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Geschichte vom 05.03.2005:

Sörub

Es ist gerade 0.25 Uhr, kurz vor Weihnachten und ich fühle mich ziemlich mies. Eigentlich hätte ja alles so schön werden können, aber dann... . Naja, egal. Es ist nur so ein seltsames Gefühl. Muß wohl Melancholie sein. Ich erinnere mich an früher - wie ich es immer an Weihnachten zu tun pflege. Doch diesmal gehen meine Erinnerungen weiter zurück als üblich...

Ich war ein recht stilles Kind - und so war es nur recht wenigen Menschen vergönnt meine Stimme zu kennen. Warum auch?, was ich zu sagen gehabt hätte, wäre sowieso gleich wieder Grund genug gewesen mir meine Worte zu verbieten. Also blieb ich von vornerein still und grübelte eben so vor mich hin.

Ich liebte es meiner Phantasie freien Lauf zu lassen und natürlich wußte ich auch, daß dieses Verhalten nichts ungewöhnliches für ein Kind meines Alters war, aber ich wußte auch, daß meine Phantasie unter einem anderen Vorzeichen stand als die anderer Kinder. Und die anderen Kinder wußten das auch bald. Ich hatte deshalb nur wenig Freunde und verbrachte meine Zeit meist alleine - alleine mit meinen Gedanken.

Das Älterwerden machte selbst vor mir keinen halt und mir wurde klar, daß ich wohl eines traurigen Tages sterben müsse. Wollte ich etwas sinnvolles nach meinem Tod hinterlassen,was seit frühester Kindheit mein vorrangigstes Bestreben war, so mußte ich eines Tages damit beginnen irgend etwas sinnvolles zu tun. Also fing ich an zu basteln - und hatte schon bald eine stattliche Menge an mir sinnvoll erscheinenden Maschinen erfunden, Maschinen, deren Sinn und Zweck sich außer mir jedoch niemandem zu erschließen schienen.

Meine Kindheit verflog und plötzlich hatte ich erwachsen zu sein. Gemäß des mir angeborenen Schicksals, welches ich inzwischen unzweideutig erkannt hatte, beschloß ich die berufliche Laufbahn eines Naturwissenschaftlers einzuschlagen. Doch aufgrund einer äußerst schlechten Arbeitsmarktlage, konnte ich nach dem Studium in dem von mir angestrebten Bereich keinen Job finden.

Nichts klappte - mein angestrebtes Lebensziel kam immer mehr außer Reichweite; ich war kläglich an der Realität gescheitert. Voller Haß und Zorn auf die Menschheit, deren Ignoranz mir gegenüber, entschied ich diese unwürdigen Schleimscheißer mit Mißachtung zu strafen; ihnen wohlwissentlich mein Genie vorzuenthalten. Natürlich war mir die Überheblichkeit dieser Gedanken bewußt, doch kannte ich damals keinen besseren Weg um meiner Enttäuschung Herr zu werden.
Schließlich erhielt ich einen Arbeitsplatz in der Müllverarbeitungsindustrie. Desillusioniert und aller Träumeund Hoffnungen beraubt, verrichtete ich mein mir sinnlos erscheinendes Tagewerk. Meine Aufgabe bestand darin die Papieretiketten von feuerverzinkten Konservendosen loszulösen, die Konservendosen qualitativ aufzubereiten, um sie dann der weiterverarbeitenden Automobilindustrie zuzuführen. Diese Arbeit musste ich mit meinen bloßen Händen verrichten.
Bald jedoch entdeckte ich eine Möglichkeit diese Arbeit maschinell auszuführen. Entgegen, meines in der Stunde des Hasses geborenen Vorsatzes geistiger Enthaltsamkeit, erstellte ich in den Abenden nach Dienstschluß die Konstruktionspläne für diese Maschine. Das innere Talent brach durch. Mein Arbeitgeber war von den Plänen für das für ihn profitablere Arbeitsverfahren begeistert. Die Maschine wurde gebaut.

Ich erkannte durch diesen persönlichen Triumph, daß sich mein wahres Naturell auch nicht durch extremste äußere Umstände und persönliche Lebenskrisen verleugnen oder gar kaputtmachen ließ, sondern stark genug war all dem zu trotzen - und aus dieser Erkenntnis schöpfte ich neuen Lebens- und Arbeitsmut.

Endlich hatte mich meine wahre Bestimmung gefunden - meine Mission, mein Schicksal offenbarte sich mir. Ich wußte nun das es mir gegeben war mit Abfall zu arbeiten - und natürlich wußte ich auch das diese Konservenaufarbeitungsmaschine nur ein erster zaghafter Schritt in Richtung eines unsterblichen Lebenswerkes war, aber immerhin ein erster Schritt. Ich hatte ein Zeichen erhalten.

Fieberhaft suchte ich nach immer komplexeren Methoden um auch andere Abfälle aufzuarbeiten, zu sortieren, umzuwandeln, oder sonstwas daraus zu machen, bis ich endlich das wahre Geheimnis allen Mülls erkannte. Der Schlüßel lag nicht darin die Einzelelemente aufzuarbeiten, zu sortieren, umzuwandeln, oder sonstwas daraus zu machen, sondern darin etwas Ganzes daraus zu machen. Der Sinn lag in der Zusammenführung all dieser Einzelelemente. Alles mußte in eine neue Harmonie gebracht werden. Etwas neues mußte geschaffen werden und ich hatte die Fähigkeiten dazu - das hatte ich nun endlich erkannt. Ich verließ meinen bisherigen Arbeitgeber und machte mich selbständig. Ich wurde Schöpfer.

Was könnte für einen Schöpfer eine größere Herausforderung sein als Leben zu erschaffen. Leben!. Die Erschaffung von Leben aus Abfall - dieser Gedanke wurde Leitmotiv meiner weiteren Arbeit.

Ich war schon immer ein Gegner der weitverbreitesten Methode um Leben herzustellen gewesen. Lebenserschaffung durch den Liebesakt hatte für mich nie etwas mit wahrem Schöpfertum zu tun; dazu war mir dieser Prozess zu unkontrollierbar, allzu zufälig - auf einen zu einfachen Ausgangspunkt zurückgeführt, um auch noch den größten Deppen am göttlichen Gefühl des Schöpfungsaktes teilhaben zu lassen. Nein, wahres Schöpfertum hatte etwas mit einem überlegenen Geist zu tun, nicht mit primitiver Fleischeslust.

Jahrelang arbeitete ich an der Realisierung meiner Idee, zahllose Experimente wurden durchgeführt, zahllose Pläne aufgestellt und verworfen. Dann endlich war es soweit, ich stand vor dem verborgenen Wunsch meiner Kindheit und erkannte darin den Schlüßel zu meiner Zukunft. Für einen Augenblick spürte ich den Atem der Unsterblichkeit, spürte endlich den Atem meines Abfallwesens. Da stand sie nun also endlich vor mir, meine Schöpfung. Ich hatte es geschafft. Durch dieses Wesen konnte ich die Menschheit von meinem überlegenen Genie überzeugen. Jetzt mußten sie mir untertänigst huldigen, mich lobpreisen, denn nie zuvor hatte ein Mensch vergleichbares geschaffen. Mein Name - ich selbst würde durch diese Tat Unsterblichkeit erringen. Ich hatte meinen Traum wahr gemacht.

Es dauerte ein Weilchen bevor ich meinen Enthusiasmus halbwegs gezügelt hatte. Dann versuchte ich einen ersten direkten Kontakt mit meinem Wesen aufzunehmen. Ich wollte seinen Intellekt mit dem meinen messen, um dadurch Rückschlüße auf seinen derzeitigen geistigen Entwicklungsstand ziehen zu können. Sein Gehirn war mit den edelsten und besten Erkenntnissen menschlichen Schaffens gefüttert worden, kannte die Theorien von Einstein, Marx und Sigmund Freud, die Musik von Mozart, Wagner und den Beatles, die Literatur von Kafka, Thomas Mann und Hermann Hesse und war mit den Werken von Helge Schneider und Russ Meyer vertraut - natürlich kannte es die gesamte Entwicklungsgeschichte der menschlichen Zivilisation vom Urschleim bis hin zu Ulrich Wickert und und und... ; ich hatte ein Wesen geschaffen, dessen Intellekt dem seines Schöpfers, mir, fast ebenbürtig sein mußte.

Als Zeichen meiner Wertschätzung und Freundschaft reichte ich ihm erst einmal meine Hand und sprach es höflichst an. Es reagierte in keinster Weise. Ich folgerte daraus, daß es mich als seinen Schöpfer identifiziert hatte und mir mit seinem passiven Verhalten Unterwürfigkeit demonstrieren wollte. Ich respektierte seine Befangenheit mir gegenüber und verließ erst einmal den Raum. Wollte ich also in Kontakt mit meinem Wesen treten, so konnte dies vorläufig wohl nur über eine dritte, vermittelnde Kreatur geschehen. Dieser Vermittler mußte so lange zwischen uns geschaltet werden bis das Wesen bereit war seinem Schöpfer leibhaftig gegenüber treten zu können, ohne dabei in Ehrfurcht zu erstarren. Ich durchsuchte mein Labor nach überresten vergangener Testversuche. Testversuche bei denen ich erste Erfahrungen im Umgang mit der Erschaffung von Leben gemacht hatte, versuche zur Erschaffung niederer Existenzformen. Endlich entdeckte ich in einem kleinen schäbigen Käfig ein Noktap. Ich erklärte dem Noktap was ich von ihm wollte und bot ihm als Gegenleistung für seine Dienste an, an jedem fünften Tag einen Freigang von neun Minuten an. Die dumme Kreatur willigte erwartungsgemäß ein und setzte sich sofort mit meinem Wesen in Verbindung. Doch der gewünschte Erfolg blieb aus. Vielmehr stellte sich heraus, daß meine Schöpfung aus unerfindlichen Gründen eine panische Angst vor dem Noktap hatte.

Nach einigen weiteren vergeblichen Versuchen mit meinem Wesen in Kontakt zu treten, mußte ich der deprimierenden Tatsache ins Auge sehen nicht ein geistig hochwertiges Lebewesen, sondern einen hirnlosen Vollidioten erschaffen zu haben. Die Schmach dieser Schande lastete schwer auf mir. Ich war zutiefst enttäuscht und sah meine angestrebte weltweite Popularität erbarmungslos den Bach hinunterrauschen - also begann ich meine Schöpfung zu verachten.

Bald jedoch kam mir der Gedanke die Dummheit des Wesens für meine Zwecke auszunutzen; schließlich war ich es dem das Wesen seine Existenz zu verdanken hatte und dafür wollte ich gefälligst auch irgendetwas zurückbekommen.

Das blöde Vieh hatte denn auch ein paar höchst interessante Eigenheiten. So konnte man mit ihm z.B. nur mittels Fußtritten kommunizieren - was für meine aufgestauten Aggressionen ein ideales Ventil darstellte. Wenn ich es denn trat, was wie jeder wohl leicht verstehen wird sehr häufig der Fall war, begann es sofort sich zu bewegen um den Tritten zu entgehen. Auf diese Art und Weise versuchte ich ihm sehr schnell meinen Standpunkt gegenüber der Zweckdienlichkeit seiner Existenz bewusst zu machen. Und sobald sich das strunzdumme Ding bewegte wuchs in ihm eine unerhörte Fresslust; eine Fresslust die ausschließlich durch den Verzehr von Abfall zu befriedigen war. Außerdem konnte das Wesen rückwärts Treppen hinauflaufen und, wie schon erwähnt, es hatte panische Angst vor Noktaps.

Ich nutzte es als Müllschlucker. Es fraß meine kompletten Abfälle und konnte diese vollständig in seinem Verdauungstrakt entsorgen, ohne auch nur die geringsten Ausscheidungen tätigen zu müssen - wodurch mir die Kosten für die Müllentsorgung erspart blieben.

Einen Nachteil hatte dieses vollständige Verdauen allerdings: das Wesen nahm mit jeder Nahrungsaufnahme um ein vielfaches an Gewicht und Volumen zu; ein Umstand der mir schon bald sehr zu schaffen machte, da ich ein Ende dieses Umstandes nicht abzuschätzen vermochte.

Nun gut.

Jahre später.

Ich hatte es trotz der unglücklichen Entwicklung meiner Schöpfung geschafft durch gelegentliche gemeinsame Auftritte im Werbefernsehen das Interesse der Öffentlichkeit langsam auf mich und "es" zu lenken. Der ursprünglich anvisierte Medienerfolg stellte sich nun also verspätet doch noch ein - und ich konnte jetzt sogar noch zusätzliches Kapital aus der anfangs von mir so verschmähten Dämlichkeit des Wesens schlagen, denn bei Gagenverhandlungen ließ es sich mühelos von mir über den Tisch ziehen. Die Menschen waren wie verrückt nach diesem häßlichen, dummen Ding. Vermutlich weil es ihnen durch seine bloße Existenz das Gefühl der Überlegenheit der menschlichen Rasse vermittelte. Ich wurde durch diese Vermittlung immer reicher und reicher.

Bis jener Tag kam.

Es war gegen 13.00 Uhr, ich hatte gerade mein Bett verlassen und fühlte mich nicht so recht wohl. Ich suchte also die Zelle meines Wesens auf und wollte mich durch ein paar gezielte Fußtritte etwas aufheitern. Aber das Wesen war weg. Nur eine ekelhaft stinkende, amorphe Masse lag in seiner Zelle. Ich erinnerte mich, daß das Wesen schon früher mehrmals, nach besonders heftigen Tritten weggelaufen war - doch aufgrund seiner unbeschreiblichen Dämlichkeit war es bisher nie zu einer längeren Trennung von seinem Schöpfer fähig gewesen. Zu keiner Trennung die länger als dreiundfünfzig Minuten andauerte. Spätestens nach dreiundfünfzig Minuten kam es immer wieder reumütig zu mir zurück und ich trat es dann erst einmal wutschnaubend halb tot, so das ihm danach die Lust auf das aufbüchsen für ein Weilchen vergangen war. Das mit einer Uhr gekoppelte aufgebrochene Zellenschloß bewies jedoch, das es diesmal schon dreiundsiebzig Minuten weg war. Aber warum war es ausgerechnet heute abgehauen. Mein überlegener Intellekt spürte sofort, daß all dies etwas zu bedeuten hatte. Diese Flucht war endgültig. Desweiteren erkannte ich intuitiv einen tieferen Zusammenhang zwischen dieser stinkenden Masse vor mir und dem entflohenen Wesen - das Vieh hatte offenbar zum ersten Mal in seinem Leben Stuhlgang gehabt.

Ich verstand. Meine Kreatur hatte sich bislang in einem körperlichen Entwicklungsprozesses befunden, einer Art Wachstumsphase. Diese Phase war durch das Zustandekommen des Häufchens vor mir beendet. Die aufgenommene Nahrung wurde nun nicht mehr wie bisher rückstandslos verdaut, sondern der Körper filterte für sich jetzt nur noch ganz spezielle lebenswichtige Substanzen heraus - die restlichen Stoffe waren Ballast und wurden ausgeschieden.

Wie aber hatte sich das Wesen ohne Fußtritte bewegen können? wie also war ihm die Flucht überhaupt möglich gewesen?. Ob dies auch mit seinem ersten Stuhlgang in Zusammenhang zu bringen war - und wenn ja, wie?. Es war mir ein Rätsel. Erst sehr viel später sollte ich durch weitere Experimente folgende Antworten auf diese Fragen erhalten: Der erste Stuhlgang befreite das Wesen aus einer körperlichen und geistigen Trägheit, die bis zur Entwicklung eines bestimmten Massevolumens notwendig war, und setzte bei ihm plötzlich völlig neue Energien frei. Die von mir diagnostizierte Dummheit des Wesens war defacto also nichts weiter als eine Fehldeutung seines Reifeprozesses - Körper und Geist waren bisher einfach noch nicht weit genug entwickelt gewesen um miteinander kommunizieren und auf Gegebenheiten der Umwelt reagieren zu können. Kurzum: Es hatte nun von seinem bisherigen Leben einfach die Schnauze voll und war abgehauen. Natürlich versuchte ich das Wesen wieder einzufangen - doch leider ohne Erfolg. Das Wesen war wie vom Erdboden verschluckt.

Ich dachte mir "was soll's" und erschuf ein neues Wesen; griff dabei auf meine früheren Erfahrungen zurück und modifizierte meine Formeln ein wenig, denn diesmal wollte ich bewußt ein dummes Vieh erschaffen.

Doch erneut stellte sich die Schöpfung gegen ihren Schöpfer und floh. Ich erschuf immer und immer wieder neue Wesen - und änderte aufgrund neuer Erfahrungswerte immer und immer wieder die biologisch/genetischen Vorzeichen ihrer Erschaffung, doch das Ergebnis blieb immer und immer wieder das gleiche: die Viecher liefen einfach weg; glaubten anderswo ein besseres Leben finden zu können.

Diese undankbaren Deppen. Sie fanden natürlich nirgendwo ein besseres Leben, wurden überall nur ausgenutzt - und warum auch nicht, schließlich waren sie dafür ja von mir erschaffen worden. Das war ihre Bestimmung. Dennoch flohen immer und immer mehr von ihnen und brachten dadurch einen ziemlich unangenehmen Negativtrend in meine Umsatzbilanz.

Ich forschte nach der Ursache für diesen Fluchttrieb - kam jedoch zu keinem Ergebnis.

Durch diese Untersuchungen aber gelang es meinem überragenden Geist nach einiger Zeit einen weiteren archetypischen Schwachpunkt im Verhalten der Wesen ausfindig zu machen: sie waren verrückt nach Glühwein. Für einen Schluck Glühwein taten diese Trottel einfach alles; damit konnte man sie in jede noch so dämliche Falle locken. In einem Kreis von 500 Metern um das Lager der Wesen wurden also mehrere Glühweingetränkeautomaten aufgestellt. Brach nun wieder einmal eines der Viecher aus, kam es binnen kürzester Zeit unweigerlich an einem der Automaten vorbei. Da die Wesen kein Geld hatten, blieb ihnen nichts weiter übrig als zu einem der Wächter zurück zu laufen um bei diesem dann nach etwas Kleingeld zu betteln. Schwupp - schon war der geflohene Tölpel wieder eingefangen. Das klappte immer. Das Fluchtproblem war mit einem Schlag gelöst. Nun galt es nur noch die früher geflohenen Wesen wieder einzufangen; eine Aufgabe der ich mich mit aller Kraft widmete.

Ab jetzt wuchs mein öffentliches Ansehen und die damit verbundene manipulative Macht auf die Massen in ungeahnte Höhenregionen, denn ich verkörperte DAS wonach alle Menschen lechzten: Göttlichkeit. Ich erschuf leben - allein das verkaufte schon sich gut. Dann aber war ich ja auch noch in der Lage meinen mißratenen Kindern ihre Fehler zu vergeben, denn ich führte sie nach einem fehlgeschlagenen Fluchtversuch ja wieder in die göttliche Geborgenheit meiner Nähe zurück - das verkaufte sich besser als alles je dagewesene.

Kurzum - die Menschen liebten es unterhalten zu werden und unterhielt ich sie - und sie waren bereit mir für diese Unterhaltung jeden Preis zu zahlen. Insgeheim jedoch hatte ich natürlich nicht das geringste Interesse daran sie wirklich zu unterhalten, vielmehr wollte ich sie beherrschen, sie verarschen, ihr Meister sein, sie für meine in der Vergangenheit erlittenen Schmerzen zahlen lassen.

Nun gut. Alles zu seiner Zeit.

Nach vielen Jahren gelang es mir endlich alle Wesen, einschließlich meiner ersten Schöpfung, wieder einzufangen. Ich ließ eine gigantische Fabrik bauen in der die Wesen eingesperrt wurden - eine Müllentsorgungsfabrik. Mein Bild in der Öffentlichkeit erhielt dadurch weitere willkommene rührseelige Facetten in der Art von "ich hätte meinen Schöpfungen nun endlich ihre eigene Welt geschenkt" und "ich hätte der Menschheit bei der Lösung eines ihrer dringlichsten Probleme geholfen - der Müllentsorgung". In Wahrheit interessierte mich bei dem Ganzen einzig und allein der Profit - und den bekam ich. Ich wurde steinreich.

Aus der ganzen Welt wurden Abfälle zu meiner Fabrik gebracht. Die Wesen fraßen den Dreck, scheideten einen geringen Prozentteil davon wieder aus und bekamen anschließend ihre eigene Scheiße schließlich so lange zu fressen, bis es keine Überreste mehr gab. Ich kassierte das Geld.

Die Einzelzellen der Wesen waren absolut ausbruchsicher. Desweiteren waren die Zellen so angeordnet, das ich jedes einzelne Vieh jederzeit völlig problemlos nach Herzenslust treten konnte. Aufgrund ihres aktuellen Entwicklungstandes wäre dies zwar eigentlich nicht mehr nötig gewesen um sie zur Nahrungsaufnahme zu bewegen, aber es machte halt einen wahnsinnigen spaß - und irgendwie mußte ich ja meinen Frust darüber keinen Frust mehr zu haben loswerden. Alles was ich tat war perfekt; ich war perfekt - und damit war ich auf dem besten Wege Unsterblichkeit zu erlangen. Ich. Ich. Ich.

Tja, aber dann kam wieder einer jener schlechten Tage. Das erstgeschaffene Wesen hatte einen Plan entwickelt um aus seiner Zelle auszubrechen und war wild entschloßen diesen Plan auch vorbehaltlos umzusetzen - leider wußte ich damals nichts von seinem Vorhaben. Das Vieh bestach einen meiner Sicherheitsbeamten mit unverdauten Korkenziehern um einen kurzen Spaziergang machen zu dürfen, hatte dabei aber natürlich alles andere im Sinn als einen tatsächlichen Spaziergang. Der geistlose Beamte öffnete die Zelle des Wesens und wurde von diesem dann sofort überwältigt. Anschließend befreite das Wesen dann all seine Artgenossen und floh zusammen mit ihnen über sämtlich Berge.

Aus mir unerfindlichen Gründen war es diesen undankbaren, egoistischen Kreaturen nicht Erfüllung genug von ihrem Schöpfer gefüttert und getreten zu werden. Diese verdammten, minderwertigen Abfallzöglinge waren einfach allesamt abgehauen. Schäbige, gewissenlose Müllbeutel die sich gegen ihren Herren auflehnen wollten. Elende Exkrementenfresser, Schleimscheißer unterster Entwicklungsstufe, niederträchtige, hirnlose Erzeugnisse niveaulosester Proletarierkotze rebellierten gegen ihren Gott. Gegen mich.

Nun gut.

Die Wesen klauten die gesamten Abfallvorräte der Menschheit, die Abfälle der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, verbrüderten sich mit den Noktaps, bauten ein Raumschiff und verschwanden von der Erde.

Sie waren wohl der Ansicht der Abfall der Menschheit sei zu gut für die Menschheit - glaubten die Menschheit verdiene ihren eigenen Dreck nicht, weil sie damit nicht sinnvoll umzugehen wisse.

Tja, so blieben eben nur die Menschen auf diesem jetzt kahlen und öden Planeten zurück - und ich; ich das Genie, das die Menschheit vom Problem der Abfallbeseitigung befreit hatte, ich, der ich ...

Scheiße, nun gibt es hier nicht einmal mehr Wasser oder Butterblümchen, alles ist weg; die Pyramiden, das Chrysler Building, der Reichstag - alles weg. Und bald ist auch alles was jetzt noch da ist, wirklich alles, auch ich, weg und tot.

Allerdings ... He, Moment mal - sie haben uns ja noch die Kleider gelassen. Und vielleicht ... Mhh ... Wie um alles in der Welt konnten sie eigentlich ihre Abneigung gegenüber den Noktaps überwinden?

Ende ?

05.03.2005 20.34 Uhr