natürlich alle Hände voll zu tun. Sie werden nun sicher fragen, warum dieses Hauptbüro eingerichtet wurde, nachdem es doch bisher auch ganz gut ohne ging. Nun ja, einen Fall ihrer Größenordnung zum Beispiel, konnten wir bis jetzt allein schon aus Platzgründen gar nicht verhandeln. Auch ist es bei der Vielzahl und dem Umfang heutiger Fälle einfach nicht mehr möglich, einen Verband wie diesen weiterhin durch dutzende von Regionaldirektionen zu organisieren. In Zukunft hoffen wir durch dieses Hauptbüro unsere Operationen zielgerichteter gestalten zu können und dadurch die Spendengelder, mittels derer wir uns finanzieren, nutzvoller einsetzen zu können. Selbstverständlich steht dabei nach wie vor der verdeckte Einsatz im Mittelpunkt all unserer Aktivitäten. Deshalb ist das Hauptbüro auch als Schwimmbad getarnt. Zu dem Verband selbst, wird ihnen sicher der Präsident noch einiges erzählen. Ich bringe sie gleich mal zu ihm.

Fräulein Bömmerlein führte die Pinskes zur großen Schwimmhalle. Dort schwamm inmitten des Beckens eine kleine Insel mit einem schweren Eichenholzschreibtisch darauf. Hinter dem Schreibtisch saß ein kleiner Junge in T-Shirt und Jeans, der Präsident der Vorurteilmenschen.

Präsident: Hallo Herr und Frau Pinske. Ich bin der Präsident der Vorurteilmenschen. Wie geht es ihnen?

Herr Pinske: Sie als Präsident der Vorurteilmenschen, haben sich darüber doch sicherlich schon ein Urteil gebildet.

Sehr erfreut über den eigenen spontanen rhetorischen Schachzug, stieß er seine Frau kumpelhaft in die Seite und flüsterte ihr mit vorgehaltener Hand ins Ohr: "Na, dem Bübchen habe ich jetzt aber gleich mal gezeigt wer hier der Chef im Ring ist."

Präsident: Gut, wie ich höre möchten sie sich nicht lange mit Höflichkeitsfloskeln aufhalten. Dann werde ich sie am besten ohne weitere Umschweife über den Grund ihrer Anwesenheit hier informieren. Kann mir nur recht sein, so kann ich anschließend noch ein wenig Federball spielen. Ach Fräulein Böllerlein, würden sie bitte die Tür beim hinausgehen schließen und den Schallschutz für diesen Raum aktivieren. Unter Umständen wird es heute etwas laut hier drin.

Fräulein Böllerlein: Sehr wohl Herr Präsident.

Die Pinskes sahen sich gegenseitig mit großen Augen an.

Ludemar hatte eine leere Karte gezogen, für ihn ein eindeutiger Hinweis darauf, dass heute sein bisheriges Leben enden und er in Zukunft der neue Höllenfürst sein würde. Das dicke rote Teufelchen trat einen Schritt zurück, verschränkte die Arme und beobachtete Ludemar arglistig.

Ludemar: Und nun? Soll ich die Karte verstecken, damit sie sie nicht einsehen können?

Teufelchen: Nö. Du kannst die Karte auch gerne essen. Ich bringe diese Nummer immer ganz gerne, um die Gesprächsstimmung zu Beginn etwas aufzulockern. Mehr steckt nicht dahinter. Ich habe mich nie ausführlich mit Kartentricks beschäftigt. Auf keiner dieser Karten steht irgend etwas drauf. Sieh sie dir nur an, alle sind leer.

Das Teufelchen warf die Karten in die Luft und sie landeten eine nach der anderen vor Ludemars Füßen. Soweit er es überschauen konnte, waren tatsächlich alle Karten unbedruckt.

Teufelchen: So, jetzt singe ich noch "White Christmas", danach dürfte die Stimmung wohl aufgelockert genug sein.

Ludemar: Also wegen mir muss das nun wirklich nicht sein, ich bin auch so auf alles gefasst. Wofür muss die Stimmung denn so aufgelockert werden?

Teufelchen: Ach komm schon. Ich bin wirklich ein richtig guter Sänger, auch wenn man es mir vielleicht nicht ansieht. Vor allem Weihnachtslieder habe ich gut drauf.

Einer Antwort auf Ludemars zuletzt gestellter Frage wich der kleine Teufel ganz offensichtlich bewusst aus. Ludemar konnte sich schon denken weshalb.

Ludemar: Na schön.

Das Teufelchen sang also "White Christmas". Und während es so sang, erschien aus dem dunklen Hintergrund der Theaterbühne langsam eine große blaue Showtreppe. Als die Showtreppe nahe genug war, stieg das Teufelchen Stufe für Stufe hinauf. Sobald es eine neue Stufe erklomm, begann diese in hellem Licht zu erstrahlen und von der Bühnendecke wurde dann ein, an einem Seil befestigtes, Schaf bis etwa zwei Meter über dem Bühnenboden heruntergelassen. Bald schienen sehr viele blökende Schafe in der Luft zu schweben, allerdings schien das nur auf den ersten Blick so, auf den zweiten Blick waren die dicken Halteseile, an denen die Schafe hingen, nicht zu übersehen. An jedem der Schafe hatte man außerdem mit einer Drahthalterung Engelsflügel befestigt. Ludemar wußte nicht so recht, was er von all dem halten sollte. Am Ende des Liedes stand das Teufelchen ganz oben auf der Treppe und winkte Ludemar zu sich hinauf.

Präsident: Lust auf Blaubeer Muffins? Oder sollte ich die Antwort auf diese Frage auch schon kennen und mir aufgrund dieser Antwort dann auch gleich ein Urteil in Bezug auf die Persönlichkeit von ihnen und ihrer Frau bilden? Nun, um ehrlich zu sein, erahne ich die Antwort natürlich nicht und ich habe über sie beide natürlich auch nicht das geringste Urteil gefällt. Die Mitglieder dieses Verbandes fällen keine Urteile, sie versuchen Vorverurteilungen zu vermeiden. Wir versuchen in unserem Verband Menschen vor den Vorurteilen anderer Menschen zu bewahren, indem wir alle Vorurteile die gegen Menschen vorgebracht werden in einem Gerichtsverfahren auf deren Wahrheitsgehalt überprüfen. Eigentlich wollten wir uns deshalb "der Verband der Menschen, der versucht die Menschen vor den Vorurteilen anderer Menschen zu bewahren, indem er Vorurteile die gegen Menschen vorgebracht werden in einem Gerichtsverfahren auf deren Wahrheitsgehalt überprüft" nennen. Das fanden wir alle aber dann doch etwas zu umständlich, also haben wir uns auf die Kurzform "Verband der Vorurteilmenschen" geeinigt, auch wenn einige unserer Mitglieder der Ansicht waren, dieser Name könnte möglicherweise missverstanden werden; da sie diesbezüglich aber natürlich kein abschließendes Urteil fällen wollten, behielten wir den Namen bei.

Sie beide wurden heute hier vorgeladen, weil sie mehrerer Vorurteile bezichtigt werden.

Herr Pinske: Hör mal Bübchen, ich höre immer WIR, sehe außer dir und uns beiden hier sonst aber niemanden. Das was du uns da gerade erzählt hast beeindruckt uns nicht im geringsten. Schon als wir hier rein kamen und dich an diesem, für dich viel zu großen Tisch haben sitzen sehen, wußten wir sofort was wir von dir zu halten haben: Ein Bübchen auf der Suche nach Anerkennung. Ein Bübchen ohne Selbstwertgefühl. Ein Bübchen, dass sich hinter ein paar imposant erscheinenden Worten versteckt.

Präsident: Fein. Mit dieser Haltung bestätigen sie exakt den Hauptanklagepunkt, den man ihnen seitens aller Ankläger vorwirft.

Herr Pinske: Und wer bitte schön sind diese Ankläger - und wie lautet dieser sogenannte Hauptanklagepunkt, Bübchen?

Präsident: Der Hauptanklagepunkt lautet: die Pinskes beziehen ihre Vorurteile hauptsächlich auf Äußerlichkeiten. Und wenn sie beide sich bitte einmal umdrehen wollen, dann werden sie dort ihre Ankläger sehen. Das sind übrigens alles Mitglieder unseres Verbandes, obgleich man natürlich bei uns auch eine Anklage einreichen kann, ohne dem Verband anzugehören.
Herr und Frau Pinske drehten sich um und erblickten dort all ihre Nachbarn, früheren Arbeitskollegen, Verwandten, geduldeten Freunde - kurz, nahezu alle Menschen, mit denen sie bislang in ihrem Leben zu tun hatten, die noch nicht verstorben waren. Menschen, die von den Pinskes nicht im geringsten geschätzt wurden - zum einen weil die Pinskes diese Menschen für zu oberflächlich hielten, zum anderen, weil die Pinskes diesen Menschen das vorwarfen, was diese Menschen heute den Pinskes vorwarfen: Menschen aufgrund von Vorurteilen zu diskriminieren.

Herr Pinske: Die haben uns angeklagt? Pah ... die kennen uns doch gar nicht. Die waren uns doch immer viel zu doof, als das wir mit denen auch nur ein einziges Wort gewechselt hätten, das nicht hätte unbedingt sein müssen.

Präsident: Schön, dass auch in diesem Punkt Ankläger und Angeklagte übereinstimmen.

Damit sehe ich keine Einwände, um den Beginn der Anhörung in Anwesenheit der Angeklagten zu verzögern. Aber für die Rechtsgültigkeit eines solchen Verfahrens muss meine Annahme natürlich erst noch durch einen ordentlichen Richter bestätigt werden.

Herr Pinske: Und wer ist dieser Richter? Unser Briefträger?

Präsident: Richtig. Er wird gerade auf seine Rolle vorbereitet.

Teufelchen: Nun hör mir mal gut zu, mein lieber Ludemar. Die Sache mit deinem Schuldkomplex ist absoluter Mumpitz. Du bist an absolut nichts schuld, außer vielleicht an deinem eigenen Schuldkomplex - aber der ist selbstverständlich zu einem großen Anteil auf dein Umfeld zurückzuführen, für das dann wiederum ganz andere verantwortlich sind. Deine Schuld ist ein Phantasieprodukt. Ebenso ein Phantasieprodukt, wie die schlechte Varietenummer, die ich gerade hier abgezogen habe. Willst du weiterhin in diesen verlogenen Phantasiewelten leben? Willst du nicht endlich selbst etwas tun? Willst du weiterhin nach dem Sinn der Taten anderer suchen - und die Untaten anderer dir selbst zuschreiben?
Mit diesen Worten gab das Teufelchen Ludemar einen Schubs und Ludemar fiel die Rückseite der Treppe hinunter. Während Ludemar fiel, hört er wie ihm das Teufelchen folgendes hinterher rief.

Teufelchen: Wie schon Erich Kästner sagte "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es".

Ludemar landete geradewegs in einem uns schon bekannten Schwimmbecken. Der Präsident der Vorurteilmenschen zog ihn aus dem Wasser und setzte ihn hinter den schweren Eichenholzschreibtisch.

Präsident: Meine Damen und Herren, ich freue mich ihnen Richter Nieswand vorstellen zu dürfen.

Ludemar: WAS??? Ich glaube ich muss jetzt erst mal auf die Toilette ...

Präsident: Nicht nötig. Der Sessel enthält eine eingebaute Toilette und ihre Unterhose haben sie gerade bei dem Sprung in das Wasser verloren. Sollten sie sich übergeben müssen, nutzen sie einfach eines der Fächer des Schreibtischs. Sie können das Verfahren also getrost umgehend eröffnen, es gibt keinen Grund für ausflüchte.

Herr Pinske: Ihr Vorurteilmenschen behauptet über andere Menschen kein Urteil fällen zu wollen, also laßt ihr einen Briefträger von der Decke fallen, der diesen Job für euch übernehmen soll. Natürlich habt ihr diesen Briefträger vor seiner Amtseinführung entsprechend vorbereitet. Was wohl heißen soll, dass er uns auf jeden Fall schuldig sprechen soll, ganz gleichgültig, wie dieses Verfahren läuft. Offensichtlich geht es in diesem ganzen Verfahren also ausschließlich darum, uns irgendwelcher dubiosen Vergehen zu bezichtigen. Es geht nicht darum, Gerechtigkeit wallten zu lassen. Ich und meine Frau haben ja noch nicht einmal einen Verteidiger. Wir beide halten dieses Verfahren für absolut doof und gehen deshalb jetzt nach Hause, Bübchen.
Als Rupert Pinske versuchte seine Füße zu bewegen, stellte er fest, dass ihm dies nicht möglich war. Seine Füße, sowie die Füße seiner Frau, steckten in einem gerade erhärteten Betonblock, der direkt unter den beiden in den Boden des Beckenrandes an dem sie standen eingelassen war. Bisher war dieser Betonblock den Pinskes nicht aufgefallen, weil sie zu beschäftigt damit waren, selbstsicher aufzutreten.

Präsident: Täter stellen sich immer wieder gerne als Opfer dar. Dennoch sieht die Wahrheit manchmal anders aus, als man sie selbst gerne sehen würde. Das werden sie in diesem Verfahren vielleicht noch lernen. Sinn dieses Verfahrens ist es NICHT, sie irgendwelcher dubioser Vergehen zu bezichtigen und sie schuldig zu sprechen. Nach Abschluss der Verhandlung werden sie aus diesem Raum wieder als freie Menschen entlassen, ganz gleich, was während dieses Verfahrens zur Sprache kommt. Wir vom Verband der Vorurteilmenschen haben lediglich die Hoffnung, dass sie während des Verfahrens vielleicht etwas mehr über sich selbst erfahren. Der Urteilsspruch am Ende dieses Verfahrens wird ihnen wünschenswerter Weise dabei behilflich sein, in Zukunft ein für die Gemeinschaft aller Menschen nützlicheres Leben zu führen. Möglicherweise stellt sich am Ende des Verfahrens ja aber auch heraus, dass sie bislang in ihrem Leben alles richtig gemacht haben. Dann werden wir sie für die hier unnötigerweise zugebrachte Zeit angemessen entschädigen. Lassen sie sich doch einfach mal überraschen. Ach ja, was die Sache mit dem Verteidiger für sie betrifft. Schließlich ist das hier die erste Verhandlung von Richter Ludemar Nieswand. Ich meine da sollte man über einige Details schon noch hinweg sehen. Meinen sie nicht auch Frau Pinske?

Frau Pinske war derart überrascht darüber, zum ersten Mal innerhalb dieser Geschichte direkt angesprochen zu werden, dass sie völlig perplex mit "Ja, Herr Präsident" antwortete. Ihrem Mann gefiel das gar nicht, so viel Engagement war er von ihr nicht gewohnt. Er nahm sich vor, ihr für dieses "Ja, Herr Präsident" das Haushaltsgeld zu kürzen.

Präsident: Damit wäre das geklärt. Ich geh dann jetzt mal Federball mit Fräulein Böllerlein spielen. Richter Nieswand hat das Wort.

Nach diesen Worten sprang der Präsident in das Wasser und verschwand durch eines der großen Abwasserrohre.

Ludemar: Ähh ...

Frau Ähh betrat den Zeugenstand, weil sie glaubte gerade aufgerufen worden zu sein. Ludemar fand das in Ordnung, denn solange irgend jemand irgend etwas tat, erwartete wohl niemand von ihm irgend etwas, zumindest hoffte er das.

Frau Ähh: Hohes Gericht. Der Grund für meine Klage gegen die Pinskes liegt drei Jahre zurück. Ich arbeitete damals in einem Restaurant. Eines Abends kamen die Pinskes vorbei. Sie bestellten fünf Blaubeer Muffins und etwas zu trinken. Ich brachte ihnen alles wie gewünscht. Die Blaubeer Muffins hatte ich auf zwei Tellerchen verteilt. Beide Tellerchen stellte ich in die Tischmitte, woraufhin Herr Pinske den Geschäftsführer in wütendem Ton an den Tisch zitierte, um von ihm meine sofortige Entlassung zu fordern. Weil er und seine Frau sich ach so sehr über mich empörten, tat der Geschäftsführer schließlich, was die beiden von ihm erwarteten. Er feuerte mich fristlos.
Es trat eine kurze Pause ein.

Ludemar: Mit welcher Begründung tat er das, Frau Ähh?

Frau Ähh: Darauf wollte ich gerade zu sprechen kommen, hohes Gericht. Ich musste mich nur erst wieder etwas fassen. Sie müssen wissen, seit dieser Kündigung geht es mir ziemlich schlecht. Die Erinnerung an diesen Tag öffnet Wunden, die ich schon für geheilt hielt.

Herr Pinske: Das ist doch Unfug. Wir haben unsere Forderung völlig zu recht gestellt.

Frau Pinske: Bei genauerer Betrachtung jedoch ...

Herr Pinske warf seiner Frau einen vernichtenden Blick zu, als sie diesen Satz begann, woraufhin sie inmitten des Satzes verstummte. Sie beschloß dann auch gleich für den Rest ihres Lebens zu verstummen. Hätte ihr Mann die Gedanken seiner Frau hören und darauf antworten können, dann hätte er sie in diesem Beschluß bestärkt. So aber warf er nur einen äußerst grimmigen Blick zu. Insgeheim jedoch entschied er in diesem Augenblick, seiner Frau nicht nur das Haushaltsgeld zu kürzen, sondern ihr auch das fahren mit dem gemeinsamen Auto zu verbieten.

Frau Ähh: Herr Pinske warf mir vor, die beiden Tellerchen mit Absicht nicht exakt in der Tischmitte abgestellt zu haben, um seiner Frau dadurch bei der Auswahl des leckersten Blaubeer Muffins einen Vorteil zu verschaffen. Er glaubte in dieser, seiner Ansicht nach vorsätzlichen Tat, eine eindeutige Haltung von Männerfeindlichkeit in meiner Person ausfindig gemacht zu haben. Zusätzlich hätte ich, als ich die Tellerchen abgestellt hatte, ihm, für jedermann ganz offensichtlich, einen herabwürdigenden Blick zugeworfen, welcher ihn zutiefst in seinem männlichen Selbstwertgefühl verletzt habe.

Herr Pinske: Genau so war es auch. Diese Frau haßt Männer. Der Geschäftsführer sah das genauso. Meine Frau auch. Frau Ähh ist eine Schande für ihr Geschlecht. So eine sollte nie und nimmer in einem Restaurant arbeiten dürfen - und dann noch dieser Name. Damit kriegt die doch nie einen Kerl ab, der ihr mal zeigt wo es langgeht. Danken sollte mir dieses Weib für die Erfahrung, die ihr durch mich zuteil wurde.

Frau Ähh: Als ich den Job verloren hatte, konnte ich meinen Mann nicht mehr finanziell bei dessen Studium unterstützen. Er musste deshalb seinen Traum von der Schauspieler aufgeben. Heute arbeitet er in einem Tretboot Verleih in Cuxhaven. Glücklich ist er damit nicht. Übrigens lautet mein Mädchenname Irmingard Sonnenschein, meinen jetzigen Nachnamen habe ich von meinem Mann übernommen.

Herr Pinske: So etwas ist eben Pech. Woher hätte ich denn das ahnen sollen?

Ludemar: Danke Frau Ähh. Das Gericht versteht, was sie ihm mit diesen Ausführungen verdeutlichen wollen. Die Zwischenrufe von Herrn Pinske bestätigen dieses Bild. Könnte bitte jemand Herrn Pinske einen Knebel in den Mund stecken?

Frau Pinske schob ihrem Mann ihre Handtasche in den Mund. Danach beschloß sie, sobald als möglich, einen Scheidungsanwalt aufzusuchen - und ihr gerade selbst auferlegtes Schweigegelübde spätestens dort wieder zu brechen.

Ludemar: Danke Frau Pinske. Ich kann ihnen übrigens einen sehr guten Scheidungsanwalt direkt in ihrer Nachbarschaft empfehlen, wenn sie möchten.

Frau Pinske nickte überglücklich mit dem Kopf. Herr Pinske biss gerade den Lippenstift in der Handtasche seiner Frau durch. Sein Gesicht nahm dabei die Farbe des Lippenstifts an. Das liess er sich aber nicht anmerken, vielmehr blickte er stoisch schmollend geradeaus.

Als nächstes trat Herr Willibald in den Zeugenstand. Herr Pinske hatte Herrn Willibald wegen dessen Socken bei der Genfer Menschenrechtskommission angezeigt. Herr Pinske hatte zwar niemals auch nur eine einzelne Socke von Herrn Willibald zu Gesicht bekommen, war allerdings felsenfest davon überzeugt, dass jemand mit einer derart scheußlichen Frisur wie Herr Willibald, menschenrecht verletzende Parolen auf seinen Socken mit sich herumtragen musste. Herr Willibald hatte die gleiche Frisur wie Nelson Mandela, den er sehr verehrte und schon seit vielen Jahren einmal persönlich kennen lernen wollte.

Die restlichen 74932 Ankläger untermauerten den Grundtenor der Anklagepunkte der ersten beiden Ankläger. Am Ende aller Anhörungen hatte Ludemar eine sehr klare Vorstellung von dem Wesen der beiden Pinskes. Wobei er eine dicke Trennlinie zwischen dem Wesen von Frau Pinske und dem Wesen von Herrn Pinske zog. Von seinem eigenen Wesen hatte Ludemar am Ende der Verhandlung ebenfalls ein deutlicheres Bild als vorher. Ludemar sah sich jetzt nicht mehr als Quelle allen Übels in der Welt, sondern vielmehr als Teil eines Maßstabsystems um ein Übel zu erkennen. Aus dem Wissen um ein Übel, war es dann an ihm selbst zu entscheiden, wie er mit diesem Übel umzugehen habe.

Welches Urteil Ludemar Nieswand über Herrn und Frau Pinske fällte, sei dem Rechtsempfinden eines jeden Lesers selbst überlassen - und wird hier nicht verraten.

Nachdem nun also die Verhandlung abgeschlossen war, hatten Herr und Frau Pinske immer noch den Betonblock an ihren Füßen. Außer den Pinskes waren inzwischen alle anderen Teilnehmer der Verwandlung wieder verschwunden. Nach einer Weile plumpste von der Decke ein rotes etwas in das Wasser des Schwimmbeckens. Gleich darauf erschien der Kopf des Teufelchens aus dem Theater an der Wasseroberfläche. Das Teufelchen schwamm auf die Pinskes zu, krabbelte den Beckenrand hoch und stellte sich neben sie.

Teufelchen: Na. ist die Verhandlung vorbei?

Frau Pinske nickte mit dem Kopf. Herr Pinkse blickte weiterhin stoisch schmollend geradeaus. Auch die Handtasche seiner Frau hatte er immer noch im Mund.

Teufelchen: Wie hat sich der Richter geschlagen - war er gut?

Frau Pinske nickte erneut vielsagend mit dem Kopf.

Teufelchen: Tja, mein Sohn. Sein Adoptiveltern hatten immer Zweifel an ihm - und haben ihn dadurch vermutlich genau auf den Pfad geführt, von dem ich ihn fernhalten wollte. Vielleicht wird jetzt aber doch noch alles gut. Man soll ja nie die Hoffnung aufgeben. Soll ich sie und ihren Mann aus dieser misslichen Lage befreien? - ich könnte das tun.

Wiederum nickte Frau Pinske mit dem Kopf. Genau in diesem Augenblick betrat Fräulein Böllerlein völlig aufgelöst die Schwimmhalle.

Fräulein Böllerlein: Ach du meine Güte. Sie beide hatten wir wirklich völlig vergessen. Das Urteil hat uns alle viel zu sehr bewegt. Ich habe den Urteilsspruch zusammen mit dem Präsidenten über die Gegensprechanlage mitangehört. Zum Glück hat sich unser Public Relation-Manager ihrer schon angenommen. Dann ist ja alles gut. Bin sehr gespannt, wie das mit ihnen und ihrer Frau weitergeht. Ich hoffe sie halten uns auf dem Laufenden?

Herr Pinske hatte seiner Frau nun endlich die Handtasche zurück gegeben und antwortete mit einem Grunzen, begleitet von einem gequälten Lächeln.

Frau Pinske: Natürlich werden mein Mann und ich den Verband darüber auf dem Laufenden halten, Fräulein Böllerlein. Übermitteln sie bitte Richter Nieswand und dem Herrn Präsidenten noch unseren verbindlichsten Dank, für diesen äußerst lehrreichen Tag. Dem stimmst du doch wohl zu, Rupert - nicht wahr?

Herr Pinske: Selbstverständlich Annette.

19.06.2005 13.25 Uhr