.
Mehr zur Schneckenseite Zum Profil von Rainer Lieser bei www.facebook.com Zum Profil von Rainer Lieser bei www.linkedin.com Rainer Lieser bei www.leselupe.de Zum Kanal der Webschnecke bei www.youtube.com Zum Profil von Rainer Lieser bei www.xing.com Zu den Tweets der Webschnecke bei www.twitter.com Zur Website www.rainer-lieser.de

Klicken Sei eine der Seitenzahlen an, um zu einer weiteren Geschichte zu gelangen.

 

Geschichte vom 03.04.2005:

Der Wolkenspringer

Der Wolkenspringer ist ein kleines arrogantes, missgünstiges, absolut nutzloses Geschöpf das hauptsächlich in riesigen Wolkenformationen aufzufinden ist. Sobald sich irgendwo am Himmel ein neues Wolkengebirge auftürmt, stürzen sich unzählige dieser seltsamen Wesen sofort darauf. Sie nisten sich in jeder noch so kleinen Nische ein, um diese dann sogleich aus dem Wolkenbilde herauszutrennen, damit ihnen ihr Gebietsanspruch nicht von einem Artgenossen streitig gemacht werden kann. Hat jeder der Wolkenspringer seine eigene Nische herausgetrennt ist die große Wolke nicht mehr existent. Ab diesem Augenblick stellt die eigene Wolkennische dann für die Wolkenspringer auch schon keinen Wert mehr da, weil ja dann jeder Wolkenspringer seine eigene Nische hat und man als Wolkennischenbesitzer keinen Vorteil mehr gegenüber anderen Wolkenspringern hat. Zeit also für den Wolkenspringer sich ein neues Objekt der Begierde zu suchen.

Wolkenspringer die übrigens trotz aller Bemühungen keine Wolkennische für sich erobern können, explodieren vor Wut. Ihre Überreste fügen sich dann zu riesigen Wolkenformationen zusammen.

Einheimischen Wissenschaftlern ist es übrigens unlängst gelungen spuren dieser Spezies auch in Bierschaumkronen nachzuweisen. Präzise gesagt machte Frau Dr. Rübensam Dotterich diese Entdeckung - und zwar erst vor wenigen Wochen. Sie saß damals gerade ziemlich deprimiert in ihrem Lieblingsbiergarten vor dem dritten großen Bierhumpen und betrachtete die jungen Menschen um sich herum. Es schien ihr in diesem Augenblick, als ob ihre Zeit vorbei wäre und die ihr nachfolgende Generation sie nun darauf langsam, aber dennoch bestimmt aufmerksam machen wolle. Auch hier in ihrem Lieblingsbiergarten schien man sie nur noch zu dulden, aber nicht mehr willkomen zu heißen. Diese Gedanken bereiteten ihr Kummer. Sie hob ihr Glas zum wiederholten Male blickte dabei geistesfern in die Bierschaumkrone, die ihr gleich in die Nüstern einzudringen drohte. Just in diesem Moment beobachtete sie, wie ein kleines seltsames Wesen sich an ihrer Bierschaumkrone zu schaffen machte. Das kleine Wesen war kaum wahrzunehmen, da es mehr einem Sonnenreflex denn einem Lebenwesen ähnelte. Doch der trandösige Zustand in dem sich Frau Dr. Rübensam Dotterich gerade befand half ihr dabei das seltsame Wesen als solches zu identifizieren. Blitzartig entwichen die unglückseeligen gedanken ihrem Hirn - ihre gesunde Neugier als Wissenschaftlerin gewann wieder die Überhand.

Sie griff mit beiden Händen in den Bierschaum und erwischte den Wolkenspringer bevor dieser auch nur den Hauch einer Fluchtchance hatte. Frau Dr. Rübensam Dotterich war sich in diesem Augenblick noch nicht bewußt, welche bedeutungsvolle Entdeckung ihr das Schicksal da hatte zukommen lassen, aber sie spürte, das die Zeit für ihre Wachablösung offensichtlich doch noch nicht gekommen war. Die Geschichte hatte noch großes mit ihr vor und das zappelnde Wesen in ihren Händen war der Schlüßel dazu.

Wenige Stunden später befand sie sich in ihrem Labor und unternahm erste Tests an ihrem Fund. Es war spät. Außer ihr befand sich niemand mehr in dem Gebäude. Abgesehen von drei minderjährigen Sittlichkeitsverbrechern die sich an diesem Abend an ein paar Labortieren vergehen wollten, nun aber vorlieb mit Frau Dr. Rübensam Dotterich nahmen. Selbstverständlich sehr zum Unwillen von Frau Dr. Rübensam Dotterich, weil sie sich dadurch in ihren Untersuchungen an dem Wolkenspringer gestört sah.

Es kam wie es kommen musste. Frau Dr. Rübensam Dotterich wurde schwanger und die Entdeckung des Wolkenspringers verschaffte ihr hohe akademische Würden und finanzielle Unabhängigkeit. Sie adoptierte den nach einem Gentest herausgefunden Vater ihres Kindes und finanzierte ihm ein Studium an einer privaten Musikhochschule. Nach Abschluß seines Studiums wurde er Dirigent an der Wiener Staatsoper.

Für sich selbst ließ Frau Dr. Rübensam Dotterich ein Mausoleum errichten in dem dereinst ihre sterblichen Überreste aufgebahrt werden sollten. Das Mausoleum wurde in Form einer riesigen Bierschaumkrone gebaut. Frau Dr. Rübensam Dotterich wollte dadurch ihrer Dankbarkeit gegenüber dem Wolkenspringer ausdruck verleihen.

Der Wolkenspringer selbst führte nach seiner Entdeckung lange Zeit ein sehr unruhiges Leben. Er wurde ständig von Forschungslabor zu Forschungslabor weitergereicht und musste unzählige schmerzhafte Untersuchungen über sich ergehen lassen. Am Ende aller Tests wurde er wieder Frau Dr. Rübensam Dotterich zugeführt, die ihm in ihrem Mausoleum eine kleine Nische als Lebensraum einrichtete.

Da Wolkenspringer unsterblich sind, solange sie nicht aus Wut explodieren, lebte er in dieser Nische bis das Mausoleum nach mehreren tausend Jahren wieder in seine ursprünlichen Bestandteile zerfiel. Zurück in der Freiheit schwang er sich sogleich in die Lüfte um zusammen mit seinen Artgenossen über die nächstbeste riesige Wolkenformation herzufallen. Menschen gab es zu dieser Zeit dann übrigens schon lange nicht mehr.

03.04.2005 12.24 Uhr