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Geschichte vom 16.04.2005:

Das Wörtchen lecker

Neulich begegneten sich um die Mittagszeit zwei verkohlte Schweinenackensteaks in einer gußeisernen Pfanne. Das Wort "begegneten" mag in diesem Zusammenhang vielleicht etwas fehlplatziert erscheinen, da es für eine Begegnung im allgemeinen ja von Nöten ist, das zumindest eines der sich begegnenden Objekte in irgendeiner Form bewegt - und eine Bewegung, ganz gleich in welcher Form, war nun selbst bei bestem Willen bei keinem der beiden Schweinenackensteaks auszumachen - aber das Wort "begegneten" untermalt den emotionalen Stellenwert dieses Augenblicks doch wesentlich treffender als irgendeine rational nachvollziehbarere Formulierung, zumindest nach dem Verständnis des Verfassers dieses Textes.

Selbstverständlich lagen die beiden Schweinenackensteaks, rein objektiv betrachtet, schon eine beträchtliche Weile in der gußeisernen Pfanne, aber, ebenso rein objektiv betrachtet, nahmen die beiden Schweinenackensteaks bislang einfach keinen großen Anteil am Schicksal des jeweils anderen Schweinenackensteaks. Dieser Zustand hatte sich aber eben gerade geändert. Zum ersten Mal seit die beiden Schweinenackensteaks in der gußeisernen Pfanne lagen stellten sie fest, dass sie ihr jeweils vermeintlich alleiniges Schicksal mit einem weiteren Schweinenackensteak teilten. Was der Auslöser für diese Erkenntnis war wird wohl auf ewig ein Rätsel bleiben, das Ergebnis dieser Erkenntnis jedoch verändert den Verlauf dieser Geschichte - macht sie eigentlich erst erzählenswert. Denn würde so mancher allein schon über den Umstand das zwei Schweinenackensteaks in einer gußeisernen Pfanne liegen eine Geschichte erzählen, dann könnte man auf diese Geschichte zweier Schweinenackensteaks die in einer gußeisernen Pfanne liegen getrost verzichten.

"Du" sagte das etwas weniger verkohlte Schweinenackensteak zu dem etwas mehr verkohlten Schweinenackensteak, "glaubst du, das uns in diesem Zustand noch jemand für lecker hält?"." "Was soll diese doofe Frage" sagte das etwas mehr verkohlte Schweinenackensteak. "Das Wörtchen lecker wird heutzutage derart inflationär benutzt, das unser Koch schon ein ziemlicher Dödel sein müsste, wenn er uns nicht mehr so zubereiten könnte, das uns noch jemand für lecker hält. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass er uns in voller Absicht so lange in dieser gußeisernen Pfanne hat brutzeln lassen, um aus uns etwas ganz besonders leckeres zu machen." "So" sagte das etwas weniger verkohlte Schweinenackensteak "glaubst du?. Ich aber glaube du beurteilst unsere Situation etwas zu optimistisch." "Und was spricht dagegen unsere Situation optimistisch zu beurteilen, solange ihr Ausgang noch ungeklärt ist?." fragte das etwas mehr verkohlte Schweinenackensteak.

In diesem Augenblick betrat der Zauberer Rattelknöt die Küche, sah die beiden Schweinenackensteaks in der gußeisernen Pfanne und konnte nicht anders als diesen Anblick als "lecker" zu bezeichnen. Nun sollte man dazu aber wissen, das der Zauberer Rattelknöt sich zu dieser Zeit in einem recht ausgehungerten Zustand befand, weil er seit mehreren Wochen keine ausgiebige Mahlzeit mehr zu sich genommen hatte - dennoch war seinem Urteil eine gewisse Objektivität natürlich nicht abzusprechen, wenn auch nur in geminderter Form. Der Zauberer Rattelknöt empfand den Anblick der beiden Schweinenackensteaks in der gußeisernen Pfanne also als "lecker" - lassen wir das einfach mal so stehen und ignorieren das Hintergrundwissen über seine spezielle akute Lebenssituation. Während der Zauberer Rattelknöt jetzt also so vor der gußeisernen Pfanne mit den beiden Schweinenackensteaks stand und sich überlegte ob er sich eines der beiden Schweinenackensteaks greifen sollte - und wenn ja, welches der beiden Schweinenackensteaks er sich greifen sollte, da kam der Koch von der Toilette zurück, die er aufgrund übermäßigen Alkoholkonsums in der letzten Nacht heute schon wiederholt hatte recht abrupt aufsuchen müssen um sich zu übergeben. Der Koch sah den Zauberer Rattelknöt VOR der gußeisernen Pfanne mit den beiden Schweinenackensteaks und er sah auch die beiden verkohlten Schweinenackensteaks IN der gußeisernen Pfanne. "Herrje" sagte da der Koch, "die beiden Schweinenackensteaks sehen ja nun wirklich nicht mehr lecker aus. Die kann ich nur noch wegwerfen." Der Zauberer Rattelknöt jedoch erwiderte, dass er den Anblick der beiden Schweinenackensteaks durchaus noch als "lecker" bezeichnen würde. Der Koch nun wiederum, der eigentlich ein als Mensch getarntes Naktop aus der Geschichte "Sörüb" war, befürchtete als Naktop enttarnt zu werden, wenn er dem Zauberer Rattelknöt in diesem Punkt nicht die Stirn bieten würde; deshalb beharrte der Koch auf seiner Meinung und schmiß die beiden Schweinenackensteaks demonstrativ in eine nahestehende Mülltonne. Der Zauberer Rattelknöt begann daraufhin bitterlichst zu weinen, denn schließlich hatte er den Anblick der beiden Schweinenackensteaks in der gußeisernen Pfanne doch wirklich noch als "lecker" empfunden. Aber jetzt war alles zu spät. Der Koch empfand mitleid mit dem traurigen Zauberer Rattelknöt. Er gab ihm deshalb zwei besonders große Stücke von einer Heidelbeertorte zu essen, die übrigens beide, Koch und Zauberer, für sehr lecker hielten.

Nachdem sich die beiden Schweinenackensteaks nun nicht mehr in der gußeisernen Pfanne, sondern in der Mülltonne befanden, nahm das etwas weniger verkohlte Schweinenackensteak das Gespräch wieder auf. "Na - bist du immer noch der Meinung der Koch hätte aus uns ein ganz besonders leckeres Mahl zubereiten wollen?." Da antwortete das etwas mehr verkohlte Schweinenackensteak "Gut, ich gebe zu, meine Sicht der Dinge war in der Tat etwas zu optimistisch. Aber was soll´s. Jetzt liegen wir beide hier im Dreck. Du, der du die Lage pessimistischer beurteilt hattest, ebenso wie ich." "Naja" sagte da das etwas weniger verkohlte Schweinenackensteak "zumindest sind wir immer noch zusammen. Wären wir beide zu leckeren Gerichten verarbeitet worden, würden wir uns inzwischen in verschiedenen Mägen befinden und bald verdaut werden. Ehrlich gesagt empfinde ich da unser aktuelles Schicksal doch um einiges angenehmer. Vielleicht ist es eben manchmal sogar besser gar nicht so lecker zu sein, wie man eigentlich sein möchte."

16.04.2005 12.16 Uhr