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Geschichte vom 20.05.2005:

Der grosse Husten

Der grosse Husten hat nur wenig Freunde. Wer ist auch schon gerne mit jemandem befreundet, der einen ständig krank macht - schließlich heisst der grosse Husten nicht umsonst der grosse Husten. Aber was soll der grosse Husten machen, natürlich wäre er auch gerne lieber ein freundliches Lächeln oder ein schöner Tag. Aber das ist er nun einmal nicht. Gestern besuchte der grosse Husten Frau Glaubrecht. Doch damit greife ich den kommenden Ereignissen schon zu weit vor. Besser ist es wohl in diese Geschichte vorgestern einzusteigen.

Gut dann ist jetzt also vorgestern.

Der grosse Husten, übrigens eine nicht näher beschreibbare Lebensform mit der aber wohl schon jeder von uns einmal Kontakt hatte, bemerkte Frau Glaubrecht erstmals, als diese gerade mit einer Taube Stepptanz zu üben schien. Ein Anblick, der sich einem nicht oft in einer Großstadt bietet. Während der grosse Husten dieses seltsame Schauspiel beobachtete, befand er sich gerade in einem fahrenden Bus und nahm die Szene deshalb nur sehr kurz wahr, lange genug jedoch, um sich das Gesicht von Frau Glaubrecht einzuprägen. Frau Glaubrecht war ab diesem Zeitpunkt für den grossen Husten kein unbekanntes Gesicht mehr, sondern ein bekanntes Gesicht mit einem unbekannten Namen. Denn zu diesem Zeitpunkt wusste der grosse Husten selbstverständlich noch nicht, dass Frau Glaubrecht Frau Glaubrecht hiess - woher sollte der große Husten denn das auch wissen?

Später am Tag ging der grosse Husten noch ein wenig spazieren. Es war ein wunderschöner sonniger Tag - und um die Zuordnung der Worte "wunderschöner sonniger" beneidete der grosse Husten diesen Tag wirklich sehr. Frau Glaubrecht hatte sich ihrer meisten Kleidungsstücke entledigt und trug nur noch einen mit buntem Blümchenmuster bedruckten Mini-Bikini, als sie in der Nachmittagssonne auf einer Rasenfläche im Stadtpark saß. Neben ihr war ein riesiges Schild aufgebaut. Auf dem Schild stand zu lesen:
"Guten Tag, mein Name ist Evelin Glaubrecht. Ich habe mich hier in die Sonne gesetzt, um diesen wunderschönen sonnigen Tag zu genießen und möchte dabei auf keinen Fall gestört werden. Wer mich dennoch stört, obwohl er nicht meinem direkten Bekanntenkreis zugehörig ist, der muss damit rechnen, dass ich ihm für diese Freveltat die Pest an den Hals wünsche. Unreife Männer und Frauen, sowie alle Altersklassen von Jugendlichen beiderlei Geschlechts, möchte ich in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam machen, dass ich mir von der örtlichen Polizei hier für meinen Aufenthaltsort eigens eine Video- und Audio-Überwachung habe einrichten lassen. Sollte sich also jemand auf meine Kosten einen Jux mit mir machen wollen, muss er oder sie damit rechnen dafür strafrechtlich belangt zu werden."
Unter diesem Text waren dann noch mehrere Paragraphen aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch und ein paar Passagen aus dem Strafgesetzbuch aufgeführt, jeweils mit präziser Quellenangabe. Diese Haltung von Frau Glaubrecht ihren Mitmenschen gegenüber, hielt der grosse Husten in dieser Ausprägung für sehr aussergewöhnlich. Der grosse Husten vermutete, dass diese Haltung auf eine Lebenserfahrung zurückzuführen sein müsse, die seiner eigenen sehr ähnlich sein müsse. Der grosse Husten vermutete in Frau Glaubrecht eine wesensverwandte Seele gefunden zu haben und beschloß deshalb Frau Glaubrecht näher kennen zu lernen. Und weil er ja jetzt nicht nur das Gesicht, sondern auch den Namen von Frau Glaubrecht kannte, besuchte er sie gestern in ihrer Wohnung, im dritten Stock eines sanierungsbedürftigen Altbaus.

Damit ist jetzt also gestern - und es ist früh am morgen.

Frau Glaubrecht sah sich gerade "Traumpaare" an, einen Film mit Gwyneth Paltrow und Huey Lewis, den der Vater von Gwyneth Paltrow gedreht hatte. Frau Glaubrecht weinte während der Film im Fernsehen lief.

Der grosse Husten: Warum weinen sie Frau Glaubrecht?

Frau Glaubrecht: Wer spricht da?

Der grosse Husten: Man nennt mich der grosse Husten.

Frau Glaubrecht: Das klingt aber gar nicht gut.

Der grosse Husten: Ja, ich weiß. Die meisten haben damit ein Problem. Ich selbst auch. Und weil ich außerdem keinen normgerechten Körper besitze, fällt es mir sehr schwer Gesellschaft zu finden.

Frau Glaubrecht: Und da kommen sie ausgerechnet bei mir vorbei?

Der grosse Husten: Sie sind mir gestern mehrfach in der Stadt aufgefallen. Zufällig habe ich dabei dann auch ihren Namen erfahren - und durch den habe ich ihre Adresse ausfindig machen können. Ich weiss das klingt alles etwas seltsam, doch ich bin der Ansicht uns verbinden ähnliche Lebenserfahrungen, zumindest vermute ich das aufgrund der Verhaltensweisen, die mir gestern bei ihnen aufgefallen sind.

Frau Glaubrecht: Na schön. Nun sind sie also hier. Kennen sie eigentlich den Film der da gerade läuft?

Der grosse Husten: Äh ... Nein. Das kann ich nicht behaupten. Hat der Mann da nicht auch in "Sideways" mitgespielt?

Frau Glaubrecht: Keine Ahnung. "Sideways" habe ich nie gesehen.

Der grosse Husten: Macht ja nichts.

Frau Glaubrecht: Eigentlich schlafe ich so früh am Morgen normalerweise noch. Ging heute aber nicht. Der Sonnenbrand den ich mir gestern geholt habe, hat meinen gesamten Tagesablauf durcheinander gebracht.

Der grosse Husten: Oh, das tut mir leid.

Frau Glaubrecht: Braucht es nicht. Immerhin bin ich dadurch auf diesen Film gestossen, den ich vorher noch nicht kannte.

Der grosse Husten: Worum geht es darin?

Frau Glaubrecht: Um Veränderungen.

Der grosse Husten: Aha.

Frau Glaubrecht: Manchmal verändern sich manche Dingelchen um einen herum eben einfach - und dadurch wird man dann gezwungen sich selbst auch zu verändern.

Der grosse Husten: Aha.

Frau Glaubrecht: Ich merke schon, so richtig interessiert sie das nicht. Klingt alles ziemlich abstrakt, wie? Dann nehmen sie doch einfach mal sich selbst.

Der grosse Husten: Äh ...

Frau Glaubrecht: Na schön, dann nehme ich sie eben jetzt mal.

Frau Glaubrecht griff zielgenau in die Luft, erwischte gleich beim ersten Mal die Essenz vom grossen Husten und stülpte der Essenz eine Pappnase über. Die Pappnase war ein Relikt der letztjährigen Fastnachtsveranstaltung, bei der Frau Glaubrecht mitgewirkt hatte.

Frau Glaubrecht: Jetzt habe ich sie verändert und sie konnten es nicht verhindern.

Der grosse Husten: Und nun?

Frau Glaubrecht: Jetzt haben sie eine Pappnase an einer Stelle, an der sie vorher keine Pappnase hatten. Da sie keine eigene Körperlichkeit haben, können sie daran jetzt auch nichts mehr ändern. Sie müssen sich mit dieser Situation nun abfinden.

Der grosse Husten: Aber ich bin doch der grosse Husten. Und wieso kann diese Pappnase an mir haften, wenn ich doch gar keinen Körper habe?

Frau Glaubrecht: Sie sind jetzt der grosse Husten mit der Pappnase - und, nur um hier mal ein paar Dingelchen klar zu stellen mein lieber grosser Husten mit der Pappnase, ich bin in dieser Geschichte hier nicht einfach eine merkwürdige Frau, die mit ihren Mitmenschen nichts zu tun haben möchte, sondern ich spiele hier die Rolle einer guten Fee, die dem grossen Husten dabei helfen will mit sich selbst besser zurecht zu kommen. Und als gute Fee besitze ich selbstverständlich die Fähigkeit überall Pappnasen anzubringen, woimmer ich es möchte, auch an nicht näher beschreibbaren Lebensformen wie ihnen.

Der grosse Husten: Oh. Dann geht es in dieser Geschichte ja vorrangig um mich und nicht um sie.

Frau Glaubrecht: Überrascht sie das so sehr?

Der grosse Husten: Naja, ich dachte immer so ein körperloses Etwas wie ich bietet keine interessanten Ansatzpunkte über die es sich zu schreiben lohnt.

Frau Glaubrecht: Aha.

Nach diesen Worten ergab sich eine kleine Pause im Gespräch der beiden. Um die Pause nach einer Weile wieder zu beenden versuchte der grosse Husten ein anderes, unverbindlicheres, Thema anzusprechen.

Der grosse Husten: Sie haben da einen Goldfisch?

Frau Glaubrecht: Sie sollten nicht versuchen auf ein anderes, unverbindlicheres, Thema abzulenken. Aber natürlich haben sie recht. Der Fisch in dem Goldfischglas ist ein Goldfisch. Das ist einer meiner früheren Klienten.

Der grosse Husten: War er auch schon Goldfisch bevor er ihr Klient wurde?

Frau Glaubrecht: Er war ein Buschwindröschen mit starker Sonnenallergie. Seine jetzige Existenz ist dahingegen ein wahrer Segen für ihn. Aus Dankbarkeit für seine Verwandlung bat er mich in meiner Nähe bleiben zu dürfen. Weil Goldfische sehr stumme Zeitgenossen sind, habe ich seiner Bitte entsprochen. Aber dieses Arrangement ist eine absolute Ausnahme. Normalerweise mache ich so etwas nicht. Normalerweise beende ich den Kontakt zu meinen Klienten sobald ihr Problem gelöst ist. Alles andere wäre viel zu nervenaufreibend für mich. Bedenken sie, als gute Fee hat man im Schnitt einen 24-Stunden Job. Da ist man dankbar für jede Minute, die man mal allein mit sich selbst verbringen kann.

Der grosse Husten: Wie gedenken sie eigentlich mein Problem zu lösen?

Frau Glaubrecht: Ein Teil davon ist doch schon gelöst. Sie sind nun nicht mehr der grosse Husten, sondern der grosse Husten mit der Pappnase. Aber im ernst, das Leben der Menschen in dem Film der da gerade läuft, ändert sich vordergründig dadurch, dass sie anfangen zu singen - obwohl das singen hier selbstverständlich nur als Synonym für eine viel tiefer greifende Veränderung zu verstehen ist. Haben sie schon mal daran gedacht zu singen? Das Arbeiten mit den Stimmbändern dürfte ihnen ja nicht völlig neu sein, auch wenn sie bisher vorrangig auf andere Art und Weise mit Stimmbändern gearbeitet haben. Naja. Wie wäre es, wenn ich aus ihnen z.B. eine Radiofrequenz mache?

Der grosse Husten: Und das nur, weil da gerade im Fernsehen ein paar Schauspieler singen?

Frau Glaubrecht: War es nicht auch ein ziemlicher Zufall, dass sie in der Stadt auf mich aufmerksam wurden - und hat nicht dieser Zufall sie zu einer guten Fee geführt? Was also ist so schlecht an Zufällen, wenn sie sich am Ende als hilfreich herausstellen?

Der grosse Husten: Na gut. Aber würde dabei nicht meine Pappnase stören - ich meine, wenn ich eine Radiofrequenz werde?

Frau Glaubrecht: Natürlich würde die dabei stören. Deshalb nehme ich sie ihnen jetzt wieder weg. Ich halte also fest: Sie möchten eine Radiofrequenz werden.

Der grosse Husten: In Ordnung. Ich verlass mich auf ihre Erfahrung als gute Fee.

Frau Glaubrecht: Dann soll es so sein.

PLOP!

Der grosse Husten: Das war es schon?

Frau Glaubrecht: Das war es schon!

Der grosse Husten: Tja, was soll ich sagen? Bin sehr gespannt, wie das mit mir nun weitergeht. Soll ich ihre Wohnung jetzt wieder verlassen. Danke, Frau Glaubrecht.

Frau Glaubrecht: Ist schon in Ordnung - und ja, es wäre mir sehr lieb, wenn sie jetzt wieder gehen würden. Ihr weiterer Lebensweg wird sich von selbst ergeben. Lassen sie mal wieder von sich hören. Besonders schön fände ich es übrigens wieder von ihnen zu hören, wenn sie gerade Songs aus den frühen 60er Jahren übertragen. Diese Musik mochte ich immer am liebsten.

Der grosse Husten: Und ich bin nun wirklich eine Radiofrequenz?

Frau Glaubrecht: Ja!

Damit verschwand der grosse Husten aus dem allgemeinen öffentlichen Bewusstsein und machte seine Position im deutschen Sprachgebrauch frei für andere unangenehme Zustandsbeschreibungen. Er führte fortan ein glückliches und zufriedenes Leben und vergass schon sehr bald sein früheres Dasein und sogar seinen Namen, die beiden Dingelchen, die ihm so lange so viel Kummer bereitet hatten. Nur manchmal, wenn man ganz genau auf das Radioprogramm achtet, dann hört man vereinzelt immer mal wieder ein leises Husten. Ein bisschen was von seiner früheren Lebensform ist eben immer noch in ihm drin. Aber man hört dieses Husten wirklich immer nur auf einer ganz bestimmten Radiofrequenz ... oder manchmal halt auch auf einer anderen, wenn der ehemalige grosse Husten eine befreundete Radiofrequenz besucht. Deshalb ist das Husten auch nie komplett aus dem Alltag der Menschen verschwunden. Allerdings spricht man heutzutage nur noch sehr selten über den grossen Husten. Inzwischen gibt es da viel schlimmeres über das man spricht. So betrachtet wäre es vielleicht, zumindest für uns, gar nicht so schlimm gewesen, wenn der grosse Husten gar nicht verschwunden wäre.

20.05.2005 01.36 Uhr