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Geschichte vom 14.05.2005:

Das Loch

Herr Hugo von Hauxeberg war Friedhofswärter. Er liebte seinen Beruf sehr. Täglich durfte er an der frischen Luft sein und im manchmal sogar im Erdboden buddeln.

Herr Hugo von Hauxeberg: "Ja, wissen sie, so zumindest betrachte ich meinen Job. Die Friedhofsverwaltung steht dem ganzen natürlich etwas nüchterner gegenüber."

Es war für Herrn Hugo von Hauxeberg immer etwas ganz besonderes, wenn auf dem Friedhof, seinem Friedhof, wieder jemand die letzte Ruhe fand. Herr Hugo von Hauxeberg stellte sich dann immer vor, diesen Menschen, der nun ein Teil des Friedhofs wurde, als neuen Freund zu gewinnen. Im Laufe der Jahre hatte er sich auf diese Weise einen beträchtlichen Freundeskreis aufgebaut. Es bekümmerte ihn dabei allerdings ein wenig, dass seine Freundschaft nicht in dem Maß erwidert wurde, in dem er sich das wünschte, aber das war nun mal eben unter diesen Gegebenheiten nicht anders möglich - und dessen war er sich natürlich bewusst, dennoch bekümmerte es ihn ein wenig.

Viele der Menschen die, von Zeit zu Zeit, ihre verstorbenen Angehörigen auf dem Friedhof besuchten, hielten Herrn Hugo von Hauxeberg für einen etwas seltsamen, aber liebenswerten Kauz. Erzählte er doch jedem Friedhofsbesucher, ganz gleich ob dieser das wissen wollte oder nicht, dass es für ihn, Herrn Hugo von Hauxeberg, nur zwei Arten von Menschen geben würde: die die auf der Erde lebten und die die darunter lebten. In seinen Augen führten die die auf der Erde lebten, gewissermaßen auch nur ein sehr oberflächliches Leben, weil sie sich ja auch nur an Äußerlichkeiten orientieren konnten. Wohingegen die Menschen, die unter der Erde lebten, ein ausgefüllteres und reicheres Leben führten, weil für sie Äußerlichkeiten keine Bedeutung mehr haben konnten. Hugo von Hauxeberg mochte diese Gedanken, musste aber in vielen Gesprächen immer wieder feststellen, dass es auch Menschen gab, die diese Gedanken nicht mochten.

Herr Hugo von Hauxeberg: "Ehrlich gesagt mochte eigentlich keiner der Menschen die auf der Erde lebten diese Gedanken - und die die unter der Erde lebten, sprachen nie darüber mit mir. Naja, eigentlich sprachen die die unter der Erde lebten überhaupt nie mit mir."

Als Herr Hugo von Hauxeberg eines spätnachmittags wieder einmal auf dem Friedhof herumspazierte, entdeckte er ein kleines Mädchen. Die Kleine grub mit ihren Händen gerade ein Loch in eines der frischen Gräber. Herr Hugo von Hauxeberg war darüber sehr verärgert, denn das Mädchen machte sich ausgerechnet am größten und schönsten Grab des gesamten Friedhofs zu schaffen. Eigentlich hätte das Herrn Hugo von Hauxeberg ja gleichgültig sein können, doch er war eben auch nur einer der Menschen die auf der Erde lebten - und deshalb war es ihm nicht gleichgültig.

Herr Hugo von Hauxeberg: "In dieser Bemerkung schwingt ein Unterton mit, der mir nicht so recht gefällt. Immerhin ist das hier doch "mein" Friedhof und immerhin ruht doch genau an dieser Stelle Frau Baronin Ursula zu Menzel-Tettenborn, und immerhin habe ich doch genau dieser Frau meine jetzige Anstellung zu verdanken. Das sind dann schon ein paar wichtige Details, die nicht verschwiegen werden sollten."

Und auch nicht verschwiegen werden sollte, dass genau diese Frau Baronin Ursula zu Menzel-Tettenborn in früheren Jahren die große Liebe von Herrn Hugo von Hauxeberg war. Und er sich nach ihr, nie wieder so sehr auf einen anderen Menschen eingelassen hatte.

Herr Hugo von Hauxeberg: "Ähem ... Das halte ich jetzt aber schon für reichlich intim."

Kurzum: Er hieß die Kleine, in barschem Ton, das graben zu unterlassen. Das Mädchen aber entgegnete ihm trotzig, dass es dies nicht zu tun gedenke, weil es hier nämlich eine unlängst verstorbene Hamstermutter beerdigen müsse. "Mein liebes Kind" sagte daraufhin Herr Hugo von Hauxeberg "du befindest dich hier am Grab von Frau Baronin Ursula zu Menzel-Tettenborn. Einer überaus ehrwürdigen Wohltäterin dieser Stadt, in der wir hier leben. Ich kann nicht zulassen, dass du in ihrem Grab eine tote Hamstermutter beerdigst, ganz gleich wie bedeutend diese tote Hamstermutter auch gewesen sein mag. Das geht einfach nicht". "Ich will das aber so, denn das hier war die allerbeste Hamstermutter, die es jemals gegeben, und die hat dann natürlich auch das allerbeste Grab verdient, dass es jemals gegeben hat. Und genau dieses Grab hier, ist das allerbeste Grab, dass es jemals gegeben hat. Außer vielleicht den ägyptischen Pyramiden, aber die befinden sich ja nicht auf diesem Friedhof und die tote Hamstermutter sollte schon hier auf diesem Friedhof beigesetzt werden, denn sie hat ja auch in dieser Stadt gelebt" setzte das Mädchen Herrn Hugo von Hauxeberg entgegen und stampfte dabei energisch mit dem rechten Fuß auf, "Und schließlich ist das hier doch ein Friedhof und die Hamstermutter ist doch tot und muß doch dann auch beerdigt werden. Da guck doch", mit diesen Worten streckte sie Herrn Hugo von Hauxeberg die kleine Schachtel entgegen, in der die tote Hamstermutter lag. Ganz offensichtlich, da musste Herr Hugo von Hauxeberg der Kleinen zustimmen, war diese Hamstermutter wirklich tot. "Na gut" sagte Herr Hugo von Hauxeberg, "diese Hamstermutter ist also tot und wir befinden uns hier auf einem Friedhof, noch dazu dem einzigen in dieser Stadt. All das kann ich verstehen. Aber könnte diese tote Hamstermutter nicht auch ein Stückchen weiter dort hinten beerdigt werden. Dort hinten nämlich könnte sie dann ein ganzes Grab für sich allein haben. Und das neue Grab dort hinten könnte noch sehr viel schöner und noch sehr viel größer werden, als dieses hier jetzt ist. Das könnte ich so veranlassen. Und das wäre für uns alle doch das beste" sagte Herr Hugo von Hauxeberg. "Und wenn ich die tote Hamstermutter trotzdem hier begraben möchte?" bohrte das Mädchen nach. "Das kann ich nicht zulassen, junge Dame." entgegnete Herr Hugo von Hauxeberg. "Das ist Erpressung ..." schimpfte das Kind und überlegte dann kurz. "Hmm ... Sie lügen mich nicht an? Die tote Hamstermutter erhält dort hinten wirklich das allergrößte und allerschönste Grab auf dem gesamten Firedhof?" wollte die Kleine wissen. "Selbstverständlich" sagte Herr Hugo von Hauxeberg, "Wenn ich dich in diesem Punkt belügen würde, dann würden mir das meine unterirdischen Freunde nie verzeihen". "Welche unterirdischen Freunde?" fragte das Mädchen. "Nun, meine Kleine" begann Herr Hugo von Hauxeberg - und erzählte in Folge dem kleinen Mädchen alles von seiner Theorie über die Menschen auf und unter der Erde.

Nach ein paar Minuten Fussmarsch gelangten die beiden in einen Teil des Friedhofs, in dem es noch keine Gräber gab. Dort stand eine alte verwitterte Holzhütte mit einem Klavier davor. Herr Hugo von Hauxeberg betrachtete kurz das Klavier mit traurigem Blick und verschwand dann in der Holzhütte. Es rumpelte und schepperte ein paar Mal ordentlich und anschließend kam Herr Hugo von Hauxeberg mit einem großen Spaten und einem kleinen Blumentopfschippchen wieder heraus. Den großen Spaten behielt er selbst, das kleine Blumentopfschippchen reichte er dem Mädchen. Anschließend gingen sie noch ein Stückchen weiter, bis sie zu einer riesigen alten Eiche kamen, dort blieben die beiden erneut stehen. "Na, ist es hier nicht viel schöner, als auf dem Rest des Friedhofs. Hier wollte ich später einmal selbst beerdigt werden. Doch jetzt überlasse ich diesen Platz der toten Hamstermutter." sagte Herr Hugo von Hauxeberg. "Und da ist kein Haken dabei - und sie wollen mich jetzt auch nicht irgendwie missbrauchen? Falls doch, so muss ich sie warnen. Ich habe mir in meiner Tasche ein ganz gefährliches Sprühgas. Das habe ich von meinem Opa. Das ist noch aus dem ersten Weltkrieg" entgegenete das Mädchen.

Herr Hugo von Hauxeberg: "Ähh ... Nein, ich will dich wirlich nicht irgendwie missbrauchen. Ich möchte dir nur dabei helfen die tote Hamstermutter zu beerdigen, damit du wieder fröhlich sein kannst."

Das kleine Mädchen: "Jetzt da die Hamstermutter tot ist, werde ich wohl niemals mehr fröhlich sein können. Aber ich verstehe schon, sie sind wohl einer dieser Menschen mit einem ausgeprägten Helfersyndrom. Da habe ich wirklich Glück gehabt, gerade sie getroffen zu haben."

Herr Hugo von Hauxeberg: "Ich denke, wir sollten nun vielleicht besser damit anfangen zu graben, statt meine Psyche zu analysieren."

Insgeheim gefiel die Bemerkung des kleines Mädchens Herrn Hugo von Hauxeberg jedoch überhaupt nicht. Er fragte sich, ob es wirklich eine so gute Idee gewesen war, mit der Kleinen hierher zu laufen. Schließlich liebte er seinen Job und man hatte schließlich schon des öfteren von kleinen neurotischen Mädchen gehört, die einfach nur mal so aus Spaß den Ruf eines rechtschaffenden Mannes durch unbegründete öffentliche Anschuldigungen zerstört hatten. Die Kleine war ihm auf einmal nicht mehr ganz geheuer. Er vermutete, dass sie sich nicht nur wegen der Beerdigung der toten Hamstermutter auf dem Friedhof eingefunden hatte.

Nachdem die beiden eine Fläche in Breite und Höhe der Schachtel, in der die tote Hamstermutter lag, und einer Tiefe von ca. 60 Zentimetern freigelegt hatten, blickte Herr Hugo von Hauxeberg die Kleine an und fragte, ob das Loch groß genug sei. "Nein" war die Antwort. "Wenn wir hier aber noch sehr viel tiefer graben, dann stoßen wir bestimmt auf die unterirdischen Menschen - und ich weiss nicht, wie die darauf reagieren, wenn wir bei ihnen eine tote Hamstermutter beerdigen wollen." gab Herr Hugo von Hauxeberg zu bedenken. Er hoffte mit dieser Notlüge dieses, für ihn inzwischen recht unangenehme, Abenteuer möglichst frühzeitig beenden zu können. "Sie haben mir aber gesagt, wir würden hier ein sehr viel schöneres und größeres Grab anlegen, als es das andere war." antwortete die Kleine. Danach gruben beide still weiter. Dieses Frage- und Antwort-Spiel wiederholte sich noch mehrfach im Laufe der folgenden vier Tage. Immer mit gleichem Wortlaut und gleichen Hintergedanken.

Am vierten Tag stieß Herr Hugo von Hauxeberg auf einen Knochenschädel, der ihn und das Mädchen sofort freudig ansprach. "Hallo. Wie geht es euch? Was führt euch beide hierher?" wollte der Knochenschädel wissen. "Ähh ... sie können sprechen? Sind sie einer der unterirdischen Menschen?" fragte Herr Hugo von Hauxeberg sehr überrascht.

Knochenschädel: "Was sollen denn diese doofen Fragen, mein Bester. Natürlich kann ich sprechen. Ich konnte das schon immer. Aber was um Himmels willen sind unterirdischen Menschen?. Ich liege hier schon seit Jahren ganz alleine rum. Von denen hat sich bisher noch keiner bei mir blicken lassen. Hey weiß zufällig einer von euch wie das mit der ersten Mondlandung weiterging. Haben es die Jungs geschafft?".

Herr Hugo von Hauxeberg: "Wir beide sind hier, um ein Grab für die tote Hamstermutter, die dort drüben in der kleinen Schachtel liegt, auszuheben. Oh, ja das mit der Mondlandung hat geklappt. Ist allerdings schon ein ziemliches Weilchen her."

Während er dies sagte, nahm Herr Hugo von Hauxeberg den Knochenschädel in seine rechte Hand und betrachtete ihn sich aus nächster Nähe.

Knochenschädel: "Ich bin immer noch ein hübsches Kerlchen, gell? Wirklich schade, dass ich die Mondlandung verpasst habe. Aber ... Ähh ... Ich mische mich ja nur ungern in die Angelegenheiten fremder Menschen ein, aber ist dieses Loch nicht schon groß genug für die tote Hamstermutter mitsamt Schachtel?."

"Mit wem reden sie denn da?" fragte das Mädchen Herrn Hugo von Hauxeberg im Tonfall einer misstrauischen Schwiegermutter.

Herr Hugo von Hauxeberg: "Mit dem Knochenschädel hier in meiner Hand."

Knochenschädel: "Mein Name ist übrigens Jost."

Das kleine Mädchen: "Aber das ist doch nur ein lebloses, altes, vermodertes Ding."

Knochenschädel: "Na, so sehe ich das aber ganz und gar nicht, meine Kleine."

Das kleine Mädchen: "Der kann doch schon lange nichts mehr sagen."

Herr Hugo von Hauxeberg: "Aber der spricht doch schon die ganze Zeit."

Knochenschädel: "Herrje, Die Kleine ist ziemlich fertig, was?. Ob es etwas bringt, wenn ich anfange zu singen?. Ein paar Lieder der Beatles müsste ich noch zusammenbekommen. Kennt ihr noch die Beatles?"

Das kleine Mädchen: "Der ist genauso Tod wie die Hamstermutter. Oder ist das etwa einer von ihren sogenannten unterirdischen Freunden? Der spricht wohl nicht mit kleinen Mädchen, was? Ich zumindest habe von ihm noch keinen einzigen Mucks gehört. Doch ich vermute mal, sie wollen jetzt zusammen mit ihrem neuen Freund in irgendeine Kneipe gehen und ein kühles Bierchen trinken, nach den Anstrengungen der letzten Tage. Das kleine Mädchen und die tote Hamstermutter können hier ja alleine in dem Loch zurückbleiben. Ist doch so, oder? Langsam bekomme ich bedenken, ob es wirklich eine so gute Idee war mit ihnen mitzukommen. Ich habe den Eindruck, sie führen ein recht weltfremdes Dasein."

Herr Hugo von Hauxeberg: "Nun hör mir mal gut zu meine Kleine ..."

Das kleine Mädchen: "Erst geht meine Mutter, dann geht die Hamstermutter und jetzt lassen sie mich wahrscheinlich allein in diesem Loch zurück, weil sie keine Lust mehr dazu haben mir zu helfen. Das ist nicht fair. Ihr Erwachsenen haut einfach immer ab, wenn euch etwas nicht passt. Und wenn man im Vorfeld wissen will warum ihr abhauen wollt, dann seid ihr zu feige die Wahrheit zu sagen und man bekommt stattdessen Lügengeschichten erzählt. Lügengeschichten wie die von den unterirdischen Menschen die keine toten Hamstermütter mögen, oder Lügengeschichten von sprechenden Knochenschädeln. So etwas ist doch vollkommen unnormal."

Herr Hugo von Hauxeberg: "Was hat denn plötzlich deine Mutter mit all dem hier zu tun und wieso unterstellst du mir auf einmal dich die ganze zeit über angelogen zu haben?"

Knochenschädel: "Unnormal. Hat die kleine dich da eben als unnormal bezeichnet. Also ich muss schon sagen, zu meiner Zeit hätte es dafür ordentlich was gesetzt ..."

Herr Hugo von Hauxeberg: "Jetzt sei doch mal die Klappe, Jost."

Das kleine Mädchen: "Aha, nachdem ich sie mit ein paar unangenehmen Wahrheiten konfrontiert habe, fangen sie jetzt plötzlich an mich zu hinterfragen. Frei nach dem Motte: Angriff ist die beste Verteidigung. Typisch Erwachsener. Ich wusste es doch gleich. Sie sind auch nur einer dieser verdrehten selbstsüchtigen Freaks. Sie hatten niemals vor mir tatsächlich zu helfen. Ihnen ging es nur darum ihrem ausgehungerten Selbstwertgefühl wieder mal ein paar Kalorien zuzuführen. Das Grab für die tote Hamstermutter war dabei eine absolute Nebensache. Spätestens dieser hier-wollte-ich-später einmal-selbst-beerdigt-werden-Spruch hätte mich misstrauisch werden lassen sollen. Alles nur heuchlerische Wichtigtuerei. Nein. In diesem Loch soll die tote Hamstermutter nicht ihre letzte Ruhe finden. Das ist kein schöner Ort. Auf ihrem ganzen Friedhof gibt es keinen Ort, der schön genug wäre, um dort die tote Hamstermutter zu beerdigen. Sie sind ein böser alter Mann mit einer hässlichen, krummen Nase. Ich hasse sie."

Knochenschädel: "Ich habe den Eindruck, mein auftauchen hat die Kleine extrem durcheinander gebracht. Wusste gar nicht, dass ich diese Wirkung noch immer auf Frauen habe - und nun offensichtlich sogar auch noch auf sehr junge Frauen."

Herr Hugo von Hauxeberg: "Ähh ..."

Knochenschädel: "Nur mal so als Tipp. Bevor mir meine Frau den Kopf abschlug, führte ich mit ihr eine ähnlich erhitzte Diskussion. Die Kleine reagiert da gerade enorm über. Mir gefällt das gar nicht. Kommt mir alles zu bekannt vor. Was denkst du über sich in leicht veränderter Form wiederholende Zeitschleifen?"

Herr Hugo von Hauxeberg: "Was ich über sich in leicht veränderter Form wiederholende Zeitschleifen denke? Herrgott nochmal, bin ich denn in ein vollkommenes Narrenhaus geraten?. Das kann doch alles nicht wahr sein. Ich stehe hier mit einer frühreifen Möchtegern-Psycho-Analytikerin in einem 20 Meter tiefen Loch, um eine tote Hamstermutter zu beerdigen und muss mir dabei die dämlichen Kommentare eines alten Knochenschädels anhören."

Knochenschädel: "Soll ich da etwa eine leise Kritik an meiner Person heraushören?"

Das kleine Mädchen: "Sie kennen doch nur ihre doofe Geschichte von den Menschen die auf der Erde leben und den Menschen die unter der Erde leben, aber davon wie es in einem richtigen Menschen aussieht, haben sie keine Ahnung. Das hier ist in der Tat ein Narrenhaus. Ihr eigenes. Und ich verschwinde jetzt daraus."

Knochenschädel: "Reden die Kinder heutzutage alle so?. Die Kleine kann froh sein, dass ich meine Arme hier irgendwo im Sand verloren habe, sonst würde es jetzt ordentlich was setzen."

Herr Hugo von Hauxeberg: "Aber ..."

Aber es war zu spät. Das kleine Mädchen nahm die Schachtel mit der toten Hamstermutter, krabbelte aus dem Loch und verschwand. Herr Hugo von Hauxeberg sah die Kleine nie mehr wieder. Traurig legte er den Knochenschädel zurück auf den Erdboden.

Knochenschädel: "Komm vergiss die Göre. Ich bin mir sicher in die ist gerade der böse Geist meiner früheren Ehefrau Gertrud gefahren. Gertrud hatte auch immer solche Sprüche drauf und Gertrud war es auch, die mir den Kopf abschlug. Davor war ich mit Heidi zusammen. Heidi war echt klasse. Aber das ist jetzt egal. Lass uns lieber zusammen meine Knochen suchen. Dann brauch ich noch eine kleine Frischzellenkur und bin wieder wie neu. Ich war früher übrigens mal ein echt guter Sportler. Vielleicht können wir beide in Zukunft ja mal ein paar Dingelchen in sportlicher Hinsicht zusammen unternehmen. Wie wäre es mit Skispringen? Hätte echt Lust, die alten Knochen mal wieder in Schwung zu bringen. Ist nämlich nicht spaßig, jahrelang nur so als Schädel in einem Sandhaufen herumzuliegen. Glaub mir, davon ist schon so mancher depressiv oder schwatzhaft geworden. Aber das bringt hier unten alles nichts. Ist jetzt ja auch egal. Nun sind wir beide ja zusammen. Wir sind ein echt starkes Team würde ich sagen. Wie ist es nun? Hilfst du mir dabei meine Knochen zu suchen?"

Herr Hugo von Hauxeberg: "Was war da eben los. Warum ist die kleine plötzlich so wütend geworden. Und warum sprach sie plötzlich von ihrer Mutter, die weggegangen ist ..."

Knochenschädel: "Ja zum Kuckuck, woher soll ich denn das wissen. Sehe ich vielleicht aus wie die Mutter der Kleinen?

Dieser Satz brachte Herrn Hugo von Hauxeberg zum grübeln: "Vielleicht tust du das tatsächlich ... in gewisser Weise ..." Dann krabbelte Herr Hugo von Hauxeberg aus dem Loch.

Knochenschädel: "Herrschaft Zeiten. Bin ich denn nur von Irren umgeben? Was soll das denn nun wieder bedeuten, Mann? Du kannst mich doch jetzt nicht hier so alleine rumliegen lassen. Was wenn es anfängt zu regen oder ein Hund vorbeikommt? Das kannst du doch nicht einfach so machen. Bestimmt zählt Menschenwürde doch auch heute noch etwas - und die sollte man auch einem wie mir entgegenbringen. Komm zurück!"
Aber Herr Hugo von Hauxeberg lief immer weiter geradeaus. Lief weg und sah nicht mehr zurück. Er ahnte jetzt warum das kleine Mädchen tatsächlich auf dem Friedhof gewesen war und warum es die tote Hamstermutter als Vorwand genommen hatte, um an der letzten Ruhestätte von Frau Baronin Ursula zu Menzel-Tettenborn ein Loch zu graben. Er konnte sich jetzt auch erklären, warum er selbst so über alle Maßen hilfsbereit zu dem Kind gewesen war. Und ihm gefiel gar nicht, dass er dies alles erst jetzt verstand. Die Kleine hatte recht. Er wußte wirklich nicht, wie es in richtigen Menschen aussah. Der äußere Schein der Menschen hatte ihn immer davon abgehalten, in deren inneres zu blicken - er hatte sich zu sehr an Äußerlichkeiten orientiert.

Mit seinen Ersparnissen kaufte sich Herr Hugo von Hauxeberg ein kleines Häuschen in einer fernen Stadt. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Jazz-Pianist in einer Bar. Das Klavierspielen hatte er früher einmal gelernt, weil er gehofft hatte dadurch die ungeteilte Aufmerksamkeit von Frau Baronin Ursula zu Menzel-Tettenborn für sich gewinnen zu können. Dies gelang ihm dann aber doch nur zum Teil. Wenn er heute Klavier spielte, beobachte er hauptsächlich die Menschen um sich herum und hörte ihren Geschichten zu. Er selbst sprach nur sehr wenig. In den folgenden Jahren erwarb sich Herr Hugo von Hauxeberg einen recht guten Namen als Jazz-Pianist. Mit 58 Jahren heiratete er eine Dame gleichen Alters aus Luxemburg. Da die beiden sich Kinder wünschten, die körperlichen Mühen dazu jedoch in ihrem Alter nicht mehr auf sich aufnehmen wollten, bzw. konnten, übernahmen sie die Patenschaften für ein paar Kinder in Botswana. Das war zwar nicht so schön, wie die eigenen Kinder mit den eigenen Augen aufwachsen zu sehen, erschien den beiden aber dennoch als eine sinnvolle Alternative.

Jost hatte Glück im Unglück. Noch an demselben Abend, an dem er von Herrn Hugo von Hauxeberg ausgegraben wurde, wurde er von einem Hund aus dem Loch gezerrt. Der Hund gehörte dem Sänger einer Heavy Metal Band. Seither ziert Jost jedes neue Albumcover der Band. Seine restlichen Knochen hat Jost übrigens nie zurückerhalten.

Den Arbeitsplatz von Herrn Hugo von Hauxeberg übernahm nach einigen Wochen ein neuer Friedhofswärter. Als dieser nach einigen Jahren das Zeitliche segnete, übernahm eine junge Dame den Posten. Ihr Name war Inge zu Menzel-Tettenborn. Ursprünglich stammte diese Dame aus einem alten Adelsgeschlecht. Sie war dann jedoch vor vielen Jahren von zuhause weggelaufen und hatte auf ihren Titel verzichtet, weil sie mit dem oberflächlichen Lebensstil ihrer Familie nicht zurecht kam.

Das als Grab für die tote Hamstermutter angelegte Loch gab es zu dieser Zeit übrigens immer noch, wenn es auch inzwischen einen anderen Nutzen zugesprochen bekommen hatte. Der direkte Nachfolger von Herrn Hugo von Hauxeberg daraus nämlich ein Regenauffangbecken gemacht. Frau Inge zu Menzel-Tettenborn behielt dies bei.

Erst als eines Tages ein wohlhabender Jazz-Pianist aus einer anderen Stadt auf diesem Friedhof beerdigt werden sollte, setzte sich Frau Inge zu Menzel-Tettenborn dafür ein, dass das Regenauffangbecken trocken gelegt wurde, damit dieser Mann an diesem ganz speziellen Ort beerdigt werden konnte. Sie glaubte das dem Mann schuldig zu sein, denn schließlich hatten die beiden selbst ja vor langer Zeit gemeinsam dieses Loch ausgehoben und der Mann hatte ihr mit dieser Tat damals sehr dabei geholfen über den Tod einer Hamstermutter und den Tod ihrer leiblichen Mutter hinweg zu kommen.

14.05.2005 12.36 Uhr