.
Mehr zur Schneckenseite Zum Profil von Rainer Lieser bei www.facebook.com Zum Profil von Rainer Lieser bei www.linkedin.com Rainer Lieser bei www.leselupe.de Zum Kanal der Webschnecke bei www.youtube.com Zum Profil von Rainer Lieser bei www.xing.com Zu den Tweets der Webschnecke bei www.twitter.com Zur Website www.rainer-lieser.de

Klicken Sei eine der Seitenzahlen an, um zu einer weiteren Geschichte zu gelangen.

 

Geschichte vom 01.05.2005:

Zauberer Rattelknöt und die Brezelbraut

Der Zauberer Rattelknöt liebte es die Menschen zu überraschen und zu verzaubern. Die bunte Welt der "Ah´s" und "Oh´s", die ihm beim vorzeigen seiner Kunststücke vom Publikum entgegengebracht wurde, war für ihn der Quell seiner Lebenskraft.

Vor vielen Jahren nun schon war er in diese eine Stadt gekommen. Lange Zeit lebte er hier glücklich und zufrieden. Inzwischen aber hatte er hier alle "Ah´s" und "Oh´s" erhalten, die er hier erhalten konnte. Das machte den Zauberer Rattelknöt traurig. Er wusste das es Zeit war weiterzuziehen und das tat er dann auch.

Am dritten Tag seiner Reise entdeckte er in der Nähe eines grossen Flusses eine kleine Brezelbude. Als er sich der Brezelbude näherte, bemerkte er, dass sich vor der Brezelbude eine gewaltige Menschenmenge in einer Warteschlange zusammengefunden hatte. In dieser Warteschlange standen nur Männer, ältere und jüngere. Er fragte einen der anstehenden Männer nach dem Grund für diese Warteschlange. Der Mann, dessen Namen übrigens nicht wichtig für den weiteren Verlauf dieser Geschichte ist, antwortete ihm, dass sie alle für eine Brezel und ein kleines Getränk anstehen und dabei um ein Lächeln der Brezelbudebesitzerin werben würden. Denn die Brezelbudebesitzerin sei ein ganz besonderer Mensch. Den meisten Männern hier würde sie ihre Waren nur im Tausch gegen Geld übergeben, einigen wenigen jedoch würde sie ihre Waren unentgeldlich und mit einem Lächeln übergeben. Die Männer die die Waren der Brezelbudebesitzerin unentgeldlich und mit einem Lächeln erhielten, könnten sich gewiss sein ebenso besondere Menschen wie die Brezelbudebesitzerin selbst zu sein. Selbstverständlich, so ergänzte der Mann, dessen Namen nicht wichtig für den weiteren Verlauf dieser Geschichte ist, habe jeder der hier anstehenden Männer insgeheim natürlich auch die Hoffnung der zukünftige Ehegatte der Brezelbudebesitzerin zu sein.

"Wissen denn diese Männer nichts besseres mit ihrem Leben anzufangen, als um die Gunst dieser einen Frau zu werben?" fragte da der Zauberer Rattelknöt. "Nein" entgegnete ihm der Mann, dessen Namen nicht wichtig für den weiteren Verlauf dieser Geschichte ist. Jeder einzelne dieser Männer, er selbst auch, sei unermesslich reich, aber auch unermesslich traurig. In seinem ganz speziellen Fall habe ihm deshalb ein sehr guter Freund, der Dudelmoser Sepp, den Rat gegeben sich hier anzustellen und auf das Lächeln der Brezelbudebesitzerin und den Ehebund mit ihr zu hoffen. Wer die anderen Männer auf den Gedanken gebracht habe sich hier anzustellen, könne er nicht sagen, auf jeden Fall aber wüssten sie alle tatsächlich nichts besseres mit ihrem Leben anzufangen als auf eine mögliche glückliche Zukunft mit der Brezelbudebesitzerin zu hoffen.

"Ist das nicht ziemlich naiv gedacht" fragte da der Zauberer Rattelknöt erneut nach. "Ähh ... meinst du?" entgegnete ihm der Mann, dessen Namen nicht wichtig für den weiteren Verlauf dieser Geschichte ist. "Darüber habe ich nie nachgedacht. Schließlich hat mir doch der Dudelmoser Sepp diesen Tipp gegeben. Aber jetzt wo du mich so fragst. Stimmt. Ist eigentlich schon ziemlich doof hier nur herumzustehen und das weitere Lebensglück von den Launen einer Frau in einer Brezelbude abhängig zu machen. Ich geh dann mal wieder nach Hause." Und dann ging der Mann, dessen Namen nicht wichtig für den weiteren Verlauf dieser Geschichte ist, wieder nach Hause.

Mit seinen Fragen, übrigens immer mit denselben, brachte der Zauberer Rattelknöt nach und nach jeden einzelnen der unermesslich reichen Männer dazu wieder nach Hause zu gehen. Bei diesen Befragungen stellte der Zauberer Rattelknöt außerdem fest, dass offensichtlich jeder einzelne dieser unermesslich reichen Männer sich auf anraten des Dudelmoser Sepp in die Warteschlange eingeordnet hatte. Dies kam dem Zauberer Rattelknöt sehr merkwürdig vor, zumal jeder einzelne dieser unermesslich reichen Männer felsenfest davon überzeugt war diesen Tipp ganz exklusiv von dem Dudelmoser Sepp erhalten zu haben. Der Zauberer Rattelknöt behielt seine Entdeckung aber für sich und erzählte sie keinem der unermesslich reichen Männer.

Schließlich stand der Zauberer Rattelknöt ganz allein vor der Brezelbude und fragte die Brezelbudebesitzerin frech, ob sie nicht seine Brezelbraut werden wolle. Da sie ja nun erst mal keine Kundschaft mehr haben und infolgedessen dessen über mehr Freizeit verfügen würde, erschiene ihm dieser Zeitpunkt für eine solche Frage mehr als geeignet, begründete er sein Anliegen. Die vermeintliche Brezelbraut war ziemlich überrascht von der Frage des Zauberers Rattelknöt, denn bislang hatte ihr noch niemand einen direkten Heiratsantrag gemacht. Aber da die Brezelbudebesitzerin mittlerweile auch schon so langsam auf die "30" zuging sagte sie nach einer kurzen Bedenkzeit "ja".

Im Falle einer Spontanhochzeit hat man als heiratswilliger Zauberer gegenüber einem normalen heiratswilligen Mann schon beachtliche Vorteile. Dies stellte auch der Zauberer Rattelknöt fest. Binnen kürzester Zeit hatte der Zauberer Rattelknöt alles für eine Hochzeit notwendige herbeigezaubert, inklusive Standesamt, Kirche, Priester, Trauzeugen und Hochzeitsnacht.

Für die Hochzeitsnacht hatte sich der Zauberer Rattelknöt etwas ganz besonderes ausgedacht. Er verzauberte diese Nacht so, dass sie für den Rest des Lebens der beiden Eheleute andauern würde. Das war sehr schlau von dem Zauberer Rattelknöt, denn wenn diese Nacht für den Rest des Lebens der beiden Eheleute andauern würde, dann würden die beiden natürlich nie einen Tag älter werden und dadurch natürlich auch nie sterben. Er hatte seiner Ehefrau und sich selbst also die Unsterblichkeit geschenkt. Auf diese Idee war er sehr stolz und sie machte ihn sehr froh, denn nun musste er sich auch nie mehr Gedanken über den möglichen Verlust seiner Lebenskraft oder den möglichen Verlust der Lebenskraft seiner Ehefrau machen.

Seine Ehefrau war von dem Geschenk aber nicht ganz so begeistert wie der Zauberer Rattelknöt. Sie hatte sich immer gewünscht an jedem Tag eines Jahres den Geburtstag eines eigenen Kindleins feiern zu können. Durch den Zauber des Zauberers Rattelknöt war dieses nun aber nicht mehr möglich. Denn wie sollte sie die all vielen Kindlein für all die vielen Tage eines Jahres austragen, wenn sie selbst in zukunft nur noch in einer einzigen Nacht leben würde. Der Zauberer Rattelknöt und seine Ehefrau hatten jetzt also ein ernsthaftes Problem. Grundsätzlich gefiel der ehemaligen Brezelbudebesitzerin zwar die Idee ihres Ehegatten außerordentlich gut, aber so ganz loslassen von ihrem eigenen Lebenstraum wollte sie doch nicht. Weil sie dem Zauberer Rattelknöt aber auch nicht die Freude an seiner Idee nehmen wollte, entschied sie vorerst Streitgesprächen mit ihm zu diesem Thema aus dem Weg zu gehen. Nach einiger Zeit machte sie dieser Zustand schwer krank. Erst jetzt erkannte der Zauberer Rattelknöt wie groß der Wunsch seiner Frau, an jedem Tag eines Jahres den Geburtstag eines eigenen Kindleins feiern zu können, doch war.

Da der Zauberer Rattelknöt seine Ehefrau sehr sehr liebte hatte er nun natürlich ein einsehen in ihre Not. Er pflegte sie liebevoll wieder gesund und versprach gemeinsam mit ihr nach einer Lösung für ihr beiderseitiges Problem zu suchen. Weil sie beide jedoch recht wenig Erfahrung im Umgang mit Konfliktsituationen hatten, beschlossen sie sich Rat von einem Dritten einzuholen. Der Zauberer Rattelknöt zauberte daraufhin einen Dritten herbei. Der Dritte erkannte das Problem auch recht schnell und schlug den beiden einen Kompromiss zur Erfüllung ihrer jeweiligen Wünsche vor. Demnach solle der Zauberer Rattelknöt so bald als möglich die unendliche Hochzeitsnacht für neun Monate unterbrechen, so dass seine geliebte Ehefrau ein Kindlein austragen könne. Nach den neun Monaten könne das Ehepaar ja die unendliche Hochzeitsnacht wieder für ein Weilchen fortführen, bis das zweite Kindlein ausgetragen werden solle. Dieser stete Wechsel zwischen den Gewichtungen der Wünsche des Ehepaares, solle so lange fortgeführt werden, bis sie beide an jedem Tag eines Jahres den Geburtstag eines ihrer Kindlein feiern konnten. Damit wäre dann dem Wunsch seiner Ehefrau genüge getan und anschließend könnten sie ihr Leben, zusammen mit all ihren vielen Kindlein, in der mehrfach unterbrochenen Hochzeitsnacht bis in alle Ewigkeit fortführen, um damit dem Wunsch des Zaubers Rattelknöt genüge zu tun.

Für einen Augenblick machte dieser Vorschlag das Ehepaar überglücklich. Schließlich erkundigte sich der Zauberer Rattelknöt beiläufig noch nach dem Namen des Dritten. "Dudelmoser Sepp nennt man mich" sagte der Dritte. Daraufhin stand der Zauberer Rattelknöt der angebotenen Problemlösung mehr als kritisch gegenüber, denn war es nicht auch der Dudelmoser Sepp gewesen, der all den unermesslich reichen Männern vor der damaligen Brezelbude seiner heutigen Frau geraten hatte sich in einer Warteschlange vor der damaligen Brezelbude seiner heutigen Frau anzustellen. Gleichzeitig fiel dem Zauberer Rattelknöt aber auch ein riesengroßer Stein vom Herzen, denn insgeheim hatte er schon lange den Verdacht gehegt, dass es in der Vergangenheit irgendeine Beziehung zwischen dem Dudelmoser Sepp und seiner heutigen Frau gegeben habe müsse, was aber offensichtlich eine fehlerhafte Annahme gewesen war, denn der Dudelmoser Sepp und die heutige Frau des Zauberers Rattelknöt waren sich ganz offensichtlich noch nie vor der heutigen Hochzeitsnacht begegnet.

"Ich ahne was du denkst Zauberer Rattelknöt" sagte der Dudelmoser Sepp "aber bedenke dabei bitte auch: hat nicht genau diese Warteschlange von unermesslich reichen Männern dich zu deiner heutigen Frau geführt hat?. Zugegeben, ich habe die unermesslich reichen Männer in die Pfanne gehauen, dich aber habe ich dadurch zu deinem Lebensglück geführt. Du solltest also meinen Konfliktlösungsvorschlag getrost annehmen, denn wie du siehst, stehe ich auf deiner Seite". Der Zauberer Rattelknöt war sich nicht sicher ob er dem Dudelmoser Sepp wirklich über den Weg trauen konnte, aber er war in diesem Augenblick auch froh darüber, das der Dudelmoser Sepp nur einen Teil seiner Gedanken erraten hatte.

Der Zauberer Rattelknöt schnippte kurz mit seinen Fingern und ließ den Dudelmoser Sepp wieder verschwinden. Danach sprach er in aller Ruhe mit seiner Ehefrau über den Vorschlag vom Dudelmoser Sepp. Beide stimmten darin überein den Vorschlag in die Tat umzusetzen.

Eines Tages war es dann endlich soweit. Die Familie Rattelknöt war komplett. Sie konnten jetzt an jedem Tag eines Jahres den Geburtstag von einem ihrer Kindlein feiern. Weil die Famile dementsprechend inzwischen sehr groß war, hatte der Zauberer Rattelknöt schon vor geraumer Zeit ein riesiges Schloß als Wohnsitz herbeigezaubert. Dort lebten sie alle glücklich und zufrieden in der ewig andauernden Hochzeitsnacht. Nur manchmal, wenn dem Zauberer Rattelknöt und seiner Frau ihr Lebensglück allzu unglaublich erschien, verließen sie ihr trautes Heim für ein Weilchen um durch die Welt zu reisen. Auf diesen Reisen hatten sie immer eine Brezelbude dabei, die sie jederzeit und überall aufbauen konnten. Wenn sie dann irgendwo die Brezelbude aufgebaut hatten, liessen sie alle vorbeikommenden Menschen an ihrem Glück teilhaben, indem sie diesen Menschen die Brezeln und Getränke zusammen mit einem Lächeln verschenkten. Auf diesem Wege erntete der Zauberer Rattelknöt übrigens manchmal an einem Tag mehr "Ah´s" und "Oh´s", als ihm dies zu früheren Zeiten mit seinen besten Zauberkunststücken innerhalb von einer Woche gelang.

01.05.2005 01.15 Uhr