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Geschichte vom 14.12.2004:

Der Mann der glaubte fliegen zu können

Das Licht der Sonne strahlt durch die Vorhänge. Es ist taghell. Die kleine Digitaluhr im vorderen Bereich des Schlafzimmers zeigt 12:09 Uhr. Er richtet seinen Oberkörper vorsichtig auf, streift die Bettdecke zur Seite, kontrolliert die Lederriemen an seinen Beinen. Beruhigt tastet er nach den schweren Metallstiefeln neben seinem Bett. Als seine Finger den kalten Stahl spüren ergreift ihn das wohlige Gefühl von Zufriedenheit. Alles befindet sich noch an seinem Platz. Der Tag kann beginnen.

Er öffnet die oberste Schublade des Nachttisches und zieht ein paar dicke Wollsocken heraus. Mit den Wollsocken in den Händen bewegt er den Oberkörper so weit nach vorne, bis seine Finger an seine Füße reichen. Nachdem die nackten Füße in den Socken verschwunden sind, wuchtet er die Metallstiefel auf das Bett. Das Gewicht der Stiefel lässt das Bett für einen Augenblick heftig erzittern. Als die Schwingungen abgeklungen sind, ergreift er mit beiden Händen den linken Stiefel. Seine Daumen greifen in das Innere der Stiefelöffnung, die anderen Finger umgreifen das Metall von außen. "Verdammt kalt. So geht das nicht." Er muss sich doch die Handschuhe anziehen. Also bewegt er seinen Oberkörper zurück, öffnet eine weitere Schublade des Nachttisches und holt ein paar Handschuhe heraus. Der Oberkörper wird wieder nach vorne gebeugt, wieder berührt er den Stahl der Metallstiefel. Diesmal lässt sich die Kälte ertragen. Er hebt den Stiefel leicht an, beugt seinen Oberkörper noch ein Stückchen weiter nach vorne, soweit es die Liederriemenfesseln an seinen Beinen eben zulassen, und lässt den Stahlstiefel kurz oberhalb seines linken Fusses fallen. Geschafft. Die Öffnung des Stiefels befindet sich nur wenige Zentimeter von seinen Zehen entfernt. Perfekt. Die gleiche Prozedur führt er mit dem rechten Stiefel durch.

Hätte er nicht vergessen die Handschuhe anzuziehen, wäre dies ein nahezu unübertrefflicher Einstieg in den heutigen Tag gewesen. Aber hatte er die Handschuhe wirklich vergessen oder war dies nicht möglicherweise der zaghafte Versuch etwas Abwechslung in seinen Alltag zu bringen. Unwichtig. Es war bisher ein fast perfekter Tagesbeginn. So etwas gelang ihm nicht gerade oft. Doch genug der Freude. Den schwierigsten Teil der allmorgendlichen Notwendigkeiten hatte er schließlich noch vor sich. Ein verfrühtes Glücksgefühl konnte sehr schnell zu Leichtsinn führen - und Leichtsinn konnte für jemanden wie ihn sehr schnell zur Katastrophe führen.

Seine Finger gleiten zu der Schnalle, die seinem Oberkörper am nächsten liegt. Er öffnet die Schnalle kurz um den ersten Lederriemen etwas zu lockern. Das Gewicht des Kettenhemdes und der schweren Armbänder engen dabei den Aktionsradius seiner Feinmotorik natürlich stark ein. Deshalb ist diese Prozedur jeden morgen auch die zeitaufwendigste. Mit jedem weiteren gelockerten Lederriemen schiebt er seine Beine ein Stückchen weiter den Öffnungen der Metallstiefel entgegen. Bald stecken seine Füsse fast komplett in den Stiefeln. Nur noch ein Lederriemen muss gelockert werden. Aber halt. Was ist das. Hat sein rechtes Bein sich nicht gerade schon zu weit in die Höhe bewegt. Wie kann das sein. Was hat er falsch gemacht. Atemlos beobachtet er sein rechtes Bein. Im Geiste vollzieht er Schritt für Schritt die Handlungen bis zum aktuellen Zeitpunkt nach. Nein. Er hat keinen Fehler gemacht. Da war nur diese Nachlässigkeit mit den Handschuhen. Vorhin. Das Bein kann sich nicht bewegt haben. Eine Schweissperle rinnt ihm von der Stirn, tropft auf das Betttuch.

Er erinnert sich an eine Textzeile die ihm schon vor Jahren richtungsweisend für sein eigenes Leben erschien. Die Zeile stammte aus einem Lied aus der Zeit als er noch bei seinen Eltern lebte. "Life is a strange thing. Before you know how to use it, it´s already gone." Zumindest glaubte er damals immer das verstanden zu haben. Manchmal ist es ja nicht ganz einfach den Text eines Liedes richtig zu verstehen. Man glaubt dann Worte zu hören, die der Songschreiber so jedoch nie geschrieben hat. Möglicherweise war das auch in diesem Fall so, aber das änderte nichts an der Bedeutung dieser Worte für sein Leben.

"Das Bein hat sich nicht bewegt. Die Nerven gehen langsam mit dir durch alter Junge. Los jetzt lockere den letzten Lederriemen. Stecke deine Füsse endlich vollständig in die Stiefel." 38 Minuten später erhebt er sich aus dem Bett. Die Ketten, Metallkugeln, Eisenringe, Gewichte, Stiefel und Bleigürtel die seinen Körper am Boden halten erscheinen ihm heute leichter als sonst. Und noch etwas ist anders. Auch die Geräusche die seine Rüstung bei den kleinsten Bewegungen von sich gibt, Geräusche die ihm normalerweise ziemlich auf die Nerven gehen, stimmen ihn heute fröhlich. Vor allem das Klingeln der vielen Glöckchen. Eigentlich sind sie ja nichts weiter als eine zusätzliche Sicherheitsvorkehrung für den Fall das eines Tages etwas unvorhergesehenes Geschehen sollte, heute aber fühlt er sich dadurch ein bisschen wie der Weihnachtsmann.

Die Hände greifen fest das Seil zu seiner rechten und er macht sich beschwingt auf die Reise in das Badezimmer.

Als Schreiber sollte man den Inhalten seiner Texte gegenüber ein bestimmtes Maß an Verantwortung empfinden, erst recht wenn man in diesen Inhalten über Menschen schreibt. In diesem Sinne möchte ich weitere Details meiner Hauptfigur während ihres Aufenthaltes im Badezimmer hier aussparen. Erwähnt sei nur das der Held dieser Geschichte exakt 53 Minuten später diesen Raum wieder verließ und sich dann auf den Weg in das Arbeitszimmer machte. Während der besagten 53 Minuten geschah allerdings etwas, das an dieser Stelle allerdings doch noch angeführt werden soll.

Er betrat also das Badezimmer. Bevor er mit der Ausführung der gröbsten Reinigungsprozesse begann betrachtete er sich gründlich im Spiegel. Zum ersten Mal seit langem nahm er bewusst die 35 Jahre wahr, die ihm da entgegen starrten. Er entdeckte einen merkwürdigen Farbton in seiner linken Augenbraue. Ein graues Haar. An die Existenz der grauen Haare beim Bartwuchs hatte er sich inzwischen widerwillig gewöhnt, doch dies ging ihm nun doch ein Stückchen zu weit. Ein graues, nein - ein schlohweisses Augenbrauenhaar ziemte sich doch wirklich nicht für einen Mann in seinem Alter. Er schob seinen Kopf näher an den Spiegel heran und betrachtete mit allergrößter Sorgfalt seine linke Augenbraue. Ein Depressionsanfall schien unvermeidbar. So musste es dem Weihnachtsmann vor Urzeiten auch ergangen sein. Dieser zweite Gleichklang mit dem alten Mann hinter dem Renntierschlitten an diesem Tag brachte ihn zum schmunzeln und tröstete ihn ein wenig über seine erschreckende Entdeckung hinweg. Der Weihnachtsmann war doch eigentlich ein ziemlich cleverer Bursche fand er, von dem konnte er noch einiges lernen. Das vermutlich lichte Haupthaar verbarg er keck durch eine rote Mütze, der große Gürtel diente ohne Frage als Korsett und durch das Verteilen kostenloser Geschenke sicherte er sich den Rückhalt einer extrem großen Lobby für den Fall das eines Tages jemand sein Wirken in Frage stellen würde. Und obwohl er nur einen Tag im Jahr arbeitete schien es ihm finanziell an nichts zu mangeln. Es ging ihm offensichtlich sogar richtig gut. Wahrscheinlich musste er für seine Wichtel noch nicht einmal Sozialabgaben zahlen.

Mit diesen Einblicken in besagtes Badezimmers soll nun aber der kleine voyeuristische Exkurs auch schon beendet sein.

Auf dem Weg in sein Arbeitszimmer hoffte er wie jeden Tag Agnes möge den Rechner schon eingeschaltet und sein Frühstück direkt rechts neben der Tastatur abgestellt haben. Eigentlich gab es daran auch kaum einen Zweifel. Denn obwohl Agnes mittlerweile schon auf 103 Lebensjahre zurückblicken konnte, war diesbezüglich eigentlich immer noch verlaß auf sie. Aber eben doch nur eigentlich.

Zuletzt waren die beiden sich vor etwa 7 Jahren begegnet, als Agnes diesen Unfall in seinem Arbeitszimmer hatte und er sie danach regungslos auf dem Boden liegend vorfand. Dieser Tag hatte sich für ewig in sein Gedächtnis eingebrannt, weil er etwas in seinem Bild von der Unumstößlichkeit der Dinge zerstört hatte. Wobei das weniger auf den tatsächlichen Unfall zurückzuführen war, als vielmehr auf einen sich daraus ergebenden Nebeneffekt. Denn Agnes konnte ihm an diesem Tag - wie auch an den folgenden - kein Essen machen und deshalb musste er zwangsläufig hungern.

Nach 4 Tagen stand das Frühstück wieder am gewohnten Platz und der Computer war eingeschaltet. Er konnte also davon ausgehen, das Agnes wieder wohlauf war. Allerdings war ihm seither ständig bewusst, das Agnes eines Tages wieder ausfallen konnte - und dieser Gedanke gefiel ihm gar nicht.

Heute jedoch war alles in Ordnung wie er feststellte als er die Tür des Arbeitszimmers öffnete und den Raum betrat: Das Frühstück stand direkt rechts neben der Tastatur des eingeschalteten Computers.

14.12.2004 23.17 Uhr